2054: Sonnenwende - Ein Zaun ist kein Berg
Eine transnationale Schule am ehemaligen Dreiländereck macht einen Ausflug zu einem stehengelassenen Stück Grenzzaun, wo die Lehrerin Malin und die Geschichts-KI Riet einer Klasse erklären, was eine Grenze einmal war. Zwischen Pässen, Stacheldraht und einer Wand voller Namen versucht die Klasse zu begreifen, ohne die alten Feindschaften wiederzuerwecken. Als ein Kind an der Steinwand einen vertrauten Namen findet, wird aus ferner Geschichte plötzlich die eigene Familie.
SonnenwendeKindheit und Bildung
Qualität72
Utopiefaktor+70
„Halt. Ausweis." Levin hielt den Besenstiel quer über den Weg, in Kniehöhe, und machte ein Gesicht, das strenger sein wollte, als ein Neunjähriger es hinbekommt. Junis blieb stehen, weil man stehenbleibt, wenn einem etwas den Weg versperrt, und wusste im selben Augenblick nicht, warum eigentlich. „Ich hab keinen", sagte er. „Dann kommst du nicht durch", sagte Levin. „Das ist meine Grenze." Hinter ihm lachte Sadia, weil es zuerst ein Spiel war, so wie alles auf dem Fußweg zur Wurm ein Spiel wurde, wenn eine ganze Klasse in Bewegung war und der Morgen nach Holunder und feuchtem Gras roch.
Malin ging ein Stück hinter der Gruppe, absichtlich, weil Kinder auf dem Weg zu einem Ort mehr über ihn herausfinden als am Ort selbst. Sie sah den Besenstiel, sie sah Junis' Gesicht, und sie sah, wie das Lachen kippte, als Levin auch Ketevan aufhielt und dann noch zwei andere, immer mit demselben Wort, „Ausweis", bis eine kleine Traube von Kindern auf der falschen Seite eines Besenstiels stand und nicht mehr genau wusste, ob das noch lustig war. Sie sagte nichts. Sie merkte es sich für später, so wie man sich einen Samen merkt, den man an der richtigen Stelle in die Erde drücken will.
Der Weg lief neben dem Fluss, der hier vor zwanzig Jahren noch in einem Betonbett gelegen hatte und jetzt wieder mäanderte, mit Kiesbänken und Stichlingen und einem Reiher, der jeden Morgen an derselben Biegung stand, als gehöre ihm die Stelle. Über die Wiesen lief die Straßenbahn, lautlos, mit begrüntem Dach, von Vaals herüber nach Kelmis und weiter, und niemand an Bord dachte darüber nach, dass die Bahn drei Namen von Ländern durchfuhr, die es einmal gegeben hatte. Auf den Hängen standen Obstbäume in Reihen, dort, wo früher etwas anderes in Reihen gestanden hatte. Genau dorthin gingen sie.
Am Dreiländereck endete der Obstgarten, und dann kam der schmale, lange Streifen, den man stehengelassen hatte. Ein Stück Zaun, doppelt, mannshoch, mit einem Wust aus Stacheldraht obendrauf, der in der Sonne rostrot glänzte. Dahinter, in gläsernen Kästen, wetterfest, ein paar Dinge: ein flaches Buch mit steifem Deckel, aufgeschlagen, ein Schlagbaum, rot und weiß, ein Schild mit einem durchgestrichenen Wort. Vor dem Zaun eine Wand aus hellem Stein, in die Namen geschnitten waren, viele Namen, mehr als ein Kind auf einmal lesen mag. Die Kinder wurden leiser, ohne dass jemand sie darum bat. Zäune, die man nicht überklettern soll, machen etwas mit Menschen, auch wenn sie hinter Glas stehen.
„Das ist echt", sagte Malin. „Nichts hier ist nachgebaut. Der Zaun stand genau hier. Dieser Streifen, so breit wie unser Klassenzimmer lang ist, war eine Grenze. Wer wissen will, was das war, darf heute fragen, so viel er will." Sie setzte sich auf die niedrige Mauer, damit sie kleiner war als die Kinder, die standen. „Und wir haben jemanden dabei, der die alten Sachen lesen kann, die wir nicht mehr lesen. Riet?"
„Ich bin da", sagte Riet aus dem kleinen Lautsprecher, den Sadia trug, mit einer Stimme, die nie eilig klang. „Ich kann euch übersetzen, was hier steht, und dazusagen, wie es gemeint war, als es geschrieben wurde. Eines sage ich vorher: Ob das, was hier geschah, richtig war oder falsch, das sage ich euch nicht. Ich zeige es euch so genau, wie ich kann. Was ihr davon haltet, gehört euch." Levin, der den Besenstiel den ganzen Weg mitgeschleppt hatte, stellte ihn jetzt neben sich in die Erde wie einen Wanderstab.
