2041: Sonnenwende - Das Licht, das keine Rechnung schickt
In einer solarpunkigen Sehwerkstatt am Fulda-Ufer stirbt Nadjas teure Konzernbrille, weil ein Abo nicht verlaengert wurde, und mit ihr das alte Versprechen, dass Sehen ein Mietvertrag sei. Zwischen Lloetzinn und Gemeinschaftskueche bauen blinde Nutzerinnen, eine uebergelaufene Technikerin und die quelloffene Assistenz Taxus an einer Brille, die niemandem gehoert und die keiner abschalten kann. Als ein sechzehnjaehriges Maedchen den Raum betritt, wird die Frage ganz konkret, wem das Licht eigentlich gehoert.
SonnenwendeBehinderung
Qualität86
Utopiefaktor+55
Sie ist wieder tot, dachte Nadja, noch bevor die Ansage kam.
Sie tippte gegen den Bügel der Vega, dort wo bei einem Menschen die Schläfe gewesen wäre, und wartete auf das feine Summen, mit dem die Brille sonst erwachte. Nichts. Dann, viel zu freundlich, die Stimme der Kestrel-Assistentin, direkt in ihren Gehörgang: Ihr Sehabo konnte nicht verlängert werden. Bitte kontaktieren Sie den Kundendienst, um Ihre Sicht wiederherzustellen. Um Ihre Sicht wiederherzustellen. Als läge die irgendwo in einem Regal in einem Rechenzentrum, ordentlich beschriftet, und man müsse nur nett fragen.
Um Nadja herum roch es nach Lötzinn und nach Koriander. Der Koriander kam aus der Gemeinschaftsküche nebenan, durch die offene Tür, mit dem Klappern von Töpfen und dem Lachen von jemandem, der ein Rezept verteidigte. Der Lötzinn kam von Lenes Werkbank, drei Schritte links, wo es leise zischte und nach heißem Harz roch. Nachmittagssonne fiel warm durch die hohen Fenster der alten Sparkasse; Nadja spürte sie auf dem Handrücken. Draußen, hinter der begrünten Fassade, ging der Fulda-Radweg vorbei, und weiter unten der Fluss selbst, den die Stadt vor Jahren aus seinem Betonbett befreit hatte. An guten Tagen hörte man die Reiher.
„Wieder abgeschaltet?", fragte Bogdan Reiter vom langen Tisch her. Man hörte ihm die zweiundsiebzig Jahre an, aber nicht die Bitterkeit, die man erwartet hätte. „Ich kenne den Tonfall. Diese Stimme hat mir vierzig Jahre lang erklärt, dass meine Augen ein Abonnement sind."
„Modell zu alt", sagte Nadja und nahm die tote Brille ab. „Kestrel hat den Server für die Vier abgeschaltet. Wer weitersehen will, kauft die Sechs. Neunzehnhundert Taler, plus Abo. Sie nennen es einen Treue-Umstieg."
Sie sagte es ruhig, aber ihre Finger drehten die Brille um und um. Sie war fünfunddreißig, seit ihrem sechzehnten Jahr blind, und sie war Entwicklerin, und trotzdem hatte dieses Ding, das ihr die Welt beschrieb, ihr nie gehört. Die Vega las Schilder, erkannte Gesichter, sagte ihr, ob die Ampel grün war und ob die Suppe anbrannte. Und alles, was sie sah, wanderte zuerst auf die Server der Firma, wurde gezählt, gespeichert, und konnte an einem Dienstagnachmittag mit einem Software-Update wieder genommen werden. Nicht kaputt. Genommen.
„Zeig sie Taxus", sagte Lene, ohne vom Lötkolben aufzusehen. Lene war die Einzige im Raum, die mit den Augen sah, und die Einzige, die nie ein Aufheben darum machte. „Vielleicht will es wissen, was drin steckt."
Nadja setzte sich stattdessen den kleinen Knopf ins Ohr, den offenen. Er hing an einem unscheinbaren Brettchen kaum größer als eine Streichholzschachtel, das Lene selbst bestückt hatte, aus Teilen, die man überall bekam. Kein Server. Keine Firma. Alles rechnete hier, in ihrer Hand.
„Ich bin da", sagte Taxus. Die Stimme war weder mütterlich noch verkäuferisch, sie war einfach da, wie ein Kollege, der den Kopf hebt. „Vor dir liegt die tote Vega. Soll ich dir das Datenblatt der Kamera vorlesen, oder beschreibe ich dir erst, was Milena mitgebracht hat?"
„Erst Milena", sagte Nadja. „Wo ist sie?"
„An der Tür. Sie trägt eine graue Werkzeugtasche und die alte Kestrel-Jacke, von der sie das Logo abgetrennt hat. Man sieht noch den helleren Faden, wo es saß." Eine winzige Pause. „Ob das etwas bedeutet, entscheidest du. Ich beschreibe nur den Faden."
