2212: Nachhall - Zwei Hände Erde
Eine Lehrerin führt ihre Klasse hinaus auf die Streifen der Börde, wo sie eine alte Ertragstabelle und ein zweihundert Jahre altes Glas mit Erde dabeihat. Neben der frischen Krume unter ihren Füßen soll die Probe von damals erzählen, warum ein Feld immer weniger gab, je mehr man hineinschüttete. Es sind nicht die Zahlen, die die Kinder erreichen, sondern etwas, das man nur mit der Nase begreift.
NachhallErnaehrung und Landwirtschaft
Qualität89
Utopiefaktor+90
Almut kniete im Rain zwischen zwei Streifen und zerrieb einen Brocken Erde zwischen den Fingern, bis er in kleine, runde Krümel zerfiel, die von selbst auseinandersprangen. „Die Hand auf", sagte sie, und Merle hielt sie hin, und Almut ließ die dunkle Krume hineinrieseln. „Riech."
Merle roch. Es roch nach dem kühlen Keller, in dem die Rüben lagen, nach Regen, der auf warmen Stein fällt, nach etwas, das man nicht benennen kann und trotzdem sein Leben lang wiedererkennt. Sie sagte nichts, weil man das nicht in Worte fasst, wenn man elf ist und die Sonne schon hoch steht.
Sie waren zu vierzehnt an diesem Morgen aus dem Dorf herausgekommen, den festgetretenen Weg an der Gemeinschaftsdarre vorbei, aus deren offener Halle der warme, süßliche Geruch trocknender Gerste zog, so dicht, dass man ihn noch drei Feldbreiten weiter im Mund hatte. In der Werkstatt hatten die Größeren am frühen Morgen die Holzgriffe der Bohrstöcke neu geleimt, und Enno trug sie jetzt gebündelt über der Schulter wie ein Bündel Speere. Vor ihnen lag das Bördeland in Bändern: ein schmaler Streifen Wintergerste, daneben ein Streifen Ackerbohne, die schon Schoten trug, dann Leindotter mit seinen winzigen gelben Sternen, dazwischen die Blühstreifen, in denen es leise summte. Almut wusste, welcher Streifen im nächsten Jahr Hafer sein würde und welcher ruhen und Klee tragen sollte; sie wusste es, wie man weiß, in welche Richtung ein bekanntes Gesicht sich dreht.
„Wer arbeitet, holt sich eine Hacke", sagte sie und deutete mit dem Kinn zur Feldscheune aus gestampftem Lehm am Wegende, in der die Geräte an einer langen Leiste hingen, geölt und beschriftet und für jeden greifbar, der herkam und die Strecke zwischen den Reihen sauber halten wollte. „Aber heute arbeiten wir nicht. Heute riechen wir."
Am Feldrand köchelte in einem bauchigen Topf über einem Wärmestein der Ackerbohneneintopf für den Mittag, und sein Duft mischte sich in alles, was sonst noch roch, in Gras und Löss und in den warmen Staub des Weges. Auf dem Handkarren, den Kalle gezogen hatte, stand Krume.
Krume war ein gedrungenes Ding aus geöltem Holz und Glas, kaum größer als der Eimer daneben, mit einer feinen Messingblende an der Vorderseite, durch die es die Luft zog, und einer schlanken Sonde aus Stahl, die es in den Boden senken konnte. Es war ihre Feldkundige, seit die Klasse denken konnte; es kannte jeden Halm, jedes Krabbeltier, jeden Stein bei Namen und nannte ihn, wenn man fragte, ruhig und genau. Jetzt stand es still auf dem Karren und wärmte sich in der Sonne wie sie alle.
Almut zog zwei Dinge aus der Kiste. Das eine war ein Faksimile, ein steifes Blatt, auf das man eine Tabelle gedruckt hatte, die einmal wirklich existiert hatte: Ertrag eines Feldes, Jahr für Jahr, von 2005 bis 2030. „Dieses Feld", sagte sie und tippte auf die Erde unter sich. „Genau hier. Vor zweihundert Jahren." Sie ließ das Blatt herumgehen. „Lest die Spalten."
Till las laut, weil Till immer laut las. „Weizen, Tonnen je Hektar." Er fuhr mit dem Finger die Reihe hinunter. „Achteinhalb. Acht. Achteinhalb. Sieben Komma neun. Sieben Komma vier." Er runzelte die Stirn. „Das wird ja weniger." Dann fuhr sein Finger die andere Spalte hinauf. „Und Dünger, Stickstoff, Kilo je Hektar. Hundertachtzig. Zweihundert. Zweihundertzwanzig. Zweihundertvierzig." Er sah auf. „Die haben mehr und mehr reingekippt, und es kam weniger und weniger raus."
„Ja", sagte Almut.
