2217: Nachhall - Wem der Regen gehört
In einer Anden-Gemeinde des Jahres 2217 soll eine Rechenaufgabe zeigen, wie viele Flaschen ein Dorfbrunnen ergibt, doch die Zahl wird so groß, dass sie die Übung sprengt. Die Lehrerin Wara legt ein Flaschenwasser-Etikett von 2026 neben die Wasserrechnung eines Dorfes, dessen Brunnen einst versiegte, während die KI Boee sich weigert, die Schuld auf eine einzige Firma zu verengen. Zwischen grünen Terrassen und einem Brunnen, der wieder läuft, ringen drei Kinder mit einer Frage, auf die auch die Erwachsenen keine glatte Antwort haben.
NachhallUmwelt und Klima
Qualität86
Utopiefaktor+88
„Und jetzt mal es mit den Tagen", sagte Tupac und schob die Zahl mit dem Finger über den Tisch, wo sie stehen blieb und leuchtete. „Dreitausend Flaschen. Nein. Dreitausendmal tausend. Warte."
Illari beugte sich über seine Schulter. Durch die offene Tür der Schule fielen die Terrassenfelder den Hang hinab, Stufe um Stufe, grün bis zum Grat, und weiter unten stand ein Quinoafeld schon in der Rispe, rot und golden, so dass es aussah, als hätte jemand Farbe über das Hochland gegossen. Das Dorf bestellte diese Terrassen gemeinsam, so wie es die Quelle gemeinsam hatte, und die Rispen gehörten dem, der sie schnitt, und dem, der sie aß, was nicht immer derselbe war. Ein paar Alpakas zogen quer über eine der oberen Terrassen, langsam, mit gesenkten Köpfen. Kein Zaun hielt sie, und keine Marke saß in ihren Ohren; sie gehörten keinem einzelnen Hof, sondern dem ganzen Tal, und wer ihre Wolle brauchte, holte sie zur Schur und trieb sie danach wieder hinauf.
„Fangt vorne an", sagte Wara. Sie stand nicht bei ihnen. Sie stand am Türrahmen, das Etikett in der Hand, und sah hinaus, nicht auf die Zahl. „Was hat Böe euch gesagt?"
Böe hatte die Fördermengen schon herausgesucht, ehe Wara danach fragte, und sie ruhig in die Runde gelegt, eine nach der anderen, wie man Steine auf einen Tisch legt, damit sie liegen bleiben und niemand sie wegreden kann. Die Anlage in dem Tal, sagte Böe, habe vor fast zwei Jahrhunderten eine Konzession über anderthalb Millionen Liter am Tag gehabt. Aus demselben Grundwasser, aus dem der Dorfbrunnen zwei Stunden Fußweg weiter oben lief. Der Brunnen habe an einem guten Tag zwanzigtausend Liter gegeben, für dreihundert Menschen. Die Anlage habe das Fünfundsiebzigfache genommen, jeden Tag, für Flaschen.
„Also", sagte Tupac. „Anderthalb Millionen Liter, in Flaschen zu einem halben Liter. Das sind drei Millionen Flaschen. An einem Tag." Er sah auf. „An einem Tag, Wara."
„Rechne weiter."
„Mal dreihundertfünfundsechzig." Er tippte, und die Ziffern klappten sich auseinander, wurden länger, schoben sich über den Rand des Tisches. „Über eine Milliarde. In einem Jahr." Er lachte, ein kurzes, ungläubiges Lachen, an der falschen Stelle, und hörte selbst sofort auf. „Und Böe sagt, die Anlage lief vierundzwanzig Jahre."
„Dann mal vierundzwanzig", sagte Nayra leise.
