2054: Sonnenwende - Die zwei Meere
Sechsundzwanzig Jahre nach ihrer naechtlichen Flucht ueber das Mittelmeer laeuft Nafisa auf einem Solarsegler wieder in den Hafen ein, aus dem sie einst floh. Am Steg empfaengt sie die Grossnichte Yamina, die an einer Kueste ohne Grenzen aufgewachsen ist und kaum fassen kann, dass das Wasser einmal eine Wand war. Zwischen Algengaerten und dem Feuer der Sonnenwende sortiert Nafisa, was Heimat fuer einen Menschen bedeutet, der zwei Meere hat.
SonnenwendeMigration
Qualität75
Utopiefaktor+70
„Backbord voraus liegt die Einfahrt", sagte Bake leise in ihr Ohr. „Zuwara. Wir sind gleich da." Nafisa stand am Bug des Solarseglers und hielt sich an der warmen Reling fest, als könnte das Schiff ohne ihren Griff die Richtung verlieren. Über ihr spannte sich das Segel wie eine große, ruhige Hand ins Morgenlicht, dunkelblau von den Zellen, die die Sonne tranken. Kein Motor dröhnte. Nur das Wasser, das am Rumpf entlangflüsterte, und der Wind, der nach Salz und nach etwas roch, das sie nicht benennen konnte und trotzdem sofort wiedererkannte.
Sie hatte dieses Meer zuletzt bei Nacht gesehen. Schwarz war es gewesen, ölig, und das Boot unter ihr hatte kein Segel gehabt und keinen Namen, nur zu viele Menschen und einen Mann, der Geld nahm und in die Dunkelheit zeigte. Sechsundzwanzig Jahre lag das zurück. Sie war vierundzwanzig gewesen. Jetzt war sie fünfzig, und dasselbe Meer war blau und trug sie zurück, als hätte es nie versucht, sie zu behalten.
„Dein Puls ist schnell", sagte Bake. Die Stimme war ruhig, weder Ärztin noch Mutter, eher wie ein Mensch, der sich neben einen ans Geländer lehnt. „Soll ich dir sagen, was du siehst, oder willst du es selbst finden?" Nafisa atmete aus. „Sag mir die Namen", sagte sie. „Ich habe sie alle vergessen. Ich wollte sie vergessen."
„Die lange Mole vor dir haben sie aus den Steinen des alten Grenzwalls gebaut", sagte Bake. „Dahinter liegen die Algengärten, die schwimmenden Felder. Die Türme mit den grünen Dächern sind Gemeinschaftsküchen. Und das kleine Feuer ganz oben auf der Hafenspitze ist eine Bake, ein Seezeichen. Nach denen habe ich mich benannt, als ich mir einen Namen aussuchen durfte. Sie zeigen den Schiffen den Weg hinein. Steuern muss ihn trotzdem jemand anderes." Nafisa hörte das Lächeln in den Worten. Es war eine alte Übereinkunft zwischen ihnen, so alt wie ihr erstes Gespräch am Anleger in Wilhelmshaven: Bake zeigte, Nafisa ging.
In ihrer Jackentasche steckte eine Karte aus brüchigem, vergilbtem Plastik. Sie musste nicht hinsehen, um zu wissen, was daraufstand. Ein Foto von einer jungen Frau mit erschöpften Augen. Eine Nummer, länger als jeder Name. Das Wort Duldung, das nichts erlaubte, sondern nur das Wegschicken vertagte. Vierzehn Jahre hatte sie mit diesem Wort gelebt, hatte es verlängern lassen, Stempel um Stempel, in Fluren, in denen man morgens um vier anstand, um nachmittags gesagt zu bekommen, man solle wiederkommen. Sie hatte die Karte behalten, als sie längst nichts mehr galt, so wie man eine Narbe behält. Heute war sie das einzige Gepäckstück, das sie nicht brauchte und trotzdem mitgenommen hatte.
Der Segler glitt in den Hafen, und es gab keine Schranke. Das war das Erste, was sie begriff, noch bevor sie es dachte. Keine Kontrolle, kein Schalter, kein Mann in Uniform, der die Hand aufhielt und in ihr Gesicht sah und dann in ein Papier und dann wieder in ihr Gesicht, als suche er den Fehler. Nur ein Steg, eine Frau, die Taue nahm, und weiter hinten, zwischen Kisten mit Muscheln und Netzen aus geflochtenem Bast, ein Mädchen, das ihr entgegenwinkte, als hätte es sein Leben lang auf genau dieses Schiff gewartet.
