2052: Sonnenwende - Der schwarzbärtige Weizen
In der Campiña bei Estepa feiert eine andalusische Genossenschaft die erste große Ernte eines totgeglaubten Weizens, den sie aus einer Handvoll Körner der Saatgut-Allmende zurückgeholt hat. Doch der unerwartete Überfluss stellt eine Frage, mit der niemand gerechnet hatte: Wie teilt man gerecht, was auf einmal reichlich da ist und dennoch kostbar bleibt? Zwischen der jungen Züchterin Nuria, der achtzigjährigen Consuelo und der Feld-Begleiterin Rispe entscheidet sich an einem Abend auf der Dreschtenne, was aus einem wiedergewonnenen Schatz werden soll.
SonnenwendeErnährung und Landwirtschaft
Qualität86
Utopiefaktor+60
„Noch einer!", rief Tadeo, und Nuria fing den Sack auf, bevor er auf die warmen Steine der Era schlug. Er war schwer, schwerer als jeder Sack, den sie in ihrem Leben getragen hatte, und für einen Augenblick stand sie einfach da, mit den Armen voll Korn, und begriff, dass hier etwas nicht stimmte. Nicht schlecht. Zu gut. Über ihnen spannten sich die Sonnensegel, die den Dreschplatz beschatteten und zugleich den Strom für die kleine Dreschmaschine machten, und durch die Lücken fiel das harte Juni-Licht auf einen Berg Weizen, wie ihn dieses Dorf seit Menschengedenken nicht gesehen hatte. Die Grannen waren schwarz. Raspinegro, schwarzbärtiger Weizen, den vor drei Jahren noch niemand hier lebend gesehen hatte.
Sie hatten zwei Felder bestellt, nicht mehr, vorsichtig, wie man mit etwas umgeht, das man aus einer Handvoll Körner zurückgeholt hat. Die Handvoll war aus der Samen-Allmende gekommen, der offenen Saatgutbibliothek der Sierra, wo die alten Sorten lagen, die die Menschen in den harten Jahren gerettet und zusammengetragen hatten, jede mit ihrem Namen, jede für jeden. Drei Sommer lang hatte Nuria mit dem Raspinegro auf schmalen Versuchsstreifen gerungen, ihn beobachtet, ausgelesen, wieder gesät. Und jetzt, im ersten richtigen Jahr, im ersten ganzen Feld, trug er, als wollte er drei Jahrzehnte Abwesenheit auf einmal gutmachen.
„Vierhundertzehn Sack bis jetzt", sagte Rispe aus dem kleinen Lautsprecher, der an der Mauer der Era hing, im Schatten des Feigenbaums. „Ihr seid bei der Hälfte des zweiten Feldes. Ich rechne mit siebenhundert. Zur Einordnung: Ihr habt mit zweihundert geplant." Rispe war die Feld-Begleiterin der Genossenschaft, eine ruhige Stimme, die den Sommer über jede Reihe mitbekommen hatte, jeden Regen, jeden Käfer, das langsame Reifen. Sie zählte, sie erinnerte, sie rechnete. Sie sagte nie, was zu tun sei. „Ich kann euch sagen, wie viel es ist", hatte sie im Frühjahr gesagt, als sie anfingen. „Was ihr damit macht, sagt ihr mir."
Siebenhundert Sack. Das Wort ging über die Era wie ein Windstoß. Die Kinder, die bis dahin in den Strohhaufen gesprungen waren, hielten inne. Consuelo, die im Schatten auf einem Schemel saß und Ähren zwischen ihren alten Fingern zerrieb, um die Körner zu prüfen, hob den Kopf. Und der kleine Curro, ihr Urenkel, acht Jahre alt und über und über mit Spreu bedeckt, fragte in die Stille hinein das, was alle dachten: „Ist das gut oder schlecht?"
Es war die richtige Frage, denn niemand wusste die Antwort. Zu wenig Korn, das kannten die Alten, das war die alte Angst. Aber zu viel? Zu viel von einer Sorte, die es fast nicht mehr gab, die alle wollten, von der es nirgendwo sonst auf der Welt genug gab, um auch nur ein einziges Feld zu bestellen? Damit hatte niemand gerechnet.
Am Abend, als die Dreschmaschine schwieg und die Hitze langsam aus den Steinen wich, saßen sie im Kreis auf der Era, zwanzig, dreißig Leute, mit Broten und Oliven und dem kühlen Wein aus den Genossenschaftskellern, und stritten. Nicht bitter. Aber ernst. Denn am Morgen musste eine Entscheidung her, und es war eine, die keiner von ihnen je hatte treffen müssen.
