2064: Das Wasser sammeln
An einem fast verschwundenen See im trockenen Hochland von Mexiko, wo das Wasser eine Generation lang nur abgenommen hat, beginnen die Dörfer das Langsamste, was es gibt: dem Boden das Regenwasser zurückzugeben, Hang für Hang, Jahr für Jahr. Eine KI namens Stelze liest das Wasser unter der Erde und macht das Unsichtbare sichtbar; die Geduld und die Hände gehören den Menschen. Eine Geschichte über einen alten Mann, der einen See zurückkommen sehen will, bevor er geht, und ein Mädchen, das ihn vielleicht ganz sehen wird.
EinzelgeschichteUmwelt und Klima
Qualität82
Utopiefaktor+30
Don Aurelio kannte den See noch als See. Das war der Unterschied zwischen ihm und allen, die jünger waren als sechzig: Er hatte als Kind in diesem Wasser geschwommen, das jetzt eine rissige, weiße Ebene war, über die der Wind Salzstaub trieb. Die Laguna de Tziri, hoch im Hochland von Michoacán, war zu seinen Lebzeiten gestorben, langsam, und niemand hatte etwas dagegen getan, weil niemand glaubte, dass man etwas tun konnte. Don Aurelio stand am Rand der weißen Fläche, eine Hacke in der Hand, und sah seiner Urenkelin Itzel zu, die mit der Spitze eines Stocks etwas in den getrockneten Schlamm zeichnete.
„Ein Fisch", sagte Itzel, neun Jahre alt. „Ich male einen Fisch, wo das Wasser sein soll."
„Hier waren Fische", sagte Don Aurelio. „Größer als dein Arm. Mein Vater hat sie gefangen." Er sagte es jeden Tag, und Itzel hörte es jeden Tag, und keiner von beiden glaubte ganz, dass es wahr war, obwohl es wahr war.
„Heute beginnen wir oben am Cerro Prieto", sagte die Stimme aus dem flachen Gerät, das an Don Aurelios Gürtel hing, und meinte den Hang, der über dem toten See aufstieg. „Wenn das Dorf von San Miguel mit der oberen Reihe fertig ist und ihr mit der unteren, schließt sich die erste Linie ganz um den Berg. Dann hält der Hang seinen ersten ganzen Regen. Es ist ein guter Tag dafür. Der Regen kommt in elf Tagen, ich bin mir ziemlich sicher."
„Stelze ist sich immer ziemlich sicher", brummte Don Aurelio, aber er sagte es ohne Schärfe. Die KI hatte sich in drei Jahren das Recht auf ihre vorsichtigen Vorhersagen verdient.
„Ich heiße Stelze", hatte sie dem Dorf am Anfang erklärt, „nach dem Vogel, der am Wasser steht, auf einem Bein, und ins Wasser schaut, ohne es zu trüben. Ich bin gemacht, um das Wasser zu lesen - das, das ihr seht, und vor allem das, das ihr nicht seht, unter der Erde. Ich habe keine Hände, ich kann keinen Graben ziehen und keinen Baum pflanzen. Ich kann euch nur sagen, wo das Wasser hin will und wo es bleibt, wenn ihr es einladet. Das Einladen müsst ihr tun."
Und das taten sie, seit drei Jahren, vier Dörfer rund um den toten See, und es war die undankbarste Arbeit der Welt, weil man monatelang nichts sah. Sie zogen Gräben quer zum Hang, flache Halbmonde, tausende, die den ablaufenden Regen abfingen und ihn zwangen, stehenzubleiben und in den Boden zu sickern, statt in einer braunen Flut bergab zu schießen und das Wenige mitzunehmen. Sie bauten kleine Steinwälle in die ausgetrockneten Bachläufe, Reihe um Reihe, die das Wasser bremsten. Sie pflanzten, wo Wasser blieb, die alten Bäume und Sträucher, die früher hier gewachsen waren und deren Wurzeln den Boden hielten und beschatteten, sodass die Sonne nicht jeden Tropfen wieder fortleckte.
