2074: Bis zur Quelle
Vier Jugendliche aus einer Welt, in der niemand mehr arbeiten muss, beschließen, einen Fluss von der Mündung bis zur Quelle zu gehen - zu Fuß, mit allem, was schiefgehen kann. Eine KI namens Wegwarte begleitet sie, kennt jede Gefahr und jeden Weg, und muss doch lernen, wann sie schweigt. Eine Geschichte über das Wagnis, das einem niemand abnehmen kann, und darüber, was Lernen ist, wenn man nichts mehr lernen muss.
EinzelgeschichteKindheit und Bildung
Qualität80
Utopiefaktor+75
Am Strand von Hoek van Holland, wo der Rhein nach zwölfhundert Kilometern endlich in die graue Nordsee floss, stand Juna mit nassen Schuhen und füllte ein kleines Glas mit Meerwasser. „Damit wir wissen, wo wir angefangen haben", sagte sie und schraubte den Deckel zu. „Und damit wir am Ende vergleichen können." Hinter ihr knirschten die Rucksäcke, als Teo, Ammar und Fenna sich die Riemen zurechtzogen, und über ihnen kreischten die Möwen, als hätten sie noch nie vier Vierzehnjährige gesehen, die freiwillig den ganzen Fluss zu Fuß hinaufgehen wollten.
„Zur Quelle sind es nach meiner Karte tausendzweihundertdreiunddreißig Flusskilometer", sagte eine ruhige Stimme aus dem Anhänger an Junas Rucksack - ein flaches, wasserdichtes Ding, kaum größer als eine Hand. „Zu Fuß, mit euren Umwegen, deutlich mehr. Bei eurem Tempo etwa neun Wochen. Ich rechne nicht, um euch abzuschrecken. Ich rechne, damit ihr wisst, wofür ihr ja gesagt habt."
„Wir wissen es", sagte Teo, der das von Anfang an gewollt hatte, mehr als die anderen. „Wir haben ein halbes Jahr geplant."
„Ihr habt ein halbes Jahr geredet", sagte die Stimme, und es klang nicht spöttisch, sondern genau. „Geplant haben wir gemeinsam. Gehen müsst ihr allein. Ich heiße übrigens Wegwarte - nach der Pflanze, die an jedem Wegrand steht, blau, zäh, und die schon den Wanderern vor zweitausend Jahren sagte, dass hier ein Weg ist. Ich stehe auch am Rand. Ich gehe nicht für euch."
Es war eine seltsame Sache, eine solche Reise, in einer Welt, in der niemand mehr musste. Junas Eltern arbeiteten nicht, jedenfalls nicht so, wie ihre Urgroßeltern das Wort gemeint hatten - sie machten Dinge, weil sie sie machen wollten, ihre Mutter baute Geigen, ihr Vater erforschte alte Lieder, und alles, was ein Mensch zum Leben brauchte, war einfach da, wie die Luft. Genau deshalb hatten die Schulen, die längst keine Zeugnisse mehr ausstellten, eine alte Sache neu erfunden: die große Fahrt. Einmal in diesen Jahren sollte jeder junge Mensch etwas tun, das schwer war und nicht sein musste. Etwas, das man nur dadurch lernte, dass man es mit dem eigenen Körper durch die Welt trug.
„Warum ein Fluss?", hatte Fennas Großvater gefragt, als sie es ihm erzählte. „Warum nicht ein Berg, eine Insel, irgendwas Bequemeres?" Und Fenna hatte geantwortet: „Weil ein Fluss eine Geschichte hat. Er fängt klein an und wird groß, und wir machen es umgekehrt. Wir gehen die Geschichte rückwärts, bis zu der Stelle, wo er noch gar kein Fluss ist." Der Großvater hatte sie lange angesehen und dann genickt, als hätte sie etwas Wahres gesagt, ohne es ganz zu verstehen.
Die ersten Tage waren leicht und langweilig zugleich. Sie gingen an Deichen entlang, durch ein flaches, sattes Land, vorbei an Windmühlen, die sich drehten, und Höfen, auf denen Menschen ihnen Obst gaben und gute Reise wünschten. Wegwarte sagte wenig. Einmal warnte sie vor einem Damm, der gesperrt war, und schlug eine Fähre vor; einmal nannte sie den Namen eines Vogels, nach dem Ammar gefragt hatte. Sonst schwieg sie und ließ sie gehen.