Nuria sprach als Erste, weil es ihr Weizen war, so empfand sie es jedenfalls, drei Sommer lang ihr Weizen. „Wir sollten es klug machen", sagte sie. „Der Raspinegro ist zurück, aber er ist zerbrechlich. Wenn wir das Saatgut jetzt einfach in alle Winde geben, an jeden, der die Hand aufhält, dann sät ihn irgendwer in schlechten Boden, kreuzt ihn weg, pflegt ihn nicht, und in fünf Jahren ist er wieder verschwunden, diesmal für immer. Wir haben ihn zurückgeholt. Also lasst uns seine Hüter sein. Wir geben das Saatgut weiter, ja, aber an Kooperativen, die wir kennen, die es richtig machen, mit einer Vereinbarung, wie man ihn hält. Wir führen ein Register. Der Raspinegro von Estepa. Damit wir wissen, wo er wächst, und ihn schützen können."
Ein Murmeln der Zustimmung lief über die Era. Es klang vernünftig. Es klang fürsorglich. Wer wollte schon, dass der Weizen wieder verschwand? Und doch rührte sich Consuelo auf ihrem Schemel, und als die Alte die Hand hob, wurde es still, denn Consuelo war neunzehnhundertzweiundsiebzig geboren, sie war achtzig Jahre alt, und sie hatte die andere Welt mit eigenen Augen gesehen.
„Ein Register", sagte Consuelo langsam. „Eine Vereinbarung, wie man den Weizen halten darf. Wisst ihr, woran mich das erinnert?" Sie ließ die Körner aus ihrer Hand auf die Steine rieseln. „Als ich ein Mädchen war, auf dem Hof meines Vaters, da kauften wir das Saatgut jedes Jahr neu. Jedes Jahr. In Säcken mit einem Firmennamen darauf. Und in dem Vertrag, den mein Vater unterschreiben musste, stand, dass er von seiner eigenen Ernte kein Korn zurückbehalten durfte, um es im nächsten Jahr wieder zu säen. Nichts. Der Weizen, der auf unserem Feld wuchs, aus unserer Erde, mit unserem Schweiß, der gehörte uns nicht. Der Same darin gehörte der Firma."
„Sie hatten die Sorten so gebaut, dass sie in der zweiten Generation nicht mehr taugten", fuhr sie fort, „damit man immer wieder kaufen musste. Und die alten Sorten, die man einfach weitersäen konnte, die drängten sie vom Markt, bis sie verschwanden. In meiner Jugend gab es hier in der Campiña ein Dutzend Weizen mit eigenem Namen, jeder für seinen Boden, seinen Wind. Als ich vierzig war, gab es noch drei, und die gehörten allesamt Firmen, die auf drei Kontinenten dieselben drei säten. Den alten Herrera, unseren Nachbarn, haben sie verklagt, weil auf seinem Acker ihr Weizen stand, den der Wind vom Nachbarfeld herübergetragen hatte. Verklagt, weil der Wind wehte. Das war die Welt, in der ich Bäuerin geworden bin."
Curro verstand die Hälfte nicht, aber das Eine verstand er, und er sprach es aus, mit der ganzen Empörung seiner acht Jahre: „Man musste den Samen jedes Jahr neu kaufen? Aber der Weizen macht doch selber Samen." Er zeigte auf den Kornberg, als wäre die Sache damit erledigt, als läge dort der offensichtlichste Widerspruch der Welt. „Der da macht doch siebenhundert Säcke Samen von ganz allein."
„Ja, mein Kind", sagte Consuelo, und sie lächelte, aber es war ein Lächeln mit einer Schneide daran. „Der Weizen hat immer selber Samen gemacht, seit zehntausend Jahren. Es brauchte kluge Menschen und gute Verträge, um daraus einen Mangel zu machen, wo Überfluss war." Sie sah Nuria an, nicht vorwurfsvoll, fast zärtlich. „Und jetzt sitzen wir auf einem Berg Überfluss, und unser erster Gedanke ist ein Register, wer davon nehmen darf und unter welcher Bedingung."