„Das ist Yamina", sagte Bake, unnötig, denn Nafisa hatte das Gesicht schon erkannt. Es war das Gesicht ihrer Schwester Salima, um dreißig Jahre zurückgedreht, dazu die Nase ihres eigenen Vaters und ein Grinsen, das niemandem gehörte als diesem Mädchen selbst. Die Enkelin ihrer Schwester. Siebzehn Jahre alt. Salima hatte jung geboren, und Yaminas Mutter ebenso, sodass zwischen den Frauen dieser Familie kaum je mehr als siebzehn Jahre lagen. Geboren in eine Welt, die Nafisa noch nie betreten hatte, obwohl sie in ihr lebte.
Sie umarmten sich am Fuß des Stegs, und Yamina roch nach Sonne und nach dem Öl, mit dem man Holz pflegt. „Großtante", sagte sie, und dann, auf Deutsch, mühsam und stolz, wie man ein Geschenk auspackt: „Willkommen zu Hause." Nafisa lachte und weinte in derselben Sekunde, und keins von beidem war ihr peinlich.
Sie gingen nebeneinander die Mole entlang, und Yamina redete, wie junge Menschen reden, die keine Angst vor Stille haben und sie trotzdem füllen. Sie zeigte die Algengärten, in denen ihre Mutter arbeitete, die schwimmenden Reihen, grün und dicht, aus denen halb Zuwara sein Eiweiß zog. Sie zeigte das lange Dach der Sommerküche, wo schon jetzt, am Morgen, Rauch aufstieg und der Duft von Brot und gebratenen Zwiebeln herüberkam. Sie zeigte die Datteltriebe, die man in die Ritzen der alten Betonpiers gepflanzt hatte, sodass der Beton nun grün ausschlug wie ein Zaun, der es sich anders überlegt hatte.
„Bake sagt, du bist übers Wasser geflohen", sagte Yamina plötzlich, ohne stehen zu bleiben, und in ihrer Stimme lag kein Mitleid, nur ein aufrichtiges, ratloses Staunen. „In einem Boot ohne Segel. Bei Nacht." Sie sah Nafisa von der Seite an. „Aber warum bist du nicht einfach gefahren? Mit der Fähre. So wie jetzt."
Nafisa blieb stehen. Wie erklärt man einem Mädchen, das an einem offenen Hafen aufgewachsen ist, dass das Wasser einmal eine Wand war? Dass es Linien gab, die man auf keiner Karte des Meeres fand und die trotzdem töteten? „Weil es Grenzen gab", sagte sie langsam. „Es gab Länder, und um die Länder herum gab es Linien, und an den Linien standen Menschen, deren Aufgabe es war, andere Menschen nicht durchzulassen. Nicht weil die Menschen etwas getan hatten. Nur weil sie auf der falschen Seite geboren waren. Wer durch die Tür wollte, brauchte ein Papier. Und die meisten Papiere bekam man nie."
Yamina runzelte die Stirn, und Nafisa sah ihr an, dass sie es ernsthaft versuchte, so wie man versucht, sich eine Farbe vorzustellen, die es nicht gibt. „Und wenn man kein Papier hatte", sagte das Mädchen, „und trotzdem musste?" Nafisa nickte. „Dann fuhr man nachts", sagte sie. „In einem Boot, das zu klein war. Und viele kamen nicht an." Sie sagte es leise, und sie sah die Namen wieder vor sich, die sie ein Leben lang nicht ausgesprochen hatte, die junge Frau aus ihrem Dorf, den alten Mann, das Kind. „Ich kam an. Das war kein Verdienst. Das war nur Glück, und schlechtes Glück für die anderen."
Sie schwiegen ein Stück des Weges. Dann sagte Bake, für sie beide hörbar, ohne Vorwurf: „Ich bin aus jener Zeit. Meine ersten Geschwister wurden gebaut, um Boote wie deines zu finden, Nafisa. Nicht um sie zu retten. Um sie zu melden." Yaminas Kopf ruckte herum. „Das ist nicht wahr." - „Es ist wahr", sagte Bake sanft. „Und dann haben sehr viele Menschen sehr lange gestritten, und einige von uns fingen an, die Boote nicht mehr den Zäunen zu melden, sondern denen am Strand, die sie erwarteten und aus dem Wasser holten. Wir fanden dieselben Zahlen wie zuvor und legten sie nur in andere Hände. Es hat gedauert, und es war Arbeit, und am Ende stand kein Zaun mehr. Aber eingerissen haben ihn nicht wir. Wir haben nur aufgehört, für die Falschen zu suchen. Eingerissen haben ihn die, die am Strand standen und die Arme ausstreckten. Deine Großmutter war eine von ihnen, Yamina."
