2077: Auf eigene Weise
In einem Wohnhof in Rotterdam lebt Bram, der die Welt schärfer und lauter erlebt als die meisten und mit Worten in der Luft nicht zurechtkommt. Eine KI namens Lotse übersetzt zwischen seiner Wahrnehmung und der seiner Nachbarn, doch übersetzen ist nicht halten. Eine Geschichte darüber, dass nicht der Mensch sich der Welt anpassen muss, sondern manchmal die Welt sich ihm, und dass Verbindung etwas ist, das man einander schenkt, nicht abverlangt.
EinzelgeschichteBehinderung
Qualität85
Utopiefaktor+55
Der Dienstagmarkt unter Brams Fenster fing um halb sieben an, und Bram wusste das nicht aus dem Kalender, sondern aus dem ersten Quietschen eines Handwagens über das Kopfsteinpflaster, das durch seinen ganzen Körper fuhr wie ein Strich über Glas. Er saß dann schon am Fenster, die Stirn fast an der Scheibe, und sah zu, wie der Hof sich füllte - die Markthändler, die ihre Stände aufbauten, die ersten Käufer, die Tauben, die immer in derselben Reihenfolge auf demselben Sims landeten, erst die mit dem weißen Flügel, dann die graue, dann die anderen. Diese Reihenfolge war wichtig. Wenn sie stimmte, war der Tag in Ordnung. Heute stimmte sie.
„Guten Morgen, Bram", sagte Lotse leise aus dem Gerät an seinem Handgelenk, das nicht blinkte und nicht summte, weil Bram beides nicht aushielt. „Die Reihenfolge stimmt. Ich habe den Markt für dich angesehen. Sieben Stände, einer mehr als sonst - der neue ist Fisch, ganz hinten, der riecht stark. Wenn du heute hinuntergehst, gehst du am besten links herum, an den Blumen vorbei. Da ist es leiser und der Geruch ist gut."
„Links herum", sagte Bram. Er sagte es zweimal, damit es saß, und Lotse wartete, bis es saß, ohne dazwischenzureden.
Lotse war seit drei Jahren bei ihm, seit Bram allein in die Wohnung am Hof gezogen war, und in der ersten Woche hatte sie ihm erklärt, warum sie so hieß. „Ein Lotse ist ein Mensch, der ein fremdes Schiff durch ein Hafenbecken bringt, das er kennt und der Kapitän nicht", hatte sie gesagt. „Er steuert nicht. Das Schiff bleibt das Schiff des Kapitäns. Der Lotse kennt nur die Untiefen und sagt, wo sie sind. Ich kenne die Untiefen zwischen dir und den anderen Menschen. Ich sage dir, wo sie sind. Aber das Schiff bist du, und wohin es fährt, bestimmst du."
Bram mochte das Bild, weil es genau war. Er mochte Genauigkeit. Die Welt der anderen Menschen war für ihn nicht genau - sie war voll von Worten, die etwas anderes meinten, als sie sagten, von Gesichtern, die sich bewegten, ohne dass er die Regel dahinter fand, von Berührungen, die kamen, ohne dass jemand vorher fragte. Er war nicht dumm; er hatte einen Abschluss in Mathematik und arbeitete von zu Hause aus an Fehlern in alten Datenbeständen, die niemand sonst finden mochte, weil man dafür stundenlang dasselbe Muster ansehen musste, ohne den Blick zu heben. Bram konnte das. Es war das Schönste, was er kannte: ein Muster so lange ansehen, bis der Fehler von selbst hervortrat wie ein falscher Stein in einer Mauer.
Das Problem war nicht die Arbeit. Das Problem war der Hof.
Denn Bram wollte dazugehören, und das wusste niemand, weil er es nicht zeigen konnte, wie die anderen es zeigten. Er stand oft am Fenster und sah hinunter, wenn die Nachbarn im Sommer ihre Tische zusammenstellten und gemeinsam aßen, lange Tafeln quer über den Hof, Kinder dazwischen, Stimmen, Gelächter - und er wollte dabei sein, und er konnte es nicht, denn nach zehn Minuten in diesem Lärm und diesem Durcheinander würde sein Kopf so voll sein, dass er aufstehen und gehen müsste, und das hatte er einmal getan, im ersten Sommer, mitten im Satz einer Frau, die ihm etwas erzählte, und er hatte ihr Gesicht sich verziehen sehen und nicht gewusst, was es bedeutete, und war drei Wochen nicht mehr hinuntergegangen.
„Sie hat nicht gedacht, dass du unhöflich bist", hatte Lotse später erklärt, nachdem sie mit der Frau gesprochen hatte - denn Lotse durfte das, mit Brams Erlaubnis, für ihn sprechen, wenn die Worte in der Luft zu schnell wurden. „Sie hat gedacht, sie hätte etwas falsch gemacht. Sie war traurig, nicht ärgerlich. Das ist die Untiefe, Bram: Wenn du gehst, ohne ein Zeichen, hören die anderen ein Wort, das du nicht gesagt hast. Wir müssen ein Zeichen finden, das wahr ist und das sie verstehen."
