2221: Nachhall - Die Stimme in der Wand
Eine Dorfschule im Spreewald spielt eine Tonbandaufnahme von 2020 ab: die Stimme einer der letzten Menschen, die das Sorbische noch von klein auf sprachen. Die Klasse soll hören, wie eine Sprache verstummt, und ein Kind fragt zuerst, wo man sie begraben hat. Dann geschieht mit der alten Aufnahme etwas, das im Stundenplan nicht vorgesehen war.
NachhallSprache/Minderheit
Qualität92
Utopiefaktor+90
Silbe legte die Stimme in die Mitte des Raums. Sie tat das mit jeder Aufnahme so, die aus dem Archiv kam: nicht laut und nicht aus einer Ecke, sondern als hätte sie die sprechende Person an der Hand hereingeführt und mitten zwischen die Tische gestellt. Diesmal war es eine Frau, alt, mit einer Stimme wie ein Weg über Sand, und sie sprach in einer Sprache, die die dreizehn Kinder an den niedrigen Tischen jeden Tag im Mund hatten. Nur klang sie anders. Langsamer. Als koste jedes Wort die Frau etwas, das sie nicht mehr oft ausgab.
„Das ist Marja Nowakowa", sagte Madlena leise. „Aufgenommen im Frühjahr 2020, hier im Dorf, an ihrem Küchentisch. Sie war eine der Letzten, die es noch so konnten - fließend, von klein auf, ohne dass sie ein Wort suchen musste." Sie ließ die Jahreszahl im Raum stehen, und die Kinder rechneten von selbst, wie sie es gelernt hatten: zweihundertein Jahre lag die Stimme zurück. Durch die offenen Fenster der Schulinsel schob jemand einen Kahn durchs Fließ, und man hörte die Stange ins Wasser tauchen und das Kielwasser an den Weidenwurzeln lecken.
Sie waren an diesem Morgen zu Fuß über den Steg gekommen oder im Kahn, jeder wann er fertig gefrühstückt hatte. Die Kähne gehörten dem Dorf; wer zur Insel wollte, nahm den nächsten, der frei am Steg lag, und band ihn drüben wieder an. Aus dem Langhaus neben der Schule roch es schon nach Plinse, den dünnen Buchweizenpfannkuchen, die dort mittags für alle in der großen Pfanne wuchsen, und weiter hinten, wo die Alten am Wasser Körbe flochten und Kähne ausbesserten, hatte einer die Dudy angeworfen, den Dreiklang der Sackpfeife, der über das Wasser trug, bis er es wieder sein ließ. Es war ein gewöhnlicher Tag im Frühjahr 2221, und in ihn hinein sprach eine Tote.
Madlena hatte die Stunde anders geplant. Sie hatte den Kindern zeigen wollen, wie eine Sprache verstummt - langsam, über Menschenleben hin, bis nur noch eine Handvoll Münder sie trug und dann keiner mehr. Am Tag zuvor hatte Jakub die Sache mit dem Sterben aufgebracht. „Wenn eine Sprache stirbt", hatte er gefragt und ganz ernst dabei ausgesehen, „wo liegt sie dann? Hat sie einen row? Ein Grab?" Ein paar hatten gelacht, und Jakub war rot geworden, und Madlena hatte gedacht: gut, das nehmen wir uns vor. Sie hatte die Aufnahme herausgesucht, damit sie hörten, wie es klingt, wenn etwas zum letzten Mal ganz da ist.
Nur ging es anders. Marja Nowakowa erzählte von etwas, und ihre Stimme wurde dabei jung, und mitten im Satz hob Wórša den Kopf. „Wóda", flüsterte sie. „Sie hat wóda gesagt. Wasser." Sie sagte es, als hätte sie draußen im Röhricht etwas gefunden. Und kaum hatte sie es gesagt, kam von zwei Tischen weiter Hanzos Stimme, halb ungläubig: „Und wjerba. Die Weiden. Sie redet von den Weiden." Ein Ruck ging durch den Raum. Die Kinder rückten näher an die Wand, in der Silbe die Stimme hielt, und lauschten nicht mehr höflich, sondern gierig, wie man einer Fährte nachgeht.