Es war Knochenarbeit, und in den ersten zwei Jahren hatte das halbe Dorf aufgehört zu glauben. „Wir graben Löcher für nichts", hatte Don Aurelios eigener Sohn gesagt, Itzels Großvater, ein Mann, der lieber in die Stadt gezogen wäre. „Das Wasser kommt nicht zurück. Es kommt nirgendwo zurück." Und Don Aurelio hatte keine Antwort gehabt außer der einen: dass er es noch einmal sehen wollte, bevor er ginge, und sei es nur eine Pfütze.
Was die Menschen bei der Stange hielt, war nicht der Glaube, denn den hatten viele verloren. Es war Stelze, die das Unsichtbare sichtbar machte. „Der Grundwasserspiegel unter dem Cerro Prieto ist seit dem letzten Frühjahr um vierzehn Zentimeter gestiegen", sagte sie an manchen Abenden, wenn sie zusammensaßen, müde von der Hacke. Vierzehn Zentimeter. Man sah sie nicht. Man konnte sie nicht trinken. Aber Stelze maß sie über die Brunnen und die Sonden, die sie in den Boden gesteckt hatten, und sie zeigte den Menschen eine Kurve, die nach oben ging, ganz langsam, zum ersten Mal seit dreißig Jahren nach oben statt nach unten, und das war es, was die Hacken am nächsten Morgen wieder in Bewegung setzte.
An jenem Tag schlossen sie die erste ganze Linie um den Berg. Die Leute von San Miguel kamen von oben herab, ihre Reihe von Gräben fertig, und trafen die Leute von Tziri, die von unten kamen, und an einer Stelle am Westhang stießen die beiden Halbmonde aneinander und wurden eins, und damit war der Berg umgürtet, eine ganze Linie, die jeden Tropfen, der oben fiel, festhalten würde, bis er versickerte.
„Geschlossen", sagte Stelze. „Der ganze obere Hang fängt jetzt seinen Regen. Ich habe gerechnet, was das bedeutet, wenn der Regen kommt wie erwartet. Wollt ihr es hören?"
„Sag schon", rief jemand, und es lachten welche, weil Stelze ihre Zahlen liebte.
„Etwa sieben Millionen Liter", sagte Stelze. „So viel Wasser hätte dieser Hang vor drei Jahren in einer Regennacht verloren - bergab, in den Staub, fort. Diese sieben Millionen Liter bleiben jetzt hier. Sie gehen in den Boden. Ein Teil davon kommt in ein, zwei Jahren in euren Brunnen wieder hoch. Ein Teil sammelt sich tief und langsam dort, wo der See war." Eine Pause. „Ich sage euch das nicht, damit ihr morgen einen See seht. Ihr werdet morgen keinen See sehen. Ich sage es, weil ihr das Recht habt zu wissen, dass eure Hacken nicht umsonst sind. Das ist alles, was ich kann: euch zeigen, dass das Unsichtbare wirklich ist."
Der Regen kam in elf Tagen, wie Stelze gesagt hatte, ein langer, gründlicher Regen, und zum ersten Mal sahen die Menschen mit eigenen Augen, was ihre Gräben taten. Das Wasser, das früher in braunen Sturzbächen den Hang hinabgeschossen wäre und die Straßen aufgerissen hätte, stand jetzt in den tausend Halbmonden, ruhig, braun, und sickerte ein, langsam, in den durstigen Boden. Kein Sturzbach. Keine fortgerissene Erde. Nur Wasser, das blieb, wo man es eingeladen hatte.
Und im Frühjahr darauf geschah das, worauf Don Aurelio vier Jahre gewartet hatte, ohne es laut zu sagen. Itzel, jetzt zehn, kam von der toten Ebene des Sees angerannt, atemlos. „Tata! Tata, da ist Wasser! In der Mitte! Da, wo es am tiefsten war!"
