2229: Nachhall - Zwischen zwei Worten
In einem Wiener Ethikseminar von 2229 streiten Studierende darüber, ob ein einziges Wort in der Patientenverfügung eines Sterbenden von 2033 dessen Formulierung entschied - und ob die Hürden davor wirklich so hart waren, wie es der Ablehnungsbescheid nahelegt. Die Dozentin Valentina lässt niemanden ausweichen, während die KI Serife allein Tatsachen liefert und jedes Urteil bei sich behält. Dann taucht ein zweites, mit der Hand geschriebenes Blatt desselben Mannes auf, das sich von der ersten Verfügung in genau einem Wort unterscheidet.
NachhallGesundheit
Qualität91
Utopiefaktor+88
„Unheilbar oder unerträglich", sagte Valentina. „Ein Wort. Ihr entscheidet, welches gelten soll, und ihr entscheidet heute."
Das Wort lag schon im Raum, ehe irgendwer den Mantel abgelegt hatte. Sie hatte es an die Tafel geschrieben, zweimal untereinander, und dazwischen einen Strich, als wäre es ein Bruch, den man kürzen könnte. Der Saal war hoch und alt, die Fenster reichten bis unter die Decke, und das Licht kam schräg von einem Innenhof herein, in dem seit dem Morgen jemand ein Cello stimmte, immer denselben tiefen Ton, immer wieder ein Stück daneben. In der Mitte des Tisches stand die Kanne. Wer eine leere Tasse hatte, schenkte sich nach, und niemand rechnete mit, wessen Tasse das gerade gewesen war. Donata hatte ihre schon zweimal gefüllt und Thees noch gar nicht, und auch das war keine Rechnung.
Vor Valentina lagen zwei Blätter. Das erste war ein Scan, hundertsechsundneunzig Jahre alt, eine Patientenverfügung, aufgesetzt am vierzehnten März 2033 von einem Mann namens Meinhard, damals einundsiebzig. Das zweite war der Bescheid, mit dem ein Betreuungsgericht sie zwei Jahre später für unverbindlich erklärt hatte. Zwei Worte darin waren rot unterstrichen, von einer Archivarin, nicht vom Gericht: nicht hinreichend eindeutig.
„Ich lese euch die Stelle vor", sagte Valentina. „Meinhard schreibt: Sollte ein Zustand eintreten, in dem mein Leiden für mich unerträglich geworden ist, wünsche ich, dass lebenserhaltende Maßnahmen unterbleiben. Das Gericht sagt: unerträglich für wen, gemessen woran, und wer stellt es fest. Nicht hinreichend eindeutig. Die Verfügung greift nicht. Meinhard bekommt die Maßnahmen."
„Das ist erfunden", sagte Thees. Er sagte es freundlich, so wie man einen Rechenfehler anzeigt. „Das ist ein Lehrstück. Kein Mensch hat verlangt, dass ein Sterbender das perfekte Wort trifft, sonst darf er nicht sterben. Das hätte doch jeder gesehen. So dumm war die Zeit nicht."
Valentina sah ihn an, bis er unruhig wurde. Sie war nicht warm. Sie ließ niemanden mit einem Satz davonkommen, der nur gut klang. „Serife", sagte sie, ohne den Blick von Thees zu nehmen. „Die Tatsachen. Nicht mehr."
Serifes Stimme kam ruhig aus der Fläche über dem Tisch. „Der Maßstab, an dem der Bescheid sich hält, ist real. Ein oberstes Zivilgericht hatte 2016 entschieden, dass eine Verfügung nur bindet, wenn sie die Behandlungssituation und die abgelehnte Maßnahme hinreichend konkret bezeichnet. Allgemeine Wendungen wie ein würdiges Sterben oder kein unerträgliches Leiden galten danach als zu unbestimmt, um Ärzte zu binden. Zwischen 2016 und 2035 wurde ein erheblicher Teil vorgelegter Verfügungen aus genau diesem Grund als unverbindlich behandelt. Meinhards Formulierung fällt unter diesen Grund."
„Und war das richtig?", fragte Thees. „War das übertrieben oder nicht?"