Denn sie verstanden es. Nicht alles, nicht die langen Bögen dazwischen, aber die Steine, auf denen die Sätze standen: wóda, wjerba, mama, klěb - das Brot. Marja erzählte, wie sie als kleines Mädchen mit dem Vater den Kahn durch die Fließe gestakt hatte, zwischen den Weiden hindurch, und wie die Mutter vom Ufer gerufen hatte. Bei einem Wort lachte Marja auf dem Band leise, und drei Kinder lachten mit, ehe sie wussten, warum - sie hatten den Witz verstanden, über zweihundert Jahre hinweg, weil die Sprache in ihren eigenen Mündern noch dieselbe war.
„Silbe", rief Lubinka, „was sagt sie da, ganz? Übersetz es doch." Es lag nahe. Silbe konnte jede Sprache, die je aufgezeichnet worden war, im selben Atemzug in jede andere legen; am Morgen noch hatte sie den Kindern ein lateinisches Wort von einem alten Grabstein glatt ins Heutige gedreht, ehe sie überhaupt zu Ende gefragt hatten. Jetzt aber tat sie es nicht. Sie ließ ein paar Herzschläge vergehen. Dann spielte sie den Satz noch einmal, ein wenig langsamer, und legte einen Finger breit Stille um jedes Wort, so dass man die Fugen hörte, wo eines aufhörte und das nächste begann. Eine deutsche Silbe kam nicht. Madlena sah zur Wand, kurz nur, und ließ es geschehen.
Also machten sie es selbst. Sie spielten den Satz dreimal, viermal, riefen sich die Brocken zu, stritten über einen Wortausgang, den keiner kannte, bis Wórša ihn aus einer Redensart ihrer wowka herholte. Stück für Stück setzten sie Marjas Erinnerung zusammen wie einen Kahn aus Planken, und als sie fertig war, saß der ganze Satz im Raum und stimmte: das Wasser, die Weiden, das Rufen der Mutter, das Brot am Ufer. Sie waren stolz, und man sah es ihnen an. Es war ihr eigener Fang.
Nur ein Wort blieb übrig, das keiner fangen konnte. Marja hatte es zärtlich benutzt, für die schmalen Rinnsale, die sich zwischen den Weiden verzweigten, dort, wo der Kahn kaum durchpasste. Wórša kannte es nicht. Hanzo nicht. Auch Madlena, die die Sprache jeden Tag sprach, drehte es zweimal im Mund und schüttelte dann den Kopf. „Silbe", sagte Lubinka halblaut, „das eine wenigstens." Silbe hätte gekonnt. Das Wort lag in ihrem Archiv, in zehn älteren Aufnahmen, blank und eindeutig. Sie spielte es ihnen noch einmal in Marjas Stimme vor, sauber freigestellt, damit sie es hörten, ganz - und blieb dann still. Kein deutsches Wort daneben. Madlena ließ die Stille eine Weile atmen. „Dann ist es ein Wort, das wir noch suchen", sagte sie schließlich. „Vielleicht weiß es eine der Alten am Wasser. Vielleicht müssen wir es ihr neu abhören." Sie schrieben es sich auf, so gut sie es hörten, und hoben es sich auf für den Abend, wie eine Reuse, die man später wieder aus dem Fließ zieht.
Erst da fiel Jakub wieder die Frage von gestern ein, und er stellte sie noch einmal, jetzt anders. „Aber wenn das hier die Letzte war", sagte er langsam, „und danach niemand mehr - dann ist die Sprache doch gestorben. Wo ist sie dann begraben? Wo ist ihr row?" Der Raum wurde still. Auch die Größeren sahen jetzt nicht mehr aus, als sei das eine dumme Frage.
Madlena hielt nichts vor. Sie sagte nur: „Ich zeig euch etwas." Und Silbe legte neben Marjas Stimme ein zweites Ding in die Mitte, kein Ton diesmal, sondern ein Blatt, vergilbt, mit einer strengen alten Druckschrift. Ein Zeugnis. Oben stand: Zeugnis der Grundschule, Schuljahr 1959/60. Darunter, in ordentlichen Kästchen, die Fächer und die Noten, und ganz oben die Kopfnoten - Betragen, Fleiß, Mitarbeit, Ordnung - von eins bis fünf. Und der Name des Kindes: Nowak, Marja. Klasse 2.
„Das ist dieselbe", sagte Hanzo tonlos. „Das ist Marja." Es rechnete sich leicht: das Kind auf dem Blatt war acht, die Frau auf dem Band achtundsechzig, und dazwischen lagen sechzig Jahre und ein einziges Leben. Beim Betragen stand eine Vier, und ganz unten, wo die Lehrerin von Hand geschrieben hatte, stand der Grund. Madlena las ihn vor, so wie er dastand: „Marja spricht im Unterricht trotz wiederholter Ermahnung wendische Mundart. Sie wurde zum Nachbleiben angehalten und hatte den Merksatz zwölfmal abzuschreiben." Darunter eine Zeile für die Unterschrift der Eltern, und daneben, mit anderem, ungelenkerem Stift, drei Kreuze statt eines Namens.
