2043: Sonnenwende - Der Kasten an vier Schrauben
In der Holzwerkstatt einer Berliner Gemeinschaftsschule verhandelt ein Rat aus zwanzig Kinderdelegierten zum ersten Mal den vollen Sachmitteletat ihrer Schule. Eine alte Schulhandwerkerin schraubt einen übermalten Ideenkasten von der Wand und kippt aus, was jahrzehntelang niemand gelesen hat. Aus dem Streit um Mehrheit und Minderheit entsteht eine Regel, die ein elfjähriges Mädchen in einem Satz formuliert.
SonnenwendeKindheit und Bildung
Qualität90
Utopiefaktor+50
Die Zahl stand seit dem Morgen an der Wand der Holzwerkstatt, mit Kreide, dreimal unterstrichen, weil Levke sich beim ersten Mal verschrieben hatte: 84.000. Darunter, in kleinerer Schrift, die Summe aller Anträge: 114.000. Zwischen den beiden Zahlen saßen zwanzig Delegierte und ein knappes Dutzend Zuhörende ohne Stimme auf Hockern, Werkbänken und dem Boden, und es roch nach warmem Holz, nach Leim und nach den Tomaten, die durch das offene Oberlicht vom Dachgarten hereinatmeten.
„Das ist Betrug", sagte Jaron. Er stand auf der Werkbank, was verboten war, aber niemand sagte etwas, weil er dreizehn war und laut und weil er recht zu haben glaubte. „Ihr habt gesagt, wir entscheiden. Und jetzt sollen wir dreißigtausend wegstreichen, die es gar nicht gibt."
„Die Zahl hat niemand erfunden, damit du sauer wirst", sagte Levke. Sie hatte den Kreidestaub an den Fingern und rieb ihn am Overall ab. „Die Zahl ist einfach die Zahl."
Draußen fuhr die Straßenbahn über die Karl-Marx-Straße, ein weiches Rollen ohne Hupen, und darüber lag das leise Sirren der Sonnensegel, die sich in der Mittagssonne nachjustierten. Die Schule hieß immer noch Gemeinschaftsschule am Weigandufer, obwohl das Ufer erst seit vier Jahren wieder eins war und der Kanal darunter Fische hatte. Rosalie Wendt saß in der Ecke bei der Absauganlage, wo sie immer saß, und schmirgelte einen Stuhlfuß, den niemand bestellt hatte.
„Girlitz", sagte Levke, „nochmal von vorn. Was passiert bei Antrag drei?"
Die Stimme kam aus dem kleinen Lautsprecher über der Tafel, hell und ohne Eile. „Antrag drei, Schatten und Wasser für den Hof: zweiundzwanzigtausend. Wenn ihr ihn annehmt, sind im Sommer sechsundzwanzig Hofstunden pro Woche nutzbar, die es letztes Jahr nicht waren. Zweiundvierzig Tage über dreißig Grad hattet ihr 2042. Wenn ihr ihn ablehnt, bleibt der Hof an diesen Tagen so, wie ihr ihn kennt. Das ist, was ich sehen kann. Ob es das wert ist, kann ich nicht sehen."
„Sag doch einfach mal, was richtig ist", rief jemand aus der vierten Reihe.
„Nein", sagte Girlitz freundlich. „Ich rechne. Urteilen ist eure Arbeit. Wenn ich es täte, hättet ihr am Ende nicht entschieden, sondern nur zugehört."
Rosalie schnaubte in ihren Stuhlfuß hinein.
„Das war ein Schnauben, Frau Wendt."
„Das war eins", sagte Rosalie, ohne aufzusehen. „Zwanzig Jahre nach meinem ersten Schultag hier hing so ein Ding an der Decke. Das hat uns erklärt, wie wir zu unterrichten haben, und wenn wir es nicht taten, ging das in einen Bericht."
„Ich habe die Handbücher von damals gelesen", sagte Girlitz. „Sie sind schlecht geschrieben. Und sie enthalten kein einziges Wort dafür, dass jemand widerspricht." Eine winzige Pause. „Ich hätte gern, dass Sie mir irgendwann glauben. Aber das kann ich nicht ausrechnen, und es ärgert mich ein bisschen."
Rosalie schmirgelte weiter. Levke sah, dass sich ihr Mundwinkel bewegte.
