2054: Sonnenwende - Der Schwalbenturm
In einer Nachbarschaft, die auf der ehemaligen Teilungslinie Nikosias einen Gartengürtel angelegt hat, entscheidet die Straße gemeinsam über den letzten Wachturm. Zwei neunundachtzigjährige Frauen, einst durch die Grenze getrennt, streiten seit zehn Jahren, ob das graue Ding fallen oder bleiben soll. Ein Kind, ein paar Schwalben und eine KI, die nur die Sprachen hält und die Stimmen zählt, führen zu einem dritten Weg.
SonnenwendeKrieg und Frieden
Qualität86
Utopiefaktor+72
Der graue Turm warf um diese Stunde keinen Schatten mehr auf die Tomatenbeete, und nur deshalb hatte Despina durchsetzen können, dass die Nachbarschaft sich an seinem Fuß versammelte statt in der Gemeinschaftsküche fünfzig Meter weiter. Über eine Sache, fand sie, sollte man dort entscheiden, wo sie stand. Etwa sechzig Menschen hockten im Halbrund auf den Bänken und im Gras, zwischen den Hochbeeten der Grünen Ader, und in ihrer Mitte ragte, schief und fleckig, mit den schmalen Sehschlitzen dort, wo ein Fenster hätte sein sollen, das Letzte, worüber diese Straße in zehn Jahren noch nicht entschieden hatte.
„Ich habe achtundfünfzig Rückmeldungen gesammelt, seit wir das letzte Mal zusammensaßen", sagte Erle. Die Stimme kam aus dem kleinen Lautknoten, den Despina an den Griff ihres Lastenrads geklemmt hatte, und sie sprach zuerst Griechisch und dann Türkisch, wie immer, weil in dieser Straße beide Sprachen zu Hause waren und keine vor der anderen. „Ich lege sie euch nachher offen, jede einzelne, mit Namen, wer sie möchte. Ich sage euch, wie viele wofür sind. Ich übersetze, wenn zwischen den Worten etwas verloren zu gehen droht. Aber ich stimme nicht mit, und ich entscheide nichts. Der Turm gehört keinem von euch, also gehört er euch allen, und was mit ihm geschieht, das sagt mir heute ihr, nicht ich euch."
Despina ließ den Blick über die Ader wandern, während die Leute sich sammelten. Zehn Jahre, und noch immer verschlug es ihr manchmal den Atem. Wo sie stand, hatte einmal nichts gestanden: ein Streifen aus Stacheldraht und eingestürzten Häusern und wucherndem Unkraut, die Tote Zone, quer durch die Stadt, breit wie eine Straße an manchen Stellen und schmal wie eine Gasse an anderen, siebzig Jahre lang von keinem Fuß betreten außer denen der Soldaten. Jetzt lief hier ein Band aus Gärten von einem Ende Nikosias zum anderen, unter aufgeständerten Solarsegeln, die den halben Tag Strom in die Häuser beider alten Hälften schickten und den anderen halben Tag Schatten auf die Salatköpfe. Der kleine Fluss, den man einst in ein Betonrohr unter der Sperrzone gezwungen hatte, lag wieder offen und führte tatsächlich Fische. Kinder radelten auf der Trasse, wo Panzersperren gelegen hatten. Aus der Gemeinschaftsküche zog der Geruch von gebackenem Brot und Kreuzkümmel herüber. Es roch nach niemandes Grenze und aller Leute Mittagessen.
Ein Junge, vielleicht neun, kletterte trotz allem schon an der untersten Kante des Turmsockels herum, wo der Beton bröckelte, und rief zu Despina hinüber, ohne die Versammlung zu beachten: „Wozu war das Ding eigentlich gut? Ein Wasserturm ohne Wasser?" Er hieß Doruk und war geboren, als die Stadt längst wieder eine war; für ihn war der Turm nie etwas anderes gewesen als ein hässliches graues Klettergerüst mitten im schönsten Garten. Ein paar Leute lachten leise. „Da hat oben ein Mann gesessen", sagte Despina, „mit einem Gewehr. Tag und Nacht. Und unten, keine dreißig Schritte weiter, saß in einem anderen Turm ein anderer Mann, mit einem anderen Gewehr, und die beiden haben aufeinander gezielt, ihr ganzes Leben lang, ohne sich je zu treffen und ohne sich je zu sprechen." Doruk sah sie an, als hätte sie ihm erzählt, die Leute hätten früher den Mond angebellt. „Warum?", fragte er. „Weil eine Linie über die Straße lief", sagte Despina, „und man ihnen gesagt hatte, auf der anderen Seite der Linie wohne der Feind." Doruk sah den dreißig Schritte entfernten Boden an, wo jetzt eine Frau in aller Ruhe Bohnen hochband. „Da wohnt aber die Oma von Marios", sagte er. „Ja", sagte Despina. „Jetzt schon."