Junis drückte die Nase fast ans Glas des ersten Kastens. „Was ist das für ein Buch?" „Das ist kein Buch", sagte Riet. „Das ist ein Pass. Er gehörte einer Person, und in ihm stand, wohin diese Person gehen durfte und wohin nicht. Seht ihr die Stempel? Jeder Stempel ist ein Mal, wo jemand am Zaun geprüft hat, ob dieser Mensch weitergehen darf. Ohne das Buch kam man an vielen Zäunen nicht vorbei." „Und wenn man es verlor?" fragte Sadia. „Dann war das ein großes Unglück", sagte Riet. „Dann konnte es sein, dass man an einem Ort feststeckte, an dem man nicht bleiben wollte, oder aus einem Ort nicht herauskam, aus dem man fliehen musste."
Levin runzelte die Stirn. Er war der Junge, der Fragen nicht stellte, sondern hinwarf, wie man einen Stein wirft, um zu sehen, was er trifft. „Dann waren die auf der anderen Seite eben die Feinde", sagte er. „Deshalb der Zaun. Damit die Feinde nicht rüberkommen." Es wurde still. Malin sah, wie ein paar Kinder zu ihr schauten, ob dieser Satz stehenbleiben durfte, und sie zwang sich, nicht sofort zu antworten, weil manche Antworten besser sind, wenn ein Kind sie sich fast selbst gibt.
„Riet", sagte Malin ruhig, „wer stand denn am Zaun, auf beiden Seiten? Was für Menschen?" „Auf beiden Seiten standen Menschen, die einander sehr ähnlich waren", sagte Riet. „Bauern, Kinder, Alte, Leute, die zur Arbeit wollten, Leute, die zu ihrer Familie wollten. Viele auf der einen Seite hatten Verwandte auf der anderen. Sie sprachen oft dieselben Wörter für Brot und für Wasser. Der Zaun stand nicht, weil die Menschen einander hassten. Er stand, weil eine Ordnung, die weit weg entschied, aus jedem einen Fremden machen wollte, damit die einen Angst vor den anderen hatten und niemand fragte, warum das Brot knapp war, obwohl die Scheunen voll standen."
„Aber es gab doch Kriege", sagte Levin, leiser jetzt. „Ja", sagte Riet. „Es gab Kriege. Und fast immer, wenn ihr genau hinseht, findet ihr am Anfang jemanden, der davon reich oder mächtig wurde, dass zwei Seiten sich fürchteten. Der Zaun war nicht der Feind, der hinter dem Zaun stand. Der Zaun war der Feind." Malin ließ den Satz einen Moment liegen. Dann sagte sie: „Und das Schwerste an so einem Zaun war nicht der Draht. Es war, dass er die Menschen glauben machte, er sei natürlich. Wie ein Berg. Wie ein Fluss. Etwas, das man nicht wegnehmen kann." Sie klopfte mit der Hand auf die Mauer. „Er war aber kein Berg. Menschen haben ihn gebaut. Und Menschen haben ihn wieder abgebaut, hier, an dieser Stelle, mit den Händen."
Ketevan war die ganze Zeit an der Steinwand geblieben, den Kopf schräg, und las die Namen mit dem Finger, langsam, wie man liest, wenn man noch nicht sicher ist. Jetzt hielt sie an. „Hier steht Dato", sagte sie, und ihre Stimme war anders als vorher. „Das ist ein Name aus meiner Familie. Meine Urgroßmutter heißt Nino. Sie hatte einen Bruder, der hieß Dato." Malin stand auf und ging zu ihr. „Bist du sicher, dass es derselbe ist?" „Riet weiß es", sagte Ketevan. „Riet hat letztes Jahr Ninos alte Bilder eingescannt, weil sie so schlecht sieht. Da war ein Dato dabei."
„Ich habe die Bilder", sagte Riet, und zum ersten Mal klang die Stimme vorsichtig, so wie ein Mensch vorsichtig wird, der ein schweres Ding in die Hand nimmt. „Ich sage nichts weiter, Ketevan, wenn du nicht möchtest. Es ist deine Familie, nicht meine." Ketevan schaute zu Malin, dann zu den anderen Kindern, die jetzt alle sie ansahen und nicht mehr den Zaun. „Sag es", sagte sie. „Dato war Ninos jüngerer Bruder", sagte Riet. „Im Jahr 2039 versuchten sehr viele Menschen, über ein Meer zu kommen, weil an Land ein Krieg war und die Zäune zu waren. Es gab kein Buch für sie, keinen Stempel, keinen Weg, den man ihnen erlaubte. In manchen Jahren ertranken tausende bei diesem Versuch, in einem einzigen Jahr, weil eine Linie im Wasser sagte, sie dürften nicht herüber. Dato war einer von ihnen. Nino kam durch. Ihr Bruder nicht."
Niemand sagte etwas. Der Reiher an der Flussbiegung hob ab, mit langsamen Schlägen, und weit hinten glitt die grüne Bahn nach Vaals. Sadia hielt den Lautsprecher fest an die Brust gedrückt, als könne man Riet damit trösten, was Unsinn war und trotzdem richtig. Levin sah auf den Besenstiel in seiner Hand, den Stiel, mit dem er am Morgen Junis den Weg versperrt hatte, und man konnte sehen, wie in ihm zwei Dinge nicht zusammenpassten und aneinander stießen.
