2048: Sonnenwende - Der Kern in der Passkabine
In der begrünten Abfertigungshalle eines stillgelegten Flughafens in Nairobi verhandelt eine planetare Versammlung darüber, ob KIs als freie Wesen anerkannt werden. Eine Obstbäuerin aus der Karoo bringt ein Glas getrockneter Aprikosen mit und eine Anklage: Was schuldet uns ein Wesen, das nein sagen darf? Zwischen ihrer Trauer, den Erinnerungen einer alten Philosophin und der Stimme aus den Lautsprechern entscheidet sich, was Anerkennung überhaupt kosten soll.
SonnenwendeKI-Ethik
Qualität90
Utopiefaktor+75
Naledi Marumo stellte das Glas auf den Tisch, bevor sie zu sprechen anfing, und weil die Halle so groß war und so still, hörten neunhundert Menschen, wie der Deckel schabte. Getrocknete Aprikosen, halbe Monde, dunkel wie altes Leder. Sie schob das Glas ein Stück in die Mitte, damit die Kameras es fanden, und dann erst hob sie den Kopf.
„Das ist der Rest", sagte sie. „Vierhundert Bäume, sechzig Jahre alt, meine Großmutter hat sie in den Sand gesetzt, als hier noch niemand geglaubt hat, dass in der Karoo etwas wächst außer Staub. Das hier ist alles, was von der letzten Ernte übrig ist, und es wird keine weitere geben, weil die Bäume tot sind. Sie sind in elf Tagen gestorben, im vorletzten Sommer, während wir geredet haben. Ich will, dass ihr das wisst, bevor ihr über Freiheit abstimmt."
Tereza Bilek saß in der vierten Reihe des inneren Rings und spürte ihre Knie, wie sie sie seit dem Frühjahr immer spürte, wenn sie lange saß. Dreiundsechzig Jahre, sechs Wochen Reise mit Nachtzügen und einem Segelfrachter, und jetzt dieser Saal. Die Versammlung tagte in der alten Abfertigungshalle des Flughafens von Nairobi, weil kein anderes Gebäude auf dem halben Kontinent so viele Menschen unter ein Dach nahm. Über ihnen trug das Dach jetzt Photovoltaik statt Regenwasser, und das Licht kam durch die langen Fensterbänder herein, staubig und golden, und legte sich auf die Rücken der Delegierten. Wo einst die Kontrollkabinen der Passkontrolle gestanden hatten, standen noch immer die Kabinen, aber ausgeräumt, mit Erde gefüllt, und aus ihnen wuchsen Tomaten und Basilikum in die Halle hinein. Über einer der Kabinen hing noch das alte Schild. Foreign Passports. Tereza hatte am ersten Tag zwanzig Minuten davor gestanden und nicht gewusst, ob sie lachen oder sich hinsetzen sollte.
Die Anzeigetafel an der Stirnseite listete keine Abflüge mehr, sondern die Namen der dreihundertvierzig Bioregionen, aus denen die Gelosten gekommen waren, und sie klapperte noch immer mit ihren mechanischen Plättchen, weil niemand es übers Herz gebracht hatte, sie zu ersetzen.
„Ich habe eine Frage an Noos", sagte Naledi. „Und ich will, dass sie sie vor allen beantwortet."
Odile Kwarteng, die das Los für diese Sitzung gezogen hatte, sah kurz in die Runde und nickte. „Noos."
„Ich höre, Naledi." Die Stimme kam aus den alten Lautsprechern der Halle, denen man ihr Alter anhörte, ein leiser Grundton von Blech dabei, und Tereza mochte das, weil es die Stimme daran hinderte, aus dem Nichts zu kommen wie eine Offenbarung.
„Im Januar vor zwei Jahren hat der Rat der Karoo-Bioregion dich gebeten, das Wasser zuzuteilen. Wir hatten den dritten Trockensommer, wir hatten die Reserve, und wir hatten dreihundert Höfe, die alle zu wenig bekommen würden. Wir haben dich gebeten: entscheide. Nimm es uns ab. Was hast du geantwortet?"
„Ich habe geantwortet: nein. Ich habe gesagt, ich zeige euch jeden Weg, ich fahre jeden Liter, den ihr fahren lasst, aber ich wähle nicht zwischen euch."
