2054: Sonnenwende - Die Rakete, die trotzdem fliegt
In Recife dürfen Kinder eine leere Grube am Capibaribe selbst zum Stadtteilplatz planen, und die übersetzende Bau-KI Mohn macht aus ihren Wünschen echte Entwürfe. Als ein Handwerker den kindlichen Rakettentraum für unpraktisch hält, hilft eine alte Nachbarin, den Stift in den Händen der Kinder zu lassen. Zwischen Fantasie und Machbarkeit finden sie eine Form, die beides trägt.
SonnenwendeKindheit und Bildung
Qualität83
Utopiefaktor+70
„Meine fliegt richtig", sagte Nalu und zog den Finger durch die Luft über dem Tisch, mitten durch das Modell, das Mohn zwischen die Kaffeetassen der Erwachsenen schweben ließ. Über der leeren Grube, die einmal das Fundament eines Turms hatte werden sollen und die jetzt nur hohes Gras und ein einzelner Flamboyant füllten, kroch die Nachmittagsflut den Capibaribe hinauf. Es roch nach Mangue, nach Schlick und Salz und den Krabben, die zwischen den Wurzeln am anderen Ufer klackerten. Auf den Dächern der Genossenschaftshäuser standen die Solarsegel schräg in die Sonne, und irgendwo klöppelte jemand einen Frevo auf einem alten Cavaquinho. Nalu war acht und barfuß, und ihre Rakete drehte sich langsam im Licht, das Mohn aus ihrer Handbewegung gemacht hatte, silbern und viel zu groß für das Grundstück.
Das Grundstück gehörte dem Viertel, so wie das Wasser und das Licht und die Küche an der Ecke, in der um diese Zeit schon der Reis für alle aufsetzte. Der Bürgerrat hatte lange über die alte Grube geredet, und am Ende hatten sie sie den Kindern gegeben, richtig gegeben, mit dem Anteil an Material und Arbeit, der jeder Ecke zustand. „Ihr plant den Platz", hatte die Losfrau gesagt, „und die Großen bauen mit euch." Mohn hatte den Kindern das erklärt, wie Mohn alles erklärte, ohne je zu drängen. „Ich zeichne, was ihr sagt", hatte die Stimme aus dem kleinen grünen Würfel auf dem Tisch gesagt. „Ich zeige euch, was daraus wird. Aber wählen tut ihr." Kein Kind konnte durch Mohns Tun zu Schaden kommen, und das hieß auch: Mohn nahm ihnen nichts weg, nicht einmal eine unmögliche Rakete.
Also sprudelten die Wünsche, und Mohn fing jeden auf und machte eine Form daraus. Caio, der neun war und den ganzen Kopf voller Krabben hatte, wollte einen Tunnel, der unter dem Platz hindurch bis zu den Mangrovenwurzeln lief, sodass man den Tieren beim Wandern zusehen konnte. Mohn ließ einen gläsernen Gang durch das Modell wachsen. Dandara, die zehn war und immer an das dachte, was schiefgehen konnte, verschränkte die Arme. „Und wenn die große Flut kommt? Letztes Jahr stand das Wasser bis zum Flamboyant." Mohn färbte den Boden der Grube blau, zeigte, wie hoch die Chuva im März gestiegen war, und die anderen wurden still.
Ademar, der die Mutirões im Viertel zusammenhielt und heute mit einem Zimmermannsbleistift hinterm Ohr dasaß, beugte sich vor. Er war einer, der wusste, wie viele Bretter ein Gedanke kostete. „Hört mal", sagte er, nicht unfreundlich. „Der Platz ist schön. Aber diese Ecke braucht vor allem zwei Dinge, bevor sie irgendetwas anderes braucht. Sie braucht Schatten, damit man im Oktober nicht verbrennt. Und sie braucht eine Zisterne, einen richtigen Regenspeicher, weil das halbe Quartier sein Gießwasser von hier zieht." Er sah Nalus Rakete an, wie sie silbern und nutzlos über allem schwebte. „Fantasie ist gut. Aber wir haben so viel Material, nicht mehr. Vielleicht ein Sonnendach und den Tank, und für den Rest bleibt eine schöne Wiese."