Es war das erste Jahr. Genau das war das Problem. Im letzten Schuljahr hatte es einen Schülerhaushalt gegeben, wie seit langem: zweitausendvierhundert Euro, knapp drei Prozent, für Bälle, Farbe, ein Sofa. Die Kinder hatten abgestimmt, die Erwachsenen hatten geklatscht, und über die restlichen zweiundachtzigtausend hatte eine Konferenz entschieden, zu der niemand unter achtzehn eingeladen war. Dann war im Herbst der Beschluss gekommen, sechs Schulen im Bezirk, Versuch, ein Jahr: der volle Sachmitteletat in die Hand des Rats der Klassen. Zwei Delegierte pro Klasse, Losverfahren für den Vorsitz, eine Planungs-KI zur Übersetzung der Folgen, keine Erwachsenenstimme im Raum.
Josepha Marwitz saß trotzdem da, hinten neben der Tür, ohne Stimme, mit einem Block auf den Knien, den sie kaum benutzte. Sie war aus dem Bezirksamt und hatte am ersten Tag gesagt: „Ich bin nur da, um zu berichten. Ihr könnt mich vergessen." Levke hatte sie nicht vergessen. Man vergisst niemanden, der berichtet.
„Also gut", sagte Levke. Sie war diese Woche im Vorsitz, gelost, was Jaron für ungerecht hielt, seit er wusste, dass sie die Werkstatt wollte. „Wir gehen die fünf durch, und dann stimmen wir ab. Antrag eins: Holzwerkstatt, einunddreißigtausend. Antrag zwei: Klangraum, achtunddreißig. Drei: Hof, zweiundzwanzig. Vier: Ruheraum, neuntausend. Fünf: Reisekasse, vierzehn. Macht hundertvierzehn. Wir haben vierundachtzig."
„Und wir haben hundertzehn Kinder, die in den Klangraum wollen", sagte Jaron. Er sprang von der Werkbank, weil das besser aussah, als oben zu bleiben. „Ich hab mit den Fünften geredet, mit beiden Siebten, mit den Achten. Sechs Klassen. Wir stimmen zusammen. Zwölf Stimmen von zwanzig. Das ist eine Mehrheit, und Mehrheit ist Mehrheit, oder gilt das hier auch nur, wenn es euch passt?"
Es wurde still, wie es still wird, wenn etwas Wahres gesagt wurde, das trotzdem falsch klingt.
„Girlitz", sagte Levke langsam, „wenn Antrag zwei durchgeht, ganz, achtunddreißig: was bleibt?"
„Sechsundvierzigtausend. Damit passen Hof und Reisekasse und ein Rest von zehn. Werkstatt und Ruheraum bekommen nichts."
„Der Ruheraum sind neun Kinder", sagte Jaron. „Neun. Und wir sind hundertzehn."
„Das stimmt", sagte Girlitz. „Ich rechne noch etwas mit. Die neun Kinder haben im letzten Schuljahr im Schnitt vier Stunden pro Woche in diesem Raum verbracht. In den zwei Wochen, in denen er wegen des Wasserschadens zu war, sind sechs von ihnen an mindestens drei Tagen früher nach Hause gegangen. Ich sage nicht, was das bedeutet. Ich sage nur, dass es in derselben Tabelle steht wie eure hundertzehn."
Ceylan saß auf dem Boden zwischen zwei Hobelbänken, an die Wand gelehnt, die Kapuze halb über den Ohren, wie immer. Sie war elf und in dieser Woche zum ersten Mal als Delegierte da, weil ihre Doppelte krank war. Sie hatte den ganzen Vormittag nichts gesagt. Jetzt schob sie einen Zettel über den Boden, mit dem Fuß, bis er an Levkes Schuh lag.
Levke hob ihn auf. Faltete ihn. Sah Ceylan an, die den Kopf schüttelte und dann, nach zwei Sekunden, nickte.
„Ich lese das vor", sagte Levke. „Sie hat gesagt, ich darf." Sie las: „Wenn ihr den Raum nicht macht, ist das okay. Ich bin dann eben nachmittags nicht mehr da. Ich wollte nur, dass es jemand aufschreibt, damit es nicht so aussieht, als hätte es niemanden gegeben."
Jaron öffnete den Mund. Machte ihn wieder zu.