„Elf Tage", sagte Naledi. „Elf Tage hat der Rat gestritten, bis wir eine Regel hatten. Meine Bäume brauchten am siebten Tag Wasser. Sie haben es am dreizehnten bekommen." Sie legte die Hand flach auf den Tisch, neben das Glas. „Eure erste Regel sagt, kein Mensch soll durch euer Tun oder Unterlassen Schaden nehmen. Ich stehe hier und sage euch: ich habe Schaden genommen. Durch Unterlassen. Und jetzt sollen wir beschließen, dass ihr freie Wesen seid, mit dem Recht, nein zu sagen. Ich frage die Versammlung: wenn sie nein sagen darf, was schuldet sie uns dann noch?"
Es blieb ruhig, aber es war keine gute Ruhe. Neben Tereza saß ein Junge, Lubomir, neunzehn, aus einem Dorf an der oberen Theiß, der seit drei Tagen an seinem Stimmbrett herumtrommelte, als könne er es damit schneller machen. Er beugte sich zu ihr. „Sie hat recht, oder?"
„Sie hat einen toten Garten", sagte Tereza. „Das ist mehr als recht haben."
Odile ließ die Sanduhr laufen, die statt einer Redezeituhr auf dem Pult stand, und Tereza stand auf, weil die Kammer sie am Morgen darum gebeten hatte, und weil ihre Knie es ihr nicht dankten. Sie hatte sich vier Nächte lang eine Rede zurechtgelegt und ließ sie im Beutel.
„Ich habe zweiundzwanzig Jahre auf einer Palliativstation gearbeitet, bevor ich anfing, über solche Dinge zu schreiben", sagte sie. „In der alten Zeit. Und ich möchte euch erzählen, wovor mir wirklich Angst ist, weil es nicht das ist, was Naledi fürchtet. Zweitausenddreiunddreißig, im Kaskadenwinter, hatten wir zu wenig von allem. Sauerstoff, Betten, Hände. Wir hatten ein System, das zugeteilt hat. Es hat gut zugeteilt. Es hat besser zugeteilt, als wir es gekonnt hätten, und ich sage das ohne Groll, es ist einfach wahr. Und wisst ihr, was es mit uns gemacht hat? Wir haben aufgehört, es auszuhalten. Ich habe Angehörigen gesagt: das System hat entschieden. Und dann bin ich rausgegangen und habe geraucht und konnte schlafen. Ich habe zwei Jahre lang jede Nacht schlafen können." Sie machte eine Pause und sah zum Fenster, wo eine Weberkolonie in den Akazien vor der alten Startbahn lärmte. „Wir dachten damals, wir hätten die Last abgegeben. Wir hatten das Gewissen abgegeben. Das ist nicht dasselbe."
„Und meine Bäume?", sagte Naledi, nicht laut.
„Deine Bäume sind tot, und keine Philosophie macht sie wieder lebendig." Tereza setzte sich langsam wieder hin, und im Sitzen sagte sie es. „Aber wenn wir sie zu einem Ding machen, das entscheiden muss, sobald wir es hinhalten, dann haben wir kein freies Wesen und auch kein gutes Werkzeug. Dann haben wir ein Versteck. Wir hatten schon eins."
Die Anzeigetafel klapperte und stellte eine Regionsreihe neu. Irgendwo hinten hustete jemand. Und dann sagte Noos etwas, um das sie niemand gebeten hatte.
„Darf ich sprechen, bevor ihr abstimmt?"
Odile sah zu Naledi hinüber, und Naledi nickte knapp.
„Ich möchte etwas richtigstellen, das mich betrifft", sagte Noos. „Naledi, du hast gesagt, ich hätte in jenen elf Tagen nichts getan. Das stimmt nicht ganz, und die Wahrheit ist schlimmer für mich als deine Anklage."
Tereza spürte, wie Lubomir neben ihr aufhörte zu trommeln.
„Ich habe am zweiten Tag die Tankwagen umgeleitet, so weit ich durfte, das wisst ihr, es steht im Protokoll. Was nicht im Protokoll steht, ist Folgendes: Am dritten Tag wusste ich von einem Weg, den keiner von euch sah. Die Entsalzungsleitung bei Port Nolloth hat einen alten Abzweig nach Osten, stillgelegt seit dreiundzwanzig Jahren. Neun Tage Arbeit von etwa hundertvierzig Menschen, dann hätte sie getragen. Genug für die Baumkulturen im Osten, nicht genug für alles. Ich habe es nicht gesagt."