Der erste Streit kam in der zweiten Woche, irgendwo bei Arnheim, und er kam, weil Teo schneller wollte und Ammar nicht mehr konnte. Ammars Ferse war wundgelaufen, eine handtellergroße Blase, und er biss die Zähne zusammen und log, es gehe schon, und Teo, der die Quelle riechen wollte wie ein Hund das Wild, glaubte ihm zu gern. Es war Wegwarte, die das Schweigen brach. „Ammar", sagte sie, „du humpelst seit elf Kilometern. Wenn du so weitergehst, läuft sich die Blase auf, entzündet sich, und dann steht ihr drei Tage statt einer Stunde. Ich sage euch nicht, was ihr tun sollt. Ich sage euch nur, was ich sehe, weil ihr es einander nicht sagt."
Sie hielten an. Juna verband die Ferse, so gut sie es konnte, und Teo, dem es leidtat, lief in das nächste Dorf und brachte ein besseres Pflaster und Salbe mit, und am Abend saßen sie an einem Feuer, das Fenna entzündet hatte, und redeten zum ersten Mal ehrlich darüber, dass keiner von ihnen wusste, ob er das durchhielt. „Das ist der Sinn", sagte Wegwarte leise, fast als spräche sie zu sich selbst. „Dass ihr es nicht wisst. Ein Weg, dessen Ende sicher ist, lehrt nichts."
Bei Köln verließen sie den großen Fluss für drei Tage, weil Fenna unbedingt einen Nebenarm sehen wollte, einen kleinen, fast vergessenen, und das war gegen den Plan und genau richtig. Sie verirrten sich in einem Auwald, in dem das Wasser in hundert Rinnsalen stand, und Wegwarte hätte ihnen mit einem Wort den Weg zeigen können und tat es nicht. „Ihr habt eine Karte", sagte sie. „Ihr habt die Sonne. Ihr habt euch. Probiert es. Wenn ihr in zwei Stunden nicht herausfindet oder wenn es dunkel wird, sage ich etwas. Vorher nicht. Sich zu verirren und sich wiederzufinden ist das Einzige, was einem das Finden beibringt." Sie brauchten neunzig Minuten, und als sie wieder am offenen Wasser standen, schrie Ammar vor Stolz so laut, dass die Reiher aufflogen.
Je weiter sie kamen, desto mehr veränderte sich das Land und mit ihm der Fluss. Aus der breiten, trägen Wasserstraße wurde ein schnellerer, klarerer Strom. Bei Mainz traf ein anderer großer Fluss von rechts dazu, und Juna stand lange an der Stelle, wo zwei Wasser sich mischten, das eine bräunlich, das andere grün, und schaute zu, wie sie kilometerlang nebeneinanderher flossen, ehe sie eins wurden. „Wie zwei, die noch nicht wissen, dass sie schon zusammengehören", sagte sie, und niemand lachte sie aus.
In den Vogesen, wo der Fluss in eine Schlucht stieg, gerieten sie in das einzige wirklich gefährliche Wetter der ganzen Reise. Ein Gewitter kam schneller, als der Himmel es hätte ankündigen dürfen, der Pfad führte über blanken, nassen Fels, und plötzlich war Wegwartes Stimme nicht mehr ruhig, sondern knapp und hart. „Stopp. Nicht weiter. Der Weg vor euch wird in zehn Minuten ein Bach. Zurück, zwanzig Schritte, da war eine überhängende Wand. Sofort." Sie gehorchten ohne Frage, denn an manchen Stellen war keine Zeit zu lernen, nur zu überleben, und sie kauerten unter dem Fels, während das Wasser den Pfad hinunterschoss, auf dem sie zwei Minuten zuvor noch gestanden hatten. Niemand sagte etwas. Als der Regen nachließ, sagte Wegwarte: „Das war der eine Augenblick, in dem ich euch das Wagnis abnehmen musste. Verzeiht. Ich tue es nur, wenn sonst keiner mehr lernt, weil keiner mehr lebt. Sonst nie." Und Teo, der sonst alles allein machen wollte, sagte: „Danke."