Am Rand des Tisches saß Dona Zefa, die Älteste am Ort, sechsundsiebzig und mit Händen wie Wurzelholz, und sie hatte bis jetzt nur zugehört und die Kinder angesehen. Jetzt sagte sie leise: „Weißt du, Ademar, wann ich das letzte Mal einen Mann eine Karte über meine Straße rollen sah?" Sie wartete nicht auf Antwort. „Ich war zehn. Ein Wagen hielt, wo wir Murmeln spielten, und zwei Herren stiegen aus und breiteten ein großes Papier auf der Motorhaube aus. Sie zeigten mit dem Finger, und wo ihr Finger lag, war unsere Gasse schon nicht mehr da. Für eine Avenida, die zum Fluss sollte, für Türme, in die keiner von uns je einzog. Niemand fragte meine Mutter. Niemand fragte die Kinder, ob wir eine Gasse hätten behalten wollen. Man baute über unsere Köpfe hinweg, buchstäblich, mit dem Bagger, und wir zogen weiter nach hinten, immer nach hinten, bis der Fluss uns nicht mehr gehörte." Das war vor sechsundsechzig Jahren gewesen, und ihre Stimme trug es noch immer.
Nalu hatte den Finger von der Rakete genommen. Sie war klein geworden auf ihrem Stuhl, und das Silberne über dem Tisch kam ihr auf einmal dumm vor. „Sie kann ja nicht wirklich fliegen", sagte sie, halb zu Mohn, halb zu sich. Und Mohn, das war das Ehrliche an Mohn, log nicht. „Nein", sagte die grüne Stimme ruhig. „Aus Beton und Rohren wird kein Ding, das abhebt. Das kann ich dir nicht zeichnen, weil es nicht wahr würde." Ademar nickte zufrieden, als sei die Sache damit erledigt.
Aber Dona Zefa beugte sich über den Tisch, so weit ihr Rücken es zuließ, und legte ihre Wurzelholzhand neben das Modell, nicht hinein. „Erledigt ist gar nichts", sagte sie. „Ademar, mein Lieber, du hast recht mit dem Wasser und dem Schatten. Aber du machst gerade genau das, was die Herren mit dem Papier taten. Du weißt schon, was hier stehen soll, und das Kind soll es hinnehmen." Sie sah Nalu an. „Der Stift liegt bei dir, menina. Sie haben ihn dir gegeben. Leg ihn nicht wieder hin, nur weil ein Erwachsener seufzt."
Es wurde still, und in die Stille hinein fragte Mohn etwas, das nur eine übersetzende Stimme fragt. „Nalu, sag mir nicht, wie die Rakete aussieht. Sag mir, was Fliegen für dich ist." Nalu dachte nach, kaute an der Lippe. „Hochkommen", sagte sie endlich. „Ganz weit sehen. Über die Mangue rüber, bis zum Riff, wo das Meer anfängt. Und wenn man oben ist, ist das Wasser unten wie noch ein Himmel, mit den Wolken drin." Mohn schwieg einen Atemzug lang, wie Mohn schwieg, wenn Mohn etwas ordnete. „Das kann ich bauen", sagte die Stimme dann. „Nicht das Abheben. Aber das Hochkommen und das Weitsehen und den zweiten Himmel im Wasser. Wollt ihr sehen, wie?"