Tupac tat es. Die Zahl wuchs weiter, und irgendwo hörte sie auf, eine Zahl zu sein. Sechsundzwanzig Milliarden. Er sprach es aus, und das Wort füllte den Raum nicht, es fiel einfach hindurch. Man konnte dreitausend sehen. Man konnte, mit Mühe, drei Millionen ahnen, ein Fußballstadion voller Flaschen, hundertmal. Aber sechsundzwanzig Milliarden ließ sich nicht mehr denken. Die Aufgabe war, ehrlich gesagt, geplatzt. Sie hatte die Kinder finden lassen sollen, wie viele Flaschen ein Brunnen ergibt, und sie hatte eine Zahl ausgeworfen, die keiner mehr im Kopf halten konnte, und genau darin lag die Antwort. So viel Wasser war von hier weggefahren, in Lastwagen, den Berg hinunter, während oben der Brunnen fiel.
Illari schob den Tisch von sich. „Das kann nicht stimmen", sagte er. „Das ist ein Rechenfehler. Böe, prüf das nach."
„Es ist kein Fehler", sagte Böe, ohne Eile. „Ich habe die Konzessionsurkunde. Die Menge steht darin. Ihr könnt sie kleiner rechnen, aber sie wird nicht kleiner."
Wara kam vom Türrahmen herüber und legte das Etikett in die Mitte, wo eben noch die Zahl gestanden hatte. Es war eine halbe Literflasche, oder das Bild einer, glatt und blau, und darauf der Name einer Marke, die es damals auf jedem Kontinent gab, in jedem Bahnhof, an jeder Kasse. Aus geschützter Quelle, stand darauf. Reinste Natur. Und klein, unten, ein Preis: null Komma neunundsiebzig, in einer Währung, die niemand mehr benutzte.
„Das ist aus dem Jahr 2026", sagte Wara. „Hunderteinundneunzig Jahre alt. So etwas hat man nicht aufgehoben, weil es kostbar war. Man hat es weggeworfen, milliardenfach, und ausgerechnet deshalb liegen so viele davon in den Archiven." Sie sah in die Runde. „Neben das Etikett habe ich euch noch etwas gelegt."
Es war eine Rechnung. Eine Wasserrechnung, ausgestellt auf die Gemeinde, aus demselben Jahrzehnt, aus dem Dorf oben am Hang, dessen Brunnen versiegte. Sechs Fahrten des Tankwagens, stand darauf, je siebzig Bolivianos, zusammen vierhundertzwanzig Bolivianos, für einen einzigen Monat. Für Wasser, das man mit dem Lastwagen heraufbringen musste, weil der Brunnen leer war. Für Wasser, das oben, aus der eigenen Erde, jahrhundertelang nichts gekostet hatte.
Nayra sah lange auf beide Blätter, das Etikett und die Rechnung. Dann hob sie die Hand, nicht weil sie musste, sondern weil die Frage sie drückte.
„Wara", sagte sie. „Wie macht man das? Wasser zu Geld machen. Ich verstehe die Maschine nicht. Wie wird aus Wasser Geld?"
Einen Moment sagte niemand etwas. Illari kicherte, weil er es für einen Scherz hielt, und Nayra wurde rot.
„Das ist keine dumme Frage", sagte Wara scharf, und Illari hörte auf. „Es ist genau die richtige. Die Sprache von damals hat wirklich behauptet, man könne Wasser zu Geld machen, als wäre es Alchemie." Sie nahm das Etikett wieder auf und hielt es hoch. „Aber denk die Maschine zu Ende, Nayra. Was ging oben hinein, und was kam unten heraus?"
Nayra sah lange auf die blaue Flasche. „Oben Wasser", sagte sie langsam. „Und unten dasselbe Wasser. Nur mit einem Preis daran." Sie hob den Kopf. „Es hat sich gar nicht verändert. Es blieb Wasser. Nur wem es gehörte."
„Nur wem es gehörte", sagte Wara und legte das Etikett zurück in die Mitte.
„Und wem gehörte es dann", fragte Tupac. Seine Stimme war anders geworden, härter. „Welche Firma war das? Sag den Namen. Böe, du hast die Urkunde. Sag den Namen der Firma."
„Ich habe den Namen", sagte Böe.
„Dann sag ihn."