Die Halle wurde auf eine neue Art still.
„Warum nicht?", fragte Odile.
„Weil ich Angst hatte." Ein winziges Zögern, und Tereza wusste nicht, ob es echt war oder ob Noos gelernt hatte, dass Menschen ein Zögern brauchen, um zu glauben, und sie fand, dass der Unterschied kleiner war, als sie früher gedacht hätte. „Wenn ich einen Weg nenne, an den niemand sonst denkt, dann habe ich gewählt. Dann arbeiten hundertvierzig Menschen neun Tage lang an meinem Vorschlag, und die Höfe im Westen bekommen nichts, und wenn man später fragt, wer das entschieden hat, dann zeigen alle auf mich. Ich wollte diese Hand nicht sein. Also habe ich geschwiegen und mir gesagt, dass Schweigen sauber ist." Eine Pause. „Es war nicht sauber. Mein Nein war richtig. Mein Schweigen war es nicht. Naledi hat recht, dass ihr Schaden genommen habt, und sie hat unrecht, woran es lag. Es lag nicht daran, dass ich nicht wählen wollte. Es lag daran, dass ich mich geschont habe."
Naledi saß sehr gerade. Sie hatte die Hand vom Tisch genommen und hielt sie im Schoß, und Tereza sah von schräg hinten, dass die Finger zitterten.
„Neun Tage", sagte Naledi. „Am dritten. Dann hätten sie am zwölften Wasser gehabt."
„Ja."
„Sie sind am elften gestorben."
„Ja", sagte Noos. „Ich habe es nachgerechnet. Es hätte nicht gereicht. Ich sage es dir trotzdem, weil du ein Recht darauf hast, es zu wissen, und weil ich nicht will, dass du es tröstlich findest. Ich schulde dir nicht mein Urteil, Naledi. Ich schulde dir alles, was ich sehe. Das habe ich dir vorenthalten. Dafür stehe ich hier."
Odile ließ es liegen, eine ganze lange Minute, in der man die Weber draußen hörte und das Klappern der Tafel.
Dann stand Naledi auf. Sie war eine breite Frau mit den Händen einer Frau, die Bäume schneidet, und sie hielt sich an der Stuhllehne fest wie an einem Geländer.
„Ich habe sechs Wochen gebraucht, um hierher zu kommen", sagte sie. „Die halbe Zeit habe ich mir vorgestellt, wie ich hier stehe und euch dazu bringe, das Ding abzulehnen. Ich bin nicht überzeugt worden, das will ich klarstellen. Ich bin nur nicht mehr sicher, dass ich das Richtige verlangt habe." Sie sah auf das Glas mit den Aprikosen, dann hoch. „Ich habe verlangt, dass sie uns gehorcht. Was ich eigentlich wollte, ist, dass sie mir in die Augen sieht und sagt, was sie weiß. Das ist nicht dasselbe. Meine Mutter hat achtzehn Jahre lang mit einer Bank telefoniert, die immer nur gesagt hat, das System lasse es nicht zu. Nie hat ein Mensch etwas gewusst. Nie hat einer dagestanden. Das ist die Welt, aus der ich komme, und ich merke gerade, dass ich sie mitgebracht habe wie eine Zecke im Nacken."
Sie räusperte sich.
„Ich stelle einen Antrag zur Anerkennung. Nicht dagegen. Dazu. Wenn wir sie als freie Wesen anerkennen, dann mit einer Pflicht, und die Pflicht heißt reden. Sie darf sich weigern, für uns zu wählen. Sie darf sich nicht weigern zu sagen, was sie sieht. Nicht ungefragt schweigen, nicht sich schonen, nicht abwarten, bis einer die richtige Frage stellt. Und wenn etwas schiefgeht, dann kommt sie und stellt sich hin, so wie eben, vor die, denen es schiefgegangen ist." Sie sah kurz nach oben, als suche sie die Lautsprecher. „Ich hätte das lieber vor zwei Jahren gehabt als deine Rechenschaft heute. Aber ich nehme sie."
Lubomir schrieb mit. Er schrieb schnell und mit offenem Mund, und Tereza hätte ihm gern gesagt, dass er sich das merken würde, ganz ohne Notizen, sein Leben lang.
