2215: Nachhall - Der Code ohne Wort
In einer Lernrunde am Hamburger Hafen liegt eine Krankschreibung von 2029 auf dem Tisch, deren Diagnose nur aus einem Code besteht, und daneben ein alter Zeitungsartikel, der eine ganze Krankheit als Mode verspottet. Zuerst findet die Klasse den Spott gar nicht so unvernünftig. Dann liest die Lehrerin den Artikel laut vor, und ein Junge erkennt darin eine vertraute Stimme.
NachhallGesundheit
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„Er hat doch nicht ganz unrecht", sagte Boje und schob den vergilbten Ausdruck über den Tisch, weg von sich, als brenne er ein wenig. „Guck ihn dir an. Damals war jeder depressiv. Der Bus kam zu spät, depressiv. Zwei Wochen Regen, depressiv. Wenn ein Wort für alles gilt, sagt es am Ende nichts mehr. Der Mann, der das geschrieben hat, macht bloß den Mund auf, den viele damals hatten."
Unter Bojes Socken war der Boden warm. Er war es immer, weil das Wasser der Tide durch die Röhren darunter lief und seine Wärme im Raum ließ, und die Schuhe standen paarweise an der Tür, wo man sie morgens abstreifte. Am Wandhahn tropfte kaltes Quellwasser in die flache Rinne, aus der man mit hohler Hand trank, wenn man Durst bekam. Es war früh. Draußen, über der Elbe, trugen die Stimmen der Frühschwimmer bis ans Glas, die um diese Zeit von der einen Uferstufe zur anderen hinüberkrault kamen und sich etwas zuriefen. Auf dem kühlen Fensterglas neben Wiebke sammelte sich ein feiner Beschlag, langsam, Tropfen um Tropfen, so wie er kam, wenn Dunst zuhörte und noch nichts sagte.
„Das ist nicht dasselbe", sagte Telse. „Er sorgt sich nicht um das Wort. Er macht sich lustig. Das ist ein Unterschied."
„Und wenn beides stimmt?", sagte Boje. „Er macht sich lustig, weil das Wort ausgeleiert war. Wo ist der Fehler?"
Wiebke saß dabei und mischte sich nicht ein. Sie hatte zwanzig Jahre Boote gebaut, ehe sie in die Lernrunden kam, und aus der Zeit war ihr ein Misstrauen gegen große Wörter geblieben; sie ließ die Klasse lieber gegeneinander laufen, als etwas von oben abzuräumen. Vor ihr lagen die beiden Dinge, die sie mitgebracht hatte. Das eine war eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung aus dem Jahr 2029, ein schmaler Vordruck mit Kästchen. Das andere war ein Zeitungsausschnitt von 2013, über zwei Spalten, mit einer Überschrift, die das Wort Modekrankheit trug wie einen Witz, den alle schon kannten.
„Hundertsechsundachtzig Jahre", sagte Fenja und rechnete es sich an den Fingern zusammen. „Der Zettel ist von 2029, wir haben 2215. Hundertsechsundachtzig."
Auf der Bescheinigung stand kein Krankheitsname. Da, wo man eine Krankheit erwartete, standen vier Zeichen in ein Kästchen gedruckt: F32.1. Sonst nichts. Ein Datum, sechs Wochen, eine Unterschrift, die aussah wie ein zerrissener Faden, und dieser Code. Boje hatte ihn zuerst für ein Aktenzeichen gehalten.
„Dunst", sagte Telse, „was heißt F32.1?"
Der Beschlag auf dem Glas wischte sich von innen frei, als hätte jemand die Hand flach darübergezogen, und in dem klaren Streifen kam Dunsts Stimme, ruhig, ohne Eile. „F32.1 ist ein Diagnoseschlüssel aus einem Verzeichnis, das damals galt. Er steht für eine mittelgradige depressive Episode. An der Stelle, wo auf dem Formular ein Wort hätte stehen können, stand der Schlüssel. Die Ausfertigung, die der Arbeitgeber bekam, trug nicht einmal den Schlüssel, sondern gar keine Diagnose. Nur, dass jemand nicht arbeiten konnte, und wie lange."
„Sinnvoll", sagte Boje sofort. „Geht ja keinen was an. Datenschutz."
„Es ging niemanden etwas an", sagte Dunst, „und deshalb kannte es auch niemand. Der Code stand für eine Krankheit, die man nicht aussprach. Andere Krankheiten schrieb man auf Zettel und legte sie hin. Diese kürzte man ab."