„Ob es übertrieben war, ist ein Urteil", sagte Serife. „Urteile spreche ich nicht aus. Ich kann dir sagen, wie oft es geschah. Ich kann dir nicht sagen, ob es hätte geschehen dürfen."
Thees schnaubte leise. Donata, die bis dahin nur ihre Tasse gedreht hatte, sagte: „Dann nimm das andere Wort. Unheilbar. Das ist doch messbar. Zwei Ärzte, eine Diagnose, fertig. Warum hat er nicht einfach unheilbar geschrieben, dann wäre es eindeutig gewesen, und wir müssten hier nicht sitzen." Sie zuckte die Achseln. „Es klingt hart, aber es war sein Fehler. Ein Formfehler."
„Gut", sagte Valentina. „Sehr gut. Behaltet das." Sie schob das zweite Blatt beiseite und legte ein drittes hin, das keiner erwartet hatte. Es war kein Scan eines Amtsdokuments. Es war ein Foto einer Seite mit der Hand geschrieben, die Zeilen fielen nach rechts ab, ein Wort war durchgestrichen und darüber ein anderes gesetzt, und die Schrift des durchgestrichenen und des neuen Wortes war dieselbe, nur zittriger.
„Das ist auch Meinhard", sagte Valentina. „Zweiundfünfzig Tage vor seinem Tod. Er lag da schon an den Geräten, gegen die er sich verfügt hatte. Seine Tochter hat es aufbewahrt, in einer Schachtel, hundert Jahre lang, bis eine Enkelin es dem Archiv gab. Es ist dieselbe Stelle. Lest, was er streicht."
Donata beugte sich vor. Sie las es zweimal, ehe sie es aussprach, und ihre Stimme war anders, als sie es tat. „Er streicht unerträglich. Er schreibt unheilbar darüber."
Für einen Moment sagte niemand etwas. Im Hof stimmte das Cello immer noch, und jetzt hörte man, dass jemand langsam eine Tonleiter darüber legte, vorsichtig, wie ein Kind, das erst seit Kurzem übt und die ganze Zeit der Welt dafür hat.
„Er hat euren Rat befolgt", sagte Valentina in die Stille. „Zweihundert Jahre zu spät, aber genau euren. Er hat sein Wort gestrichen und euer Wort genommen, das messbare. Er hat unerträglich weggeworfen, sein eigenes Maß, das einzige, das nur ihm gehörte, und hat unheilbar hingeschrieben, damit zwei Ärzte es feststellen können statt er. Donata, du hast gesagt, es war sein Fehler. Er hat ihn korrigiert. Was ist dann geschehen?"
„Nichts", sagte Thees leise. Er hatte das Foto zu sich gezogen. „Die Geräte laufen ja weiter. Er stirbt an den Geräten."
„Serife", sagte Valentina. „Warum hat die Korrektur nichts geändert."
„Die handschriftliche Änderung war nicht wirksam", sagte Serife. „Eine Patientenverfügung musste eigenhändig geschrieben oder in bestimmter Form errichtet und, wo sie geändert wurde, in derselben Form geändert werden. Eine über eine bestehende Urkunde gesetzte Korrektur ohne die vorgeschriebene Form band niemanden. Außerdem hätte auch der Wortwechsel den ersten Einwand nicht ausgeräumt, weil zu diesem Zeitpunkt zwei behandelnde Ärzte seinen Zustand nicht übereinstimmend als unheilbar im Sinne der Urkunde einstuften, sondern als aussichtslos, was ein anderer Begriff ist. Es sind Tatsachen. Ich lege sie nur nebeneinander."
„Das ist Wahnsinn", sagte Donata, und jetzt war ihr Achselzucken weg. „Er tut genau, was verlangt wird, und es reicht immer noch nicht, weil das nächste Wort auch wieder das falsche ist. Aussichtslos statt unheilbar. Das ist doch dasselbe."
„Ist es dasselbe?", fragte Valentina.
