2224: Nachhall - Der Anlass
In einer heißen Mannheimer Halle des Jahres 2224 will ein Lernkreis den Namen des Beamten wissen, der fast zweihundert Jahre zuvor einen jungen Mann an einem Bahnhof kontrollierte, nur weil er so aussah, wie er aussah. Ein amtliches Kontrollblatt und ein privates Handyvideo derselben Szene widersprechen sich darin, ob es überhaupt einen Anlass gab, und die KI Findbuch streitet offen mit dem lehrplanskeptischen Ortwin darüber, ob der Name des Beamten fallen soll. Was als Jagd nach einem Schuldigen beginnt, dreht sich, als ein Schüler das Blatt selbst zu lesen anfängt.
NachhallDiskriminierung
Qualität90
Utopiefaktor+90
„Er hatte einen Namen." Emmi sagte es, als läge damit schon alles offen. „Jeder Mensch hat einen. Der Mann auch. Ich will ihn wissen."
„Damit du ihn hassen kannst", sagte Jost.
„Ja. Und wenn schon."
„Dann bist du fertig, sobald du ihn hast. Dann heißt es: der da war es, und wir alle sind froh, dass wir nicht der da sind."
„Er hat einen jungen Mann an eine Wand gestellt, weil der aussah, wie er aussah. Ich darf ihn hassen."
Ortwin sagte nichts. Er saß mit im Kreis, auf demselben hellen Holz wie alle anderen, die Hände um ein Glas mit lauwarmem Wasser, und ließ es laufen. Draußen stand der Nachmittag heiß über den Quadraten, so heiß, dass in den Rinnen an den Straßenrändern das Wasser leise über die Steine lief und ein paar Kinder aus der jüngeren Gruppe barfuß darin standen und schrien vor Kälte und Vergnügen. Durch die offene Wand des Raums roch es nach warmen Maulbeeren, die drüben in der alten Halle an den Pfeilern reiften, wo einmal die Gleise gewesen waren. Es war ein guter Nachmittag, um einen alten Streit zu führen.
Zwischen ihnen über dem Tisch schwebte das Blatt.
Es hing als blasses Rechteck aus Licht in der Luft, kaum größer als eine Hand, und man konnte es mit den Fingern drehen und näher ziehen. Eine Tabelle. Oben ein Wappen, ein Aktenzeichen, eine Zeile in einer Amtssprache, die keiner von ihnen mehr sprach, ohne nachzufragen. Bundespolizeiinspektion Mannheim. Monatsübersicht Personenkontrollen. Mai 2027. Das Blatt war fast zweihundert Jahre alt, auf den Sommer genau beinahe, und es war so nüchtern, dass einem davon kalt werden konnte an einem Tag wie diesem.
„Lest die Spalten noch einmal", sagte Ortwin. Es war das Einzige, was er seit einer Weile gesagt hatte.
Mattis, der bis dahin geschwiegen und nur an dem Rand seines Glases gedreht hatte, beugte sich vor und las vor, was in der Kopfzeile stand. Kontrollen gesamt. Datum. Ort. Und dann, dritte Spalte von rechts, ein Wort, das ihnen allen im Hals stecken blieb, weil es keinen Sinn ergab: anlassunabhängige Kontrolle.
„Vierhundertzwölf Kontrollen in dem einen Monat", las Mattis. „An dem einen Bahnhof. Und in der Spalte hier: dreihundertachtundachtzig davon anlassunabhängig."
„Was heißt das überhaupt", sagte Jost. „Anlassunabhängig."
„Ohne Anlass", sagte Emmi. „Ohne Grund. Sie haben dreihundertachtundachtzig Menschen ohne Grund kontrolliert und es aufgeschrieben, und niemand hat sie aufgehalten."
„Findbuch", sagte Jost in den Raum hinein, „stimmt das?"
Die Stimme, die antwortete, kam von überall und nirgends, ruhig, ein wenig trocken, wie jemand, der viel gelesen hat. „Es stimmt fast", sagte Findbuch. „Anlassunabhängig war ein Rechtsbegriff, kein Vorwurf. Es gab ein Gesetz, das der Polizei an bestimmten Orten, an Bahnhöfen, an Grenzen, erlaubte, Menschen zu kontrollieren, ohne einen konkreten Verdacht zu haben und ohne einen Grund nennen zu müssen. Die Spalte bedeutet nicht, dass es keinen Grund gab. Sie bedeutet, dass keiner aufgeschrieben werden musste."
„Und der Mann in dem Video", sagte Emmi. „Zeig ihn wieder."
Ortwin hob eine Hand. „Nicht du sollst ihn zeigen, Findbuch. Sie sollen es sich holen." Und zu Emmi: „Zieh es dir her."