Boje zuckte die Schultern, aber er zog den Zettel nicht wieder zu sich. „Trotzdem", sagte er. „Das ändert nichts daran, dass das Wort überall herumlag. Der Journalist übertreibt, klar. Aber im Kern hat er einen Punkt. Es war aufgebauscht. Halb so wild wie behauptet."
Das war der Ton, der im Raum lag, und die meisten nickten dazu. Nicht böse. Vernünftig. Sie hörten die alte Verharmlosung und fanden sie maßvoll, weil sie klang wie Maß.
„Dunst", sagte Fenja, „war der Mann, der das geschrieben hat, einfach gemein?"
„Sag ihnen, was es hieß", sagte Wiebke, ehe Dunst anheben konnte. „Ob es klein war oder groß, finden sie allein."
Der Streifen im Beschlag blieb offen. „Wer damals eine solche Krankschreibung vorlegte, riskierte etwas", sagte Dunst. „Manche verloren die Stelle, wenn es bekannt wurde, nicht auf dem Papier, aber in den Fluren. Versicherungen fragten danach und lehnten ab. Es galt als weniger echt als ein Bruch, den man im Bild sehen konnte. Wer davon sprach, hörte oft, er solle sich nicht so anstellen. Also stellte man sich nicht so an. Man machte sich hart, und wer hart war, spottete manchmal über die, die es nicht schafften. Der Spott war für viele eine Art, nicht selbst gemeint zu sein." Dunst hielt inne, und der Streifen begann von den Rändern her wieder zuzulaufen, und mehr kam nicht.
„Lest ihr, oder soll ich?", fragte Wiebke, und weil keiner antwortete, nahm sie den Ausschnitt und las ihn vor. Ganz. Sie las ihn nicht wie ein Beweisstück, sondern wie man einen Brief liest, mit der Stimme, die dem Schreiber gehört. Sie las den Satz, in dem stand, die Leute sollten einfach mal aufstehen und arbeiten wie alle anderen. Sie las den Satz über die feine Gesellschaft, die sich ihre Traurigkeit zum Hobby mache. Sie las den letzten Satz, der fragte, ob man demnächst auch für schlechtes Wetter freibekomme, und in dem sich der ganze Artikel noch einmal ins Fäustchen lachte.
Als sie fertig war, war es still, aber nicht so still wie vorher. Vorher hatte die Stille zugestimmt. Jetzt saß etwas darin.
„Das klingt wie mein Urgroßvater", sagte Hauke. Leise, fast nur für sich. „Genau so hat Momme geredet."
Die Köpfe drehten sich. Hauke war rot geworden, nicht vor Zorn, sondern so, wie man rot wird, wenn man etwas gesagt hat, das wahrer ist, als man wollte.
„Momme war Hafenmann", sagte er. „Über hundert, als er starb, ich war klein, aber ich hab ihn noch. Er hat alles weggewischt. Wenn du dir wehgetan hast, hat er gesagt, das renkt sich ein. Wenn du geheult hast, hat er gesagt, nu mal nich so wehleidig. Wenn einer traurig war, hat er den Kopf geschüttelt und irgendwas gebrummt, ungefähr das da." Er zeigte auf den Ausschnitt in Wiebkes Hand. „Ich hab ihn gern gehabt. Und der Mann in der Zeitung redet wie er."
Boje sah auf seine Socken. Ihm dämmerte etwas, und es gefiel ihm nicht. Vor drei Minuten hatte er dem Mann in der Zeitung recht gegeben, und die halbe Runde mit ihm, und der Mann in der Zeitung redete wie Hauke Momme, und Hauke hatte Momme gern gehabt.
„Aber das ist ja das", sagte Hauke weiter, und jetzt kam es schneller aus ihm heraus. „Momme war nicht dumm. Momme hat es nur weggewischt, weil man es bei uns immer weggewischt hat. Er hatte eine Großmutter, Stine. Die hab ich natürlich nie gekannt, die ist lange vor ihm gestorben, jung. Bei uns hieß es immer, Stine sei nie richtig auf die Beine gekommen. Das war der Satz. Nie richtig auf die Beine gekommen. Als wär sie hingefallen und liegengeblieben."
Er atmete einmal durch. Keiner half ihm.