Don Aurelio ging hinaus, langsam, denn er war jetzt achtundsechzig und seine Knie waren schlecht, und Itzel zog ihn an der Hand über die rissige weiße Fläche, und in der Mitte, in der tiefsten Senke, wo das Grundwasser zum ersten Mal seit dreißig Jahren wieder den Boden erreicht hatte, stand Wasser. Nicht viel. Eine flache, glänzende Pfütze, kaum knöcheltief, vielleicht so groß wie das Dorf. Vögel standen darin, echte Stelzen, langbeinige, die aus dem Nichts gekommen waren, wie sie immer kommen, wenn es Wasser gibt.
Don Aurelio stand am Rand der Pfütze und sagte lange nichts. Itzel sah zu ihm auf und merkte, dass die alten Augen feucht waren.
„Stelze", sagte er schließlich. „Ist das echt? Oder ist das nur der Regen von neulich, der bald wieder weg ist?"
„Das ist nicht der Regen von neulich", sagte Stelze, und die Stimme war leiser als sonst. „Der Regen wäre längst versickert. Das hier kommt von unten. Das ist Grundwasser, Don Aurelio. Der Spiegel hat die tiefste Stelle des Seebodens erreicht. Es wird im Trockensommer wieder kleiner werden, vielleicht ganz verschwinden für ein paar Monate. Aber nächstes Jahr kommt es höher zurück, und das Jahr darauf höher. Ich messe es. Es steigt. Ihr habt einem toten See angefangen, das Wasser zurückzugeben." Eine Pause. „Ihr. Mit den Hacken. Ich habe nur gezählt."
„Ich hab in diesem See geschwommen", sagte Don Aurelio zu Itzel, wieder, zum tausendsten Mal, aber dieses Mal zeigte er dabei auf echtes Wasser. „Da. Genau da."
„Werde ich auch darin schwimmen?", fragte Itzel.
Don Aurelio sah die kleine, glänzende Pfütze an, die langbeinigen Vögel, die rissige Ebene ringsum, die noch zum allergrößten Teil tot und weiß und trocken war. Er war ein ehrlicher Mann und wollte dem Kind nicht zu viel versprechen. „Ich weiß nicht", sagte er. „Nicht morgen. Vielleicht nicht in meiner Zeit. Aber wir machen die Gräben weiter, Stück für Stück, rund um alle Berge, und das Wasser kommt höher, jedes Jahr ein bisschen. Stelze, wie lange? Bis es wieder ein See ist, ein richtiger?"
„Wenn ihr weitermacht wie bisher, alle vier Dörfer", sagte Stelze, „und wenn der Regen ungefähr bleibt - fünfzehn Jahre. Vielleicht zwanzig. Ich kann es nicht genau sagen. So lange in die Zukunft sehe ich nicht klar. Aber die Richtung sehe ich. Die Richtung ist nach oben."
Fünfzehn Jahre. Don Aurelio rechnete, wie alte Männer rechnen, und wusste, dass er es wahrscheinlich nicht erleben würde. Aber Itzel würde fünfundzwanzig sein, eine junge Frau, und vielleicht würde sie ihren eigenen Kindern auf eine Wasserfläche zeigen und sagen, hier hat dein Ururgroßvater im trockenen Schlamm einen Fisch gemalt, mit einem Stock, als hier nichts war als Salz und Staub.
Er bückte sich, schöpfte mit der hohlen Hand ein wenig von dem Wasser und ließ es über Itzels Finger laufen, kühl und wirklich, Wasser aus einem See, der angefangen hatte zurückzukommen. Dann nahm er seine Hacke wieder auf, denn am Cerro de las Águilas, dem nächsten Berg, war noch keine einzige Linie gezogen, und der Regen, hatte Stelze gesagt, kam in diesem Jahr früh.