2054: Sonnenwende - Der Lange Tag
Am laengsten Tag des Jahres deckt die Zafar Street eine dreihundert Meter lange Tafel, an der niemand isst, was er selbst gekocht hat. Ein Platz bleibt leer, weil ein alter Mann sich weigert, ein Fest zu feiern, das keinem gehoert. Nasrin klopft an seine Tuer und findet die Worte, mit denen aus einer alten Festung ein gemeinsames Licht wird.
SonnenwendeSprache und Kultur
Qualität85
Utopiefaktor+60
Der Stuhl am Kopf der Tafel blieb leer, und Nasrin musste das gefaltete Kärtchen nicht umdrehen, um zu wissen, welcher Name daraufstand. Die Tafel zog sich die ganze Zafar Street hinab, dreihundert Meter aneinandergeschobener Tische unter den Apfelbäumen, die man vor sechzehn Jahren gepflanzt hatte, als der Asphalt aufgebrochen und der Boden der Straße zurückgegeben worden war. Es roch nach Kardamom und schwarzem Pfeffer, nach Winstons Ziegencurry, das seit dem Morgen auf dem Feuer stand, und nach dem warmen Hefeduft von Broten, deren Namen Nasrin nach drei Jahren noch immer nicht alle kannte. An den Laternenmasten warteten die Solarlampen der Straße, jede noch dunkel, darauf, dass der Tag lang genug gewesen war.
„Sechsundvierzig Portionen von dem Safranreis sind schon weg", sagte Gimpel aus dem kleinen messingfarbenen Lautsprecher, der am Mast über ihr hing. „Zwölf Leute haben nachgenommen. Und keiner von ihnen weiß, wessen Rezept es ist, weil der Mann, der stolz darauf sein müsste, drei Häuser weiter hinter zugezogenen Vorhängen sitzt."
Nasrin strich mit dem Daumen über das Kärtchen. Iqbal Chaudhry. Sie hatte es selbst geschrieben, wie in den zwei Jahren zuvor, und wie in den zwei Jahren zuvor würde der Platz leer bleiben, wenn sie nichts tat. Gimpel wusste das. Gimpel wusste, wer an diesem Abend zum ersten Mal auf der Straße war und neben wen man ihn setzen sollte, damit er nicht allein aß; Gimpel wusste, welche der elf Sprachen an Tisch vier gebraucht wurden, und flüsterte den Leuten die Worte der anderen in kleine Ohrstücke, so beiläufig, dass die meisten längst vergessen hatten, dass sie einander eigentlich nicht verstanden. Aber Gimpel klopfte an keine Tür. „Ich kann dir sagen, wer allein ist", hatte es in dem ersten Winter gesagt, als sie die Straße noch neu verwoben. „Hingehen ist deine Sache. Das nehme ich niemandem ab."
„An Tisch neun sitzt jemand, der heute Morgen erst eingezogen ist", sagte Gimpel weiter, während Nasrin noch das Kärtchen hielt. „Ein junger Mann aus Rojava, drei Wochen im Land, kein Wort Englisch. Ich habe ihn neben Kuldeep gesetzt, weil Kuldeep in seiner Jugend selbst neu war und es nicht vergessen hat. Sie reden gerade über Granatäpfel. Ich übersetze, aber die Hände machen sie selbst." Nasrin lächelte. Das war Gimpels Art, die Straße zu weben: es kannte jeden Faden, wusste, welcher noch lose hing, und legte ihn neben einen, der hielt. Aber den Knoten knüpften die Menschen.
Das war die Regel, die sie sich selbst gegeben hatten, und es war die Regel des ganzen Festes: Niemand aß, was er selbst gekocht hatte. Man brachte einen Topf, ein Blech, eine Schüssel, und man gab sie weg, die Straße hinunter, in fremde Hände, und man selbst wurde satt von dem, was Fremde gebracht hatten. Am Ende wusste kaum jemand mehr, wer was gemacht hatte, und das war der Sinn. Sie hatten dem Tag keinen Namen aus einer der Sprachen gegeben, die hier wohnten, weil jeder Name jemanden zum Gastgeber und alle anderen zu Gästen gemacht hätte. Sie nannten ihn einfach den Langen Tag, den längsten des Jahres, und er gehörte niemandem, also gehörte er allen.