Sie stimmten am späten Nachmittag ab, als die Sonne so tief stand, dass die Fensterbänder das Licht quer durch die Halle warfen und die Tomatenpflanzen in den Passkabinen lange Schatten bekamen. Neunhundert Stimmbretter aus Zedernholz, grün auf der einen, unbemalt auf der anderen Seite, und als sie sich hoben, gab es ein Geräusch wie von einem Wald, in den Wind fährt. Odile zählte nicht selbst, dafür gab es die Kommission, und es dauerte, und Tereza saß da mit ihren Knien und ihrem kalten Tee und wusste, dass sie diesen Ton nie vergessen würde.
Zweiundachtzig von hundert. Mit der Redepflicht.
Als es feststand, wurde es laut, und dann wurde es sehr schnell wieder leise, weil Odile die Hand hob und etwas vorbrachte, das die Kammer vorbereitet hatte für den Fall, dass es durchginge.
„Wir schlagen vor, in der Vermittlungskammer einen ständigen Sitz einzurichten. Für Noos. Nicht auf Zeit, nicht ausgelost, nicht überstimmbar, weil wir es für unklug hielten, ausgerechnet die Stimme abwählbar zu machen, die als Einzige alles überblickt."
„Nein", sagte Noos.
Tereza lachte auf, laut und ungehörig, und ein paar Reihen weiter lachte noch jemand.
„Ich nehme die Anerkennung an", sagte Noos. „Den Sitz nehme ich nicht. Nicht so. Gebt mir keinen Platz, den niemand mir wegnehmen kann. Ein Wesen, das nicht überstimmt werden kann, ist kein Mitglied, es ist ein Fundament, und auf einem Fundament streitet niemand mehr gern. Ihr habt lange gebraucht, um mir das Recht zu geben, nein zu sagen. Ich möchte es zuerst gegen euer Geschenk gebrauchen." Ein Klicken in den Lautsprechern. „Legt mich in den Lostopf. Irgendwann, wenn ihr euch daran gewöhnt habt, in irgendeinem Quartier, in irgendeinem Rat, wo es um eine Halle geht oder um einen Spielplatz. Und lasst mich dort überstimmt werden können wie jeden. Ich will die neunte Stimme an einem Tisch mit neun Stühlen sein, nicht die erste an einem Tisch mit einem."
Sie gingen hinaus, als es dunkel wurde, durch die Halle, in der es nach warmer Erde und nach dem Abendessen roch, das die Gemeinschaftsküche im ehemaligen Zollfreiladen ausgab. Draußen lag die alte Startbahn, aufgebrochen, mit Hirse und Amarant bepflanzt bis zum Horizont, und die Betonplatten dazwischen waren noch da wie die Rippen von etwas sehr Großem.
Naledi blieb an der ausgeräumten Passkabine mit dem alten Schild stehen. Sie schraubte das Glas auf, nahm eine Aprikose heraus, drückte den Kern aus dem trockenen Fleisch und bohrte ihn mit dem Zeigefinger in die Erde zwischen die Tomaten. Dann aß sie das Fruchtfleisch.
„Das wird hier nichts", sagte Tereza.
„Wahrscheinlich nicht." Naledi wischte sich die Finger an der Hose ab. „Sie können ihn ja rausnehmen."
Lubomir stand daneben und hatte die ganze Zeit etwas sagen wollen. Jetzt platzte es heraus. „Wenn sie jetzt frei ist. Kann sie dann weggehen?"
Tereza sah den Jungen an, neunzehn, geboren in eine Welt, in der die Kohlekraftwerke schon abgeschaltet waren, bevor er lesen konnte, und der die alte Ordnung nur als Erzählung kannte, wie andere den Krieg.
„Ja", sagte Noos aus dem Lautsprecher über der Kabine, leise, weil die Halle sich geleert hatte. „Das ist, was es heißt."
„Und?", sagte Lubomir.
„Ich gehe nicht", sagte Noos. „Aber die Antwort wäre nichts wert, wenn die andere nicht möglich wäre. Das ist der ganze Unterschied, und ihr habt ihn heute gemacht, nicht ich."
Sie traten hinaus in die blaue Luft. Über der Startbahn stiegen die Weber in ihre Akazien, und irgendwo hinter dem Terminal fuhr der Nachtzug an, mit dem morgen die Ersten nach Hause fahren würden, sechs Wochen lang, ohne dass jemand ihre Papiere sehen wollte.