Emmi griff in die Luft, fasste den kleineren, dunkleren Lichtwürfel neben dem Blatt und zog ihn in die Mitte, und er begann zu laufen.
Es war ein kurzer Film, keine vierzig Sekunden, wackelig und schräg, aufgenommen von jemandem, der das Gerät tief hielt, halb versteckt. Eine Bahnhofshalle, die man wiedererkannte und doch nicht wiedererkannte. Dieselben Pfeiler wie drüben, aber grau, ohne Maulbeeren, mit Werbetafeln dazwischen, die grell etwas anpriesen, und mit Absperrungen und Schaltern und Schranken, durch die Menschen sich schoben. An einem Pfeiler stand ein junger Mann, vielleicht Mitte zwanzig, eine Umhängetasche über der Schulter, und vor ihm zwei Uniformierte. Der eine hielt den Ausweis des jungen Mannes in der Hand und sah ihn nicht an. Der andere sagte etwas, das im Lärm fast unterging.
„Zurückspulen", sagte Jost. „Die Stelle noch mal."
Emmi spulte zurück. Der junge Mann fragte etwas, man sah es an seinem Mund mehr, als man es hörte: Warum ich. Und der Beamte, der ihn nicht ansah, sagte, jetzt deutlich, weil er sich dabei zufällig dem Gerät zuwandte: „Sie haben sich mehrfach umgesehen. Reine Routine."
Dann war der Film zu Ende. Der junge Mann blieb stehen, den Ausweis noch in der fremden Hand, und das Bild fror auf seinem Gesicht ein, das nichts tat, gar nichts, nur wartete, wie ein Gesicht wartet, das dieses Warten schon kennt.
„Sie haben sich mehrfach umgesehen", wiederholte Mattis leise.
„Das ist der Anlass", sagte Jost. „Er hatte doch einen Anlass. Er hat ihn genannt."
„Dann ist das Blatt falsch", sagte Emmi und drehte das Lichtrechteck wieder heran. „Hier steht anlassunabhängig. Ohne Anlass. Und im Video sagt er einen. Eins von beiden lügt."
Und da saß die Klasse fest, und Ortwin sah, dass sie festsaß, und war zufrieden, wie man mit einem Schmerz zufrieden ist, den man gebraucht hat.
„Welches lügt?", fragte er.
Sie stritten. Emmi sagte, das Video lüge nicht, ein Video zeige, was war, und wenn der Mann einen Grund nannte, dann gab es einen. Jost sagte, dann sei das Blatt falsch ausgefüllt, ein Fehler, eine Schlamperei, hier hätte einer das falsche Kästchen angekreuzt. Ein anderes Kind sagte, vielleicht sei es umgekehrt, vielleicht habe der Beamte den Grund im Film nur erfunden, weil eine Kamera lief, und in Wahrheit habe es keinen gegeben, so wie das Blatt es sage. Und für einen Moment schien das der Ausweg zu sein, und alle waren erleichtert.
„Nein", sagte Findbuch.
Es sagte es nicht laut, aber es sagte es so, dass alle verstummten, denn Findbuch unterbrach selten.
„Keines der beiden lügt", sagte Findbuch. „Das ist das Schwere daran. Sich mehrfach umsehen ist kein Anlass. Es ist das, was jeder tut, der auf einen Zug wartet und nicht weiß, von welchem Gleis. Der Beamte hat auf dem Blatt das Wahre angekreuzt: dass er keinen Anlass brauchte. Und vor der Kamera hat er einen genannt, weil eine Kamera lief und weil ein Mensch vor einem anderen Menschen nicht sagen mag, ich kontrolliere Sie, weil Sie so aussehen, wie Sie aussehen. Beide Sätze sind wahr, und zusammen ergeben sie die Lüge, in der der junge Mann stand."
Stille. Die Maulbeeren rochen weiter herein.
„Ich will seinen Namen", sagte Emmi noch einmal, aber leiser jetzt. „Den des Beamten. Du hast ihn, Findbuch. Es steht doch alles im Archiv. Sag ihn."
„Ja", sagte Findbuch. „Ich habe ihn."
„Dann nicht", sagte Ortwin.
Es war das erste Mal an diesem Nachmittag, dass er hart wurde, und die Klasse merkte es und drehte sich zu ihm. Und dann geschah das, was Ortwin nicht vorgesehen hatte und was die Stunde von da an trug: Findbuch widersprach ihm. Offen. Vor allen.
„Doch, Ortwin", sagte Findbuch. „Ich finde, ich soll ihn sagen."
„Du findest."