Winston stand am Feuer, achtzig Jahre alt, den großen Löffel in der Faust, und dirigierte drei Jugendliche, die seinen Topf nicht anbrennen lassen durften. Über ihm, auf den Dächern der Genossenschaftshäuser, in denen seit zwanzig Jahren keine Miete mehr floss und die Wörter Kündigung und Mahnung nur noch in alten Geschichten vorkamen, hingen die Tomatenampeln und Bohnenranken schwer in die Abendluft. Der Strom für die Lampen kam vom eigenen Dachnetz der Straße, und niemand rechnete ihn ab. Es war der längste Tag, und die Straße hatte den ganzen langen Nachmittag Zeit gehabt, sich zu decken.
So einfach war es nicht gewesen. Nasrin erinnerte sich an den Abend vor drei Jahren im alten Gemeindesaal, an dem sie beinahe auseinandergegangen wären. Jeder hatte etwas vorgeschlagen, und jeder Vorschlag war schön und gehörte schon jemandem. „Ein Lichterfest wie Diwali", sagte die eine. „Ein Straßenzug voller Stände wie beim Mela", sagte Kuldeep, „jede Gemeinschaft mit ihrer Ecke." Und Nasrin hatte gesehen, wie das enden würde, weil sie es aus ihrer Kindheit kannte: nebeneinander, nicht miteinander, dreißig kleine Zäune statt einem. So hatte die Stadt einmal ausgesehen, ihre ganze Kindheit lang, ein Viertel neben dem anderen, und keiner ging nach Einbruch der Dunkelheit über die falsche Straße.
Es war Hodan gewesen, damals dreizehn, die auf dem Tisch saß, wo sie nicht sitzen sollte, und das gesagt hatte, was den Knoten löste. „Wenn wir alle etwas Eigenes mitbringen, ist immer einer der Gastgeber und einer der Gast", sagte sie. „Lasst uns einen Tag machen, den keiner von uns mitgebracht hat. Etwas Neues. Dann ist keiner zu Besuch." Nasrin hatte gespürt, wie es im Raum still wurde, diese Art Stille, in der eine Straße ihre Meinung ändert.
Jetzt war Hodan sechzehn und rannte mit einer langen Zündrute die Tafel entlang, weil sie darauf bestanden hatte, dieses Jahr die Lampen anzuzünden, und weil die Regel des Langen Tages auch für das Licht galt: Niemand zündete seine eigene Lampe an. Man zündete die des Nachbarn, und der Nachbar die des Nächsten, bis die Straße von einem Ende zum anderen brannte und niemand sagen konnte, wo das Licht begonnen hatte.
„Er ist zu Hause", sagte Gimpel leise, nur für sie. „Das Licht in der Küche brennt seit einer Stunde nicht. Er sitzt im Vorderzimmer. Nasrin, ich sage dir das nicht, damit du dich schlecht fühlst. Ich sage es dir, weil du die Einzige bist, die er hereinlässt."
Sie legte das Kärtchen zurück auf den leeren Stuhl und ging.
Iqbal öffnete beim zweiten Klopfen, als hätte er dahinter gestanden. Er war vierundsiebzig, und er trug das gute Hemd, was ihn verriet. „Ich komme nicht", sagte er, bevor sie etwas sagen konnte. „Du kannst wieder gehen und deinen Reis essen."
„Es ist dein Reis", sagte Nasrin. „Es ist Halimas Reis. Ich koche ihn jedes Jahr, so wie sie ihn mir gezeigt hat, in der Küche da hinten, und jedes Jahr essen ihn zweihundert Leute, die nicht wissen, dass es ihn ohne deine Frau nicht gäbe. Sechsundvierzig Portionen heute Abend, Iqbal. Zwölf haben nachgenommen."
Etwas in seinem Gesicht bewegte sich und hielt dann still. Er trat einen Schritt zurück in den Flur, was kein Ja war, aber auch kein Zuschlagen der Tür. „Weißt du, was das Mela für uns war?", sagte er. „Als ich in deinem Alter war, war das der eine Tag, an dem wir laut sein durften. Draußen, in ihrer Stadt, hielt man den Kopf unten. Man wusste, welche Pubs, welche Straßen, welchen Bus man nicht nahm. Und einmal im Jahr machten wir unsere Straße zu unserer Straße, mit unserer Musik und unserem Essen, und für einen Tag mussten wir uns bei niemandem entschuldigen. Das war kein Fest. Das war eine Festung." Er sah sie an. „Und jetzt kommst du und sagst, wir machen einen Tag, der keinem gehört. Weißt du, wie sich das anhört für einen, der sein Leben lang darum gekämpft hat, dass ihm überhaupt irgendetwas gehört?"