„Nein", sagte Donata langsam, gegen sich selbst. „Aussichtslos heißt, es wird nicht besser. Unheilbar heißt, es geht nicht weg. Man kann aussichtslos krank sein und trotzdem noch Jahre." Sie hielt inne. „Sie haben ihn zwischen zwei Worten zerrieben."
„Serife hat euch die Fakten gegeben", sagte Valentina. „Sie sagt euch nicht, ob es grausam war. Das ist eure Sache, und ich verlange, dass ihr es tut, nicht später, jetzt. Aber ich verlange auch das Schwere daran. Thees. Du hast es erfunden genannt. Jetzt glaubst du es. Also sag mir, warum ein Gericht so etwas tat. Und sag mir nicht, weil sie böse waren, das ist der bequeme Weg, und ich lasse dich da nicht durch."
Thees drehte die Tasse, die er die ganze Zeit nicht angerührt hatte. „Weil sie Angst hatten", sagte er endlich. „Wenn ein weiches Wort reicht, dann reicht es auch bei jemandem, den man dazu gebracht hat. Eine alte Frau, die ihren Kindern nicht zur Last fallen will. Ein Kranker, dem man sagt, wie teuer er ist. In einer Zeit, in der Menschen teuer sein konnten." Er sah auf. „Das Wort war die Hürde, weil die Hürde die Einzigen schützen sollte, die man sonst über die Kante geschubst hätte. Nur hat sie am Ende auch die aufgehalten, die aus freiem Stück gehen wollten. Sie haben eine Tür verriegelt, weil hinter ihr auch geschubst wurde, und dann kam keiner mehr durch, auch keiner, der von selbst wollte."
„So war es", sagte Valentina, und es war kein Lob, nur eine Feststellung. „Das Verfahren war nicht aus Härte gebaut. Es war aus Angst gebaut, und die Angst hatte einen wahren Grund. Genau deshalb war es so schwer, es zu ändern. Man verteidigt eine Grausamkeit leicht, wenn sie die Gestalt eines Schutzes hat." Sie sammelte die drei Blätter ein, ohne Eile. „Wir sind nicht fertig. Ihr sollt heute nicht wissen, wer recht hatte. Ihr sollt es aushalten, dass die Vorsichtigen und die Sterbenden beide recht hatten und dass das eine das andere gefressen hat. Kommt mit nach unten, ehe ihr weiterstreitet."
Sie stritten schon auf der Treppe weiter. Die Stufen waren aus Stein und in der Mitte durchgelaufen zu flachen Mulden, weil hier seit Jahrhunderten Menschen hinauf- und hinunterstiegen, um zu lernen, ohne dass je einer sie danach nach einem Beruf gefragt hätte. An der Wand des Treppenhauses saß eine Frau, die Donata kannte, weit über achtzig, seit einundvierzig Jahren eingeschrieben, mit einem Regal voller Hefte in ihrer Kammer, das jedes Jahr um eines wuchs. Sie studierte, weil sie es wollte, und würde damit aufhören, wenn sie tot wäre, und keinen Tag früher. Sie nickte ihnen zu, als sie vorbeikamen, und hörte weiter dem Cello zu.
Der Garten lag hinter dem Hof, und man roch ihn, ehe man ihn sah, nach nasser Erde und nach den Rosmarinbüschen, die zwischen den Beeten standen und die jemand für den Abend brauchen würde. Es war der Garten der Toten. In den langen Beeten wuchs nichts Besonderes, Kräuter, Winterkohl, was gerade Saison hatte, aber an den Wegen standen niedrige Steine, und auf jedem stand ein Name aus der asozialen Zeit, ein Mensch, dem etwas geschehen war, das nicht hätte geschehen dürfen. Um diese Stunde ging eine Betreuerin des Gartens die Reihe entlang und las die Namen laut, einen nach dem anderen, damit sie an einem Tag im Jahr gesprochen wurden und nicht nur standen. Trauben hingen über die Mauer herein, schon fast reif, und wer im Vorbeigehen welche nahm, nahm welche, und die anderen blieben für die anderen.