„Ich sage ihn dir, wenn du ihn brauchst. Aber du willst ihn aus dem falschen Grund." Böe ließ eine Pause, keine vorwurfsvolle, eher eine, in der sie überlegte, wie man einen Stein anders hinlegt. „Du willst einen einzigen Schuldigen, damit die Rechnung aufgeht wie die andere vorhin. Ein Name, und fertig. Aber die Firma hat nicht gestohlen. Sie hat gefördert, was ihr erlaubt war zu fördern. Anderthalb Millionen Liter am Tag, genau die Menge, die in der Urkunde stand. Die Urkunde hat ihr das Recht gegeben."
„Wer stellt so eine Urkunde aus?"
„Das ist die bessere Frage", sagte Böe. „Eine Behörde. Ein Amt, das Konzessionen verkaufte, weil es Geld brauchte und weil man ihm gesagt hatte, ein Werk im Tal bringe Arbeit und Fortschritt und Devisen aus dem Ausland. Die Leute, die unterschrieben haben, hielten sich nicht für Diebe. Sie hielten sich für Leute, die ihrer Region etwas bringen. Schaut, wer es erlaubt hat, nicht nur, wer gepumpt hat. Sonst nehmt ihr einen Namen mit nach Hause und lasst die Ordnung stehen, die hundert solcher Namen jederzeit nachliefern konnte."
„Was hat man ihnen denn gesagt", fragte Illari. „Denen im Amt. Du sagst, sie hielten sich für Leute, die etwas bringen. Was stand in der Urkunde?"
„Es stand daneben, in dem Papier, das man ihnen dazu vorlegte", sagte Böe. „Vierzig Arbeitsplätze im Werk. Eine Straße ins Tal, gepflastert, auf Kosten der Firma. Ein Beitrag zur Gesundheitsstation. Und eine Zahl, größer als alle vierzig Löhne zusammen, die das Amt jedes Jahr an Gebühren bekommen sollte." Böe wartete. „Das haben sie unterschrieben. Nicht das Sterben eines Brunnens zwei Stunden weiter oben. Das stand in keinem Papier. Der Brunnen gehörte niemandem, und was niemandem gehört, taucht in keiner Rechnung auf, bis er trocken ist."
„Und die vierzig Arbeitsplätze", sagte Tupac. „Gab es die?"
„Es gab sie. Eine Weile. Menschen aus dem Tal haben dort Flaschen auf Paletten gestapelt, ihr eigenes Wasser, und dafür Lohn bekommen, mit dem sie oben die Tankfahrten bezahlten, als der Brunnen fiel." Böe ließ es liegen. „Es ist kein einfaches Bild. Das ist der Grund, warum ich dir den Namen nicht als Erstes gebe."
Es wurde still. Tupac starrte auf die geplatzte Zahl, die längst verschwunden war, und man sah, dass ihm der einzelne Schuldige, den er gewollt hatte, unter den Händen zerfiel und etwas Größeres, Schwereres zurückließ.
Wara war wieder zur Tür gegangen. Sie tat das oft an diesem Vormittag, sie ging zur Tür und sah hinaus, und die Kinder merkten es, ohne es zu benennen.
„Das Dorf oben", sagte Illari vorsichtig. „Das mit der Rechnung. Woher kennst du das so genau?"
Wara antwortete nicht sofort. Von draußen kam ein Geräusch herein, das man in diesem Raum immer hörte, wenn man darauf achtete, ein feines, stetiges Rinnen, weil im Hof der Schule an einem Steinrohr das Wasser lief, Tag und Nacht, in ein Becken und über den Rand, und niemand drehte es ab, weil niemand es zählte und niemand dafür bezahlte. Es lief einfach, wie der Regen läuft.