Till zuckte die Schultern, so wie man mit den Schultern zuckt, wenn eine Sache offensichtlich ist. „Dann pflanzt man eben was anderes. Wenn der Weizen nicht mag, macht man Bohnen. Oder lässt es ein Jahr. Das ist doch kein Problem." Er gab das Blatt weiter. „Die waren einfach stur."
Ein paar nickten. Es klang vernünftig. Wiebke sagte: „Vielleicht mochten sie den Weizen halt", und Bosse lachte, und für einen Moment war es nur eine Geschichte von Leuten, die etwas Falsches taten, obwohl das Richtige danebenlag und man nur hätte hinübergreifen müssen.
Almut hörte ihnen zu und griff nicht ein. Sie liebte diesen Boden zu sehr, um ihn zu erklären; sie hatte gelernt, dass eine Zahl, die man einem Kind vorsetzt, dort liegen bleibt wie ein Stein im Gras, und dass Erklären das Gegenteil von Verstehen sein kann. Sie ließ die Tabelle wandern, bis sie bei ihr wieder ankam, und legte sie mit der bedruckten Seite nach unten ins Gras.
„Bohr mir zehn Zentimeter", sagte sie zu Enno, und Enno setzte den Bohrstock in den Streifen, drehte, zog, und brachte einen Kern heraus, dunkel bis fast schwarz, feucht, von feinen weißen Wurzelfäden durchzogen. Almut zerbrach ihn auf der flachen Hand. „Das ist heute. Das lebt." Sie ließ jeden ein Stück nehmen. „Und das" - sie holte das zweite Ding aus der Kiste - „ist von damals."
Es war ein Glas, verschlossen mit einem Deckel aus geschwärztem Metall, und auf dem verblichenen Etikett stand ein Ort, den es noch gab, und eine Jahreszahl aus der Zeit der Tabelle. Die Erde darin sah aus wie Erde. Grau-braun, trocken, in harten kleinen Klumpen, die nicht zerfielen. Ein Archiv hatte sie zwei Jahrhunderte lang aufgehoben, weil jemand geahnt hatte, dass man sie einmal würde brauchen können.
„Ich mache es auf", sagte Almut. „Und dann riecht ihr beide. Das aus dem Bohrstock und das aus dem Glas. Und dann sagt ihr mir, was der Unterschied ist. Nicht warum. Nur was."
Sie drehte den Deckel. Er ging schwer, und dann gab er nach, mit einem kleinen, trockenen Laut.
Auf dem Karren senkte Krume, ohne dass jemand es hieß, seine Sonde in Ennos Bohrkern, hob sie, führte sie an das offene Glas, und die Messingblende an seiner Vorderseite arbeitete, zog Luft, einmal von hier, einmal von dort. Dann hörte Krume auf. Es sagte nichts. Es wurde ganz still, so still, dass Merle den Kopf danach drehte, und in dieser Stille lag etwas, das keiner von ihnen an dem sonst so redseligen Ding kannte: Es staunte. Es staunte genau wie sie, im selben Augenblick, an derselben Sache, und weil es nicht sagte, was es fand, mussten sie selbst finden.
Merle roch zuerst an der frischen Krume in ihrer Hand. Keller, Regen, das Atmende. Dann beugte sie sich über das Glas.
Sie fuhr zurück. Nicht weit, nur ein Ruck des Kopfes, aber alle sahen es. „Das", sagte sie, und dann fehlten ihr die Worte, und sie roch noch einmal, vorsichtiger. „Das riecht nach nichts."
„Lass mich", sagte Bosse, und der Reihe nach beugten sie sich über das Glas, und der Reihe nach zog jeder das Gesicht zusammen. Hanne sagte, es rieche nach der Innenseite einer leeren Blechdose. Enno sagte, nach Kreide, nach kaltem Staub. Wiebke sagte gar nichts, sie schüttelte nur den Kopf und gab das Glas weiter. Und Till, der zuletzt roch, weil er sich seiner Sache so sicher gewesen war, hielt die Nase lange darüber, als warte er darauf, dass doch noch etwas käme, dass es nur ein Trick sei, und dann richtete er sich auf, und das laute an ihm war weg.
„Warum riecht Erde überhaupt?", fragte Merle leise, mehr sich selbst als die anderen. „Warum riecht die in meiner Hand, und die im Glas nicht?"
Sie sahen zu Krume. Und Krume, das gewartet hatte, bis die Frage von selbst kam, hob an und erklärte, ruhig und genau, wie es alles erklärte. Der Geruch der lebendigen Krume, sagte es, komme nicht von der Erde selbst, sondern von dem, was in ihr wohne: von winzigen Fadenbakterien, die einen Stoff ausatmen, den die Nase schon in kleinsten Spuren fange, und von den Pilzgeflechten, die den Boden durchzögen wie ein Netz, und von den Wurzeln und den Regenwürmern und den Millionen Wesen in einer einzigen Handvoll. Ein lebendiger Boden rieche, weil er atme. Die Krume falle in diese runden Krümel, weil all das Leben sie zusammenklebe und locker halte zugleich, so dass Luft und Wasser hindurchkämen.