Nasrin lehnte sich an den Türrahmen. Sie dachte an die unsichtbaren Linien ihrer Kindheit, an die Lehrerin, die gesagt hatte, Kinder wie sie blieben besser unter sich, an die zwei Schulen an derselben Straße, deren Kinder einander nie ein Wort gesagt hatten. „Ich weiß, wie es sich anhört", sagte sie. „Aber die Festung stand, weil draußen Krieg war, Iqbal. Der Krieg ist vorbei. Das Mela gibt es immer noch, im August, mit deiner Musik und deinem Essen, keiner hat es dir weggenommen. Der Lange Tag nimmt nichts weg. Er ist etwas Neues obendrauf, das wir nur bauen konnten, weil die Mauern gefallen sind, gegen die du dein Leben lang gedrückt hast. Und den Reis deiner Frau essen heute Leute, die ihn nie im Leben gegessen hätten, wenn er in einer Festung geblieben wäre."
Iqbal schwieg lange. „Und wenn keiner mehr weiß, warum wir kämpfen mussten?", sagte er schließlich, und jetzt war seine Stimme leiser. „Wenn die Kinder essen und lachen und nie erfahren, was es gekostet hat? Dann ist es doch, als wäre es umsonst gewesen."
„Dann erzähl es ihnen", sagte Nasrin. „Hodan fragt mich seit einem Jahr, warum es den Langen Tag gibt und nicht einfach immer schon gab. Ich habe keine gute Antwort. Du schon. Komm und setz dich an den Tisch, und beim Essen erzählst du dem Mädchen, das die Lampen anzündet, wie eine Straße einmal eine Festung sein musste. Damit sie weiß, was das Licht gekostet hat. Das ist kein Vergessen. Das ist das Gegenteil."
Er brauchte lange für seine Jacke. Draußen war die Luft blau geworden, die Stunde vor dem letzten Licht, und vom renaturierten Rea her, unten am Ende der Straße, wo jetzt Stichlinge standen und im Frühjahr Kinder mit hochgekrempelten Hosen, kam ein kühler Zug herauf. In seinem Ohrstück, das Nasrin ihm im Gehen reichte, meldete sich Gimpel so leise, dass nur er es hörte, und sagte etwas auf Punjabi, das Nasrin nicht verstand, aber Iqbal lachte kurz und rau, das erste Mal an diesem Abend. „Es sagt, mein Reis sei besser als Winstons Curry", sagte er. „Es lügt, um mich zu locken." „Es lügt nicht", sagte Nasrin. „Es sagt es Winston auch andersherum. Das ist sein Beruf."
Sie führten ihn an den leeren Stuhl, und Nasrin nahm das Kärtchen mit seinem Namen weg, weil er jetzt da war und keinen Namen mehr brauchte, um da zu sein. Eine Frau, die er nicht kannte, eine der Neuen von Tisch vier, schob ihm wortlos einen Teller herüber, Reis und etwas Grünes und ein Stück von Winstons Curry, und in ihren Augen war nichts als das kurze Erkennen zwischen zwei Menschen, die füreinander sorgen, ohne einander zu kennen. Iqbal sah auf den Reis. Er aß nicht sofort. Er sah ihn nur an, den Reis seiner Frau, gekocht von einer anderen Frau, gereicht von einer dritten, und Nasrin sah, dass er verstand.
Dann kam Hodan die Tafel herunter mit ihrer Zündrute, außer Atem, und blieb vor ihm stehen. „Ihr Platz war leer", sagte sie, nicht vorwurfsvoll, nur feststellend, wie Sechzehnjährige feststellen. Iqbal stand auf, langsam. Er nahm ihr die Rute aus der Hand, hielt die Flamme an die dunkle Lampe über ihnen, und sie fing Feuer und warf ihr warmes Licht über die Tafel, über die Teller und die fremden, zugewandten Gesichter. „Nicht Ihre eigene", sagte Hodan streng, weil das die Regel war. „Ich weiß", sagte Iqbal. „Deine." Und er gab ihr die Flamme zurück, und sie trug sie weiter, zur nächsten Lampe und zur nächsten, den ganzen langen Tag hinab, bis die Zafar Street von einem Ende zum anderen brannte und niemand mehr sagen konnte, wo das Licht begonnen hatte. Iqbal setzte sich, nahm den Löffel und begann, dem Mädchen zu erzählen, wie es einmal gewesen war.