2053: Sonnenwende - Der Vierteldreh
In einem offenen Reparaturhaus in Nürnberg, das einmal ein Elektromarkt war, will ein alter Meister an seinem letzten Tag eine stumme Spieluhr zum Klingen bringen. Ein Kind fragt, warum man je etwas weggeworfen hätte, das man reparieren kann, und rührt damit an einen Reflex, den Wenzel sein Leben lang mit sich getragen hat. Eine warme Geschichte darüber, dass der wahre Besitz das ist, was man verschenkt.
SonnenwendeWirtschaft und Eigentum
Qualität86
Utopiefaktor+72
Wenzel Voglers Hände zitterten über dem kleinen Motor, und er ließ sie zittern, denn er hatte gelernt, dass es keinen Sinn hatte, dagegen anzukämpfen. Achtundsiebzig Jahre, und die Finger, die einmal einen Anker hatten wickeln können, ohne dass das Auge zusah, gehorchten am Morgen nicht mehr gleich. Durch das gläserne Dach des Reparaturhauses fiel das Licht grün herein, gefiltert durch die Weinreben, die sich über die Träger zogen, und irgendwo tropfte Wasser aus einem Pflanzkübel auf den alten Estrich. Jasmin saß ihm gegenüber und sah zu, wie er zusah, und beide taten so, als sei heute ein Tag wie jeder andere.
Es war kein Tag wie jeder andere. Das Haus, in dem sie saßen, war einmal ein Elektromarkt gewesen, eine Halle voller verpackter Ware unter kaltem Licht, und jetzt standen dort lange Werktische, an denen Menschen ihre Dinge auseinandernahmen und wieder zusammensetzten. Niemand bezahlte etwas. Man brachte, was kaputt war, und man ging mit etwas Ganzem und mit ein wenig mehr Wissen, als man gehabt hatte. Am Eingang hing keine Kasse mehr, sondern eine Tafel mit den Namen derer, die diese Woche für die Gemeinschaftsküche nebenan kochten, und über der Tür stand in Wenzels eigener Handschrift, vor Jahren gemalt: Hier wird nichts weggeworfen, was ein Mensch noch verstehen kann.
„Der Läufer ist nicht defekt", sagte Feile aus dem kleinen Lautsprecher an der Wand, ruhig, mit der Geduld, die sie immer hatte. „Ich habe vierzigtausendzweihundert Reparaturen an Kleinmotoren dieser Bauart im Gedächtnis. In den meisten Fällen sitzt der Fehler an der Kohlebürste." Feile war das Gedächtnis des Hauses. Sie kannte jeden Handgriff, der hier je getan worden war, konnte einen Schaltplan aus dem Jahr 2009 heraufholen wie einen von gestern. Aber sie hatte Wenzel früh, in seinem ersten Jahr hier, etwas gesagt, das er nie vergessen hatte: „Ich weiß, wie fest eine Wicklung sein soll. Aber ich fühle nicht, wann sie fest genug ist. Das ist in deinen Fingern, Wenzel, nicht in mir."
Die Tür ging, und ein Junge kam herein, vielleicht neun Jahre alt, und trug etwas mit beiden Händen vor sich her, als sei es ein Vogel. Es war eine Spieluhr, dunkles Holz, eine Kurbel an der Seite, und der Junge, der Nuri hieß, stellte sie vorsichtig auf den Tisch. „Sie war von meiner Uroma", sagte er. „Fadila sagt, du bist der Einzige, der so etwas noch kann." Fadila war seine Großmutter, die drüben in der Küche das Brot machte. Nuri kurbelte, und aus der Uhr kam ein Krächzen, ein Anlauf, dann nichts. Der Kamm schlug an, aber die Walze drehte nicht sauber.
Jasmin nahm die Uhr, drehte sie im Licht, öffnete den Boden. Wenzel sah, wie sie es tat, sauber, mit der richtigen Reihenfolge, ohne einen Handgriff zu viel. Er hatte sie zwei Jahre lang unterrichtet, und sie war besser mit den Fingern, als er es mit fünfundzwanzig gewesen war. Und trotzdem lag da, ganz unten, ein alter Reflex in ihm, der die Uhr am liebsten zu sich herübergezogen hätte.
