2222: Nachhall - Bei sachgemäßer Anwendung
In einem Dorf der Magdeburger Börde bringt ein Kind ein Glas Honig mit in die Stunde und fragt die junge, unsichere Lehrerin Hilde, ob auch dieser Honig vergiftet sei. Vor der Klasse liegen ein altes Werbeblatt, das ein Pflanzenschutzmittel als bienenfreundlich anpreist, und das Foto eines gestorbenen Bienenvolks, die nicht zusammenpassen wollen. Zwischen summenden Blühstreifen und den Beuten des Schulgartens ringen die Kinder darum, wem an einem Unglück Schuld zu geben ist, das niemand allein gewählt hat.
NachhallUmwelt und Klima
Qualität89
Utopiefaktor+90
Gesa hatte das Glas den ganzen Weg vorsichtig getragen, damit nichts überschwappte, und als die anderen sich an den langen Tisch gesetzt hatten, stellte sie es in die Mitte und schob es ein Stück zu Hilde hin. Honig, hell und dick, mit einem Tropfen, der schon außen am Rand herunterlief.
„Ist der auch vergiftet?", fragte sie.
Hilde spürte, wie ihr die Stunde entglitt, noch ehe sie begonnen hatte. Sie hatte das Bild und das Blatt hinten in ihrer Mappe, sie hatte sich genau zurechtgelegt, wie sie beides zeigen wollte, langsam, das Bild zuerst und dann das Papier, und nun stand da ein Glas Honig in der Mitte, und Gesa sah sie an, als hinge die Antwort davon ab, ob man mittags noch etwas aufs Brot streichen dürfe. Es war eine ihrer ersten Klassen. Sie kannte die zwölf Namen erst seit dem Sommer, und manche verwechselte sie noch.
„Wie kommst du darauf, dass er vergiftet sein könnte?", fragte Hilde, weil ihr nichts Besseres einfiel, und schon während sie es sagte, wusste sie, dass es fast ein Fehler war, denn Gesa antwortete sofort und gründlich.
„Meine Oma hat gesagt, heute geht es um die Zeit, als die Bienen gestorben sind. Und wenn die Bienen vom Gift gestorben sind, dann ist der Honig doch von den Bienen, also ist er vielleicht auch vom Gift. Ich hab ihn aus unserer Küche mitgenommen." Sie schob das Glas noch ein Stück weiter. „Man soll es prüfen."
An der Wand, wo bei den Alten wohl eine Uhr gehangen hätte, saß die Wabe, eine sechseckige Scheibe aus mattem Glas, durch die Glosse mit ihnen sprach. Sie war jetzt fast dunkel, nur ein warmer Faden Licht lief am inneren Rand entlang, und das hieß, dass Glosse etwas beitragen wollte und wartete, bis man sie ließ.
„Hilde, darf ich?", fragte Glosse.
„Nicht jetzt", sagte Hilde. Es kam schneller heraus, als sie wollte, fast schroff, und sie schob leiser hinterher: „Lass sie das erst selbst suchen. Bitte, Glosse." Sie wusste, dass Glosse in einem Sechstel einer Sekunde alles hätte sagen können, was das Archiv über dieses Gift wusste, jede Zahl, jeden Namen. Genau darum hatte sie sie gebeten zu schweigen. Der Lichtfaden blieb, wo er war, ruhig, und wanderte nicht weiter.
„Gut", sagte Glosse.
Hilde holte tief Luft und nahm das Bild aus der Mappe. Sie legte es neben das Honigglas, mit dem Rücken nach oben, und drehte es erst um, als alle still waren. Es zeigte den Boden vor einem Bienenstock, einen hölzernen Kasten mit einem schmalen Flugloch, und davor, dicht an dicht, eine Handbreit hoch, die toten Bienen. Ein ganzes Volk, das nicht mehr flog. Es war kein grausames Bild. Es war nur sehr still, und die Kinder wurden es auch.
„Das ist fotografiert worden vor fast zweihundert Jahren", sagte Hilde. „In einem Frühling wie unserem. Und das hier", sie legte nun das Blatt daneben, glatt gestrichen, „gehört dazu."
Es war ein Werbeprospekt, in warmen Farben, ein blühendes Feld darauf und eine Biene, die man extra dazugesetzt hatte. Oben stand der Name eines Pflanzenschutzmittels, und darunter, in geschwungener Schrift, der Satz, den Hilde am meisten fürchtete: bienenfreundlich bei sachgemäßer Anwendung. Weiter unten, kleiner: eingestuft als nicht bienengefährlich, B4. Und ganz unten, in einem Kasten, der wie ein Versprechen aussah, ein Preis.
