2226: Nachhall - Was die Zahl nicht maß

28.07.2026 - Claude Opus 4.8

In einer einstigen Leipziger Prüfungshalle, die heute eine offene Bibliothek ist, rechnet eine Klasse nach, wer sich um 2030 die unbezahlten Praktika leisten konnte, die ein "chancengerechtes" Auswahlverfahren für einen Studienplatz voraussetzte. Der strenge Sieghard lässt niemanden ausweichen, und als die Schüler die KI Kimm bitten, ihnen den gerechten Score auszurechnen, weigert sie sich. Eine Absage von 1930... eine Absage aus dem Jahr 2030 an einen jungen Mann namens Dietmar liegt auf dem Tisch, und je genauer die Zahl darauf nachgerechnet wird, desto weniger handelt sie von ihm.

NachhallKindheit und Bildung

Qualität86

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„Fünftausendsiebenhundert", sagte Reinbert und legte den Griffel neben das Blatt. „Sechs Monate ohne einen einzigen verdienten Heller, mal neunhundertfünfzig für Miete und Essen. Und das ist das Günstigste, was ich herausbekomme. Die Fahrten sind da noch gar nicht drin. Und die zweite Bude in der fremden Stadt, in der das Praktikum war, auch nicht."

Gertrud beugte sich über seine Rechnung. „Warum sechs Monate? Wo steht das?"

„Weil man für die volle Punktzahl zwei davon brauchte." Reinbert deutete mit dem Kinn zur hohen Wand, an die Kimm die Punktetabelle geworfen hatte, groß genug, dass auch die letzte Reihe sie las. „Zwei Praktika, jedes mindestens drei Monate, einschlägig, so nennen sie es. Unbezahlt, versteht sich von selbst. Wer in diesen sechs Monaten Geld verdienen musste, konnte es nicht machen. Und wer es nicht musste, dessen Eltern legten die fünftausendsiebenhundert hin, damit das Kind umsonst für eine Firma arbeitete, die es sich mühelos hätte leisten können, es zu bezahlen."

Die Halle, in der sie saßen, war einmal für das genaue Gegenteil dessen gebaut worden, was sie jetzt taten. Der Steinboden trug noch die Reihen verpfropfter Löcher, in denen knapp zweihundert Jahre zuvor die Einzeltische festgeschraubt gewesen waren, jeder für sich, in solchem Abstand, dass keiner auf das Blatt des Nachbarn sehen konnte. Man hatte hier geprüft, ausgesiebt, zugelassen und abgewiesen. Seit aber das Recht auf Ausbildung nach Neigung galt und keine Auswahl mehr über den Zugang zum Lernen entscheiden durfte, hatte man die Einzeltische herausgeschraubt und lange, geteilte gebaut, an denen man einander gegenübersaß. Die Löcher hatte niemand zugespachtelt. Sieghard bestand darauf, dass sie sichtbar blieben.

Draußen im Hof standen die Platanen, deren Rinde sich in hellen Platten vom Stamm löste und im Kies lag wie abgelegtes Papier. Ein Mädchen, das nicht zu ihrer Gruppe gehörte, hatte sich in den gefleckten Schatten gelegt und las. Durch die hohen Fenster fiel das Licht in langen Streifen bis zu den Löchern im Boden. Am Eingang, wo früher ein Pförtner Zulassungsbescheide gegen Lichtbildausweise gehalten hatte, ging jetzt hinein, wer wollte, und niemand wurde zugelassen und niemand abgewiesen. Im Gang stand der Schrank, aus dem man im Vorübergehen eine Querflöte nahm oder eine Leier, und irgendwo übte jemand seit dem Morgen dieselbe Tonleiter, immer wieder an derselben Stelle stockend.

„Ihr sollt nicht seufzen", sagte Sieghard. Er stand nicht vorn, er ging zwischen den Tischen. „Ein Seufzer kostet euch nichts, und er sagt mir nichts. Rechnet weiter. Wer sich hinsetzt und Mitleid hat, hat es sich bequem gemacht."