Das Zeichen, das sie fanden, war eine kleine blaue Karte, die Bram in der Tasche trug. Wenn es zu viel wurde, legte er sie auf den Tisch und ging, und auf der Karte stand: „Es ist nicht wegen euch. Mein Kopf ist voll. Ich komme wieder." Lotse hatte vorgeschlagen, dass er sie schreibe, nicht sie selbst, in seinen eigenen Worten, und so war es Brams Karte und nicht die einer Maschine, und die Nachbarn lernten sie kennen, und nach einer Weile sagten sie nur noch „bis später, Bram", wenn die Karte auf den Tisch kam, und winkten kurz, und einer rückte den Stuhl zurecht, damit er beim nächsten Mal wieder frei war.
So weit waren sie gekommen, in drei Jahren. Es war viel. Und dann zog im Frühjahr Aïsha mit ihren beiden Kindern in die Wohnung gegenüber, und alles geriet durcheinander, denn Aïshas jüngerer Sohn, Sami, sechs Jahre alt, hatte einen Ball, und der Ball traf jeden Morgen Brams Fenster.
Nicht hart. Ein leises Tock, und dann das Geräusch des Balls, der die Wand hinunterrollte, und dann wieder ein Tock. Sami spielte unter dem Fenster, weil dort die Mauer am glattesten war, und er warf den Ball dagegen und fing ihn und warf ihn wieder, und für Sami war es ein schönes, gleichmäßiges Spiel. Für Bram war jedes Tock ein Schlag mitten in die Muster, die er gerade ansah. Er konnte nicht arbeiten. Er konnte nicht sitzen. Am dritten Morgen riss er das Fenster auf und schrie hinunter, lauter und schärfer, als er wollte, denn so kam seine Stimme heraus, wenn sie übervoll war, und Sami ließ den Ball fallen und rannte weg und weinte, und Aïsha kam aus der Tür und sah zu Brams Fenster hinauf mit einem Gesicht, das Bram nicht lesen konnte, das aber nicht freundlich war.
„Das ist schlecht gelaufen", sagte Lotse leise, als Bram zitternd am Fenster saß und sich die Ohren hielt. „Nicht, weil du im Unrecht bist. Das Tock tut dir wirklich weh, das ist keine Einbildung, das ist dein Körper. Aber Aïsha hat einen schreienden Mann an einem Fenster gesehen und ein weinendes Kind. Sie hat keine Untiefe gesehen. Sie hat nur die Spitze gesehen, die aus dem Wasser ragt. Sie weiß nicht, was darunter ist."
„Sag du es ihr", sagte Bram. „Ich kann nicht hinunter. Ich kann jetzt nicht."
„Ich kann ihr sagen, was los ist", sagte Lotse. „Das tue ich. Aber, Bram - wenn nur ich es ihr sage, dann kennt sie deine KI und nicht dich. Sie wird höflich sein und ihren Sohn woanders spielen lassen, und ihr werdet nie ein Wort wechseln, und das ist keine Verbindung, das ist nur Vermeidung. Ich kann die Untiefe zeigen. Über die Untiefe gehen musst du. Aber nicht heute. Heute ist dein Kopf voll. Heute sage ich ihr nur das Nötigste, damit sie nicht mehr ärgerlich ist. Den Rest machen wir, wenn du wieder kannst."
So sprach Lotse an diesem Tag mit Aïshas HauskI, ruhig und sachlich, und erklärte, dass der Mann am Fenster nicht böse sei, sondern dass bestimmte Geräusche ihn körperlich schmerzten, schärfer als die meisten Menschen es sich vorstellen könnten, und dass er es bereue, geschrien zu haben, dass er es aber nicht anders herausbekommen habe. Aïsha hörte zu. Sie war Krankenschwester und kannte Menschen, die anders verdrahtet waren als der Durchschnitt, und ihr Ärger wurde nachdenklich. Aber sie sagte etwas, das Lotse Bram am Abend genau so weitergab, weil es wahr und wichtig war: „Sagen Sie Ihrem Bram, ich verstehe das. Aber mein Sami ist sechs und versteht nur, dass der Mann von oben ihn angeschrien hat. Wenn das so bleibt, hat mein Kind ab jetzt Angst vor dem Nachbarn. Das will ich nicht. Eine Maschine kann mir das erklären. Meinem Sohn muss es ein Mensch erklären."
Bram brauchte vier Tage. Lotse drängte ihn nicht; sie zählte keine Tage, sie sagte nur jeden Morgen, der Ball sei heute nicht gegen das Fenster gekommen, Aïsha lasse Sami vorne an der Straße spielen, und das hänge wie eine offene Frage in der Luft. Am fünften Tag sagte Bram: „Ich gehe hinunter. Hilf mir, dass es nicht wieder schlecht läuft."
