2210: Nachhall - Die Handschrift des Jungen
Ein hundertdreijähriger Mann im Norden zeigt einem jungen Verwandten zwei Dinge, die sechs Geschlechter lang in einer Blechdose lagen: eine UN-Karte von 2031 und ein dünnes Schulheft. Er erzählt von einem Kind, das in der Nacht über eine Grenze getragen wurde, die es heute nicht mehr gibt, und das in ein Dorf zurückkam, das die Tür vor ihm verriegelte. Dann stellt der junge Mann eine Frage, und der Alte hört auf zu reden.
NachhallKrieg und Frieden
Qualität93
Utopiefaktor+88
Ich war zwanzig in jenem Jahr, in der zweiten Regenzeit des Jahres 2210, und ich hielt mich für jemanden, der die Angst der alten Zeit begriffen hatte. Ich hatte die Aufzeichnungen gesehen, die Bilder, die Namen der Toten, so viele, wie man sie nur aus jener Epoche hat. Ich begriff nichts. Ich weiß das erst, seit ein hundertdreijähriger Mann in einem kleinen Raum mitten in einem Satz aufhörte zu sprechen und nicht wieder anfing.
Okot war der Älteste, den unsere Familie hatte, und er war noch ganz bei sich, die Hände ruhig genug, um eine Dose zu öffnen, der Blick klar. Ein Mensch von hundertdrei Jahren, gepflegt und gut, ohne Mangel und ohne Furcht vor dem Alter, war bei uns nichts Besonderes mehr; er saß in seinem Gehöft bei Kitgum, wie die Alten immer gesessen hatten, nur dass ihn nichts mehr drückte. Ich war zu Fuß gekommen. Ein Stück des Wegs führte über die alte Linie im Norden, wo einmal ein Zaun gestanden hatte und Männer mit Papieren; jetzt ging man einfach hindurch, dorthin, was früher ein anderes Land gewesen war, und niemand fragte einen nach dem Namen. Am Rand des Gehöfts stand der gemeinsame Speicher, offen, und wer Hirse brauchte oder Erdnüsse oder Öl, nahm sich, ohne dass jemand zählte, ohne dass jemand zahlte.
Okot tat das alle paar Jahre. Er nahm sich einen der Jungen oder eines der Mädchen vor, wenn wir alt genug waren, und holte die Blechdose. Ich wusste, dass es sie gab. Ich wusste nicht, was drin war.
Das Licht in seinem Raum stand von selbst, warm, ohne Draht und ohne Zähler und ohne Rechnung, so wie draußen der Tag steht. Darin öffnete er die Dose und legte zwei Dinge vor mich hin. Das eine war eine Karte aus steifem Papier, laminiert, an den Ecken blind geworden. Ein Passbild, ein Junge, vielleicht zwölf, ein schmales Gesicht, das in die Kamera sah, als wäre die Kamera eine weitere Sache, die ihm etwas nehmen wollte. Eine Nummer. Das Zeichen der Vereinten Nationen. Ein Datum, 2031. Und, in Englisch gedruckt und darunter gestempelt, die zwei Worte, um die sich alles drehte: former combatant, minor. Ehemaliger Kombattant, minderjährig.
Das andere war ein Schulheft. Dünn, liniert, ein Umschlag aus blauem Papier, weich vom Alter. Auf dem Umschlag ein Stempel der Stelle, die es ausgegeben hatte, einer Auffangstelle, wie es sie damals gab, wo man die Kinder aufnahm, die zurückkamen.
„Er war unser Blut", sagte Okot. „Sechs Geschlechter zurück. Meine Großmutter hatte die Dose von ihrer, und die von ihrer. Sie hieß es nie Erbe. Sie hieß es: ihn nicht noch einmal fortlassen." Er strich mit dem Daumen über den blauen Umschlag, ganz sacht. „Komakech. So haben sie ihn genannt. Das heißt, ich bin unter schlechten Zeichen geboren. Er kam in einem Krieg zur Welt, den keiner mehr benennen kann, so viele waren es damals."
