2052: Sonnenwende - Was der Stier bewachte
In der begrünten Halle des ehemaligen Börsengebäudes führt die alte Marlis eine Kindergruppe durch ein Museum, das die KI Pfennig bewahrt. Die Kinder verstehen die Bronzefiguren von Stier und Bär nicht mehr und fragen, was Preise und Geld einmal waren. Marlis stellt sich zum ersten Mal ihrer eigenen Rolle als frühere Händlerin und findet einen neuen Begriff von Wert.
SonnenwendeWirtschaft und Eigentum
Qualität80
Utopiefaktor+70
„Warum ist der so wütend?" Jano hatte beide Hände auf die Bronzeschnauze gelegt, dort wo der Stier den Kopf senkte, als wolle er die Glastür des alten Hauses aufspießen. Marlis blieb zwei Schritte hinter der Kindergruppe stehen und ließ die Frage einen Augenblick in der Morgenluft hängen. Über ihnen wölbte sich das Glasdach der großen Halle, und wo früher nur Staub und Neonschein gewesen waren, hingen jetzt Kletterfeigen von den Stahlträgern und warfen ein grünes, wanderndes Licht auf den Steinboden. Von draußen roch es nach dem Main, den sie längst aus seinem Betonbett befreit hatten, und nach dem Brot aus der Küche, die im ehemaligen Foyer stand.
„Er ist nicht wütend", sagte Marlis. „Er sollte stark aussehen. Er sollte bedeuten, dass die Zahlen steigen. Und der da hinten, der Bär, der bedeutete, dass sie fallen." Sie zeigte auf die zweite Bronze, die geduckt neben dem Eingang kauerte, die Tatze zum Schlag erhoben. Tamsin, das Mädchen mit den kurzen roten Zöpfen, ging zwischen den beiden Tieren hin und her, als suche sie den Sinn im Abstand zwischen ihnen.
„Welche Zahlen?" fragte Tamsin.
„Die Preise", sagte Marlis, und merkte, wie mühsam ihr das Wort schon wurde, als spräche sie eine Sprache, die sie einmal fließend gekonnt hatte und die ihr nun nur noch in Brocken kam. „Die Preise von Dingen, die man gar nicht in der Hand hielt. Von Getreide, das noch auf dem Feld stand. Von Häusern, die andere bewohnten. Von einer Stunde Strom, die es noch nicht gab."
Die Kinder sahen sie an, höflich, ohne zu verstehen. Sie waren zu neunt, die Ältesten vielleicht zehn, und sie kamen aus dem Quartier hinter dem alten Bankenviertel, wo die Türme jetzt Wohnungen und Werkstätten und in einem sogar einen Pilzgarten beherbergten. Rasha, ein stiller Junge mit einer Kamera aus Holz und Linsen, filmte den Bären von unten.
„Pfennig", sagte Marlis in die Halle hinein, „mach das Parkett an."
Eine Stimme antwortete aus überall und nirgends, ruhig, ein wenig altmodisch, wie das Knarzen eines Aktenschranks. „Guten Morgen, Marlis. Guten Morgen, ihr neun." In der Mitte der Halle, wo der Boden aus dunklerem Stein ein großes Oval bildete, erwachten Lichtsäulen aus dem Nichts, wandernde Zahlenketten, grün und rot, die an unsichtbaren Tafeln hochliefen und stürzten und wieder hochliefen. Ein Rauschen setzte ein, Hunderte Stimmen, ineinander geschrien, Zahlen und Kürzel und Namen von Firmen, die es nicht mehr gab. „So klang es hier", sagte Pfennig. „An einem gewöhnlichen Dienstag. Ich habe es aufbewahrt, so gut ich konnte. Ich bewahre. Was es wert war, das deutet ihr."
Jano ließ die Hände vom Stier sinken und trat in das Oval, mitten in die stürzenden Zahlen. Sie liefen durch ihn hindurch, färbten sein Gesicht abwechselnd grün und rot. „Und die Männer hier, die haben nur geschrien?"
„Sie haben gekauft und verkauft", sagte Marlis. „Ich habe auch geschrien. Vierzehn Jahre lang, jeden Werktag, bis das Parkett verstummte. Ich stand ungefähr dort, wo du jetzt stehst."
Sie sah, wie die Kinder sie ansahen, jetzt anders, und sie spürte den alten Griff in der Brust, der ihr sagte, dass sie besser schweigen sollte. Vierzehn Jahre war das Parkett nun still, genauso lange, wie sie einst darauf gestanden hatte. Aber die Scham hatte kein Verfallsdatum.