Und da stand Rosalie Wendt auf.
Sie ging nicht nach vorn. Sie ging zur Rückwand, dahin, wo die alten Spinde standen, und legte den Stuhlfuß aus der Hand. „Ihr streitet gut", sagte sie. „Besser als die Konferenz, ehrlich. Aber ich zeig euch was, dann streitet ihr weiter."
Sie holte einen Akkuschrauber aus der Schürze. An der Wand, halb hinter dem letzten Spind, hing ein Kasten. Er war grau überstrichen, dreimal mindestens, sodass die Buchstaben darauf nur noch Erhebungen unter der Farbe waren. Rosalie drehte vier Schrauben heraus, und der Kasten kam mit einem staubigen Ächzen von der Wand.
Sie stellte ihn auf die Hobelbank und kippte ihn.
Zettel. Nicht zehn, nicht fünfzig. Ein Haufen, der über die Bank rutschte und auf den Boden rieselte, vergilbt, gefaltet, manche noch mit Kaugummi zusammengeklebt. Ein paar Kinder lachten überrascht auf und verstummten dann.
„Ideenkasten", sagte Rosalie. „Zweitausendneunzehn aufgehängt. Zweitausendzwanzig zugeschraubt, weil er klapperte. Dann übergestrichen. Ich bin seit vierunddreißig Jahren hier. Ich hab ihn nie jemanden aufmachen sehen."
Levke nahm den obersten Zettel. Kugelschreiber, kindliche Schrift, die Tinte braun geworden. „Kann bitte jemand das Fenster im Musikraum reparieren, es zieht und wir dürfen die Jacke nicht anlassen."
Sie nahm den nächsten. „Ich hätte gern eine Ecke wo es leise ist."
Sie las nicht weiter. Sie legte die beiden nebeneinander auf die Bank, das Fenster und die leise Ecke, und sah Jaron an, und Jaron sah auf die Zettel, und irgendjemand in der dritten Reihe sagte sehr leise: „Boah."
„Das Fenster", sagte Rosalie, „ist zweitausendsechsundzwanzig repariert worden. Sieben Jahre später. Nicht weil das hier drinlag. Sondern weil eine Scheibe rausgefallen ist."
„Warum haben die das nie gelesen?", fragte eins der kleinen Kinder.
Rosalie zuckte die Schultern. „Weil es nichts gekostet hätte, es zu lesen, und alles, es zu beantworten. Und Geld hatten wir keins. Wir hatten Anträge. Wir hatten Fristen. Wir hatten dreißig Kinder pro Klasse und eine Kollegin für zwei Standorte. Wenn du nichts verteilen kannst, ist Zuhören nur eine Art, sich zu blamieren." Sie klopfte mit dem Knöchel auf den Kastenrand, zweimal, wie man an eine Tür klopft. „Ihr könnt verteilen."
Sie setzte sich wieder hin und nahm den Stuhlfuß auf.
Jaron stand lange da. Dann sagte er, und seine Stimme war ganz anders als vorher, rauer: „Ich hab das nicht erfunden mit den sechs Klassen. Ihr tut jetzt so, als wär ich der Böse. Musik ist bei jeder Abstimmung, die es in dieser Schule je gab, als Letztes drangekommen. Immer. Mein Bruder hat vier Jahre auf drei kaputten Cajons getrommelt. Wenn du weißt, dass du sonst nichts kriegst, dann sammelst du eben Stimmen, bis du was kriegst. Das hab ich nicht ausgedacht. Das hab ich gelernt."
„Ja", sagte Levke. „Ich weiß."
„Und jetzt?"
Levke sah auf die Kreidezahlen. Vierundachtzig. Hundertvierzehn. Sie dachte an die CNC-Fräse in Antrag eins, achttausend, die sie seit November in ihrem Kopf laufen hörte. Sie dachte an die Nachbarschaftswerkstatt in der Wildenbruchstraße, drei Minuten mit dem Rad, wo eine stand, an der man donnerstags dran durfte.
„Girlitz", sagte sie, „ich will eine Regel testen. Nicht abstimmen, nur rechnen. Was passiert, wenn kein Antrag null bekommen darf, solange er Kinder betrifft, die sonst nirgends vorkommen?"
„Ich brauche eine Definition", sagte Girlitz, und die helle Stimme wurde eine Spur schneller. „Wer kommt sonst nirgends vor?"