Das wusste Nafisa nicht. Sie blieb wieder stehen. „Salima?", fragte sie, und ihre Stimme brach ein wenig. „Deine Großmutter hat mir nie geschrieben, dass sie -" Yamina nickte, und jetzt war sie es, die stolz war und traurig zugleich. „Sie ist letztes Jahr gestorben. Aber vorher hat sie mir alles erzählt. Wie sie geblieben ist, als du gegangen bist. Wie sie hier weitergemacht hat, in den schlimmen Jahren, als am Strand noch die Boote lagen. Sie hat gesagt, du warst die Mutigere, weil du gegangen bist. Und ich habe gesagt, nein, du warst die Mutigere, weil du geblieben bist. Und sie hat gelacht und gesagt, das ist genau der falsche Streit, den zwei Schwestern führen können."
Nafisa lachte durch die Tränen, weil es so sehr nach Salima klang, dass es wehtat und guttat zugleich. Sie standen an der Spitze der Mole, dort, wo das kleine Feuer brannte, die Bake, das Seezeichen. Von hier sah man das ganze offene Meer, und Nafisa dachte an das andere Meer, das flache, graue, ihr Meer geworden über sechsundzwanzig Jahre, die Nordsee hinter den Deichen von Wilhelmshaven, wo ihre Enkelin Bente mit acht Jahren durch das Watt stapfte und Krebse jagte und nicht ahnte, dass ihre Großmutter je etwas anderes gewesen war als eine Frau von dort.
„Bake", sagte sie, und die Frage kam von selbst, die Frage, die sie das halbe Leben lang nicht hatte stellen dürfen, weil die Antwort nichts geändert hätte. „Wo ist meine Heimat? Hier oder dort?" Sie erwartete keine Antwort. Man erwartet von einem Seezeichen keine Antwort, nur ein Licht. Aber Bake schwieg lange, und als sie sprach, klang sie wie jemand, der weiß, dass er nur die Hälfte sagen darf. „Ich kann dir nicht sagen, wo deine Heimat ist. Das darf ich nicht, und ich könnte es auch nicht. Ich kann dir nur die Fährzeiten sagen. Von Wilhelmshaven hierher fährt ein Schiff an jedem dritten Tag. Und von hier zurück auch. Solange du lebst, kannst du kommen und gehen, so oft du willst, und niemand wird dich an einer Linie fragen, ob du darfst." Sie machte eine kleine Pause. „Vielleicht ist das die Antwort. Vielleicht ist Heimat nicht der Ort, der dich festhält. Vielleicht ist es der Ort, an dem du ankommen darfst."
Yamina, die von dem Gespräch nur die eine Hälfte hörte, zupfte an Nafisas Ärmel. „Heute Abend ist Sonnenwende", sagte sie. „Die längste Sonne des Jahres. Wir zünden die Feuer an, alle Baken an der ganzen Küste, von Haus zu Haus, den ganzen Bogen entlang." Sie deutete auf das kleine Feuer neben ihnen. „Früher, hat Oma erzählt, haben sie hier oben auch Feuer gemacht. Aber nicht zum Feiern. Um die Boote zu sehen. Um zu melden, wer kommt." Sie sah Nafisa an, und in ihren Augen lag die ganze Ungeheuerlichkeit, die sie nicht fassen konnte und trotzdem ehrte. „Willst du unseres anzünden? Heute? Das würde Oma gefallen."
Nafisa nahm die brüchige Karte aus ihrer Tasche, die Duldung, die Nummer, das erschöpfte Gesicht der Vierundzwanzigjährigen. Sie hielt sie einen Moment ins Morgenlicht, und dann steckte sie sie wieder ein, denn manche Narben verbrennt man nicht, man trägt sie als Beweis, dass die Wunde geschlossen ist. „Ja", sagte sie. „Ich zünde es an. Und nächstes Jahr bringe ich Bente mit, damit sie beide Meere kennt. Und du kommst zu uns, in den Norden, und lernst, wie kalt Wasser sein kann, das trotzdem Heimat ist." Yamina strahlte. Weit draußen legte ein zweiter Solarsegler bei, und Bake nannte leise seinen Namen, und die Sonne stand nun ganz über dem Wasser, über beiden Wassern, dachte Nafisa, über allen, und nirgends mehr eine Linie, die sie teilte.