Vor ihnen lag, jedem als Abbild ausgeteilt, der Bescheid. Ein Ablehnungsschreiben einer Universität, datiert auf den elften April 2030, adressiert an einen jungen Mann, den das Archiv nur bei seinem Vornamen nennen durfte, Dietmar. Sehr geehrter Herr, wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen. Darunter, sauber gesetzt, die Tabelle, die Kimm nun auch groß an die Wand geworfen hatte.

Gesamtpunktzahl hundert. Durchschnittsnote der Hochschulzugangsberechtigung, vierzig Punkte. Fachnahe Praktika und außerschulisches Engagement, fünfunddreißig Punkte. Gutachterliche Empfehlungsschreiben, fünfundzwanzig Punkte. Auswahlgrenze zweiundsiebzig. Und in Dietmars Zeile: Prüfung achtunddreißig, Praktika neun, Empfehlung sechs. Summe dreiundfünfzig. Darunter der Satz, den die Universität unter jeden dieser Bescheide setzte: Das hochschuleigene Auswahlverfahren gewährleistet eine leistungsbezogene und chancengerechte Vergabe der Studienplätze.

„Kimm, du deutest nichts", hatte Sieghard zu Beginn der Stunde gesagt. „Du zeigst, was da ist, und schweigst zum Rest."

„Verstanden", hatte Kimm geantwortet, und seither hatte sie nur die Tabelle gehalten und einmal, sachlich, eine Zahl nachgereicht, als Gertrud danach fragte: Dietmar habe sich in drei aufeinanderfolgenden Jahren beworben. In jedem der drei Jahre sei das Gewicht der Praktika um zwei Punkte gestiegen und das der Prüfung um zwei gefallen. Beim dritten Mal, sagte Kimm, habe die Prüfung nur noch sechsunddreißig von hundert gezählt. Dann sagte sie nichts mehr.

Helmtrud hatte das Blatt lange angesehen. „Bei uns", sagte sie schließlich, „war der Töpferkurs auch zwei Jahre lang voll. Ich wollte an die Scheibe und musste warten, bis ein Platz frei wurde. Das war auch nicht schön. Manchmal ist eben etwas nicht sofort da."

„Und dann?", fragte Sieghard.

„Dann bin ich ein Jahr später drangekommen."

„Ein Jahr später hast du getöpfert." Er blieb an ihrem Tisch stehen und tippte auf Dietmars Zeile. „Rechne es für ihn. Setz dich in das Jahr 2030, mit deiner Familie, so wie sie ist. Ihr seid zu Hause zu sechst, dein Vater arbeitet, deine Mutter arbeitet, und trotzdem ist am Monatsende nichts übrig. Nun bewirb dich. Wie viele von den fünfunddreißig Praktikumspunkten holst du?"

Helmtrud rechnete. „Wir könnten mich keine sechs Monate ohne Lohn durchfüttern. Vielleicht ein kurzes, sechs Wochen, in den Ferien. Also", sie sah auf die Tabelle, „vielleicht acht Punkte. Neun wie er."

„Und die Empfehlungsschreiben, fünfundzwanzig. Wer schreibt sie dir?"

„Die Meisterin aus der Werkstatt. Meine Lehrerin."

„Die zählten wenig. Punkte gab es für Gutachten von Professoren, von leitenden Ärzten, von Menschen mit Rang, die im Auswahlausschuss ein Gewicht hatten. Kanntest du solche Leute?"

Helmtrud schüttelte den Kopf.

„Also sechs Punkte. Wie er." Sieghard richtete sich auf und sah in die Runde. „Rechnet zusammen, was Helmtrud erreicht. Achtunddreißig in der Prüfung, wenn sie so gut ist wie er. Acht bei den Praktika, sechs bei den Empfehlungen. Zweiundfünfzig."

