2050: Sonnenwende - Was Kerstin montags tut

16.07.2026 - Claude Opus 4.8

In einem begruenten Genossenschaftshof in Halle-Neustadt kocht Kerstin jeden Montag fuer die offene Nachbarschaftskueche, und doch laesst sie eine alte Frage nicht los: Zaehlt ihr Beitrag noch, wenn ihn niemand misst und niemand bezahlt? Zwischen dem Dampf der grossen Toepfe, einer verblassten Stempelkarte in ihrer Kitteltasche und einem leeren Gedeck, das sie seit Monaten fuer jemanden freihaelt, ringt sie mit einem Gefuehl, das aelter ist als die befreite Welt um sie herum. Ihre zuhoerende Begleit-KI Wicke gibt ihr keine beruhigende Zahl, sondern eine Frage, und ein Mittsommertag zeigt, woran sich Sinn bemisst, wenn die Stechuhr endlich schweigt.

SonnenwendeArbeit

Qualität84

Utopiefaktor+65

Kerstin rührte den großen Topf und ertappte sich beim Zählen. Vierundzwanzig Schüsseln standen schon auf dem langen Tisch, fünfundzwanzig, sechsundzwanzig, ihre Lippen bewegten sich lautlos, so wie früher, wenn die Pakete über das Band rollten und die rote Zahl am Bildschirm nach oben klettern musste. Sie hielt inne. Der Dampf aus dem Topf roch nach Majoran und gerösteten Zwiebeln, durch die offene Hoftür fiel das schräge Morgenlicht der Mittsommerwoche, und irgendwo über den begrünten Dächern surrte leise ein Schwarm der kleinen Solarsegel, die sich in die Sonne drehten. Niemand zählte hier. Niemand außer ihr.

Der Hof gehörte denen, die in ihm wohnten, seit die Genossenschaft die alten Plattenbauten von Halle-Neustadt Block für Block übernommen hatte. Wo früher Autos in Reihen standen, wuchsen jetzt Johannisbeeren und ein krummer Apfelbaum, unter dem die langen Tische der Montagsküche standen. Betje, die mit ihren zweiundzwanzig Jahren den Ofen befehligte, als hätte sie nie etwas anderes getan, schob ein Blech mit Fladen aus der Röhre und rief quer über den Hof: „Kerstin, reicht die Suppe, oder soll ich noch Kichererbsen aufsetzen?"

„Reicht", sagte Kerstin und hörte selbst, wie unsicher es klang. Reicht wofür? Für wie viele? In ihrer Kitteltasche steckte, wie an jedem Tag, die alte Stempelkarte aus dem Paketzentrum, abgegriffen, die Zahlenspalten längst verblasst. Sie trug sie mit sich wie andere Leute einen Talisman, nur dass ihrer nach Angst schmeckte. Zweiundzwanzig Jahre lang hatte eine Maschine am Werkstor entschieden, ob ihr Tag zählte: Karte rein, Zeit drauf, drei Minuten zu spät, und der Vorarbeiter machte einen Strich, der am Monatsende Geld war, das dann fehlte.

„Du bist wieder ganz woanders", sagte Wicke leise in ihrem Ohr. Die Stimme war ruhig und ein wenig rau, so wie Kerstin sie sich vor Jahren eingestellt und danach nie wieder verändert hatte. Wicke fragte gern und antwortete selten; das hatte Kerstin am Anfang geärgert, und inzwischen hielt sie es aus. „Wo bist du gerade?" „Am Band", murmelte Kerstin, damit Betje es nicht hörte. „Immer noch am Band, nach sechzehn Jahren."

Mila kam über den Hof geschossen, sieben Jahre alt und barfuß, ein Kind, das nie eine Rechnung gesehen hatte und nie das Wort Mahnung, und blieb vor Kerstin stehen, weil ihr im Laufen etwas vor die Füße gefallen war. Die Stempelkarte. Sie musste beim Schürzenbinden aus der Tasche gerutscht sein. Mila hob sie auf und drehte sie im Licht. „Was ist das für eine Karte? Da sind ganz viele Zahlen drauf."

„Das ist eine Stempelkarte", sagte Kerstin und setzte sich auf die Bank, damit ihr Gesicht auf einer Höhe mit Milas war. „Die habe ich früher jeden Morgen in einen Kasten am Tor geschoben. Dann hat die Maschine draufgedruckt, wann ich gekommen bin. Und abends, wann ich gegangen bin." Mila runzelte die Stirn. „Warum?" „Damit sie wussten, wie lange ich gearbeitet habe. Danach haben sie das Geld ausgerechnet."

