2234: Nachhall - Die rote Spalte
In einer alten Duisburger Logistikhalle, die laengst eine offene Werkstatt geworden ist, ziehen drei Jugendliche einen vergilbten Papierstapel aus einer eingemauerten Kiste. Es ist eine Personal-Risiko-Matrix von 2028, die Beschaeftigte nach Krankheitstagen und Naehe zum Betriebsrat farblich sortiert, und die Jugendlichen entschluesseln ihre Legende Zeile fuer Zeile selbst. Was als Raetsel beginnt, fuehrt sie an eine Frage, die keiner von ihnen mehr loslaesst.
NachhallArbeit
Qualität87
Utopiefaktor+90
Momme bekam den Deckel zuerst auf, und die Kiste roch nach nichts, was noch lebte, nach altem Papier und der Kälte, die zweihundert Jahre in einer Betonwand hocken. Sie hatten sie hinten in der Halle gefunden, dort, wo der Estrich noch die hellen Umrisse einer Regalreihe trug, die längst niemand mehr brauchte. Reemt hielt die Ecke, Sönke leuchtete mit dem Handrücken über die Kante, und dann zogen sie zu dritt heraus, was obenauf lag: einen Stapel steifer Ausdrucke, an den Rändern braun, mit Löchern gelocht, in einem Bügel geklemmt, wie man ihn 2028 benutzt hatte.
Draußen, vor den offenen Rolltoren, lud jemand Stühle auf ein Lastenrad, die er über die Woche geleimt und geschliffen hatte, um sie in die Küche am Kanal zu bringen; man hörte das Klacken, mit dem er sie ineinanderstellte, und niemand rief ihm eine Nummer oder einen Preis hinterher. Hier drinnen, wo früher die Förderbänder gelaufen waren, wuchsen jetzt Tomaten und Thymian in den stillgelegten Trögen, die Rollen noch darunter, und das Licht fiel in schrägen, staubigen Balken durch die Oberlichter auf das Papier in Mommes Händen.
„Personal-Risiko-Matrix", las Momme. „Standort Duisburg-Süd. Drittes Quartal 2028." Er drehte das Blatt, damit die anderen es sahen. „Das ist von hier. Von genau hier."
Zweihundertsechs Jahre, rechnete Reemt im Kopf, während Sönke schon das nächste Blatt zog. Eine Tabelle, eng, viele Zeilen. Namen in der zweiten Spalte, davor eine Nummer, dann Zahlen, dann eine Spalte, die nur aus Farbe bestand: kleine ausgefüllte Kästchen, grün, gelb, rot, grün, rot, rot.
„Warum druckt man Farbe", murmelte Sönke. „Das ist Verschwendung." In der Werkstatt hinter ihnen stimmte jemand ein Instrument, das er selbst gebaut hatte, immer wieder denselben zu tiefen Ton, und Ortrud, die mitgekommen war, lehnte an einem der Tröge, hatte die Arme verschränkt und sagte nichts. Sie hatte die Kiste tragen helfen und war dann einen Schritt zurückgetreten, als hätte sie hier nichts weiter zu suchen.
„Da steht eine Legende." Reemt tippte auf die Fußzeile des ersten Blatts. Sie lasen sie halblaut, abwechselnd, weil die Schrift klein war. „Grün: halten. Gelb: beobachten." Reemt stockte. „Rot: prioritäre Trennung."
„Trennung wovon", fragte Momme.
„Von der Arbeit." Sönke sagte es langsam. „Trennung heißt, sie sollten weg. Gefeuert." Er sah auf die vielen roten Kästchen. „Das sind ganz schön viele, die weg sollten."
„Da unten steht auch eine Zahl." Reemt beugte sich vor. „Zielquote rot: zwölf Prozent bis Jahresende. Sie hatten sich ein Ziel gesetzt. Zwölf von hundert sollten raus, egal wer."
Eine Weile sagte niemand etwas. Draußen fuhr das Lastenrad an, das Klacken der Stühle wurde leiser, und aus der Gemeinschaftsküche jenseits des Hofs zog der Geruch von angebratenen Zwiebeln herein, für alle, die später Hunger hätten.
„Aber wonach", sagte Momme schließlich. „Wonach haben sie sortiert? Die Spalten." Er fuhr mit dem Finger die Kopfzeile ab. „AU-Tage. Was ist AU."
Sie kamen nicht sofort darauf. Sönke tippte auf eine Zeile, wo hinter einem Namen die Zahl vierundzwanzig stand und daneben ein rotes Kästchen, und auf eine andere mit einer Drei und Grün. „Kleine Zahl grün. Große Zahl rot", sagte er. „AU-Tage, viele davon, macht rot. Tage, an denen einer nicht kam."
„Krank", sagte Reemt. Sie sah es, kaum hatte sie es gesagt, und es war ihr unangenehm, wie einfach es war. „Arbeitsunfähig. AU. Das sind Krankheitstage. Wer oft krank war, wurde rot."