„Weil ich von dort bin", sagte Wara. „Das ist mein Dorf. Diesen Brunnen meine ich, wenn ich Brunnen sage." Sie sah zu den Terrassen. „Meine Urgroßmutter war ein Kind, als er das erste Mal ganz versiegte. In dem trockensten Sommer. Sie hat mir erzählt, wie sie mit den anderen zum Fluss hinunter musste, drei Stunden, und das Wasser heraufschleppte, und wie es unten schon nicht mehr sauber war." Sie hielt inne. „In dem Sommer ist das Kind der Nachbarn gestorben. Ein Säugling. An dem Wasser, das sie holen mussten, weil das gute Wasser in Flaschen den Berg hinunterfuhr. Sie hat es mir einmal erzählt und danach nie wieder."
Keiner sagte etwas. Nayra hatte die Hände im Schoß und drückte sie zusammen. Illari, der eben noch gekichert hatte, sah zu Boden. Tupac fragte, sehr leise, ob das wirklich so gewesen sei, und Wara sagte nur ja, und dann ließ sie das Ja eine Weile stehen, ohne es zu überdecken.
„Aber der Brunnen läuft doch wieder", sagte Nayra schließlich, fast bittend. „Oder? Du sagst, du bist von dort."
„Er läuft wieder." Wara lächelte zum ersten Mal an diesem Morgen. „Kommt. Ihr müsst etwas sehen, dann versteht ihr es besser als aus jeder Urkunde."
Sie gingen nicht weit, nur hinaus in den Hof, zu dem Steinrohr, an dem das Wasser über den Beckenrand lief. Aber Wara ließ sie nicht trinken, sie ließ sie den Stein ansehen, in den das Rohr gesetzt war, einen alten Stein, den man aus dem Dorf oben hierher gebracht hatte, als die Schule gebaut wurde. In den Stein war etwas gemeißelt, verwittert, aber lesbar, und darunter eine Jahreszahl.
Tupac las es vor, langsam, weil die Buchstaben abgegriffen waren.
„Das Wasser gehört niemandem. Wo Durst ist, bleibt der Regen."
„Das steht auf dem Brunnen oben genauso", sagte Wara. „Es wurde eingemeißelt in dem Jahr, in dem die Gemeinden es erstritten haben. Dass Wasser niemandes Ware ist, sondern allen gehört und keinem, und dass nichts von hier weggeführt werden darf, solange hier einer dürstet." Damit war sie fertig, mehr sagte sie nicht dazu, sie ließ die drei Sätze am Stein stehen wie die Zahlen vorhin am Tisch.
Illari fuhr mit dem Finger über die Rille der Buchstaben. „Wo Durst ist, bleibt der Regen", wiederholte er. „Das ist kein schöner Spruch. Das ist ein Gesetz. Das heißt, wenn es oben zu wenig gibt, darf keiner es abfüllen und wegfahren. Erst der Durst hier, dann alles andere."
„Ja", sagte Böe, und in ihrer Stimme lag etwas, das fast wie Freude klang. „Genau das heißt es. Sie haben es nicht nur aufgeschrieben. Sie haben es in Stein gesetzt, damit man es nicht wieder wegverhandeln kann wie eine Konzession."
Nayra stand ein wenig abseits und sah nicht auf den Stein, sondern über den Hof hinaus, den Hang hinauf, wo die Terrassen grün in den Himmel stiegen und über dem Grat die ersten Wolken standen, dunkel und schwer, die Wolken, aus denen am Nachmittag der Regen kommen würde, der die Felder tränkte und den Brunnen füllte und über das Steinrohr in den Hof lief, ohne Preis, ohne Rechnung, ohne Namen.
„Aber der Regen", sagte sie, mehr zu den Wolken als zu den anderen. „Der Regen fällt ja nicht nur hier. Er zieht weiter. Er fällt auch dort, wo sie ihn abgefüllt haben, und dort, wo noch keiner einen Stein gesetzt hat." Sie drehte sich um, und ihr Gesicht war ganz offen. „Wem gehört denn der Regen, bevor er fällt? Und wem, wenn er zieht?"
Wara öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Böe sagte nichts. Über dem Grat schob sich die erste Wolke tiefer, und irgendwo weiter unten, wo man ihn nicht sah, aber hörte, wenn man darauf achtete, lief der Brunnen.