Auf der Bank, die man in den Schatten des Solarsegels gerückt hatte, saßen die beiden, um die es eigentlich ging, auch wenn niemand es so gesagt hätte. Kyriaki und Nazli, beide neunundachtzig, beide klein und zäh geworden auf ihre je eigene Art, saßen nebeneinander wie an jedem Nachmittag, denn seit zehn Jahren tranken sie zusammen Kaffee, mal auf der einen, mal auf der anderen Seite dessen, was einmal die Linie gewesen war. Als Mädchen hatten sie auf genau dieser Straße gespielt, vor achtzig Jahren, ehe der Draht kam; ihre Elternhäuser hatten sich gegenübergestanden, und ihre Gärten hatten sich über einen niedrigen Zaun hinweg berührt, Feige an Granatapfel. Dann war die Linie mitten zwischen die beiden Häuser gefallen, und man hatte, weil die Stelle so genau auf der Grenze lag, den Wachturm genau dorthin gebaut, wo einmal der niedrige Zaun gewesen war. Achtzig Jahre hatte der Beton gestanden, wo sich zwei Kindergärten berührt hatten. Die Häuser dahinter waren längst zerfallen und neu aufgebaut; nur der Turm stand noch.
Und in einer einzigen Sache waren die beiden alten Frauen sich in zehn Jahren nie einig geworden. Kyriaki wollte den Turm weg haben, ganz und gar, bis zur letzten Schaufel Schutt. „Ich habe ihn mein Leben lang aus meinem Küchenfenster gesehen", hatte sie zu Despina gesagt, „und siebzig Jahre lang hat er mir gesagt: bis hierher und keinen Schritt weiter. Ich will an dem Fleck sterben, ohne dass dieses Ding noch dasteht." Nazli aber wollte ihn behalten. „Wenn ihr ihn abreißt", hatte sie gesagt, und ihre Stimme war dabei ganz ruhig geblieben, „dann wachsen in drei Jahren die Bohnen darüber, und in dreißig Jahren fragt kein Doruk mehr, wozu das Ding gut war, weil es kein Ding mehr gibt. Und dann glaubt keiner mehr, dass es die Linie je gegeben hat. Und was man nicht mehr glaubt, das lässt man wiederkommen." Zwei Frauen, die alles teilten, ihren Kaffee und ihre Enkel und die Erinnerung an denselben Feigenbaum, und die diese eine graue Frage zwischen sich stehen ließen wie den Turm selbst.
Despina eröffnete die Runde, und Erle hielt die Fäden. Die Jungen sprachen zuerst, und die meisten von ihnen wollten den Turm fort: er nahm den Beeten das Morgenlicht, er war hässlich, er gehörte einer Zeit an, die keiner von ihnen erlebt hatte und die sie nur als Erzählung kannten. Savvas, der die Werkstatt am Ende der Ader führte, hatte schon ausgerechnet, dass man den Beton mahlen und als Untergrund für die neuen Wege der ganzen Grünen Ader wiederverwenden könne; nichts ginge verloren, alles würde Weg. Andere hielten dagegen, leiser, älter: dass eine Stadt, die ihre Narben glattbügelt, am Ende vergisst, wie teuer sie ihre Haut bezahlt hat. Erle übersetzte, wo einer im Türkischen ein Wort suchte, das ihm nur auf Griechisch einfiel, und zählte mit, ohne zu drängen, und sagte einmal nur: „Achtundzwanzig von euch haben mir vorab geschrieben, sie seien fürs Abreißen. Dreiundzwanzig fürs Stehenlassen. Sieben haben geschrieben, sie wüssten es nicht. Die sieben sind mir die liebsten. Aus einem Nichtwissen ist noch jeder gute Beschluss gekommen."
Es war wieder Doruk, der die Sache drehte, und er tat es, ohne zu wissen, dass er etwas drehte. Er war inzwischen doch bis auf das erste Podest des Turms geklettert, durch die niedrige Tür, für die es seit zehn Jahren keinen Schlüssel und kein Schloss mehr gab, und steckte den Kopf aus einem der Sehschlitze. „Man sieht von hier oben die ganze Stadt", rief er hinunter, ehrlich begeistert. „Man sieht bis zu den Bergen. Und da sind Schwalben, ganz viele, die fliegen durch das obere Loch rein und raus." Er verschwand wieder und rief, gedämpft von innen: „Warum darf da eigentlich keiner rauf?"
Für einen Augenblick sagte niemand etwas. Dann lachte Nazli, zum ersten Mal an diesem Nachmittag, ein kurzes, überraschtes Lachen. „Der Junge hat recht", sagte sie. „Siebzig Jahre lang hat da oben einer gesessen, damit keiner hinaufdurfte. Damit einer für alle anderen guckt und die anderen sich ducken. Und jetzt klettert ein Kind hinauf und sieht die Schwalben." Kyriaki neben ihr sah lange hinauf zu dem Schlitz, aus dem eben noch Doruks Kopf geschaut hatte. Man konnte ihr ansehen, dass in ihr zwei alte Frauen miteinander stritten, die, die das Ding hasste, und die, die eben ein Kind darin hatte lachen hören.