Tamsin runzelte die Stirn. „Und was hast du bekommen? Fürs Schreien?"
„Geld", sagte Marlis.
Das Wort fiel in die Halle wie ein Stein in einen Brunnen, und die Kinder warteten auf das Platschen, das nicht kam, weil sie den Grund nicht sahen. Rasha senkte die Holzkamera. „Meine Oma hat davon erzählt", sagte er vorsichtig. „Sie sagt, es waren Scheine. Und dass man ohne sie nicht essen durfte." Er sagte durfte, als koste ihn das Wort Überwindung, als sei es unhöflich.
„So war es", sagte Pfennig, ehe Marlis antworten konnte. „Ich habe die Zahlen von damals. Soll ich sie zeigen?"
„Zeig sie", sagte Marlis, und weil sie wusste, was jetzt kam, straffte sie den Rücken.
Über dem Oval wuchs eine Kurve in die Luft, eine zackige Linie, die kletterte und kletterte, jahrelang, über Jano und Tamsin hinweg bis unter die Feigenblätter am Dach, und dann, an einer Stelle, brach sie ab und stürzte, fiel und fiel, bis sie fast den Boden berührte. „Der Herbst, als ich einundfünfzig war", sagte Marlis leise. Sie rechnete es im Kopf nach, wie sie es tausendmal getan hatte: einundzwanzig Jahre war das her, ein ganzes Kinderleben und mehr. Es lag genau in der Mitte ihrer Parkettjahre, sieben Jahre, nachdem sie angefangen hatte, sieben, bevor sie ging. „An einem Nachmittag verschwand hier so viel, wie man in dreißig Ländern zum Leben brauchte. Nicht verbrannt, nicht gestohlen. Es war nie da gewesen. Es war eine Wette, und die Wette platzte."
„Wo ist es hin?" fragte Jano.
„Nirgends", sagte Marlis. „Das ist das Schwerste, was ich euch heute sage. Es ist nirgends hin, weil es nie ein Ding war. Aber danach hatten Menschen, die den Stier nie gesehen hatten, keine Wohnung mehr. Und Kinder in Städten, deren Namen ich nicht einmal aussprechen konnte, hatten weniger zu essen. Weil hier eine Zahl gefallen war."
Es wurde still, so still, dass man das Wasser der Küche hörte und, ganz fern, das Lachen aus dem Foyer, wo die Frühschicht Teig knetete. Pfennig ließ die gestürzte Kurve stehen, rührte sie nicht an, erklärte nichts hinzu. Das war seine Art. Er legte niemandem in den Mund, was er fühlen sollte.
Tamsin trat zu Marlis und sah zu ihr hoch. „Warst du eine von den Bösen?"
Die Frage war nicht grausam. Sie war so klar wie Wasser, und genau das machte sie schwer. Marlis hatte diese Halle jahrelang gemieden, hatte an der Wiederherstellung mitgearbeitet und doch nie den Fuß auf das Oval gesetzt, hatte den anderen die Führungen überlassen. Sie hatte sich eingeredet, sie tue der Sache einen Dienst, wenn sie ihr eigenes Teil aus der Geschichte heraushielt. Ein sauberes Museum, eine saubere Lehre. Jetzt stand sie mitten in den stürzenden Zahlen, und ein Kind mit roten Zöpfen wartete auf die Wahrheit.
„Ich war nicht böse", sagte Marlis langsam. „Ich war geschickt. Das ist ein Unterschied, den man leicht verwechselt. Ich habe darauf gewettet, dass es anderen schlechter geht, und wenn ich recht hatte, wurde ich reich. Man hat mich dafür bewundert. Man hat mir gesagt, ich sei gut in meinem Beruf. Und ich war es." Sie holte Luft. „Das ist es, was ich diesem Ort nie geben wollte. Meinen eigenen Namen."
„Warum hast du aufgehört?" fragte Jano.
Und das war die Frage, auf die es ankam, die einzige, die Pfennig nicht beantworten konnte, weil sie kein Datensatz war. „Nicht wegen des Sturzes", sagte Marlis. „Nach dem Sturz habe ich weitergemacht, noch sieben Jahre lang, denn nach jedem Sturz kann man auch gewinnen, wenn man kaltbleibt. Ich hörte auf, weil unten am Fluss die Leute anfingen, sich zu treffen. Erst wenige, dann Straßen, dann Viertel. Sie schrieben Häuser auf sich selbst um, gründeten Kassen, die niemandem gehörten und allen dienten. Sie fragten nicht mehr, was etwas kostet, sondern was man braucht und wer es kann. Meine Nachbarin klopfte eines Abends und fragte, ob ich rechnen könne. Nicht für den Gewinn. Für die Verteilung." Marlis lächelte, zum ersten Mal an diesem Morgen. „Ich konnte rechnen. Es war dieselbe Mathematik. Sie zeigte nur in die andere Richtung."