„Das ergibt keinen Sinn." Momme schüttelte den Kopf. „Man wird doch krank. Das sucht sich keiner aus. Man kann doch nicht jemanden wegtun, weil sein Körper nicht wollte." Er sagte es fast wütend, und die Wut passte nicht zu seiner Stimme, die sonst leicht war. „Das ist die zweite Spalte. Was ist die dritte?"
Die dritte Spalte hatte eine Überschrift, die sie zuerst für einen Tippfehler hielten. Gremiennähe, stand da, und dahinter Zahlen zwischen null und eins, mit Komma. Kaminski, null Komma acht. Terveer, null Komma neun. Oymann, null Komma zwei.
„Nähe zu einem Gremium", sagte Sönke. „Welches Gremium." Er suchte auf den anderen Blättern, fand ein Deckblatt mit einem kleinen Absatz in noch kleinerer Schrift und las ihn stumm, dann laut: „Indikator Gremiennähe erfasst Kontakthäufigkeit zu Mandatsträgern und Initiatoren der Betriebsratsgründung." Er sah auf. „Betriebsrat. Es ging um den Betriebsrat."
Reemt kannte das Wort aus dem Unterricht, so wie man ein Wort kennt, ohne es je gebraucht zu haben. Ein Betriebsrat war etwas gewesen, das die Beschäftigten wählten, aus ihrer eigenen Mitte, damit jemand mit dem Betrieb reden konnte, der nicht dem Betrieb gehörte. Ein Werkzeug gegen die Übermacht dessen, der die Löhne zahlte.
„Dann verstehe ich es nicht", sagte Momme, und jetzt kam die Frage, an der sie eine Weile hängen würden. „Wenn ein Betriebsrat sie geschützt hätte, warum haben sie ihn dann nicht einfach gewählt? Es waren doch viele. Sie mussten sich doch nur zusammentun und wählen, und dann hatten sie ihn, und dann durfte man sie nicht mehr wegtun." Er breitete die Hände über die Blätter. „So schwer kann das nicht gewesen sein. Ein Kreuz machen."
Niemand antwortete gleich. Sönke sah wieder auf die dritte Spalte, auf die Zahlen zwischen null und eins, und etwas in seinem Gesicht kippte, langsam, wie das Licht wanderte.
„Momme", sagte er. „Sieh dir die Farben an. Nimm die, die nah am Betriebsrat waren. Hohe Zahl, null Komma acht, null Komma neun."
Sie sahen es zusammen. Wer in der dritten Spalte hoch stand, hatte fast immer ein rotes Kästchen. Nähe zum Betriebsrat machte rot, so sicher wie Krankheit rot machte, und oft beides zusammen.
„Sie haben nicht gewartet, bis der Betriebsrat da war", sagte Sönke leise. „Sie haben die rausgesucht, die ihn machen wollten. Vorher. Die haben sie zuerst rot gemacht und weggetan. Damit es gar nicht erst zur Wahl kam." Er tippte auf Terveer, null Komma neun, rot. „Das Kreuz zu machen war das Gefährliche. Nicht das Fehlende."
Momme wurde still. Es war die Art Stille, die eine Klasse nicht plant, und Ortrud, an ihrem Trog, rührte sich nicht und zog die Frage nicht an sich, obwohl sie die Antwort gekannt haben musste.
Reemt las weiter, weil das Lesen sich anfühlte wie etwas tun, während die anderen dachten. Es gab noch eine vierte Spalte, ganz rechts, überschrieben mit kalkulierte Trennungskosten, und dahinter Beträge. Neun Komma zwei tausend Euro. Elf Komma vier tausend. Sie hatten ausgerechnet, was es kostete, einen Menschen loszuwerden, Aufhebungsvertrag, Abfindung, Anwalt, und es in eine Spalte geschrieben, damit man wusste, welche Trennung billig war und welche teuer. Reemts Finger lief die Beträge hinab, und dann blieb er stehen, nicht bei einem Betrag, sondern bei einem Namen zwei Zeilen darüber, in der roten Spalte, Gremiennähe null Komma acht, AU-Tage einundzwanzig, prioritäre Trennung, Trennungskosten neun Komma zwei tausend Euro.
Kaminski.
Reemt sagte es nicht laut. Sie sah es nur an, und Sönke, der ihr Gesicht sah, fragte, was sei, und dann sagte sie es doch, und ihre Stimme war nicht mehr die, mit der sie die Legende vorgelesen hatte.
„Das ist mein Name." Sie legte die flache Hand neben die Zeile, nicht darauf, als dürfe man das Blatt nicht berühren. „Kaminski. Das sind wir. Das war meine Familie, hier, an diesem Standort." Etwas stieg in ihr hoch, heiß, und es war Zorn, sauber und ohne Ziel, weil das, worauf er zielte, seit zweihundert Jahren tot war. „Sie haben meine Vorfahrin in eine Spalte geschrieben und einen Preis danebengesetzt. Neuntausendzweihundert Euro. So viel war sie ihnen wert, weg zu sein."