„Wer in keinem anderen Antrag drinsteht", sagte Ceylan. Sie sagte es ins Knie, aber sie sagte es.
Es dauerte einen Moment, und der Moment fühlte sich an, als krempele jemand die Ärmel hoch. „Oh", sagte Girlitz. „Das ist eine gute Regel. Die kann ich prüfen. Sie trifft auf genau einen Antrag zu. Die neun Kinder aus Antrag vier stehen in keinem anderen. Alle anderen Gruppen überschneiden sich mehrfach. Wenn Antrag vier zuerst gedeckt wird, bleiben fünfundsiebzigtausend für die übrigen vier Anträge, die zusammen hundertfünf fordern. Es fehlen dreißig."
„Dreißig", sagte Jaron. „Und die nehmt ihr wieder alle bei mir."
„Nein", sagte Levke. „Ich fang bei mir an. Die Fräse fliegt raus. Acht. Und Werkbänke reichen sechs statt zehn, das sind nochmal fünf. Werkstatt geht auf achtzehn."
Sie schrieb es an die Wand, unter die Kreidezahlen. Die Ziffern quietschten.
„Der Hof", sagte ein Mädchen aus der Vierten, ohne aufzustehen. „Wir wollen nichts wegnehmen. Aber im Juni ist der Hof um elf so heiß, dass wir drinbleiben. Wir haben keine andere Stelle."
„Girlitz", sagte Levke, „geht der Hof billiger?"
„Der Wasserteil ja, der Schattenteil kaum. Wenn die Segel von der Genossenschaft in der Sonnenallee gebraucht kommen und ihr sie selbst spannt, spare ich euch viertausend. Das setzt voraus, dass jemand sie spannt. Ich kann das nicht."
„Wir spannen sie", sagte Rosalie aus der Ecke, ohne aufzusehen. „Ich zeig es euch. Ihr macht es."
„Hof achtzehn", schrieb Levke.
Blieben neununddreißig für Klangraum und Reisekasse, und die Reisekasse war vierzehn, und die Reisekasse rührte niemand an, weil sie das Einzige war, worüber es nie Streit gab.
„Fünfundzwanzig für den Klangraum", sagte Levke. „Von achtunddreißig."
Jaron lachte kurz und ohne Freude. „Also wieder zuletzt."
„Girlitz", sagte Levke, „was kriegt er für fünfundzwanzig?"
„Instrumente und Dämmung des kleinen Saals. Nicht die Bühne, nicht die Anlage. Fünfundzwanzig deckt sechsundsechzig Prozent der Nutzung, die im Antrag steht. Der Rest würde im nächsten Haushalt beantragt werden müssen."
„Nächstes Jahr gibt es keinen", sagte Jaron. „Der Versuch geht ein Jahr. Danach entscheidet wieder die Konferenz. Das hat mir meine Mutter erklärt, die sitzt da nämlich drin."
Und da sah Levke nach hinten, zu Josepha Marwitz, die den Block auf den Knien liegen hatte und plötzlich sehr aufmerksam war.
„Stimmt das?", fragte Levke.
Marwitz zögerte. „Ich habe keine Stimme in diesem Raum."
„Ich hab nicht nach Ihrer Stimme gefragt. Ich hab gefragt, ob es stimmt."
Marwitz legte den Stift quer über den Block, sehr genau, als wäre das eine Aufgabe. „Ich habe siebzehn Jahre in dieser Konferenz gesessen", sagte sie. „Wisst ihr, was daran das Angenehme war? Wenn eine Schule kein Sofa bekam, war das nie meine Entscheidung. Es war der Etat. Man schläft gut hinter einem Etat." Sie sah auf die Zettel, die über die Hobelbank verstreut lagen, den braunen Kugelschreiber, die leise Ecke. „Ich bin nicht sicher, ob ich euch das antun will."
„Wir fragen trotzdem", sagte Levke.
„Es stimmt, dass der Beschluss ein Jahr gilt. Es stimmt nicht, dass danach automatisch die Konferenz entscheidet. Danach entscheidet der Bezirk, ob es weitergeht. Auf Grundlage dessen, was ich aufschreibe."
„Dann schreiben wir Ihnen was auf", sagte Levke.