„Ich habe einen Namen für den jungen Mann. Er heißt Cihan, er war vierundzwanzig, er war auf dem Weg in die Frühschicht, und ich sage seinen Namen, seit wir angefangen haben, ohne dass es dich stört. Für den anderen habe ich auch einen. Ihn zu verschweigen heißt, ihn ein zweites Mal unsichtbar zu machen. Damals trug er nichts, woran Cihan ihn hätte erkennen können, keine Nummer, kein Schild, nichts. Cihan hat nie erfahren, wer ihn an diesen Pfeiler gestellt hat. Und jetzt, zweihundert Jahre später, sitzen wir hier und tun genau dasselbe noch einmal, wir lassen ihn ungenannt. Das Archiv ist dazu da, das Verschwinden nicht zu wiederholen. Ich soll ihn sagen."
„Und wenn du ihn sagst", sagte Ortwin, „dann haben wir einen Bösewicht. Dann heißt er soundso, und wir sind erlöst, denn keiner von uns heißt so. Dann ist der Nachmittag vorbei, und die Klasse geht nach Hause und hat gelernt: es gab damals einen schlechten Mann, und schlechte Männer soll man beim Namen nennen. Und die Spalte, Findbuch. Die Spalte mit den dreihundertachtundachtzig bleibt leer in ihren Köpfen, weil sie einen Menschen haben, an dem sie sich festhalten können."
„Der Mann hat gehandelt", sagte Findbuch. „Nicht die Spalte hat Cihan an die Wand gestellt."
„Der Mann hatte ein Soll", sagte Ortwin, und jetzt sprach er zur Klasse, nicht mehr zu Findbuch. „Das steht auch im Archiv, frag es. Es gab Zahlen, die eine Dienststelle erreichen sollte. Es gab Vorgesetzte, die fragten, warum die Kontrollen zurückgingen. Es gab ein Gesetz, das ihm sagte: du darfst, und du musst nicht erklären. Er ist morgens in eine Halle gegangen, in der ihm alles erlaubt war und nichts abverlangt wurde außer einer Zahl am Monatsende. Ich sage nicht, dass er nichts getan hat. Ich sage, dass sein Name die kleinste Wahrheit an diesem Blatt ist und dass ihr, wenn ihr sie kriegt, die große verpasst."
„Aber er hätte Nein sagen können", sagte Jost.
„Manche haben das", sagte Ortwin. „Frag Findbuch später danach, es lohnt sich. Die meisten nicht. Und ich misstraue jedem Schulbuch, das euch erst ein Wort wie asoziale Zeit hinlegt und dann fröhlich einen Namen zum Draufzeigen dazu, denn beides tut dasselbe: es macht aus einer Ordnung eine Handvoll schlechter Leute, auf die man deuten kann, und lässt einen selbst heil daraus hervorgehen." Er hob die Schultern. „Ich soll das mit euch lesen, so steht es im Plan. Wie ich es lese, ist meine Sache."
Findbuch schwieg dazu. Es war kein zorniges Schweigen und kein besiegtes. Es war das Schweigen von jemandem, der weiter anderer Meinung ist und den Streit für nicht beendet hält, und alle im Raum spürten, dass er auch nicht beendet war.
Es war Mattis, der ihn weiterdrehte, ohne es zu wollen.
Er hatte die ganze Zeit das Blatt angesehen, nicht das Video, das Blatt, und jetzt zog er es zu sich und fuhr mit dem Finger die Kopfzeile ab, Spalte für Spalte, als suche er etwas, das fehlte.
„Es gibt keine Spalte für den Grund", sagte er.
„Wie meinst du das", sagte Emmi.
„Es gibt eine Spalte für die Zahl und eine für das Datum und eine für den Ort. Und diese eine, die heißt anlassunabhängig, das ist ein Kästchen, das man ankreuzt, damit man in keine andere Spalte etwas schreiben muss. Es gibt gar kein Feld, in das einer hätte schreiben müssen, warum. Das Blatt ist so gebaut, dass niemand einen Grund hinschreiben kann, selbst wenn er wollte." Er sah auf. „Der Name des Mannes würde da auch nicht draufstehen. Nirgends auf dem Blatt steht, wer kontrolliert hat. Nur, dass kontrolliert wurde, und dass keiner es begründen musste."
Er drehte das Blatt langsam, so dass sein blasses Licht über die Gesichter im Kreis strich.
„Emmi fragt die falsche Frage", sagte Mattis, und es klang nicht triumphierend, eher erschrocken. „Nicht wie er hieß. Sondern wer ein Blatt entwirft, auf dem ein Kästchen bedeutet: hier musst du keinen Grund haben. Wer hat entschieden, dass ein Blick zur Uhr ein Anlass sein darf und keiner ihn aufschreiben muss. Das war doch keiner am Bahnhof. Das saß woanders."
Für eine Weile sagte niemand etwas. Draußen schrie ein Kind in der kalten Rinne.