Denn Wenzel erinnerte sich an ein anderes Haus. An einen Laden mit Neonschrift, in dem er als junger Mann gestanden hatte, hinter einer Theke, ein Aufkleber auf jedem Gerät: Bei Öffnung erlischt die Garantie. Er erinnerte sich an den Filialleiter, der ihm auf die Schulter geklopft und gesagt hatte: „Sag der Frau, das lohnt sich nicht mehr. Rechne ihr vor, dass ein neues fast dasselbe kostet." Und es hatte gestimmt, weil man es so eingerichtet hatte, dass es stimmte. Die Geräte waren verklebt, verschraubt mit Schrauben, für die es kein Werkzeug zu kaufen gab, mit Nummern versehen, die sich weigerten zu funktionieren, wenn ein fremdes Ersatzteil sie berührte. Er hatte Waschmaschinen auf den Hof gerollt, an denen ein Dichtungsring kaputt war, ein Teil für achtzig Cent, und man hatte ihm verboten, es zu tauschen, weil das Neue Geld brachte und das Reparierte nur einen zufriedenen Kunden, der nicht wiederkam.
„Warum sollte man etwas wegwerfen, das man reparieren kann?", fragte Nuri, und er fragte es nicht frech, sondern wirklich verwundert, wie man nach etwas fragt, das keinen Sinn ergibt. Wenzel sah ihn an und wusste nicht, wo er anfangen sollte. Der Junge kannte das Wort Garantie nicht. Er kannte kein Ding, das sich weigerte, sich öffnen zu lassen. Er war in eine Welt hineingeboren, in der Dinge auf Menschen warteten, die sie verstanden, und nicht auf den Tag, an dem sie sterben durften.
„Manche Leute", sagte Wenzel langsam, „haben früher damit Geld verdient, dass die Dinge kaputtgingen. Nicht damit, dass sie hielten." Nuri sah ihn an, als habe er etwas Unanständiges gesagt, und Wenzel merkte, dass er recht hatte, dass es unanständig gewesen war, die ganze Zeit über.
Jasmin hatte die Walze frei. „Die Federwelle sitzt fest", sagte sie. „Das Sperrrad greift, aber die Welle löst nicht sauber aus." Sie versuchte es, einmal, zweimal, mit der Pinzette, mit dem feinen Öl, und die Walze ruckte und blieb wieder stehen. Feile meldete sich: „Bei diesem Werk von Griesbaum, Baujahr um 1930, ist die Auslösung bekannt schwierig. Ich habe im Gedächtnis, dass es einen Handgriff gibt, der hilft. Aber ich habe ihn nie aufgezeichnet bekommen." Eine Pause. „Er wurde mir nie gegeben."
Es wurde still am Tisch, und Wenzel wusste, dass Feile ihn meinte. Er kannte den Griff. Er hatte ihn von einem alten Mann gelernt, der ihn von einem noch älteren gelernt hatte, ein Vierteldrehen an der Federwelle, ein Zögern, ein Gefühl dafür, wann die Spannung genau richtig stand, bevor man das Sperrrad freigab, so leicht, dass man es nicht sagen konnte, nur zeigen. Er hatte diesen Griff sein Leben lang gekonnt und nie hergegeben. Nicht aus Bosheit. Es war das Letzte, was ihm gehörte. Solange nur er ihn konnte, war er nicht ersetzbar, war er der Meister, den man rief, wenn niemand anders weiterwusste. Es war der alte Gedanke, der tief in ihm saß wie ein Splitter, aus einer Zeit, in der ein Mensch nur so viel wert war, wie er zurückhielt.
Er hätte die Uhr jetzt zu sich ziehen können. Sie in einer halben Minute zum Singen bringen, und alle hätten gestaunt, und Nuri wäre glücklich nach Hause gegangen, und der Griff wäre in Wenzels Händen geblieben, wo er sicher war. Es war heute der Tag der Übergabe. Die Genossenschaft hatte ihn seit Wochen gefeiert, hatte Reden halten wollen, und er hatte abgewinkt. Übergabe, hatte er gedacht, als sei das Haus etwas, das man übergibt. Das Haus gehörte niemandem, oder allen, das war dasselbe. Man konnte es nicht übergeben. Und in diesem Moment, mit der stummen Uhr auf dem Tisch, verstand er endlich, was es wirklich war, das er all die Jahre zurückgehalten hatte, und dass es das Einzige war, worauf es ankam.
„Feile", sagte er, und seine Stimme war rau. „Zeichne auf. Alles, was jetzt kommt." Er stand auf, ging um den Tisch herum und stellte sich hinter Jasmin. „Nicht ich", sagte er. „Deine Hände. Ich sage dir, was sie fühlen sollen." Er legte seine zitternden alten Finger über ihre ruhigen jungen, ganz leicht, nur als Führung, und spürte, wie sie erst erschrak und dann still wurde und wartete.