Er erzählte es, wie man etwas erzählt, das man tausendmal im Mund gehabt hat und das trotzdem jedes Mal frisch schneidet. Sie holten Komakech in der Nacht. Sie kamen über die Grenze, die dort im Norden verlief, dieselbe, über die ich am Morgen einfach hinweggegangen war, und sie trugen ihn und andere Kinder auf die andere Seite. Er war neun. Was in den drei Jahren dazwischen geschah, sagte Okot nicht in einem Zug. Sie machten aus ihm erst ein Werkzeug, das trug und schleppte, dann eine Waffe. Sie sorgten dafür, dass er in seinem ersten Dorf etwas tat, das ihn band, damit er nicht mehr zurückkonnte, damit das Dorf für ihn verschlossen war und nur sie ihm blieben. An dieser Stelle hielt Okot inne, lange, und ich hörte ihn atmen, und er zählte nicht auf, was der Junge getan hatte. Er sagte nur: „Man hat es Kindern angetan, damit die Kinder es weitertrugen. Das war der Plan darin. Es hatte einen Plan."
Mit zwölf kam Komakech zurück. Nicht heim, sagte Okot; zurück. Die Soldaten der Regierung hatten ihn aufgegriffen und der Auffangstelle übergeben, und von dort brachte man ihn in sein Dorf. Und das Dorf verriegelte die Türen. Sie hatten ihre eigenen Toten begraben, nach den Überfällen, sie kannten die leeren Betten, und nun stand da einer, den sie als kleinen Jungen gekannt hatten, einen Kopf größer jetzt, mit Augen, die zu viel gesehen hatten. Die Mütter zogen die Kinder herein, wenn er über den Weg kam. Sie sprachen von cen, von den Geistern der Getöteten, die einer wie er mit sich schleppe, und keiner wollte diese Geister unter seinem Dach. Wochenlang schlief Komakech am Rand des Gehöfts, draußen, und seine eigene Mutter, sagte Okot, seine eigene Mutter brachte ihm das Essen und blieb dabei drei Schritte stehen. „Drei Schritte", sagte Okot, und das war der Punkt, an dem seine Stimme das erste Mal nicht mehr trug.
Ich saß da und wusste nicht, wohin mit mir. Ich merkte, wie ich nach etwas griff, das nicht da war. Mein Leben lang war immer jemand in Reichweite gewesen, eine Person aus Licht und Rechnen, die in einem schweren Augenblick etwas Ruhiges sagte, die einordnete, die den Boden wieder fest machte. Okot hatte niemanden von ihnen gebeten, dabei zu sein. Das tat er nie, wenn er die Dose holte. In dem Raum war nur ein sehr alter Mensch und ich, und die Stille zwischen uns war nackt, ganz und gar menschlich, und niemand würde sie mir erklären.
„Und was hat ihn dann gerettet?", fragte ich, und ich wollte hören, dass jemand ihm verzieh.
„Nichts hat ihn gerettet", sagte Okot. „Man hat ihn gehalten. Das ist etwas anderes." Er legte den Finger auf die Karte, auf das Datum. „Die Welt hatte es da längst überall zum Verbrechen gemacht, aus Kindern Soldaten zu machen; das war der leichtere Teil, der war schon errungen. Der schwere Teil war, dass die Leute von der Auffangstelle aufgehört hatten, das Dorf um Vergebung für ihn zu bitten. Sie bauten stattdessen etwas: diese Karte, die ihn ein Kind nannte und kein Ungeheuer, ein Bett, das jede Nacht dasselbe war, und eine Schule, die ihn am Morgen erwartete und am Morgen darauf wieder."
Er schob mir das Heft hin, ließ es aber noch zu. „Er ging hin. Er saß dort, unter Kindern, die Angst vor ihm hatten. Und am nächsten Tag ging er wieder hin, und am Tag darauf. Es hob sich nichts, weil einer ihm verzieh. Es wurde dünn, weil die Tage sich wiederholten und nichts geschah. Weil er jeden Morgen da war und jeden Abend ging und niemandem etwas tat. Das dauerte Jahre. Aber es hielt."
Ich sah die Karte an, das schmale Gesicht, die zwei Worte. Combatant. Minor. Und in mir schob sich das erste Wort vor das zweite. Ich dachte an die Türen, die sie verriegelten, an die Mütter, die ihre Kinder hereinzogen, und ich merkte, wie ich sie verstand, wie ich mich neben sie stellte, wie ich dachte, an ihrer Stelle hätte ich auch nicht gewusst, was in ihm steckte. Und ich stellte die Frage, die aus dieser Stelle kam.