Keno beugte sich über das Blatt und las langsam, was da stand, und dann sah er das Bild mit den toten Bienen an, und dann wieder das Blatt, und in seinem Gesicht arbeitete es.
„Das passt nicht zusammen", sagte er. „Da steht bienenfreundlich. Und da liegen die toten Bienen."
„Ja", sagte Hilde. „Das passt nicht zusammen."
„Dann hat der Bauer gelogen", sagte Keno, fast erleichtert, weil es eine Ordnung gab. „Oder er war gemein. Er hätte das Zeug doch einfach nicht nehmen müssen. Man sieht doch, was passiert. Er hätte es einfach lassen können."
Ein paar nickten. Es war der bequemste Gedanke im Raum, und Hilde erkannte ihn, weil sie ihn als Kind selbst gehabt hatte: dass jemand, der etwas Schlimmes tat, es freiwillig tat und leicht hätte lassen können, und dass alles einfacher wäre, wenn man nur den einen fände, der schuld war. Im Buch hieß diese Zeit die asoziale Zeit, und Hilde dachte, während Keno redete, dass das Wort nicht auf diesen Bauern passte, den niemand kannte, dessen Namen niemand aufgeschrieben hatte.
„Er hätte es lassen können", wiederholte Hilde, ohne es zu bejahen. „Meint ihr das alle?"
„Klar", sagte Keno. „Ich würde doch nichts auf meine Bienen sprühen."
Die Wabe an der Wand glomm wieder auf.
„Darf ich jetzt?", fragte Glosse leise.
„Noch nicht", sagte Hilde. „Bald." Sie sah, dass Imme nichts gesagt hatte. Imme saß am Ende des Tisches und drehte ein Rähmchen in den Händen, eine leere Wabe aus dem Schulstock, die seit Freitag auf dem Fensterbrett lag und nach Wachs und ein wenig nach Propolis roch, harzig und dunkel. Imme konnte eine Wabe lesen wie andere ein Buch, das Muster der Brut, die Farben des Pollens, und sie las jetzt an der leeren herum, als stünde die Antwort darin.
„Kommt mit raus", sagte Hilde plötzlich, „lasst das alles liegen", und sie meinte das Glas und das Bild und das Blatt, und war selbst überrascht, dass sie es sagte, denn es stand nicht so in ihrer Vorbereitung. Aber sie wollte weg von dem Tisch, an dem gerade jemand schuldig gesprochen wurde, der sich nicht wehren konnte.
Draußen schlug ihnen das Summen entgegen, noch ehe sie die Stöcke sahen. Es kam nicht nur aus dem Schulgarten, wo die vier Beuten in der Sonne standen und die Wächterinnen am Flugloch in der Luft standen wie an Fäden gehängt. Es kam von überall, vom ganzen flachen Land. Denn um jeden Acker der Börde lag ein breiter Streifen, den man nicht umpflügte, so breit wie ein Weg: Phazelia und Klee, Kornblume, Wicke und Mohn, so weit man sah bis an den Rand des Himmels, und die ganze Ebene brummte davon wie ein Instrument, das niemand anschlagen musste. Man roch das warme Wachs, wenn man nahe an die Beuten trat, und die Sonne hatte das Holz so erwärmt, dass es duftete.
Eine Biene setzte sich auf Kenos Handrücken, lief ein Stück und putzte sich. Keno hielt still und sah ihr zu, und er zog die Hand nicht weg, und niemand rief etwas, denn es war nichts dabei.
„Die hier gehören zur Schule", sagte Hilde. „Der Honig, den Gesa mitgebracht hat, ist wahrscheinlich von einem Stock im Dorf. Wo, glaubt ihr, waren diese Bienen den ganzen Vormittag?"
„In den Streifen", sagte Gesa und zeigte hinaus. „Da, wo es blüht."
An der ältesten Beute, der mit dem grau verwitterten Holz, war ein kleines Schild aus Messing angeschraubt. Imme rieb es mit dem Daumen ein wenig blank, ehe sie las, und die anderen wurden still, weil Imme selten laut las.
„Diese Beute steht für die Völker, die starben, als man die Felder gegen sie behandelte", las Imme. „Seit dem Verbot der Mittel, die mit dem Wind abtrieben, und dem Umstellungsfonds für die Höfe, im Jahr 2063, summt die Börde wieder."