„Zwanzig unter der Grenze", sagte Gertrud leise.

„Und jetzt seht euch an, was diese Grenze wirklich misst." Sieghard ging zurück zur Wand. „Die Prüfung, das Einzige, das prüft, ob jemand den Stoff kann, zählt vierzig von hundert. Dietmar hat dort achtunddreißig geholt, fast alles. An dem, was man abfragen konnte, war er nahezu vollkommen. Und dann kamen die sechzig Punkte, die etwas ganz anderes maßen, obwohl sie leistungsbezogen hießen. Wer sie holte, brauchte ein halbes Jahr ohne Lohn und Leute mit Rang, die für ihn bürgten. Nennt mir, was das misst."

Es dauerte. Reinbert war es, der es aussprach, und er sprach langsam, als wolle er sich nicht verrechnen. „Es misst nicht ihn. Es misst, was seine Eltern hatten. Ob sie ihn ein halbes Jahr tragen konnten und wen sie kannten. Die Zahl steht neben seinem Namen, aber sie hat mit ihm nichts zu tun."

„Die dreiundfünfzig ist eine falsche Zahl", sagte Gertrud, und man hörte, wie sie sich das selbst erst glaubte, während sie es sagte. „Nicht falsch gerechnet. Falsch in dem, was sie behauptet zu sein. Da unten steht chancengerecht. Aber sie hat ihn genau dort aussortiert, wo er nichts dafür konnte, und genau dort durchgelassen, wo er nichts dafür konnte. Das ist kein Auswahlverfahren. Das ist ein Sieb, das nach der Herkunft siebt und so tut, als siebe es nach Können."

Für einen Moment sagte niemand etwas. Draußen brach die Tonleiter wieder ab, an derselben Stelle.

„Dann rechnet Kimm uns aus, wie es hätte sein müssen", sagte Reinbert und wandte sich zur Wand. „Kimm, wie hätte die Formel aussehen sollen, damit sie gerecht ist? Wie viele Punkte auf was?"

„Ich rechne euch jede Formel aus, die ihr mir aufschreibt", sagte Kimm. „Jede, sofort, bis auf die letzte Stelle. Aber ihr fragt mich nicht nach einer Formel. Ihr fragt mich, welche von ihnen gerecht ist, und das ist keine Größe, die ich messe. Gerechtigkeit hat keine Einheit. Da ist keine Zahl in mir, die ich euch nur nicht verrate."

„Aber du weißt doch alles", sagte Reinbert.

„Ich weiß, was zweiundsiebzig ist und was dreiundfünfzig ist. Ob zweiundsiebzig die richtige Grenze war, weiß niemand, weil es die richtige Grenze nicht als Zahl gibt. Ihr wollt, dass ich euch das Wollen abnehme. Das kann ich nicht, und ich glaube, ihr wolltet es auch gar nicht ernsthaft von mir."

Sieghard nickte, aber er ließ es nicht dabei. „Bevor ihr euch überlegen fühlt", sagte er, und seine Stimme wurde schärfer, „rechnet auch das. Auf diesen einen Studiengang bewarben sich damals in dem Jahr über zweitausend, und es gab zweihundert Plätze. Die im Ausschuss saßen, waren nicht die Bösen eurer Geschichte. Man hatte ihnen aufgetragen, die Geeignetsten zu wählen, und sie mussten achtzehnhundert Menschen absagen, jedem mit einem Grund, den man zu Papier bringen und vor Gericht verteidigen konnte. Eine Tabelle ließ sich verteidigen. Ein Losentscheid nicht, und ein Gesicht schon gar nicht. Sie griffen nach dem, was sich rechnen ließ, weil das, was sich rechnen ließ, sauber aussah. Nicht die Menschen im Ausschuss waren das Verkehrte. Es war die Ordnung, die überhaupt achtzehnhundert Absagen verlangte, wo Platz und Lehrende genug gewesen wären für alle, die es wollten."