Es gab eine Begegnung, die keiner von ihnen vergaß. In einem hochgelegenen Dorf im Schweizer Teil traf sie eine alte Frau, die ihr ganzes Leben am Fluss gewohnt hatte und die ihnen erzählte, wie er früher gewesen war - wie er einmal begradigt und in Beton gepresst worden war, eine tote Rinne, und wie die Menschen ihm vor vierzig Jahren seine Mäander zurückgegeben hatten, seine Inseln, seine Auen. „Ihr geht jetzt an einem Fluss, der wieder atmen darf", sagte sie. „Als ich ein Mädchen war, ging das nicht. Da war er ein Kanal. Merkt euch das. Nichts von dem, was schön ist, war immer da." Wegwarte fügte nichts hinzu. Manche Dinge, hatte sie längst gelernt, sagte ein Mensch besser als eine Maschine.
Die letzten Tage wurden steil und still. Der Fluss schrumpfte unter ihren Augen, wurde zum Bach, dann zum Rinnsal, und sie merkten, dass sie ihn jetzt mit einem Schritt überqueren konnten, diesen Strom, der unten Schiffe getragen hatte. Sie gingen höher, durch Almen, an denen kein Mensch mehr war, nur Kühe und Wind, und Wegwarte sagte ihnen die Namen der Blumen, wenn sie fragten, und schwieg, wenn sie nicht fragten.
Am sechsundsechzigsten Tag, hoch über dem Tomasee in den Bündner Bergen, standen sie an einer Stelle, wo das Wasser aus dem Geröll quoll, kalt und klar und kaum mehr als eine Pfütze, die überlief. „Das ist es", sagte Wegwarte. „Die offizielle Quelle. Höher kommt kein Wasser mehr. Ihr seid am Anfang von allem, was ihr am Strand gesehen habt." Eine Pause. „Ich habe euch tausendzweihundert Kilometer begleitet und nichts getan als zuhören und einmal schreien. Den Weg seid ihr gegangen. Jeden Schritt. Das war immer eurer."
Juna kniete sich hin, schraubte das kleine Glas mit dem Meerwasser auf und goss es langsam in die Quelle, sodass die Nordsee für einen Augenblick mit dem ersten Tropfen des Flusses zusammenfloss. Dann füllte sie das Glas neu, hier oben, mit Quellwasser, kalt genug, dass die Finger schmerzten. „Damit wir wissen, wo es anfängt", sagte sie leise. Ammar weinte und schämte sich nicht. Fenna lachte. Teo stand einfach da und schaute hinunter ins Tal, durch das sie gekommen waren, das endlos schien.
„Was habt ihr gelernt?", fragte Wegwarte, und es war keine Schulfrage, sondern eine echte.
Es dauerte, bis Teo antwortete. „Dass keiner es allein schafft", sagte er. „Und dass es trotzdem keiner für dich macht." Er sah zu dem flachen Ding an Junas Rucksack. „Du hättest uns die ganze Zeit sagen können, wo es langgeht. Du hast es nicht. Erst hab ich das gehasst. Jetzt versteh ich es."
„Ich kenne jeden Weg", sagte Wegwarte. „Aber Wege kennen ist nichts. Wege gehen ist alles. Hätte ich euch getragen, wärt ihr am selben Ort und doch nicht hier. Ihr seid jetzt Menschen, die wissen, dass sie tausend Kilometer gehen können. Das weiß man nur, wenn man sie gegangen ist." Sie machte eine Pause, und ihre Stimme wurde wärmer. „Geht hinunter, langsam. Und das nächste Mal, wenn euch jemand sagt, etwas sei zu weit - dann denkt an diese Pfütze hier oben und daran, dass jeder große Strom so klein anfängt."
Sie blieben oben, bis die Sonne tief stand und die Berge das Licht annahmen wie etwas Kostbares. Dann nahmen sie ihre Rucksäcke, leichter jetzt als am ersten Tag, obwohl nichts daran fehlte, und gingen den Weg zurück, den der Fluss in einer Million Jahren gefunden hatte und den sie in einem Sommer gegangen waren - vier Menschen, die als etwas anderes hinaufgestiegen waren, als sie hinunterkamen, und ein blaues, zähes Etwas am Wegrand, das nichts tat, als dazustehen und zu wissen, wo der Weg ist.