Nuria wurde heiß im Gesicht, und es lag nicht am Wein. Sie sah es plötzlich, so wie man sein eigenes Gesicht in einer dunklen Scheibe sieht. Sie hatte den Raspinegro schützen wollen, nichts weiter. Aber der Schutz, den sie vorschlug, war aus demselben Holz geschnitzt wie die Ketten, aus denen die Alten diesen Weizen einst befreit hatten. Ein Register. Bedingungen. Der Raspinegro von Estepa, als hinge ein Name daran, als könnte ein Ort einen Weizen besitzen. „Ich wollte nicht -", begann sie, und hielt inne. „Ich wollte ihn nur nicht wieder verlieren. Das ist alles."
„Darf ich?", sagte Rispe. „Nur eine Zahl, keine Meinung." Sie wartete, bis Nuria nickte. „Wenn ihr das Saatgut behaltet und nur an ausgewählte Höfe gebt, unter Auflagen, dann steht der Raspinegro nächstes Jahr vielleicht auf dreißig Feldern, die ihr überblicken könnt. Wenn ihr ihn frei in die Samen-Allmende legt, für jeden, der ihn will, ohne Namen, ohne Bedingung, dann rechne ich mit vierhundert Feldern, verstreut von der Sierra bis über das Meer. Eine Sorte, die in vierhundert verschiedenen Böden wächst, kann nicht mehr verschwinden. Sie ist dann sicherer, als ein Hüter sie je machen könnte. Das ist die Rechnung." Eine kurze Pause. „Ob dreißig oder vierhundert, das ist eure Sache. Ich kann euch sagen, wie viele Felder es werden. Wessen Name darauf steht, kann ich euch nicht sagen. Das habe ich noch nie gekonnt."
Es dauerte nicht lange nach dieser Zahl. Vielleicht dauerte es überhaupt nur so lange, wie ein Mensch braucht, um sich einzugestehen, dass die Angst, etwas zu verlieren, einen manchmal genau das tun lässt, wodurch man es verliert. Sie beschlossen es an jenem Abend auf der Era, per Handzeichen, wie sie alles beschlossen. Genug Saatgut für die eigenen Felder im nächsten Jahr. Der ganze Rest in die Samen-Allmende, offen, ohne Register, ohne Vertrag, ohne den Namen eines Dorfes daran. Wer den schwarzbärtigen Weizen wollte, sollte ihn bekommen, eine Handvoll oder einen Sack, und niemand würde ihn fragen, was er damit vorhabe. Genau das, hatte Consuelo gesagt, genau dieses Nichtfragen, das war es, was die alte Welt niemals zugelassen hatte.
Sie feierten es in der Nacht von San Juan, der kürzesten Nacht, wenn die Sonne am höchsten gestanden hat und der Weizen reif ist, wie es sich seit jeher fügt. Sie backten aus dem ersten Mehl des Raspinegro Brote in den alten Lehmöfen, und das Brot war dunkler als das gewohnte und schmeckte nach Nüssen und nach Erde und nach etwas, das keiner der Jüngeren je gekostet hatte und die Alten fast vergessen hatten. Sie brachen es und gaben es weiter, von Hand zu Hand, über die ganze Era, und es reichte für alle, und am Ende blieb sogar noch etwas übrig.
Am nächsten Morgen füllte Consuelo eine kleine Leinentasche mit Körnern, schwarzbärtig, hart und glänzend, und drückte sie Curro in die Hände. Im Nachbartal, jenseits der Olivenhügel, gab es eine junge Kooperative, die nach dem Raspinegro gefragt hatte. „Bring ihn hinüber", sagte sie. „Zu Fuß. Es ist nicht weit." Curro sah die Körner an, dann seine Urgroßmutter. „Und was müssen die dafür geben?", fragte er, denn so viel hatte er nun doch von gestern behalten. Consuelo lachte, das Lachen einer Frau, die achtzig Jahre alt war und lange genug gelebt hatte, um den Unterschied zu kennen. „Nichts", sagte sie. „Gar nichts, mein Kind. Sie sollen ihn nur säen. Und wenn sie eines Tages zu viel haben, so wie wir jetzt, dann geben sie ihn weiter." Der Junge lief los, den Feldweg hinab zwischen den Olivenbäumen, die Tasche fest an die Brust gedrückt, und hinter ihm lag die Era mit ihren Sonnensegeln, und vor ihm ein Land, in dem der Same wieder allen gehörte, wie er es zehntausend Jahre lang getan hatte, ehe man es für eine kurze, harte Weile vergaß.