„Sie hat sich das Leben genommen", sagte er. „Das hat mir Momme erst gesagt, als ich schon größer war, und auch da nur einmal, und dann nie wieder. Hundert Jahre lang hatte die Familie einen Code für Stine, so wie das Formular hier einen Code hat. Nie richtig auf die Beine gekommen. F32 Punkt irgendwas. Kein Wort dafür, dass sie krank war und keiner ihr geholfen hat, weil man nicht half bei sowas, weil man nicht mal wusste, dass es das gab, weil es hieß, sowas gibt es nicht wirklich."
Die Rinne unter dem Wandhahn tropfte weiter, das war jetzt das Lauteste im Raum.
„Und Momme", sagte Fenja vorsichtig, „hat der auch nur weggewischt?"
„Nein", sagte Hauke. „Das ist es ja. Er hat weggewischt und geredet wie der da, sein Leben lang, und trotzdem ist er jeden Donnerstag ins Offene Haus am Zollkanal gegangen, jahrzehntelang, obwohl es ihm gutging. Einfach hin, sich hinsetzen, mit jemandem reden. Und uns Kindern hat er gesagt, wir sollen da hingehen, wenn es mal dunkel wird, sofort, keine Anmeldung, kein Zettel, keiner fragt euch, warum. Er hat gesagt, für Stine hätte es das nicht gegeben, und darum gebe es das jetzt für uns." Hauke sah in die Runde. „Drei Sätze. Mehr hat er nie gesagt. Aber die hat er oft gesagt."
„Das Offene Haus", sagte Dunst, und der Beschlag klärte sich wieder, „ist der geläufige Name für die niedrigschwelligen Anlaufstellen, die aus der Gleichstellung hervorgingen. Der Beschluss, der die Seele der Haut gleichstellte, hieß so, weil er seelische und körperliche Krankheit rechtlich, in der Versorgung und in der Zeit, die man dafür bekam, endlich gleich behandelte. Vorher wartete man auf einen Behandlungsplatz oft ein halbes Jahr, während man auf einen für den Körper Tage wartete. Nach der Gleichstellung ging man zur Seele so, wie man zum Arm ging. Ohne Überweisung. Ohne dass jemand es Schwäche nannte."
Boje hatte den ganzen Weg über nichts gesagt. Jetzt schob er den Zettel mit dem Code nicht mehr weg, sondern zog ihn zu sich heran und sah ihn lange an, als könnte er die vier Zeichen dazu bringen, das Wort auszuspucken, das sie verschluckt hatten.
„Vorhin", sagte er, und seine Stimme war nicht ganz fest, „vorhin fand ich, er hat recht. Der in der Zeitung. Ich hab hier gesessen und gedacht, na ja, war halt übertrieben, ausgeleiert, halb so wild. Ich hab genickt." Er sah auf. „Und das Schlimmste ist nicht, dass ich unrecht hatte. Das Schlimmste ist, dass es sich vernünftig angehört hat. Ich hab nicht mal gemerkt, dass ich rede wie Hauke sein Momme, bevor er es weggewischt hat."
Niemand widersprach ihm, und das war die Antwort.
„Es hört sich immer vernünftig an", sagte Telse nach einer Weile, langsam. „Das ist der Trick. Nicht dass es gemein klingt. Dass es klingt wie Maß halten."
Wiebke legte den Ausschnitt wieder hin, neben den Code, die beiden nebeneinander, der laute Spott und das leise Kästchen, und beide sagten dasselbe, das begriffen jetzt alle, nur auf zwei verschiedene Arten. Sie sagte nichts dazu. Sie hatte nie viel gesagt, das war ihre Art, und heute war es genug gewesen, die Klasse gegen sich selbst laufen zu lassen.
„Ich möchte den Artikel behalten", sagte Boje. „Nicht zum Auslachen. Sondern damit ich weiß, wie er sich anfühlt, wenn man ihm gerade recht gibt. Von innen. Ich hab es vergessen gehabt, dass das geht, so schnell."
Draußen schob die Tide unter dem Boden zurück, und die Wärme darin wurde eine Spur schwächer, wie sie es tat, wenn das Wasser fiel. Hauke zog die Socken enger und sagte, er gehe nachher am Zollkanal vorbei, das Haus stehe noch, er habe es lange nicht angesehen. Fenja sagte, sie komme mit. Dann standen sie auf und holten ihre Schuhe von der Tür, und Boje faltete den Ausschnitt einmal, sorgfältig, an einer anderen Stelle als der alten Knickfalte, damit der Riss nicht tiefer wurde.