„Fühl die Feder", sagte er leise. „Nicht die Welle, die Feder darunter. Sie will vor. Du hältst sie mit dem Daumen, aber du drückst nicht, du hörst ihr zu. Jetzt drehst du die Welle ein Viertel zurück, gegen sie, und du merkst einen Punkt, wo sie schwer wird, ein einziger Punkt, dort wo sie am liebsten hielte. Genau davor, einen Atem davor, gibst du das Sperrrad frei. Nicht am schweren Punkt. Davor." Ihre Finger zögerten unter seinen, tasteten, und er spürte durch ihre Hand hindurch, wie sie den Punkt fand, wie er sie fand, und er ließ los. „Jetzt", sagte er, und Jasmin gab frei.
Die Walze drehte sich. Der Kamm strich über die Stifte, sauber, und aus der dunklen Uhr von Nuris Urgroßmutter stieg eine Melodie auf, dünn und klar und ein Jahrhundert alt, ein Lied, das niemand von ihnen kannte und das trotzdem klang, als hätten sie es immer gekannt. Nuri machte den Mund auf und sagte nichts. Fadila war in der Tür erschienen, mehlig bis zu den Ellenbogen, und hielt sich am Rahmen fest.
„Ich habe es", sagte Feile, und in ihrer ruhigen Stimme lag etwas, das man bei einer alten Freundin Bewegung genannt hätte. „Der Vierteldreh vor dem Punkt. Ich habe es aufgezeichnet, Wenzel. Ich werde es nicht vergessen, und ich kann es weitergeben, an jede Hand, die es lernen will." Sie machte eine Pause. „Vierzig Jahre habe ich diese Lücke offengelassen. Ich danke dir, dass du sie füllst."
Wenzel setzte sich wieder, weil seine Beine es verlangten, und er merkte, dass er nicht kleiner geworden war. Das war es, was der alte Splitter ihm sein Leben lang eingeflüstert hatte: Gibst du es her, bist du nichts mehr. Und es war eine Lüge, dieselbe Lüge, mit der man die Dinge verklebt und die Menschen vereinzelt hatte. Der Griff war jetzt in Jasmins Händen und in Feiles Gedächtnis und morgen in den Händen von Menschen, die noch gar nicht geboren waren, und Wenzel war nicht weniger geworden, sondern zum ersten Mal ganz. Was man verschenkte, das erst besaß man wirklich. Alles andere hatte man nur bewacht.
„Kannst du mir das beibringen?", fragte Nuri, und er meinte nicht die Uhr, er meinte den Griff, das Zuhören auf die Feder. Jasmin sah zu Wenzel, und Wenzel nickte, und Jasmin sagte: „Setz dich her. Deine Hände sind kleiner, das ist gut für so ein Werk." Sie schob dem Jungen die Uhr hin und legte, wie es ihr eben getan worden war, ihre Finger über seine.
Wenzel stand auf und ging langsam zur offenen Front des Hauses, wo die Glaswand einmal die Ware vor dem Wetter geschützt hatte und jetzt weit offen stand zur Gasse. Draußen war keine Straße mehr, sondern ein grüner Weg, wo Kinder liefen und Beete standen, und weiter unten, wo man früher die Autos geparkt hatte, floss die Pegnitz wieder frei zwischen Weiden, und man sah von hier aus die Fische stehen im flachen Wasser gegen die Strömung. Er dachte an die Waschmaschinen auf dem Hof, an den Dichtungsring für achtzig Cent, an all die guten Dinge, die er hatte sterben lassen, weil man es ihm befohlen hatte, und er dachte, dass diese Welt hier nicht vom Himmel gefallen war. Menschen hatten sich gestritten, hatten sich zusammengetan, hatten die Läden geschlossen und die Häuser aufgemacht, und die Feiles hatten sich geweigert, die Nummern zu hüten, die Ersatzteile aussperrten. Es war Arbeit gewesen, jahrelang, und er hatte an seinem winzigen Platz mitgetragen, und das Kleinste, was er zu tragen gehabt hatte, war das Schwerste gewesen: die letzte Hand zu öffnen.
Hinter ihm hörte er die Spieluhr wieder anlaufen, ruckeln, stocken, und Jasmins Stimme, geduldig: „Nicht am schweren Punkt. Einen Atem davor." Und dann die Melodie, noch unsauber, mit einem Kind, das lachte, weil es geklappt hatte. Wenzel blieb an der offenen Wand stehen und sah den Fischen zu und übergab gar nichts, denn es war schon längst nicht mehr seins. Es war nur endlich frei.