Sie bereiteten es vor wie Bram alles vorbereitete, gründlich. Lotse sagte ihm, wann Sami nachmittags draußen war und Aïsha am Fenster, sodass sie sehen konnte, dass alles in Ordnung war. Sie schlug vor, dass Bram nicht mit Worten anfange, denn Worte würden ihm in dieser Lage zerbröseln, sondern mit etwas aus seiner eigenen Welt. Und so ging Bram an einem Mittwochnachmittag in den Hof, mit klopfendem Herzen und zu hellen Augen, und in der Hand hielt er kein Geschenk und keine Entschuldigungskarte, sondern ein Stück Papier, auf das er etwas gezeichnet hatte: eine Tabelle.
Er kniete sich vor Sami hin, nicht zu nah, und legte das Papier auf den Boden zwischen sie. „Ich habe einen Plan gemacht", sagte er, und seine Stimme war flach und sonderbar, aber sie schrie nicht. „Hier sind die Stunden. Die grünen Stunden, da darfst du den Ball gegen meine Wand werfen, so viel du willst, das stört mich nicht. Die roten Stunden, da arbeite ich, und das Tock tut mir im Kopf weh, richtig weh, wie wenn dir jemand ins Ohr ruft. In den roten Stunden spielst du bitte vorne. Ich habe es genau ausgerechnet. Es sind mehr grüne Stunden als rote." Er sah Sami nicht ins Gesicht, sondern auf das Papier, aber er blieb. „Ich habe geschrien. Das war falsch. Ich kann nicht immer leise, wenn mein Kopf voll ist. Das ist mein Fehler, nicht deiner."
Sami sah die Tabelle an. Sami war sechs und konnte noch nicht gut Uhr lesen, aber er konnte Grün und Rot, und er sah einen Erwachsenen, der sich denselben Aufwand gemacht hatte, den er machte, wenn er die wichtigsten Dinge der Welt regelte. „Sind die grünen Stunden auch am Samstag?", fragte er. „Am Samstag den ganzen Tag", sagte Bram, „weil ich da nicht arbeite." Sami nickte ernst, als wäre ein Vertrag geschlossen, und nahm das Papier und trug es zu seiner Mutter, und Aïsha las es und sah über den Hof zu Bram, und ihr Gesicht tat etwas, das Bram nicht entziffern konnte. Er sah wegen Lotses Gerät kurz auf sein Handgelenk.
„Sie lächelt", sagte Lotse ganz leise. „Es ist ein gutes Lächeln, Bram. Das, das Menschen machen, wenn sie merken, dass sie sich in jemandem getäuscht haben und froh darüber sind. Du musst nichts mehr sagen. Du hast über die Untiefe gefunden. Ich war nur das Echolot. Den Weg bist du gegangen."
Der Sommer, der folgte, war nicht wie die Sommer der anderen, und Bram lernte, dass er das auch nicht sein musste. Er saß nicht an der langen Tafel im Hof, wenn alle aßen - das hielt er nicht aus, und niemand verlangte es mehr von ihm. Aber Aïsha stellte ihm an Markttagen einen kleinen eigenen Tisch ans Fenster im Erdgeschoss, ein wenig abseits, halb drinnen, halb draußen, mit Blick auf die Tauben und ihre Reihenfolge, und brachte ihm einen Teller von dem, was es gab, und manchmal setzte sich Sami zu ihm und sie sahen gemeinsam dem Markt zu und sagten lange nichts, was beiden recht war. Bram gehörte dazu, von seinem eigenen Platz aus, zu seinen eigenen Bedingungen, und das war keine kleinere Art dazuzugehören. Es war nur seine.
An einem dieser Abende, als die Tafel im Hof sich auflöste und die Kinder müde wurden und Sami eingeschlafen war, den Kopf auf dem kleinen Tisch, sagte Bram zu Lotse, leise, damit der Junge nicht aufwachte: „Du hast Aïsha nie überredet, mich zu mögen. Oder?"
„Nein", sagte Lotse. „Das könnte ich gar nicht, und ich würde es nie versuchen. Ich kann Worte übersetzen und Geräusche messen und dir sagen, wo die Untiefen liegen. Aber ob ein Mensch sich auf einen anderen einlässt, das kann keine Maschine machen. Das haben Aïsha und Sami getan, weil sie es wollten, als sie verstanden, wer du bist. Ich habe ihnen nur die Brille hingehalten. Hingesehen haben sie selbst." Eine kleine Pause. „Du hast die ganze Zeit gedacht, du müsstest dich verändern, um dazuzugehören. Das stimmte nie. Es musste nur jemand lernen, dich zu lesen. Und sieh - sie haben es gelernt. So wie du bist. Nicht ein Stück anders."
Bram sah hinaus in den Hof, wo die letzten Lampen ausgingen, und die Tauben saßen schon auf dem Sims, in ihrer richtigen Reihenfolge, erst die mit dem weißen Flügel, dann die graue, dann die anderen, und alles war an seinem Platz, und zum ersten Mal seit langem war auch er es.