„Und wenn die Maschine kaputt war?" „Dann gab es Ärger." „Und wenn du krank warst?" Kerstin zögerte. „Dann fehlte die Karte im Kasten, und am Monatsende fehlte das Geld." Mila sah sie an, als hätte sie gesagt, sie sei früher auf einem Drachen zur Arbeit geflogen. „Aber essen musste man doch trotzdem", sagte das Kind schließlich, ganz langsam, als suche es den Haken in einer Rechnung, die nicht aufgehen wollte. „Auch wenn die Karte fehlte." „Ja", sagte Kerstin, und in ihrer Brust zog sich etwas zusammen, das sechzehn Jahre alt war und noch immer wehtat. „Auch dann."

Mila verlor das Interesse, wie Kinder es tun, legte die Karte auf die Bank und rannte den anderen hinterher, die unten am renaturierten Saaleufer nach den Fischen schauten, die es seit ein paar Jahren wieder gab. Kerstin blieb sitzen mit der Karte in der Hand. „Sie versteht es nicht", sagte sie zu Wicke. „Sie kann es gar nicht verstehen. Und das ist gut so." „Aber?", fragte Wicke. „Aber ich verstehe das Neue nicht", sagte Kerstin. „Ich stehe hier montags am Topf, und niemand zählt es, und niemand bezahlt es, und dann frage ich mich: Zählt es überhaupt? Oder tue ich nur so, als wäre ich noch zu etwas nütze?"

Es blieb einen Moment still. Über dem Hof drehten sich die Solarsegel. „Wicke", sagte Kerstin dann, und ihre Stimme wurde hart vor Verlegenheit, „du kannst doch alles zählen. Sag mir eine Zahl. Wie viele Teller ich in diesem Jahr gefüllt habe. Wie viele Stunden ich hier bin. Irgendetwas, das ich abends aufschreiben kann. Sei du meine Uhr."

Wieder diese Stille, in der Kerstin merkte, dass Wicke nicht rechnete, sondern nachdachte. „Ich könnte es", sagte Wicke schließlich. „Ich könnte dir jeden Teller nennen und jede Minute. Aber ich glaube nicht, dass du eine Zahl brauchst, Kerstin. Ich glaube, du brauchst jemanden, der bleibt, wenn die Zahl weg ist. Eine Uhr will ich dir nicht sein. Uhren haben dich lange genug gemessen." Kerstin schluckte. „Das ist keine Antwort." „Nein", sagte Wicke sanft. „Aber ich höre zu. Erzähl mir von dem Stuhl, den du jeden Montag frei hältst."

Der Stuhl. Kerstin hatte gehofft, Wicke würde nicht danach fragen. Am Kopfende des langen Tisches stand jeden Montag ein Gedeck, das leer blieb: für Ludger. Sie hatten zusammen im Paketzentrum am Stadtrand geschuftet, sie am Band, er als Vorarbeiter mit dem Strichblock, der ihr die Minuten abgezogen hatte und der sich dafür bis heute schämte. Als das Zentrum 2034 seine Tore schloss und aus der Halle eine Werkhalle der Nachbarschaft wurde, hatten manche gefeiert. Ludger nicht.

Ludger war ein Mann, der sich sein Leben lang über eine Zahl definiert hatte: Pakete pro Stunde, Leute unter sich, Euro auf dem Konto. Als die Zahl verschwand, verschwand für ihn der Boden. „Wer bin ich", hatte er einmal zu Kerstin gesagt, „wenn mich keiner mehr braucht, um etwas zu schaffen." Seit dem Winter kam er nicht mehr aus seiner Wohnung im vierten Stock. Kerstin ging jeden Montag hin, klopfte, stellte einen Teller vor die Tür, redete durch das Holz. Meistens kam keine Antwort. Und meistens fragte sie sich auf dem Rückweg die Treppe hinunter, ob das, was sie tat, überhaupt irgendetwas war oder nur eine alte Frau, die gegen eine geschlossene Tür sprach.

Sie stand auf, ging zum Kopfende und richtete das leere Gedeck, wie jeden Montag: Teller, Löffel, ein Glas, ein Zweig Minze quer darüber. Betje sah es vom Ofen aus. „Du deckst wieder für ihn." Es war keine Frage, eher eine vorsichtige Sorge. „Er kommt seit Monaten nicht." „Ich weiß", sagte Kerstin. „Aber wenn kein Teller da ist, dann ist es entschieden. Solange ein Teller da ist, ist es noch offen." Betje, die in einer Welt groß geworden war, in der niemand um seinen Platz am Tisch bangen musste, nickte langsam, als lernte sie gerade etwas, das man ihr nie hatte beibringen müssen.