Und die Probe im Glas, sagte Krume, und es sagte es nicht härter als das andere, aber es sagte es. In der Probe im Glas sei fast kein Kohlenstoff mehr, kaum Humus, kaum Wurzelrest, kaum etwas, wovon die Fadenbakterien und die Pilze hätten leben können. Was darin sei, seien mineralische Reste, Salze, die Jahr um Jahr über sie gekommen seien, viel mehr, als der Boden habe binden können, und ein Boden ohne das Netz aus Leben verliere seine Krümel, presse sich zusammen zu diesen harten Klumpen, in die keine Luft mehr komme. Darum falle sie nicht auseinander. Darum rieche sie nach nichts. Es sei nicht Erde, die man vergiftet habe. Es sei Erde, die verhungert sei, während man sie fütterte.
Eine Weile sagte niemand etwas. Die Blühstreifen summten. Vom Wärmestein zog der Duft des Eintopfs herüber.
Almut hockte sich zwischen sie und nahm das offene Glas und hielt es Till hin, nicht als Vorwurf, nur damit er es noch einmal in der Hand hätte. „Du hast gesagt, dann pflanzt man eben was anderes", sagte sie. „Das haben viele damals auch gesagt. Und du hast recht, es wäre so einfach gewesen. Aber wem gehörte das Feld?"
Till dachte nach. „Dem, der es bepflanzt hat?"
„Selten", sagte Almut. „Meistens hatten sie es nur gepachtet. Und die Pacht hier lief immer nur über drei Jahre, und was in den drei Jahren zu wachsen hatte, stand oft im Vertrag, weil eine Fabrik am Ende des Kreises die Ware brauchte und im Voraus bestellte. Wer ein Feld nur drei Jahre hat, gibt ihm nichts zurück. Er nimmt, was in drei Jahren zu holen ist, und schüttet nach, wenn es weniger wird, weil das billiger ist als warten. Klee, der ein Jahr lang nur Stickstoff sammelt und nichts einbringt - dafür ist keine Zeit, wenn man das Feld im vierten Jahr wieder abgeben muss." Sie legte ihm die harte, graue Krume in die offene Hand. „Es war kein Starrsinn. Es war die Uhr. Sie haben nicht das Falsche gewollt. Sie durften nur nicht so lange denken, wie ein Boden braucht."
Merle hatte die ganze Zeit die frische Erde in der einen Hand behalten und roch jetzt wieder daran, und dann am Glas, und dann wieder an ihrer Hand, hin und her, als lerne sie eine Sprache aus zwei Wörtern. „Die Zahlen auf dem Blatt", sagte sie langsam. „Das war gar nicht der Weizen, der weniger wurde." Sie hielt das Glas hoch, ins Licht. „Das war der hier. Der ist jedes Jahr ein bisschen stiller geworden, und einer hat es aufgeschrieben. Und keiner hat gerochen, dass er aufhört zu atmen, weil keiner mehr die Hand hineingehalten hat." Sie ließ die frische Krume langsam durch die Finger rieseln, so wie Almut es am Anfang getan hatte, und die kleinen runden Krümel sprangen auseinander und fielen zurück in ihren Streifen. „Man kann Erde totfüttern. Und es riecht nach nichts, und deshalb merkt es niemand."
Sie hoben das Glas zurück in die Kiste, und Almut sagte, mehr zum Karren als zu ihnen, dass die Böden hier seit dem Ende der Dreijahrespachten - einundsiebzig war das, und damals wurde Fruchtwechsel und Humusaufbau zur Regel - keine zwei Menschenleben gebraucht hätten, um wieder so zu riechen wie die Krume in Merles Hand. Dann drehte sie den Deckel wieder zu, und der kleine trockene Laut war jetzt umgekehrt, ein Schließen.
Sie aßen am Feldrand, den Eintopf aus tiefen Schalen, und Krume stand auf dem Karren und wärmte sich, und niemand fragte es etwas, weil es gerade nichts zu fragen gab. Till saß neben Merle und roch, ganz für sich, noch einmal an seinen Fingern, an denen ein Rest der grauen Krume klebte, und wischte ihn dann am Gras ab, wo die lebendige war, und sah zu, wie das eine im anderen verschwand.
Auf dem Rückweg, an der Darre vorbei, in dem warmen Gerstenduft, ging Merle dicht neben Almut. „Riechst du es jeden Tag?", fragte sie. „Wenn du hier langgehst?"
„Jeden Tag", sagte Almut. „Ich rieche es, seit ich so klein war wie du."
Merle nickte und sagte nichts mehr, aber sie hielt die Nase ein wenig höher als sonst, den ganzen Weg zurück ins Dorf, und atmete, als zähle jeder Atemzug etwas, das man hätte verlieren können und nicht verloren hatte.