Momme wollte etwas sagen, das tröstete, und fand nichts, und das war richtiger als jedes Wort. Ortrud trat einen halben Schritt näher, blieb dann doch stehen. Sie fragte nur, sehr leise: „Weißt du etwas von ihr?"
Reemt wusste etwas. Es kam ihr jetzt, wo der Name auf dem Papier stand, in Stücken, so wie es am Küchentisch weitergegeben worden war, von den Alten, die es von ihren Alten hatten, ein Familienstück ohne Rahmen.
„Sie war eine von denen, die den Betriebsrat machen wollten", sagte Reemt. „Deshalb die hohe Zahl in der dritten Spalte. Sie ist rumgegangen, hat geredet, hat Leute gesammelt. Und sie war oft krank, die einundzwanzig Tage, weil die Schichten sie kaputt gemacht haben, sie stand nachts an einem Band wie dem hier, nur dass da noch Pakete drauf lagen statt Thymian." Reemt sah kurz zu dem Trog neben Ortrud, dann wieder auf das Blatt. „Sie haben sie zuerst schikaniert. Ihr die schlechtesten Schichten gegeben, sie einzeln eingeteilt, weg von den anderen, damit sie nicht reden konnte. Das stand in dieser Matrix, das war der Plan dahinter. Und dann haben sie sie doch nicht weggekriegt." Reemts Stimme wurde fester. „Weil so viele wie sie zusammen laut wurden, überall, nicht nur hier, dass am Ende ein Gesetz kam. Dass keine Maschine mehr einen Menschen so bewerten darf. Und dass man niemanden mehr feuern kann, weil er einen Betriebsrat gründen will. Meine Vorfahrin ist geblieben. Der Standort hat einen Betriebsrat gekriegt. Sie war drin."
Sie sagte es ohne Feierlichkeit, wie man das Ende einer Familiensache sagt, die man hundertmal gehört hat, und gerade weil sie es so sagte, stand es im Raum.
Sönke sah auf das Blatt, auf die vielen roten Kästchen, auf Terveer und Oymann und die Namen, von denen niemand mehr eine Küchentischgeschichte hatte. „Dann war Mommes Frage falsch herum", sagte er langsam, und er sagte es nicht zu Momme, sondern zu dem Papier. „Wir haben gefragt, warum sie den Betriebsrat nicht einfach gewählt haben, als wäre die Wahl das Sichere gewesen und sie hätten es nur versäumt. Aber die Wahl war das, wofür man rot wurde. Wer sie wollte, wurde vorher aussortiert." Er legte das Blatt zurück in den Bügel. „Sie haben ihn nicht einfach gewählt, weil einfach eine Lüge ist. Sie haben ihn erkämpft, und einige haben ihn mit ihrer Arbeit bezahlt, damit er kommen konnte. Und das Sichere, das sind nicht wir, weil wir klüger wären. Das Sichere ist, dass niemand mehr eine Matrix wie die hier drucken darf. Das haben sie uns hinterlassen, nicht die Halle."
Momme nickte, langsam. „In der Schule nennen sie das die asoziale Zeit", sagte er. „Aber das ist ein blödes Wort. Die Leute auf dem Blatt waren nicht asozial. Die haben gearbeitet, bis sie krank waren, und sich für die anderen hingestellt." Er sah auf die Farbspalte. „Asozial war das Ding, das Farben druckt."
Ortrud sagte auch dazu nichts. Sie ließ es stehen, und dass sie es stehen ließ, war das Meiste, was sie den ganzen Nachmittag getan hatte.
Sie packten die Blätter nicht gleich weg. Reemt hielt das eine mit dem Namen noch eine Weile, und der Zorn war nicht fort, aber er hatte sich gesetzt, war schwerer geworden und ruhiger, mehr wie etwas, das man trägt, als wie etwas, das brennt. Draußen kam das Lastenrad zurück, leer, und der, der es geschoben hatte, rief herein, ob noch jemand mit an die Küche wolle, es gäbe gleich Suppe, und in der Werkstatt hörte der zu tiefe Ton auf, weil der, der ihn gestimmt hatte, endlich die Saite hatte, die er suchte.
„Ich nehme es mit", sagte Reemt. „Nicht um es wegzulegen. Ich will es meiner Familie zeigen. Dass wir wissen, wo der Name herkommt." Sie sah Momme an. „Und dass keiner von uns je mehr rechnen muss, was ein Mensch kostet, wenn er weg ist."
Sie gingen über den Hof, an den Trögen vorbei, wo früher die Bänder gelaufen waren, hinaus in das Licht, das durch keine Oberlichter mehr gefiltert war, und keiner von ihnen hatte an diesem Nachmittag zugeteilt bekommen, hier zu sein. Sie waren gekommen, weil eine Kiste in einer Wand gesteckt hatte und weil jemand hatte wissen wollen, was drin war. Das war der ganze Zwang gewesen, und er hatte gereicht.