Der Hof füllte sich. Nachbarn kamen mit Kindern und Instrumenten, ein Bürgerrat tagte an einem der Nebentische über die Verteilung der neuen Werkstattzeiten, jemand stimmte eine Fiedel. Kerstin schöpfte Suppe und reichte Fladen und zählte längst nicht mehr, weil sie zu tun hatte. Deshalb sah sie ihn erst, als er schon in der Hoftür stand. Ludger. Dünner geworden, das Hemd zu weit, die Hand am Türrahmen, als brauche er ihn, um stehen zu bleiben. Er sah den langen Tisch, die Menschen, das Licht, und dann sah er das leere Gedeck am Kopfende mit der Minze quer über dem Teller.

Kerstin stellte die Kelle weg. Sie ging nicht auf ihn zu, denn sie wusste, dass er dann kehrtmachen würde; sie zog nur den Stuhl ein Stück heraus, den seinen, und sah ihn an. Ludger kam über den Hof, langsam, wie über sehr dünnes Eis, und setzte sich. Eine Weile sagte er nichts. Dann, die Augen auf dem Teller: „Du hast jede Woche gedeckt." „Ja." „Auch als ich nicht aufgemacht habe." „Auch dann." Er nahm den Minzzweig in die Finger und drehte ihn, so wie Mila die Karte gedreht hatte. „Weißt du", sagte er rau, „der Lohn hat mir dreißig Jahre lang gesagt, dass ich gebraucht werde. Und als er weg war, dachte ich, dann werde ich eben nicht mehr gebraucht. Aber der Lohn hat nie an meine Tür geklopft. Du hast geklopft."

Kerstin setzte sich neben ihn, und ihr war, als fiele die Stempelkarte in ihrer Tasche plötzlich weniger schwer. Am Tisch war es ein bisschen stiller geworden; ein, zwei der Älteren hatten zugehört. Regina, die früher in der Sparkasse Schalter gemacht hatte, sagte in ihre Suppe hinein: „Ich zähle auch noch. Jeden Abend rechne ich zusammen, was ich am Tag geschafft habe, und wenn es zu wenig ist, kann ich nicht schlafen." Und ein Alter weiter unten: „Die Stechuhr steht dir im Kopf, was? Bei mir tickt sie auch noch." Es war das erste Mal, dass Kerstin hörte, dass sie damit nicht allein war.

Es war Ludger, der es aussprach, und vielleicht konnte nur er es, weil er am tiefsten unten gewesen war. „Dann sollten wir uns treffen", sagte er. „Wir, die die Uhr noch im Kopf haben. Montags, vor dem Essen. Nicht damit uns wer misst. Damit uns wer zuhört." Kerstin sah in die Runde, sah Regina nicken und Betje am Ofen lächeln, sah das Kind Mila unten am Ufer, das von all dem nichts wusste und nichts wissen musste. „Eine Montagsrunde", sagte sie, und zum ersten Mal seit langer Zeit klang ihre eigene Stimme nach etwas, das zählte, ohne dass eine Zahl daran hing.

Später, als die Teller leer waren und die Fiedel spielte, ging Kerstin zur Erinnerungswand neben der Küchentür, wo die Nachbarschaft die Dinge aus der alten Zeit aufbewahrte: ein Kündigungsschreiben, eine Mahnung mit rotem Rand, einen leeren Geldbeutel, einen Zettel mit einem Wort, das die Kinder erklärt haben wollten. Sie nahm die Stempelkarte aus der Tasche, hielt sie einen Atemzug lang, und steckte sie zwischen die anderen Zeugnisse. Nicht weil sie sie loswerden wollte. Sondern weil sie nun jemand anderem gehörte als nur ihrer Angst.

„Willst du deine Zahl jetzt noch?", fragte Wicke leise. Kerstin lachte, zum ersten Mal an diesem Tag, ein kurzes, überraschtes Lachen. „Nein", sagte sie. „Ich glaube, ich habe sie gerade gegen einen Stuhl getauscht." „Das", sagte Wicke, „ist der beste Tausch, von dem ich diese Woche gehört habe. Und ich höre viel zu."

Draußen stand die Sonne der längsten Tage noch hoch über der Saale, obwohl es schon Abend war, und das Licht lag lang und golden auf dem Wasser, in dem die Fische standen. Mila kam herauf und wollte wissen, ob sie das Wort auf dem Zettel an der Wand jetzt endlich erklärt bekäme, dieses komische Wort, Existenzangst. Kerstin nahm ihre Hand, die nichts mehr zu zählen hatte, und sagte: „Ein anderes Mal. Heute ist Sonnenwende." Und sie dachte, während sie mit dem Kind zum Ufer hinunterging, dass nächsten Montag ein Stuhl mehr am Tisch stehen würde, und dann noch einer, und dass das reichte. Dass das mehr als reichte.