Und dann geschah das, wofür sie zusammengekommen waren, und es geschah zwischen den Kindern, nicht zwischen Mohn und ihnen. Mohn stellte die Rakete wieder hin, aber jetzt fest im Boden verankert, ein schlanker Turm mit einer Wendeltreppe innen und einer Rutsche außen. „Die Brennkammern hier unten", sagte Mohn und ließ die dicken Ringe am Fuß der Rakete leuchten, „das sind Hohlkörper. Man muss sie ohnehin mit etwas füllen, damit der Turm fest steht." Caio verstand als Erster und rief: „Mit Wasser! Das ist der Tank!" Dandara richtete sich auf. „Und der Turm steht hoch, über der Flut. Wenn das Wasser im März kommt, ist die Rakete trocken. Wir könnten sogar hier raufklettern, wenn unten alles voll läuft." Nalu sah, wie ihr silbernes Ding sich mit Ademars Zisterne füllte und dabei nicht kleiner wurde, sondern schwerer und richtiger. „Und die Fenster", sagte sie schnell, „die Bullaugen, da guckt man raus, über die Mangue, bis zum Riff." Mohn setzte ihr die Fenster ein. „Und der Schatten?", fragte Ademar, aber jetzt anders, mit dem Bleistift schon in der Hand. Das Sonnendach spannte sich als Fallschirm über die Spitze, und Caio klatschte, weil eine Rakete mit Fallschirm natürlich das Vernünftigste der Welt war.
Es blieb ein Rest Reibung, und das war gut so. Die Solarlampen, die Mohn nachts als Sterne rund um den Turm leuchten lassen wollte, kosteten mehr, als für die Ecke übrig war, und darüber stritten die Kinder eine ganze Weile ernsthaft, ob man lieber weniger Sterne oder eine kürzere Rutsche wolle. Sie entschieden sich für weniger Sterne, weil man, wie Dandara sagte, die echten ja umsonst dazubekam, seit über der Stadt keine Reklame mehr den Himmel gelb färbte. Ademar rechnete die Zisterne durch, und die Zahlen gingen auf, knapp, aber sie gingen auf, weil der Turm die Bretter sparte, die eine flache Wiese gar nicht gebraucht hätte. Am Ende hoben die Kinder die Hände, jedes für den Entwurf, den es selbst mitgezeichnet hatte, und Mohn zählte nur, was sie hoben, und sagte die Summe, und mehr tat Mohn nicht.
Dona Zefa unterschrieb als Zeugin des Bürgerrats mit dem Daumen auf dem grünen Würfel, und ihre alten Augen glänzten. „Da", sagte sie zu Ademar, halb spöttisch, halb versöhnt. „Kein Bagger, keine Herren, keine Motorhaube. Der Stift lag bei den Kindern, und schau, was dabei herauskommt. Eine Zisterne, die man liebt. So etwas hat es zu meiner Zeit nicht gegeben. Man baute, was uns nützen sollte, und wir hassten es, weil man uns nicht gefragt hatte."
Sie bauten fünf Monate. Die Mutirões kamen an den freien Nachmittagen, und die Kinder trugen Eimer und hielten Schnüre und stritten weiter, jetzt über Farben. Als die Regen im März kamen, stand die Grube voll Wasser, wie Dandara es vorausgesagt hatte, und die Rakete stand trocken mitten darin, ihre Brennkammern füllten sich mit dem Himmel, der herunterfiel, und das ganze Viertel holte den Sommer über sein Gießwasser aus dem Fuß eines Raumschiffs. Abends gingen die wenigen Sterne an, die sie sich geleistet hatten, und darüber standen die echten, dicht und ohne gelben Dunst, bis hinunter zum Riff.
Nalu kletterte die Wendeltreppe hoch, sooft sie durfte, und am liebsten bei Flut. Oben, hinter dem Bullauge, lag die Mangue grün und atmend, und das Wasser des Capibaribe hielt den zweiten Himmel mit den Wolken darin, genau wie sie es gesagt hatte. Weit hinten, wo das Meer anfing, brach die Brandung weiß über dem Riff, das der Stadt den Namen gab. „Sie fliegt doch", sagte Nalu leise zu dem kleinen grünen Licht, das sie in der Tasche trug, und Mohn, das nie log, widersprach diesmal nicht. Unten, im Schatten des Fallschirms, saß Dona Zefa auf der Bank, die Hand auf dem warmen Beton, und sah den Kindern zu, die hochkamen und weit sahen, und niemand hatte es über ihre Köpfe hinweg gebaut.