„Aber hatten sie nicht recht, Großvater?", sagte ich. „Die im Dorf. Sie konnten ja nicht wissen, was er getan hatte, was noch in ihm war. Ihre Angst war doch begründet."
Okot sah mich an. Er sagte nichts. Ich wartete darauf, dass er widersprach, dass er einordnete, und noch während ich wartete, griff etwas in mir wieder nach der Stimme aus Licht, die hier nicht war und die mir gesagt hätte, ob ich eben etwas Schlimmes gesagt hatte. Sie kam nicht. Es kam gar nichts. Okot schloss den Mund und die Stille dehnte sich, und sie war lauter als alles, was er erzählt hatte.
Dann, nach sehr langer Zeit, nahm er das Heft und schlug es auf. Nicht am Anfang. Mitten drin, an einer Seite, die er ohne Suchen fand, weil er sie kannte. Und er drehte das Heft zu mir und legte seinen alten Finger unter die erste Zeile.
Da stand ein Name, in großen, ungelenken Buchstaben, wieder und wieder, eine ganze Seite lang. Komakech. Komakech. Komakech. Die Hand eines Kindes, das mit zwölf noch einmal von vorn lernte, seinen eigenen Namen zu schreiben, weil die drei Jahre ihm auch das genommen hatten. Manche Buchstaben verrutschten, manche waren zu groß geraten, einer war durchgestrichen und daneben noch einmal versucht. Es war die sorgfältigste, mühsamste, kindlichste Schrift, die ich je gesehen hatte. Und Okot sagte kein Wort, und er musste keins sagen.
Ich hatte gefragt, ob die Angst begründet war. Vor mir lag die Antwort in der Handschrift eines Kindes, und die Antwort machte mir nicht Angst. Sie machte mir etwas anderes.
Ich hatte, für die Länge einer einzigen Frage, die letzte Tür in einer langen Reihe von Türen zugezogen. Ich, in einem warmen Raum, hundertneunundsiebzig Jahre danach, mit einem Speicher voll Hirse am Wegrand und keiner Grenze mehr im Norden und nichts, gar nichts, das mir hätte geschehen können. Die im Dorf hatten ihre Toten begraben, sie hatten in echter Furcht gelebt, sie hatten Gräber gehabt und Grund. Ich hatte nichts gehabt. Kein Grab, keinen Überfall, keine Kinder, die ich hätte hereinziehen müssen. Und ich hatte trotzdem nach der Angst gegriffen, weil sie das Billigste ist, was ein Mensch fühlen kann, weil man sie umsonst bekommt und weil sie sich anfühlt wie Klugheit. Der Junge hatte seine ganze Kindheit lang gefürchtet werden müssen, erst als Waffe und dann als Nachbar. Und ich hatte es, am Küchentisch, ein weiteres Mal getan.
Ich stellte keine zweite Frage. Ich sagte nur: „Zeig mir, wie er es geschrieben hat. Ich will es so schreiben lernen." Okot atmete aus, ein langes Ausatmen, und er nahm die alte Hand nicht von der Seite. Nach einer Weile nickte er, und wir saßen noch lange so, und er erzählte nicht weiter, und das war richtig. Manche Dinge erzählt man nicht zu Ende. Man bleibt einfach sitzen, damit die Stelle nicht wieder allein ist.
Okot ist seither gestorben, alt und satt und umgeben. Die Dose ist bei mir. Ich habe gelernt, Komakech zu schreiben, wie der Junge ihn geschrieben hat, mit dem zu großen K und dem durchgestrichenen Versuch, und manchmal schreibe ich den Namen, ohne dass ich müsste, so wie er ihn geschrieben hat, ohne dass er musste, nur damit er dasteht. Ich fürchte mich noch immer manchmal zu leicht; es ist noch immer das Billigste, was ich fühlen kann, und ich ertappe mich noch dabei. Aber dann sehe ich die Handschrift, und ich höre die Stille, in der ein alter Mann aufhörte zu reden, und ich weiß wieder, welches der beiden Worte auf der Karte man zuerst lesen muss. Ich habe es teuer gelernt, für den Preis einer Frage. Die im Dorf haben Jahre gebraucht. Der Junge hat sie ihnen gegeben, jeden Morgen einen Tag lang, bis es hielt.