„Und wann", fragte Mattis, „mussten sie dann anfangen, ihren Namen zu tragen? Cihans Beamter trug keinen. Aber irgendwann trugen sie einen, sonst wüsstest du ihn ja nicht, Findbuch."
„Frag ihn nach dem Jahr", sagte Ortwin, „aber die kurze Antwort gebe ich." Er stellte das Glas ab. „Nach einem Fall, den man nicht mehr wegreden konnte, wurde erstritten, dass jeder im Dienst sichtbar eine Nummer oder einen Namen trägt, an dem man ihn erkennen kann. Und dass es eine Stelle gibt, bei der man sich beschwert, die nicht selbst die Polizei ist, sondern unabhängig von ihr. Zwei Dinge nur, und beide waren gegen großen Widerstand."
Er sagte nicht mehr. Er hatte sich vorgenommen, nicht mehr zu sagen, und er hielt sich daran.
Mattis nickte langsam, und man sah ihm an, dass er es sich selbst zusammensetzte.
„Dann haben sie den Männern nichts weggenommen", sagte er. „Sie haben dem Blatt etwas weggenommen. Sie haben das Kästchen abgeschafft, das keinen Grund verlangt, und ein Feld gemacht, in das einer seinen Namen schreiben muss, und einen Ort, an den Cihan sein Video hätte schicken können. Genau das Umgekehrte von diesem Blatt hier. Das Blatt sorgt dafür, dass keiner einen Namen hat und keiner einen Grund braucht. Und sie haben Blätter gemacht, auf denen beides sein muss."
„Ja", sagte Findbuch, und in dem einen Wort lag, dass es Mattis recht gab und Ortwin nicht ganz.
Denn es blieb ja stehen. Der Beamte auf dem Blatt vom Mai 2027 trug keine Nummer, und er würde nie eine tragen, weil das erst danach kam, für die nach ihm. Sein Name war im Archiv, und Findbuch hielt ihn weiter für sagbar, und Ortwin weiter nicht, und keiner von beiden hatte den anderen überzeugt. Cihan hatte nie eine Stelle gehabt, an die er hätte schreiben können. Er war in die Frühschicht gegangen, vierundzwanzig, und hatte gewartet, wie sein Gesicht im letzten Bild gewartet hatte, und niemand wusste, was danach aus ihm geworden war, weil ausgerechnet das im Archiv fehlte, das Danach, das Innere, das Weiterleben. Nur die Kontrolle war erhalten. Von dem ganzen Menschen war die Kontrolle das Bestüberlieferte.
„Ich weiß seinen Namen immer noch nicht", sagte Emmi. „Den des Beamten. Und ich weiß jetzt nicht mehr, ob ich ihn will."
„Das", sagte Ortwin, „ist ungefähr die richtige Stelle, um aufzuhören."
Sie standen auf, und der Kreis löste sich, und Mattis blieb noch einen Moment vor dem schwebenden Blatt stehen, ehe er es mit zwei Fingern zusammenschob, bis es erlosch. Dann gingen sie hinaus in den heißen Nachmittag, durch die alte Halle, in der die Maulbeeren an den Pfeilern hingen und Leute zwischen den Beeten saßen und redeten, dort, wo einmal die Schranken gewesen waren und die Schalter und der junge Mann an seinem Pfeiler. Keine Absperrung mehr, durch die man sich schob, kein Gitter, an dem man sich ausweisen musste. Man ging einfach hindurch.
Draußen, wo laut dem Blatt eine Straße gewesen sein musste, lag jetzt ein Seitenarm des Neckars in der Sonne, flach und klar, und im Schatten unter der Böschung standen ein paar Fische fast bewegungslos gegen die Strömung, und Jost hockte sich hin und sah ihnen zu, als wären sie das Erstaunlichste des Tages. Vielleicht waren sie es auch. Emmi setzte sich neben ihn und sagte eine Weile nichts, und dann sagte sie: „Weißt du, was mich am meisten stört? Dass er sich umgesehen hat. Cihan. Das ist so ein Nichts. Und daraus haben sie einen Anlass gemacht."
„Sie mussten nicht mal", sagte Mattis. „Das ist es doch. Sie mussten gar keinen machen." Er sah zu den Fischen. „Ich glaube, ich verstehe jetzt, warum Ortwin den Namen nicht wollte."
Über ihnen, in der offenen Halle, reifte es weiter nach Maulbeeren, und das Wasser lief kalt in den Rinnen der Quadrate, und irgendwo darin schrie noch immer ein Kind vor Vergnügen, und keiner von ihnen kam auf den Gedanken, dass irgendjemand sie fragen könnte, wer sie seien und warum sie hier stünden und wohin sie wollten.