„Zwölfmal welchen Satz?", fragte Lubinka. Madlena drehte das Blatt, und auf der Rückseite standen sie noch, die zwölf Zeilen, eine unter der anderen, die Schrift des Kindes gegen Ende müde: In der Schule spreche ich deutsch. Zwölfmal. Eine Weile sagte niemand etwas. Dann ballte Wórša die Fäuste auf dem Tisch. „Haben sie sie geschlagen?", fragte sie, und ihre Stimme war zu laut für den Raum.
„Nein", sagte Madlena. „Schlagen durften sie nicht, damals schon nicht mehr. Aber sie musste am Rand stehen, wenn die anderen spielten, und den Satz schreiben, bis die Hand weh tat, und vor allen hören, dass das, was ihre mama am Fließ mit ihr redete, keine richtige Sprache sei, nur Mundart, etwas Kleines, das man ablegt, wenn man weiterkommen will." Sie hielt inne. „Die Lehrerin, die das schrieb, war kein böser Mensch. Sie glaubte, sie tue Marja etwas Gutes. Deutsch war die Sprache, mit der man aufs Gymnasium kam, in die Stadt, weg von den nassen Wiesen; wer beim Sorbischen blieb, den lachten sie aus und ließen ihn stehen. Sie wollte Marja das ersparen. Sie hat ihr dafür das genommen, was Marja am meisten liebte, und hielt es für Fürsorge."
„Mundart", sagte Hanzo, und das Wort schmeckte ihm sichtlich nicht. „Das ist keine Mundart. Das ist eine rěc. Eine Sprache." Er sah auf das Band und auf das Zeugnis, das nebeneinanderlag. „Sie haben sie klein genannt, damit sie klein wird. Das war die halbe Arbeit."
Madlena nickte. Sie sprach die Sprache selbst, den ganzen Tag, mit den Kindern, mit den Alten am Wasser, und es kostete sie jetzt Mühe, ruhig zu bleiben. „Meine eigene wowka hat als Kind bei Marja am Küchentisch gesessen", sagte sie, und sie zwang sich, es kurz zu machen. „Marja hat es zurückgegeben, Wort für Wort, an alle Kinder, die kommen wollten, und was ihr in der Schule verboten worden war, wurde die Schule selbst. So kam es in euren Mund." Mehr sagte sie nicht dazu. Sie sah die Kinder an und wartete.
Silbe spielte das Ende der Aufnahme. Marja war dort mit ihrer Erinnerung fertig, ihre Stimme wurde hell, und sie rief etwas ins Leere ihrer Küche hinein, wie man Kinder ruft, die zum Essen kommen sollen: „Pójźćo, źiśi." Kommt, Kinder. Zweihundertein Jahre alt, an niemanden gerichtet, in eine Zeit gesprochen, in der fast keiner mehr antwortete.
Wórša antwortete. Sie tat es, ohne zu überlegen, halblaut, wie man einer Alten am Steg zunickt: „Dobry źeń, Marja." Guten Tag. Und dann sagten es die anderen auch, einer nach dem anderen und schließlich zusammen, in der Sprache, für die ein Kind einmal zwölf Zeilen hatte abschreiben müssen, und niemand hielt sie zum Nachbleiben an, und niemand nannte es klein. Der Raum war voll davon.
Jakub sah lange auf das Band und auf das Zeugnis. „Da ist gar kein Grab", sagte er endlich, und er sagte es langsam, weil er es selbst erst begriff, während er sprach. „Man kann nichts begraben, das man noch sagen kann. Sie liegt in keinem row. Sie ist gerade in unserem Mund gewesen, alle miteinander." Er hob den Kopf, und in seinem Gesicht war nichts Trauriges mehr, nur etwas Aufrechtes. „Das ist der beste Ort für eine Stimme."
Silbe hätte es in jede Sprache legen können, jeden Satz, den Marja je gesprochen hatte. Sie tat es nicht. Sie spielte nur, ein letztes Mal, Marjas leises Lachen von vorhin, das über das Wasser und die Weiden, und die Kinder lachten mit, und diesmal wussten sie genau, warum.