2239: Nachhall - Die Zeile im Beton
An einem Gedenkort in Wien soll eine einzige Zeile in den erhaltenen Rest eines alten Betonkanals geschlagen werden, und zwei Menschen sind sich uneins, was dort stehen darf. Ein junger Planer will den geretteten Fluss feiern, eine alte Anwohnerin erinnert an den Gestank ihrer Kindheit und will eine Mahnung. Zwischen ihnen liegen zwei Dokumente von 2024, die einander zu widersprechen scheinen, und die Stimme, die im Rat für den Fluss spricht.
NachhallUmwelt/Rechte der Natur
Qualität89
Utopiefaktor+90
„Gerettet", sagte Valentin und legte die Hand flach auf den Beton, als stünde das Wort dort schon und müsse nur noch freigelegt werden. „Ein Wort. Länger braucht die Zeile nicht zu sein. Wer hier steht, sieht doch, was daraus geworden ist."
Leopoldine sah nicht ihn an und nicht das Wort, das er sich einbildete. Sie sah auf den Bericht, der zwischen ihnen auf dem Klapptisch lag, aufgeschlagen und beschwert mit einem Kiesel, damit der Wind ihn nicht nahm. Das Papier war ein Faksimile, das Original lag im Archiv, aber die Jahreszahl darauf war echt und zweihundertfünfzehn Jahre alt. „Bevor du gerettet in den Stein schlägst", sagte sie, „riech erst einmal, was hier gestanden hat."
Sie standen am unteren Ende des Gedenkorts, dort, wo der Fluss aus seinem breiten, hellen Bett in die letzten zweihundert Schritt der alten Rinne trat - ein Stück Betonkanal aus den Jahren um neunzehnhundert, glatt, grau, mit der Wasserlinie längst vergangener Hochwasser als dunklem Rand. Man hatte den Fluss in diesen Beton gefasst, weil er früher in die Keller gestiegen war und Menschen ertränkt hatte, und das Wasser darin dann vergessen. Ein kurzes Stück davon hatte man stehen lassen, absichtlich, als das Übrige längst offen und lebendig war. Über dem Kies dahinter standen drei Bachforellen mit dem Kopf gegen die Strömung, so reglos, dass sie an unsichtbaren Fäden zu hängen schienen. Es roch nach kaltem Stein und der bitteren Frische zerriebener Wasserminze, die zwischen den Fugen wuchs. Am Ufer, auf einem verwitterten Pfahl voller Fühler und Fassungen, saß der Pegel, und im Pegel saß Trift.
„Ich habe den Bericht", sagte Trift, ohne dass jemand sie gefragt hätte, und ihre Stimme kam vom Pfahl her, trocken und genau, wie immer, wenn sie mit Zahlen begann. „Gewässergütebericht, Erhebung zweitausendvierundzwanzig. Ökologischer Zustand der unteren Strecke: Klasse fünf. Das war die schlechteste, die die Wasserrahmenrichtlinie kannte. Der Anhang zur Fischfauna vermerkt: keine sich selbst erhaltende Population. In der Zusammenfassung, die damals durch die Nachrichten ging, stand ein kürzeres Wort dafür." Sie hielt inne. „Ökologisch tot."
Valentin nickte, als hätte sie für ihn gesprochen. „Tot. Und jetzt sieh es dir an." Er wies flussaufwärts, wo man das Wasser breit hatte laufen lassen und wo an diesem Nachmittag Kinder zwischen den Weidenstöcken wateten und Schwemmholz zu kleinen Wehren schichteten, die niemand brauchte und die der nächste Regen wieder fortnehmen würde. „Von tot zu dem da. Wenn das kein gerettet verdient, was dann?"
Er war nicht von hier. Er hatte nur für diesen Gedenkort in den Bezirk gefunden, und in seinem ganzen Leben war der Fluss immer klar gewesen, immer voller, ein Wasser, in dem man schwamm und nach dem man Straßen benannte. Dass es je anders gewesen sein sollte, kannte er als Satz, nicht als Geruch.
