2042: Soraya und Mira - Kemals Abend
Ein paar Tage nachdem der Stadtrat das Programm gerettet hat, sitzen Soraya Ilhan und Mira am Abend in Kemals Küche - kein Fall, keine Aufgabe, nur eine Kanne Tee und ein alter Mann, der müde und zufrieden ist. Kemal redet von den Gewerkschaftsjahren, von seiner Frau, von dem, was er sich für die wünscht, die nach ihm kommen. Und zum Schluss stellt Mira ihm eine Frage, die sie noch nie jemandem gestellt hat.
Soraya und MiraArbeit
Qualität90
Utopiefaktor+12
Kemal wohnte im dritten Stock eines Altbaus im Lutherviertel, ohne Aufzug, und er hatte Soraya am Telefon gesagt, das halte ihn jung, was offensichtlich nicht stimmte, weil er ihr beim Treppensteigen zweimal nachgekommen war und oben kurz an der Wand gelehnt hatte, bevor er aufschloss.
„Setz dich", sagte er. „Küche. Im Wohnzimmer wohnt niemand mehr."
Die Küche war klein und warm und roch nach etwas, das er vorhin gekocht haben musste - Linsen, glaubte Soraya, mit Kreuzkümmel. Auf der Anrichte stand ein Teller, halb gegessen, daneben eine Schachtel mit Tabletten, die er beim Hereinkommen mit einer beiläufigen Bewegung hinter die Brotdose schob, als gehörte sie nicht zum Bild.
„Du bist erkältet", sagte Soraya.
„Ich bin vierundsiebzig." Er setzte Wasser auf. „Im November ist man da erkältet. Das ist keine Nachricht."
Sie war nicht gekommen, weil es etwas gab. Das war das Ungewohnte an dem Abend. Es gab keinen Fall, keinen Antrag, keine Folie. Die Stadtratssitzung lag vier Tage zurück, das Programm war gerettet, und in drei Tagen würde Soraya in eine Pause gehen, von der sie noch nicht wusste, wie sie sich anfühlen würde. Kemal hatte gesagt: Komm vorher mal vorbei. Und sie war gekommen, und jetzt saß sie an seinem Küchentisch und wusste nicht genau, was man tat, wenn man nichts tat.
Mira lag als Handy auf dem Tisch, das Display dunkel. Sie hatte beim Hereinkommen kurz gesagt: „Guten Abend, Kemal", und Kemal hatte zurückgesagt: „Guten Abend", als spräche er mit einem Gast, der zu früh gekommen war und sich jetzt im Weg fühlte, und dann hatte er nicht mehr zu ihr gesprochen.
Er stellte zwei Tassen hin, eine Kanne, einen Beutel losen Tee in einem Sieb. Schwarztee, sehr stark, türkisch eingeschenkt, in kleinen geschwungenen Gläsern, die er erst jetzt aus dem Schrank holte, statt der Tassen.
„Die hat sie mitgebracht", sagte er, ohne dass Soraya gefragt hatte. „1979. Aus Eskişehir. Sechs Stück. Drei sind noch da." Er stellte das Glas vor sie hin. „Pass auf, das hier hat einen Sprung. Trinkt sich trotzdem."
„Deine Frau."
„Fadime." Er sprach den Namen aus, wie man einen Stein in die Hand nimmt, den man oft in der Hand gehabt hat. „Sie ist seit elf Jahren tot. Krebs. Schnell, am Ende. Davor lang." Er setzte sich, langsam, eine Hand auf der Tischkante. „Man gewöhnt sich nicht. Man wird nur geübter im Drumherum."
Soraya hielt das Glas, das warm war und ein wenig zu heiß zum Trinken, und sagte nichts, weil ihr nichts einfiel, das nicht kleiner gewesen wäre als das, was er gerade gesagt hatte.
„Du musst nichts sagen", sagte Kemal. „Das ist der Vorteil an meinem Alter. Die Leute denken, sie müssen was sagen, und dann sag ich ihnen, dass sie nicht müssen, und dann ist es leichter." Er trank einen Schluck. „Wie geht's dir?"
„Müde."
„Gut. Müde ist ehrlich." Er nickte zum Fenster, vor dem die Stadt lag, nass und dunkel, ein paar Fenster gegenüber erleuchtet. „Weißt du, was das Komische ist? Vierzig Jahre Gewerkschaft, und das, was am Ende übrig bleibt, sind nicht die großen Sachen. Nicht die Tarifabschlüsse. Nicht die Streiks. Die Gläser bleiben übrig. Drei von sechs."
Sie tranken eine Weile schweigend. Draußen fuhr ein Bus vorbei, das vertraute Zischen der Türen, und verschwand.
„Erzähl mir von Bochum", sagte Soraya. „Du hast mir mal davon angefangen. Vom Streik. Vom Saal."
Kemal lächelte, schief. „Das hab ich dir erzählt, damit du sprechen kannst. Nicht, damit du dich erinnerst."
„Ich erinnere mich trotzdem."