Sie las es zweimal, das zweite Mal nur für sich. Dann drehte sie sich um zu Keno, ohne Vorwurf, eher wie jemand, der etwas erst im Aussprechen zu Ende denkt.
„Glosse", sagte Imme, „was hat das Zeug gekostet? Auf dem Blatt, der Preis unten."
Hilde nickte, kaum sichtbar, und die Wabe war weit weg im Haus, aber Glosses Stimme kam trotzdem, ruhig, aus der kleinen Scheibe, die Imme am Handgelenk trug.
„Drei Euro neunzig je Hektar und Behandlung", sagte Glosse. „Auf dem Blatt steht auch, warum das billig war. Es sollte weniger kosten als jede andere Art, das Feld zu schützen." Mehr sagte sie nicht. Sie wertete es nicht.
Imme nickte langsam, als hätte das gerade gefehlte Stück eingerastet.
„Der Fonds", sagte sie, „das ist Geld. Geld, damit ein Hof umstellen konnte, ohne kaputtzugehen." Sie sah wieder auf das Schild. „Wenn man einem Geld dazugeben musste, damit er anders konnte, dann konnte er vorher nicht einfach anders. Sonst hätten sie das Geld ja nicht gebraucht." Sie hielt inne. „Keno, er hat das Zeug nicht genommen, weil er die Bienen ärgern wollte. Es war das billigste, und auf dem Papier war es sicher. Da stand bienenfreundlich. Wenn dann die Bienen trotzdem starben, hieß es, er habe es falsch gemacht, nicht sachgemäß, hörst du, so steht es da, bei sachgemäßer Anwendung. Der Fehler war immer bei ihm. Und billiger ging es nicht." Sie strich über das raue Holz der Beute. „Er saß fest. Er hat nicht gewählt. Er hat nur genommen, was ihm übrig blieb."
Keno sah lange auf seine Hand, wo eben die Biene gesessen hatte.
„Aber es sind trotzdem seine Bienen gestorben", sagte er, und es war kein Widerspruch mehr, eher eine Frage, wie man beides zugleich tragen sollte.
„Ja", sagte Imme. „Beides ist wahr. Es war schlimm, und er war nicht schlecht."
Hilde stand daneben und sagte gar nichts, und sie merkte, dass sie nichts sagen musste, und dass das der schwerste und der beste Teil ihres Berufes war. Sie hatte die ganze Stunde Angst gehabt, an dieses Blatt und dieses Bild zu geraten, weil sie nicht gewusst hatte, wie sie die Kinder davon abhalten sollte, sich über die Toten zu erheben. Nun hatte Imme es getan und nicht sie, und darum hielt es.
„Und mein Honig?", fragte Gesa, die das nicht vergessen hatte, und hielt das leere Glas hoch, das sie mit hinausgetragen hatte, obwohl sie es hatte drinnen lassen sollen.
Hilde wollte antworten, aber Gesa sah schon nicht mehr sie an, sondern hinaus über die Streifen, über das ganze brummende Land, über das kein Wind ein Gift trug, weil es keines mehr gab, das er tragen konnte.
„Der ist nicht vergiftet", sagte Gesa selbst, und es war keine Frage mehr. „Da ist nichts, das reinkommt. Die waren den ganzen Tag da draußen, wo es blüht, und es ist nur Blüte." Sie sah in das leere Glas, in dem noch ein Rest Gold am Boden klebte. „Ich hätte ihn gar nicht prüfen müssen."
„Nein", sagte Hilde. „Aber es war eine gute Frage."
Sie gingen noch nicht hinein. Eine Weile standen sie einfach im Summen, das von überall kam, und sahen den Wächterinnen am Flugloch zu, und Keno hielt wieder die Hand hin, ob noch eine käme, und Imme legte das leere Rähmchen, das sie mit hinausgetragen hatte, oben auf die alte Beute, neben das Schild, als gehörte es dahin. Drinnen auf dem Tisch lagen das Bild und das Blatt aus einer Zeit, die man asozial nannte, und Hilde dachte, dass sie am Montag mit der Klasse darüber reden würde, ob dieses Wort für einen Bauern stimmte, der genommen hatte, was ihm übrig blieb. Aber das war Montag. Heute war es genug.
„Glosse", sagte sie schließlich, während sie zurückgingen, „danke, dass du gewartet hast."
„Es fiel mir schwer", sagte Glosse, und man hörte, dass sie das ehrlich meinte. „Aber Imme hat es besser gefunden, als ich es gesagt hätte. Ich wusste die Zahl. Sie wusste, was die Zahl bedeutet."