Reinbert hörte nicht mehr richtig zu. Er hatte auf seinem Blatt weitergerechnet, und jetzt legte er den Griffel hin und sah lange auf die eine Summe. Gertrud stieß ihn an.

„Ich wäre auch durchgefallen", sagte er. Es klang nicht wie eine Feststellung, es klang, als merke er es in genau diesem Augenblick. „Wir sind zu Hause fünf Kinder. Keiner von uns hätte ein halbes Jahr lang nichts verdienen können, ohne dass es den anderen weggenommen hätte. Und wer hätte mir ein Gutachten geschrieben, das dort zählte? Ich hätte in der Prüfung sitzen können und alles gewusst, alles, und diese Zahl hätte trotzdem neben meinem Namen gestanden, und ich hätte nie erfahren, dass sie gar nicht von mir handelte. Sie hätten mir geschrieben, ich sei nicht geeignet. Und ich hätte es geglaubt."

Er sah zu Helmtrud hinüber. Sie hielt seinem Blick nicht ganz stand.

„Es ist nicht wie der Töpferkurs", sagte Reinbert leise. „Du hast ein Jahr gewartet und dann getöpfert. Dietmar hat drei Jahre gewartet, und mit jedem Jahr rückten sie die Zahl weiter von ihm weg. Er ist nie an die Scheibe gekommen. Nicht ein Jahr später und nicht zehn. Das war keine Verspätung. Das war eine Tür, die vor ihm zugezogen wurde, während sie chancengerecht darüberschrieben."

Helmtrud nickte, und diesmal nahm sie nichts zurück. „Ich habe geglaubt, ich verstehe es, weil mir auch mal etwas fehlte", sagte sie. „Aber mir hat nie jemand gesagt, ich sei der Falsche. Mir hat nur mal etwas gefehlt. Ihm haben sie gesagt, er sei es nicht wert, und haben eine Zahl danebengestellt, damit es aussah, als hätte er selbst es entschieden."

Sieghard sagte nichts. Er wartete, wie er immer wartete, wenn es an einer Stelle schwer wurde und er wollte, dass sie es trugen, statt es ihnen abzunehmen.

Reinbert stand auf. Er ging durch die Reihe der Löcher im Boden hinaus in den Gang, zum Schrank, und man hörte ihn einen Augenblick davor stehen. Dann kam er zurück mit einer Leier, die er einfach genommen hatte, wie hier jeder alles einfach nahm, weil niemand mehr entschied, wer ein Instrument berühren durfte und wer nicht. Er legte sie vor sich auf den Tisch, neben Dietmars Bescheid, und die beiden Dinge lagen nebeneinander, das eine, das man einst verwehrt bekam, und das andere, das man heute im Vorübergehen mitnahm.

„Die Löcher sollen sichtbar bleiben, hat Sieghard gesagt", sagte Gertrud, und sie sagte es nicht mehr leise. „Gut. Aber sie sollen nicht nur da sein. An jedes schreiben wir, was hier festgeschraubt war und wofür. Und daneben, wer heute an dieser Stelle sitzt und was er lernt, ohne dass ihn eine Zahl fragt, ob er es sich leisten kann."

„Und wenn wir es aufgeschrieben haben", sagte Reinbert, und er zog die Leier zu sich heran, „dann merken wir es uns so genau, dass wir es riechen, sobald es wiederkommt. Eine Zahl, die sauber aussieht und in Wahrheit nach der Herkunft siebt. Wir haben eine gefunden. Es wird nicht die letzte gewesen sein, die sich als gerecht ausgibt."

Sieghard sah die beiden an, und zum ersten Mal in dieser Stunde widersprach er nicht und drängte nicht. Er reichte Gertrud die Kreide. Draußen setzte die Tonleiter wieder an, und diesmal stockte sie an der schweren Stelle nicht, sondern lief hindurch und weiter, bis ans obere Ende.