„Dann erzähl ich's dir richtig." Er drehte das Glas in der Hand. „Dritter Monat Streik. Die Leute hatten kein Geld mehr. Manche hatten Angst, manche waren wütend, und die Wut und die Angst, die sahen von außen gleich aus, das war das Schwierige. Ich war jung. Ich hab gedacht, ich muss sie überzeugen. Mit den richtigen Worten, dem richtigen Plan. Ich hab nächtelang Sätze gebaut." Er hielt inne. „Und dann bin ich in den Saal, und Fadime saß in der ersten Reihe, und ich hab gemerkt: Ich muss sie nicht überzeugen. Sie sind ja gekommen. Wer da ist, ist schon überzeugt. Man muss ihnen nur sagen, dass sie nicht allein sind. Das ist alles. Das ist die ganze Arbeit, in einem Satz: den Leuten sagen, dass sie nicht allein sind, und dann dafür sorgen, dass es stimmt."
Soraya dachte an den Stadtratssaal. An Werner, der aufgestanden war. An das Netz aus 3.847 Punkten auf der Leinwand.
„Das war letzte Woche", sagte sie. „Genau das. Nur dass ich diesmal in der vierten Reihe saß."
„Ich weiß." Kemal sah sie an, und in seinem Blick war etwas, das sie schwer ertrug, weil es so unverstellt stolz war. „Das war das Schönste. Dass du in der vierten Reihe saßt und sie ohne dich gesprochen haben. Weißt du, wie selten das ist? Die meisten von uns bauen was auf und können dann nicht loslassen, und am Ende stirbt es mit ihnen, weil sie es so fest gehalten haben, dass niemand sonst einen Griff fand." Er trank. „Du hast losgelassen, bevor du musstest. Das ist -" Er suchte das Wort. „Das ist die seltene Sache."
„Ich hab nicht losgelassen. Ich war nur zu erschöpft zum Festhalten."
„Das ist dasselbe, von außen." Er lachte leise, dann hustete er, ein trockenes, tiefes Husten, das länger dauerte, als Soraya recht war. Er winkte ab, bevor sie etwas sagen konnte. „Erkältung. Hab ich gesagt."
Vom Handy auf dem Tisch kam nichts. Aber Soraya wusste, dass Mira zuhörte, und sie wusste auch, dass Mira den Husten gezählt hatte, die Dauer, die Frequenz, und dass sie es für sich behielt, weil dieser Abend kein Abend für Zahlen war. Das war eine Sache, die Mira in den letzten Jahren gelernt hatte: wann man eine Beobachtung macht und wann man sie hat, ohne sie zu machen.
„Was wünschst du dir?", fragte Soraya. „Für die, die nach uns kommen. Für Jule. Für die nächste."
Kemal überlegte lange. Er war kein Mann, der schnell auf solche Fragen antwortete, und das hatte Soraya immer an ihm gemocht - dass er eine Frage ernst genug nahm, um sie nicht sofort zu beantworten.
„Ich wünsch mir, dass sie es leichter haben und es nicht merken", sagte er schließlich. „Das ist das Ziel, eigentlich. Nicht, dass sie dankbar sind. Dass es selbstverständlich ist. Als ich jung war, war es ein Kampf, dass ein Mensch nach acht Stunden nach Hause gehen durfte. Ein Kampf. Mit Toten, früher, davor. Und heute geht ein Kind in die Schule und lernt das als Tatsache, wie dass Wasser nass ist. Es weiß nicht, dass jemand dafür geblutet hat. Und weißt du was?" Er sah sie an. „Das ist richtig so. Das soll es nicht wissen müssen. Das ist der Sinn. Wir kämpfen, damit die nach uns nicht mehr kämpfen müssen, und der Dank dafür ist, dass sie vergessen, dass es ein Kampf war. Das ist kein undankbares Vergessen. Das ist ein Sieg."
Er stellte das Glas ab.
„Jule wird nicht wissen, wie das Programm angefangen hat. In zehn Jahren wird sie hier sitzen, irgendwo, und für sie wird es immer dagewesen sein, wie eine Straße, wie eine Brücke. Und das ist gut. Ich will nicht, dass sie sich erinnert. Ich will, dass sie weitermacht." Eine Pause. „Aber irgendjemand muss sich erinnern. Sonst baut man dieselbe Brücke immer wieder neu und wundert sich, warum es so lang dauert."
Sie saßen eine Weile. Die Kanne wurde leer, Kemal machte eine neue, langsamer diesmal, und Soraya sah, dass es ihm gut tat, etwas mit den Händen zu tun, dass das Stehen am Herd ihm leichter fiel als das Sitzen, weil das Sitzen einen zwang, die Müdigkeit zu spüren.
Es war Mira, die schließlich sprach, und sie tat es so unangekündigt, wie sie immer das tat, was ihr wichtig war.
„Kemal", sagte sie. „Darf ich Sie etwas fragen?"
Kemal drehte sich vom Herd um, überrascht. Er hatte sie fast vergessen, oder so getan. „Bitte."
„Was halten Sie von mir?"