„Ich reiße ihn nicht ab, wenn ihr das wollt", sagte Kyriaki endlich, langsam, und die ganze Ader wurde still, denn wenn Kyriaki nachgab, dann gab die härteste Seite nach. „Aber so, wie er ist, will ich ihn auch nicht. Grau und blind und zu, mit diesen Schlitzen, aus denen man geschossen hat." Sie hielt inne. „Macht ihn auf. Schlagt richtige Fenster hinein, große, wo die Schlitze sind. Baut eine ordentliche Treppe hinauf, keine, auf der sich ein Kind das Bein bricht. Lasst die Schwalben oben wohnen, wenn sie schon da sind, und die Menschen darunter. Ein Turm, auf den jeder darf. Ein Turm, von dem aus man guckt, weil es schön ist, und nicht, weil man Angst hat. Dann behält ihn deine Nazli, und ich muss ihn nicht mehr hassen." Und Nazli, neben ihr, nahm ihre Hand.
Es war kein förmlicher Beschluss nötig, und doch fasste ihn die Ader in den nächsten Minuten, so wie eine Nachbarschaft Dinge fasst, die schon entschieden sind, bevor man abstimmt. Savvas sagte, den Beton der Schlitze könne er in einer Woche aufbrechen und rahmen; das gemahlene Material der herausgeschlagenen Stücke reiche immer noch für ein Stück Weg. Jemand wollte Wein an die Wetterseite pflanzen, jemand anderes bestand darauf, dass unten eine Tafel angebracht werde, in beiden Sprachen, mit den zwei alten Hausnummern, die einmal hier gegenübergelegen hatten. Erle las am Ende, wie versprochen, die achtundfünfzig Rückmeldungen offen vor, aber da hörte kaum noch jemand zu, weil die Sache sich anders entschieden hatte als in jeder einzelnen von ihnen, nämlich gemeinsam. „Ich habe nichts entschieden", sagte Erle leise, nur für Despina. „Ich habe die Sprachen gehalten und die Stimmen gezählt und den Fäden nachgespürt, wer hier einmal neben wem gewohnt hat. Das Fenster in den Turm schlagt ihr. Ein Wächter, der euch die Entscheidung abnähme, wäre auch nur ein Wächter."
Am Ende, als die Runde sich schon in Beete und Küche und Feierabend auflöste, ging Despina zu der niedrigen Tür und hielt sie auf. „Kyriaki. Nazli. Bevor Savvas anfängt und alles voller Gerüst ist: Wollt ihr als Erste hinauf? Solange er noch der alte Turm ist?" Die beiden alten Frauen sahen einander an. Dann standen sie auf, jede an ihrem Stock, und gingen zu der Tür, durch die siebzig Jahre lang nur Soldaten gegangen waren.
Die Treppe war eng und steil und roch nach Staub und Schwalbennestern, und sie brauchten lange, Stufe um Stufe, Kyriaki voran, Nazli hinterher, und keine ließ sich helfen. Oben war die Plattform kaum groß genug für zwei, ein enger Kranz aus Beton mit den Schlitzen ringsum und dem offenen Loch nach oben, durch das die Schwalben ein und aus schossen. Und dann sahen die beiden, was der Junge gesehen hatte. Die Stadt lag unter ihnen, in eins, ohne Naht: die alten Hälften, nicht mehr zu unterscheiden, die grünen Dächer, das Band der Ader, das sich von hier bis zu den Bergen zog, der offene Fluss, der darin blinkte. Von hier oben, von genau dem Fleck, von dem aus ein Wächter siebzig Jahre lang die Grenze bewacht hatte, war keine Grenze mehr zu sehen. Es gab keine mehr zu bewachen.
Kyriaki legte die Hand auf den rauen Beton der Brüstung, dort, wo unter dem Staub noch die eingeritzten Striche irgendeines längst vergessenen Soldaten zu ahnen waren, der die Tage gezählt hatte. „Von hier hat er auf unsere Gärten gesehen", sagte sie. „Auf deinen und auf meinen. Und hat gedacht, das seien zwei Länder." Nazli stellte sich neben sie, so dicht, dass ihre Schultern sich berührten wie einmal die Feige und der Granatapfel, und sah hinunter, dahin, wo tief unten Doruk und Marios jetzt zwischen den Bohnen einen Ball hin und her traten, über die Stelle hinweg, wo die Linie gelegen hatte, ohne es zu wissen und ohne es je wissen zu müssen. „Zwei Gärten", sagte Nazli. „Es waren immer zwei Gärten. Nur der Zaun dazwischen war niedrig." Sie blieben oben, bis die Sonne tief stand und die Solarsegel sich langsam nachdrehten, zwei sehr alte Frauen in einem grauen Turm, den nächste Woche das Licht bekommen würde, und unter ihnen wuchs die Stadt einfach weiter zusammen, so wie Gärten es tun, wenn man den Zaun endlich weglässt.