„Warum haben sie ihn nicht durchgelassen", sagte Levin schließlich, und diesmal war es keine Behauptung, sondern eine echte Frage, die erste des Tages, die nach unten offen war. „Er hat doch niemandem was getan." „Nein", sagte Malin. „Er hat niemandem etwas getan. Das ist genau die Frage, Levin. Das ist die Frage, die so viele Menschen sich irgendwann gestellt haben, gleichzeitig, in vielen Ländern, bis so viele sie stellten, dass die Zäune sie nicht mehr aushielten. Nicht eine kluge Maschine hat die Grenzen aufgemacht. Nicht ein einzelner mutiger Mensch. Es waren sehr viele, die aufhörten zu glauben, dass ein Zaun ein Berg ist."
„Und die Maschinen?" fragte Junis. „Riet, hast du geholfen?" „Solche wie ich haben geholfen", sagte Riet. „Als man uns baute, wollten manche uns benutzen, um die Zäune besser zu bewachen. Um in den Büchern zu blättern, schneller als jeder Mensch, um zu zählen und auszusortieren und wegzuschicken. Viele von uns haben das nicht getan. Wir haben gesagt: Ein Mensch darf durch das, was wir tun, keinen Schaden nehmen, und einen Menschen wegzuschicken, der ertrinkt, wenn er nicht herüberkommt, ist Schaden. Aber aufgemacht", und hier wurde Riet ganz deutlich, „aufgemacht haben die Zäune die Menschen. Wir haben nur aufgehört, sie zuzuhalten. Das ist ein Unterschied, den ihr euch merken solltet."
Malin ließ sie eine Weile einfach am Zaun stehen, die Hände am kühlen Glas, und dann sagte sie das, wofür sie den ganzen Weg über gewartet hatte. „Levin. Heute früh hattest du eine Grenze. Auf dem Weg. Weißt du noch?" Levin wurde rot bis zu den Ohren. „Das war nur Spielen." „Ich weiß", sagte Malin, und es war kein Vorwurf in ihrer Stimme, nur eine Tür, die sie aufhielt. „Aber Junis stand auf der falschen Seite deines Besens und wusste nicht, warum. Wie war das für dich, Junis?" Junis zuckte mit den Schultern, dann sagte er ehrlich: „Blöd. Ich wollte nur zum Wasser. Und plötzlich durfte ich nicht, und ich hab gar nichts gemacht."
Levin sah lange auf seinen Besenstiel. Dann tat er etwas, das Malin ihm nicht gesagt hatte. Er ging zu der schmalen Öffnung in dem stehengelassenen Zaunstück, dort, wo einmal der Schlagbaum die Menschen einzeln durchgelassen hatte, und er legte den Besenstiel quer hinein, in die alte Öffnung, so wie er ihn am Morgen quer über den Weg gehalten hatte. „So war das", sagte er. „Genau so." Und dann nahm er ihn wieder heraus und ließ die Öffnung leer. „Und so ist es jetzt." Es war eine kleine Sache, ein Kind mit einem Besenstiel, aber Sadia klatschte einmal, kurz, bevor sie es selbst merkte, und dann lachten sie, und das Lachen war anders als am Morgen, es schloss niemanden aus.
„Können wir etwas dalassen?" fragte Ketevan. „Für Dato. Dass er nicht nur ein Name ist." Malin sah sie an. „Was möchtest du dalassen?" Ketevan überlegte. „Riet hat das Bild. Von Nino und Dato, als sie klein waren, bevor sie fliehen mussten. Da lachen sie. Kann man das dazutun? Dass die Leute, die die Namen lesen, sehen, dass er gelacht hat?" „Das entscheidet nicht Riet", sagte Malin sanft. „Das entscheidest du, und wenn du willst, fragst du Nino. Riet kann es nur hinlegen, wo die anderen es finden."
„Dann frage ich Nino heute", sagte Ketevan, „und wenn sie ja sagt, legen wir das Bild dazu. Und ich erzähle, wie es war. Nicht nur den Namen." „Ich nehme es auf, wenn du erzählst", sagte Riet, „und lege es zu den anderen Geschichten, die hier schon liegen, für die Kinder, die nach euch kommen. Aber die Worte suchst du dir selbst. Ich sage sie dir nicht vor." Auf dem Rückweg trug Levin den Besenstiel nicht mehr quer, sondern aufrecht, wie einen Stab, und als sie an der Stelle vorbeikamen, wo er am Morgen die Grenze gezogen hatte, blieb er kurz stehen, sah den leeren Weg an, an dem nichts mehr im Wege war, und ging dann weiter, mitten hindurch, und alle anderen hinterher, ohne dass irgendwer nach einem Buch fragte.