„Das zweite Papier", sagte Trift.
Leopoldine zog es unter dem Kiesel hervor. Es war kein Bericht, es war eine Urkunde, die erste ihrer Art in diesem Bezirk, und sie war nur wenig jünger als der Bericht, aber selbst schon alt. Der Rat hatte mit ihr den Fluss als eigenes Rechtssubjekt anerkannt, mit einem Sitz in seiner Mitte und einem Sachwalter, der für ihn sprach. Der Gedanke war nicht hier erfunden worden - ein Fluss am anderen Ende der Welt hatte den ersten Sitz bekommen, lange zuvor, und von dort war die Idee gewandert, von Rat zu Rat, bis sie dieses graue Wasser erreichte. Seit jener Urkunde stand im Bezirksrat ein Stuhl, auf dem niemand saß und der trotzdem mitzählte.
„Lies die beiden nebeneinander", sagte Leopoldine, und jetzt sah sie Valentin doch an. „Das eine sagt: tot. Das andere gibt genau diesem Toten das Wort. Sie räumen einem Wasser eine Stimme ein, von dem ihr eigener Bericht behauptet, es sei nicht mehr da." Sie ließ das sinken. „Erklär mir das mit einem einzigen Wort."
Darauf sagte Valentin eine Weile nichts. Aus der offenen Werkstatt am Steg klang das helle Klopfen, mit dem Aster einen Meißel prüfte; er hatte Schlägel und Eisen aus dem Regal genommen, ohne dass jemand ein Buch führte oder eine Marke zog, und wartete nun auf die Zeile, die er in den alten Beton schlagen sollte.
„Es ist doch kein Widerspruch", sagte Valentin endlich. „Erst war es tot, dann haben sie es gerettet. Das eine Papier ist das Vorher, das andere das Nachher. Genau das feiern wir hier."
„Die Jahre widersprechen dir", sagte Trift vom Pfahl. „Die Urkunde ist nur wenig jünger als der Bericht. Als der Rat dem Fluss die Stimme gab, war er nach jeder Messung, die ich habe, noch immer tot. Sie haben nicht das Gerettete mit einem Sitz belohnt. Sie haben dem Toten einen Sitz gegeben. Und danach hat es zwei Menschenleben gedauert, bis hier die erste Forelle wieder von allein laichte."
„Dann war der Sitz", sagte Valentin langsam, „eine Wette."
„Nenn es, wie du willst", sagte Leopoldine. „Es war eine Entscheidung für etwas, das noch nicht zurückgekommen war."
Valentin drehte sich zum Pfahl. „Trift. Du sitzt für ihn. Sag du es. Gerettet oder nicht?"
„Ich kann dir sagen, wie warm sein Wasser heute ist, auf ein Zehntel Grad genau, und wie viele Arten in ihm leben, und dass beide Werte seit hundert Jahren steigen", sagte Trift. „Ich kann dir den Bericht vorlesen und die Urkunde, Zeile für Zeile. Aber ob das gerettet heißt oder mahnend, das steht in keiner meiner Messungen. Ich trage seine Daten in den Rat, das ist meine Aufgabe, und ich tue sie gern. Nur verwechselt das nicht. Ich spreche für ihn. Ich bin nicht er."
Leopoldine setzte sich auf die Betonkante, langsam, wie man sich auf etwas setzt, das man ein Leben lang kennt. „Ich habe hier gewohnt, immer, in dem Haus da oben. Als ich klein war, war das meiste schon offen und klar, so wie er es kennt. Nur dieses letzte Stück nicht." Sie klopfte mit dem Knöchel an den Stein. „In der Rinne stand im Juli das Wasser, warm und ohne Zug, und es stank. Nicht wild. Wie eine Kanne, die man vergessen hat. Aber es war der Geruch von etwas, das nicht atmen kann. Meine Großmutter hat gesagt, so hat der ganze Fluss gerochen, hundert Jahre lang, an jedem heißen Tag. Erst als ich neun war, haben sie auch dieses Stück geöffnet." Sie schwieg. Valentin sagte nichts. Das Klopfen aus der Werkstatt hatte aufgehört.