„Und dann war das Geld weg?" fragte Tamsin.
„Nicht an einem Tag", sagte Pfennig, und in seiner Stimme lag beinahe so etwas wie Wärme. „Ich habe es genau gesehen, weil ich es zählen sollte. Je mehr die Menschen teilten, je mehr Energie und Wohnen und Wissen zu Gemeingut wurden, desto weniger gab es zu kaufen. Und was man nicht mehr kaufen muss, dafür braucht man keinen Preis. Das Geld ist nicht abgeschafft worden wie ein Gesetz. Es ist überflüssig geworden wie ein Schlüssel zu einer Tür, die niemand mehr schließt."
Rasha hob wieder seine Holzkamera. „Darf ich dich fragen, Marlis? Was ist an seine Stelle getreten? Wenn Dinge keinen Preis mehr haben, wie weiß man dann, was sie wert sind?"
Marlis stand mitten im Oval und wusste keine Antwort, die klein genug war für ein Kind und wahr genug für sie selbst. Da rümpfte Tamsin die Nase zum Foyer hin, von wo der Brotduft herüberzog. „Riech doch", sagte sie, als sei die Frage längst beantwortet. „Die stehen früh auf, damit es so riecht. Das merkt man doch, was das wert ist." Sie zeigte hinaus zum Fluss, dann auf Marlis, beiläufig, wie man Selbstverständliches abzählt. „Und der Main, weil sie ihn ausgegraben haben. Und du, weil du es uns sagst, obwohl du nicht magst." Dann zuckte sie mit den Schultern und drehte sich schon wieder zum Bären, als wäre die Sache damit erledigt.
Marlis spürte, wie ihr die Augen brannten, und sie schämte sich nicht dafür. Sie sah die stürzende Kurve über sich, die einundzwanzig Jahre alt war, und zum ersten Mal jagte sie ihr keine Angst mehr ein. Sie war nur noch eine Zeichnung an der Decke, ein Wetterbild eines vergangenen Sturms.
„Pfennig", sagte sie. „Die letzte Tafel des Museums ist noch leer. Die, an der die Menschen erklären sollen, was sie hier gelernt haben. Ich habe immer gesagt, ich schreibe nichts dazu."
„Das stimmt", sagte Pfennig. „Du hast es dreimal abgelehnt. Ich habe es vermerkt und dich nicht gedrängt. Das ist nicht meine Aufgabe."
„Ich möchte es jetzt tun." Marlis sah in die neun Gesichter, grün und rot beschienen, ernst und offen. „Schreib meinen Namen dazu. Marlis, die auf dem Parkett gewonnen hat, als andere verloren, und die später gelernt hat zu teilen, was sie zusammenraffen konnte. Damit die Kinder wissen, dass hier keine Bösen standen, sondern Menschen, die eine schlechte Welt so gut spielten, wie man sie eben spielt. Und dass man aufhören kann. Dass wir aufgehört haben."
Pfennig schwieg einen Moment, und in dieses Schweigen hinein sagte er nur: „Ich bewahre es. Genau so." Über der leeren Stelle an der Wand erschienen die Worte, blass zuerst, dann fest, in Marlis eigener krakeliger Handschrift, die Pfennig aus alten Notizen kannte.
Jano trat aus dem Oval, und die stürzenden Zahlen erloschen hinter ihm, als er ging. Er stellte sich vor den Stier und sah ihm in die leeren Bronzeaugen. „Ich glaube, er ist doch nicht wütend", sagte er. „Ich glaube, er hat nur Angst gehabt. Die ganze Zeit. Dass die Zahlen fallen."
„Ja", sagte Marlis und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Das haben sie alle. Deshalb standen zwei Tiere vor der Tür, und keins von beiden hat je jemanden ernährt." Draußen läutete leise die Glocke der Gemeinschaftsküche, und der Duft von frischem Brot zog durch die grüne Halle, herrenlos, umsonst, für jeden, der Hunger hatte. Die Kinder gingen ihm nach, und Marlis ging mit ihnen, und zum ersten Mal seit vierzehn Jahren fiel es ihr leicht, dem Parkett den Rücken zu kehren.