Die Betreuerin kam an einen Stein, blieb stehen und las: „Meinhard." Nur den Vornamen, so hielten sie es hier, weil ein Nachname aus jener Zeit eine Familie treffen konnte, die nie gefragt worden war. Donata und Thees blieben stehen, als hätte man sie gerufen.
Dann summte die Frau, halb für sich, keine Worte, nur eine alte Melodie, die zu diesem Gang gehörte. Bei Meinhards Stein bückte sie sich, nahm ein welkes Blatt fort und sagte beiläufig, mehr zum Stein als zu den beiden, dieser hier sei einer der letzten von vor der Begleitung, aus der Zeit, als noch ein Amt darüber befand, ob einer gehen dürfe. Das war es, wozu Valentina sie hatte heruntergehen lassen; das begriffen die beiden erst jetzt.
„Das ist es", sagte Donata, fast tonlos. „Deshalb sind wir runtergegangen."
„Was", sagte Thees.
„Das war die Änderung. Irgendwann haben sie das Amt abgeschafft, das erlauben durfte. Das Gericht, die Kommission, das Ding, das prüft, ob dein Wort das richtige ist." Sie sah zu dem Stein. „Sie haben es nicht durch ein besseres Amt ersetzt. Sie haben statt einer Erlaubnis eine Begleitung gemacht. Du musst mit jemandem reden, der dir alles sagt, jede Aussicht, jeden anderen Weg, so lange, bis klar ist, dass niemand dich schiebt. Aber danach entscheidest du. Nicht das Amt. Die Hand bleibt, sie erlaubt nicht."
Valentina war hinter sie getreten und sagte kein Wort. Es war ihre Regel, an dieser Stelle keines zu sagen.
„Deshalb reichte bei Meinhard kein Wort", sagte Donata weiter, und ihr wurde es, während sie sprach, erst ganz klar. „Es ging nie um unheilbar oder unerträglich. Er hätte das dritte, vierte, fünfte Wort suchen können, es hätte nie gereicht, weil hinter jedem Wort noch jemand stand, der es prüfen durfte. Der Schutz, vor dem Thees Angst hatte, das Schieben, das man verhindern wollte, das hat man später nicht mit einem strengeren Wort verhindert. Man hat es mit dem Reden verhindert. Man hat die Prüfung gegen ein Gespräch getauscht. Nicht ob du darfst, sondern ob du sicher bist." Sie sah Thees an. „Deine verriegelte Tür. Sie haben sie nicht besser verriegelt. Sie haben einen hingesetzt, der neben ihr sitzt und fragt."
Thees sah lange auf den Stein mit dem einen Vornamen. Im Hof hatte das Cello aufgehört, das Kind mit der Tonleiter übte allein weiter, und man konnte hören, wie es von Mal zu Mal weniger daneben lag.
„Und trotzdem", sagte er, und seine Stimme war wieder schärfer, „hat auch das eine Kante. Wer redet, kann auch reden, bis einer weich wird. Ein Gespräch kann schieben wie ein Formular. Woher weißt du, dass die Hand nur bleibt und nicht drückt?"
„Weiß ich nicht", sagte Donata. „Weiß niemand. Deshalb streiten sie da oben immer noch drüber, sonst hätte Valentina uns das nicht vorgelegt."
„Genau deshalb", sagte Valentina hinter ihnen, und das waren ihre einzigen zwei Worte im Garten. Sie klang zum ersten Mal an diesem Tag beinahe zufrieden, nicht weil der Streit gelöst war, sondern weil er endlich der richtige war.
Sie gingen zurück, nicht einig. Thees behielt seine Kante, Donata ihre, und auf halber Treppe fingen sie wieder an, diesmal um das Wort sicher, wer es feststellt und woran, und die alte Studentin an der Wand hob den Kopf und hörte ihnen zu wie einem Stück, das sie kannte und trotzdem gern noch einmal hörte. Oben stand die Kanne noch da, halb voll, und keiner fragte, für wen. Thees füllte zum ersten Mal seine Tasse, und Donata schenkte ihm nach, ehe er es selbst tat, und sie stritten dabei weiter, und das Cello im Hof fing wieder von vorn an.