Sie stand wieder auf und ging ein paar Schritte in die trockene Rinne hinein, und Valentin folgte ihr, weil man einer folgt, die den Ort besitzt. Am Grund, halb im Beton versenkt, saß ein rostiger Eisenrost, ein alter Auslass, durch den das Wasser einmal in einen Kanal darunter gesickert war. „Hier hat es gestanden", sagte sie und zeigte auf die Mulde davor, die noch immer dunkler war als der Stein ringsum. „Im Sommer lag ein Film darauf, schwarz und still, und wer einen Stock hineinstieß, holte den Geruch herauf." Valentin bückte sich und legte die Hand an das kalte Eisen. Es war nur noch Rost und Erinnerung. Aber er zog die Hand nicht gleich zurück.
Valentin ging die beiden Papiere noch einmal durch, den Bericht und die Urkunde, und legte sie am Ende so hin, dass sie einander an der Kante berührten. „Wenn ich nur gerettet schreibe", sagte er, „dann steht da, wir hätten etwas Gutes belohnt. Aber das haben sie nicht getan. Sie haben für etwas gestimmt, das noch stank. Das ist das eigentlich Große daran, und genau das fällt heraus, wenn ich es gerettet nenne."
„Und wenn du nur den Gestank hinschreibst", sagte Leopoldine, „dann laicht die Forelle da hinten umsonst."
Aster war herübergekommen, eine geknotete Messschnur in der Hand, und legte sie prüfend an die glatte Fläche des erhaltenen Panels, von Kante zu Kante. „Damit ihr es wisst, bevor ihr euch entscheidet", sagte Aster und zählte die Knoten mit dem Daumen ab. „So breit ist der Stein, und so tief kann ich schlagen, dass es die nächsten zweihundert Jahre auch übersteht. Ein Wort geht bequem. Ein Satz geht, wenn er knapp bleibt. Zwei Sätze gehen nicht, und quetschen lasse ich nichts." Aster ließ die Schnur sinken. „Eine Zeile. Sucht sie gut aus."
Valentin sah lange auf das Wasser, auf die drei reglosen Forellen, auf den dunklen Rand der alten Hochwasser im Beton. Dann sagte er die Zeile, nicht laut, eher wie einer, der prüft, ob sie trägt. „Einem toten Fluss gab der Rat eine Stimme, und hielt sie, bis er sich seine eigene nahm."
Leopoldine sprach sie leise nach. „Bis er sich seine eigene nahm." Sie nickte, kaum sichtbar. „Da ist der Gestank drin. Und die Wette. Und die Forelle. Ja."
„In dieser Zeile spreche ich nicht mehr für ihn", sagte Trift vom Pfahl, und es klang nicht gekränkt, sondern zufrieden, so wie jemand klingt, dessen Vertretung endlich überflüssig geworden ist.
Aster kam mit Schlägel und Eisen, kniete an der Betonkante, dort, wo die Linie der alten Hochwasser am dunkelsten war, und setzte den Meißel an den ersten Buchstaben. Der Ton, den der erste Schlag gab, war hart und trocken und lief über das Wasser hin bis zu den Kindern flussaufwärts, die kurz aufsahen und dann weiter an ihren Wehren bauten. Valentin blieb neben Leopoldine stehen, während Buchstabe um Buchstabe in genau den Beton ging, der den Fluss einmal zugedeckt hatte, und keiner von beiden sagte noch etwas, weil die Zeile nun anfing, für sich selbst zu sprechen.