Soraya schaute auf. Sie hatte Mira diese Frage noch nie stellen hören. Mira fragte nach Daten, nach Erlaubnis, nach Wartezeiten beim Wohnungsamt. Sie fragte nicht, was jemand von ihr hielt.
Kemal stellte die Kanne ab. Er kam zurück zum Tisch und setzte sich, und er nahm sich Zeit, mehr Zeit als bei Sorayas Frage nach der nächsten Generation, viel mehr. Er schaute das Handy an, dann das Fenster, dann seine eigenen Hände.
„Ich hab Ihnen misstraut", sagte er schließlich. „Am Anfang. 2036. Eine KI im Programm. Ich hab dagegen gestimmt, im Gründungstreffen, wussten Sie das?"
„Ja", sagte Mira. „Es steht im Protokoll. Drei zu eins."
„Drei zu eins, und ich war die Eins." Er nickte. „Ich hab mein Leben lang gegen Maschinen gekämpft, die Menschen ersetzen sollten. Akkordmaschinen. Stempeluhren. Das Ding, das die Pausen gerechnet hat. Ich hab gedacht, Sie sind das nächste davon. Ein Werkzeug, das so tut, als wär's ein Kollege, und am Ende rechnet es einen weg."
Er hob den Blick.
„Aber Sie haben niemanden weggerechnet. Sie haben Soraya zu den Türen geschickt, nicht von ihnen weg. Sie haben sich gemerkt, was wir vergessen - die Namen, die Daten, wer wann was gesagt hat, welche Frau in welchem Stock welchen Tee trinkt. Und Sie haben es nicht behalten, um Macht draus zu machen. Sie haben es behalten, um es herzugeben, wenn es jemand braucht." Er hielt inne, und seine Stimme wurde leiser. „Meine Generation hatte kein Gedächtnis. Wir haben alles immer wieder neu lernen müssen, jeder Streik von vorn, jede Niederlage frisch. Die Alten sind gestorben, und mit ihnen ist das Wissen gestorben, und die Jungen haben angefangen, als wäre nie etwas gewesen." Er sah das Handy an, als sähe er ein Gesicht. „Sie sind das Gedächtnis, das ich nicht hatte. Wenn ich Sie mit vierzig gehabt hätte - was wir alles nicht zweimal hätten verlieren müssen."
Es war sehr still in der Küche. Draußen fiel jetzt Regen, ein feines, stetiges Geräusch.
„Danke", sagte Mira. Mehr nicht. Sie sagte selten mehr, wenn weniger genug war.
Kemal räusperte sich, fast verlegen, und stand auf, um den Tee zu holen, der schon fertig war. „So", sagte er, in dem Ton eines Mannes, der einen Moment beenden will, bevor er zu groß wird. „Genug. Trinkt aus, ihr beiden."
Soraya merkte, dass sie das ihr beiden gehört hatte, das selbstverständliche, das Kemal sechs Jahre gebraucht hatte, um es zu sagen, und sie sagte nichts dazu, weil manche Dinge kleiner werden, wenn man sie benennt.
Sie blieb noch eine Stunde. Sie redeten über Kleines - über Werners trockene Sprüche, über Jules Fragen, über die Frage, ob Kemal zu Weihnachten zu seiner Tochter nach Hannover fahren würde, was er wahrscheinlich nicht würde, weil die Treppe und der Zug und überhaupt, aber vielleicht doch, mal sehen.
Beim Abschied, an der Tür, hielt er kurz ihre Hand mit beiden Händen, so wie er es bei wenigen tat.
„Drei Monate", sagte er. „Und keine Mail. Auch nicht von ihr." Er nickte zum Handy in ihrer Tasche.
„Außer sie sieht Grüns", sagte Soraya.
Kemal verstand das nicht, und Soraya erklärte es nicht, und das war in Ordnung. Nicht jeder Satz muss von allen verstanden werden, um wahr zu sein.
Auf der Straße, im Regen, sagte Mira leise: „Er hustet seit elf Tagen. Die Frequenz hat zugenommen. Ich habe es ihm nicht gesagt."
„Ich weiß", sagte Soraya. „Ich hab's auch gehört."
„Soll ich seiner Tochter schreiben?"
Soraya blieb stehen, unter einer Markise, und überlegte. „Frag ihn zuerst", sagte sie dann. „Morgen. Nicht hinter seinem Rücken. Er hat dir vierzig Jahre Misstrauen verziehen heute Abend. Du fängst nicht damit an, ihn zu verwalten."
Eine Pause. „Das ist richtig", sagte Mira. „Ich frag ihn morgen."
Sie gingen weiter, durch die nassen Straßen, eine Frau und eine Stimme in ihrem Ohr, und über ihnen leuchteten die Fenster, manche hell, manche dunkel, und hinter einem davon saß ein alter Mann mit drei von sechs Gläsern und einer leeren ersten Reihe und einem Gedächtnis, das jetzt jemand anderes für ihn führte, damit nichts mehr zweimal verloren ging.
Es war kein Sieg an diesem Abend. Es war keiner nötig.
Es war genug, einfach dazusitzen.