Sie stimmten ab. Nicht über die Anträge zuerst, sondern über die Regel, und Ceylan hatte sie in einem Satz aufgeschrieben, den Levke vorlas: Kein Antrag, der Kinder betrifft, die in keinem anderen Antrag vorkommen, darf null bekommen, bevor die Mehrheit den Rest teilt. Achtzehn Ja. Eine Enthaltung. Eine Gegenstimme, Jaron, der die Hand hob und sie oben ließ, bis alle sie gesehen hatten.
Dann die Anträge, einzeln, in die alte graue Kiste, die jetzt keinen Deckel mehr hatte und darum als Urne taugte. Ruheraum neun. Hof achtzehn. Werkstatt achtzehn. Reisekasse vierzehn. Klangraum fünfundzwanzig, und dann gaben die Vierten in der letzten Minute noch drei vom Hof ab und die Werkstatt drückte sich auf sechzehn, und Levke hörte auf zu rechnen und schrieb einfach, was die Kinder riefen, bis es aufging: neun, fünfzehn, sechzehn, vierzehn, dreißig. Vierundachtzig.
„Vierundachtzig", bestätigte Girlitz, und in der hellen Stimme lag etwas, das nach Vergnügen klang. „Es geht auf. Es hätte nicht aufgehen müssen, das ist der schöne Teil. Ich hätte es anders verteilt. Ihr habt es entschieden."
„Was hättest du gemacht?", fragte jemand.
„Das behalte ich für mich", sagte Girlitz. „Sonst wäre ich morgen die, die man vorher fragt."
Jaron blieb, als die anderen hinausströmten in den Hof, wo unter den alten Sonnensegeln jemand schon die Länge für die neuen abschritt. Er sammelte die vergilbten Zettel von der Hobelbank ein, ordentlich, Stapel auf Stapel. Bei einem hielt er an. Kariertes Papier, ein Eselsohr, Bleistift fast verwischt: „wir hätten gern eine trommel die nicht kaputt ist."
Er las ihn zweimal. Dann legte er ihn nicht in die Kiste, sondern faltete ihn und schob ihn in die Brusttasche.
„Dreißig", sagte er. „Kein Bühnenboden."
„Nächstes Jahr", sagte Levke.
„Es gibt kein nächstes Jahr."
„Doch", sagte Rosalie Wendt und spannte den Stuhlfuß aus der Zwinge. Sie legte einen leeren Zettel auf die Hobelbank und einen Bleistift quer darüber und ging hinaus, ohne beides noch einmal anzusehen.
Sechs Wochen später kam der Bericht von Josepha Marwitz in den Bildungsausschuss, und er war kürzer, als alle erwartet hatten. Sechs Schulen, sechs Haushalte, kein einziger überzogen, zwei mit Rücklage. Der eine Absatz, den die Zeitungen dann abdruckten, betraf keine Zahl, sondern eine Regel, die eine Elfjährige in Neukölln in einem Satz formuliert hatte und die in der Verwaltung bald nur noch die Schwelle hieß. Die Fachabteilung schrieb in ihre Stellungnahme, die Schwelle sei nicht kalkulierbar, sie bilde sich in keiner Tabelle ab und mache jede Planung von einer Auszählung abhängig, die vorher niemand kenne; eine Amtsleiterin nannte sie im Ausschuss sympathisch und unbrauchbar. Es wurde bis in den Abend gestritten. Im Februar beschloss die Versammlung dann, bei sieben Gegenstimmen, dass ab dem kommenden Schuljahr alle neununddreißig Schulen des Bezirks ihren Sachmitteletat vollständig durch den Rat der Klassen beschließen, Schwelle inklusive. Was andere Bezirke tun würden, stand nicht in dem Beschluss. Aus zweien kamen im Frühjahr Anfragen.
An der Wand der Holzwerkstatt am Weigandufer aber hing wieder ein grauer Kasten, an vier Schrauben, die Rosalie extra so locker gelassen hatte, dass ein Kind sie mit der Hand lösen konnte. Ohne Deckel. Zettel lagen genug daneben, und an manchen Nachmittagen, wenn durch das Oberlicht der Geruch von Tomaten und heißem Holz hereinkam, standen drei oder vier Kinder davor und stritten darüber, wie man einen Wunsch so aufschreibt, dass er sich nachrechnen lässt.