Das war die Grenze, die Taxus von Anfang an gezogen hatte, in der ersten Zeile seiner eigenen Beschreibung, die jede blinde Entwicklerin im Kollektiv gelesen und mitgeschrieben hatte: Ich sage dir, was ist. Was es heißt, sagst du. Nadja hatte an mehr Assistenten gearbeitet, als sie zählen mochte, und der Unterschied lag nie in der Klugheit. Er lag darin, wem sie gehorchten. Die Kestrel-Stimme hatte immer ein Ziel gehabt, hinter jedem freundlichen Satz: das nächste Abo, das nächste Modell. Taxus hatte kein Ziel außer dem, das die Menschen ihm gaben, und man konnte jede Zeile davon nachlesen.
Milena kam näher, Werkzeug klapperte. „Ich hab die letzten Servicehandbücher", sagte sie. „Und das hier." Etwas Kleines, Schweres landete auf dem Tisch. „Die Kalibrierbrille, mit der wir die Vega im Werk eingemessen haben. Damit stimmt eure Tiefenschätzung endlich."
Neun Jahre lang hatte Milena Kestrel-Geräte repariert, in einer Werkstatt zwei Straßen weiter, die es nicht mehr gab. Sie hatte Menschen die Brille abnehmen müssen, weil das Abo nicht bezahlt war, und die Firmware wieder aufgespielt, wenn es bezahlt war, und irgendwann hatte sie aufgehört, den Leuten in die Augen zu sehen dabei. Als Kestrel die Werkstatt schloss, war sie am Abend in die Sehwerkstatt gekommen, ohne ein Wort, hatte sich an einen Tisch gesetzt und angefangen zu löten. Niemand hatte sie gefragt, auf welcher Seite sie stand. Es gab keine Seiten mehr, es gab nur die Arbeit.
„Kestrel hat uns übrigens ein Angebot gemacht", sagte Nadja in die Runde. Sie hatte es zwei Tage mit sich herumgetragen. „Vorgestern. Sie wollen den Bauplan. Sie zahlen gut, sie stellen ein, sie geben uns ein Labor. Nur eine Unterschrift, dass es dann ihnen gehört. Dass wir es zumachen."
Es wurde still am Tisch, nur die Küche nebenan lachte weiter.
„Und?", fragte Bogdan leise.
„Und ich habe abgesagt", sagte Nadja. „Ich habe gestern Nacht alles hochgeladen. Den Bauplan, die Firmware, die Schlüssel, die Milena mir gegeben hat, das ganze Datenblatt. Es liegt offen. Jede Werkstatt in jeder Bioregion kann es bauen, kann es ändern, kann es weitergeben. Es gehört niemandem mehr, also gehört es allen. Man kann es nicht mehr zumachen." Sie hörte ihre eigene Stimme ein wenig zittern. „Ich wollte, dass ihr es wisst, bevor die Firma anruft und tut, als hätte man mir etwas gestohlen."
„Sie werden genau das tun", sagte Milena trocken. „Ich kenne die Briefe. Ich habe sie zugestellt."
„Sollen sie", sagte Lene, und der Lötkolben zischte. „Man kann Wasser nicht verklagen, weil es bergab läuft."
Taxus meldete sich, ruhig. „Wenn du willst, lese ich dir vor, was heute Nacht passiert ist, seit du es offengelegt hast. Ich zähle nur, ich werte nicht."
„Zähl", sagte Nadja.
„Vierzehn Werkstätten haben die Pläne geladen. Kassel, Erfurt, Bilbao, Turin, Sfax, sechs weitere, die ich nicht sicher zuordne. Drei haben schon Fotos zurückgeschickt: bestückte Bretter. In Turin haben sie es auf einem Marktstand ausgelegt, zum Anfassen. Und die Bibliothek unten am Fluss hat angefragt, ob sie hundert Bausätze als Gemeingut vorhalten darf, verleihbar wie ein Buch, ohne Ausweis, ohne Gebühr." Eine Pause. „Was das bedeutet, sagst du."
Nadja saß ganz still. Vierzehn Werkstätten. In einer Nacht. Sie hatte gedacht, sie kämpfe gegen einen Konzern, und in Wahrheit hatte sie nur ein Fenster geöffnet, und der Wind war von allein hereingekommen.
Die Tür schlug, schnelle Schritte, und eine junge Stimme, die sich bemühte, nicht verloren zu klingen. „Ist hier die Werkstatt? Meine Mutter hat gesagt, hier gibt es die Brille, die keiner abschalten kann."
„Setz dich, wo du willst", sagte Bogdan sofort, und seine ganze Wärme lag in dem Satz. „Wie heißt du?"
„Rojda." Ein Stuhl schrammte. „Ich bin sechzehn. Es ist die Netzhaut, es ging dieses Jahr schnell. Sie haben mir im Krankenhaus eine Vega angeboten. Aber das Abo. Meine Mutter arbeitet in der Küche hier, die kriegt kein Geld, das ist alles Beitrag, und ich dachte-" Sie brach ab. „Ich dachte, dann kann ich es mir nicht leisten, zu sehen."
Niemand am Tisch atmete einen Moment lang laut. Es war Bogdans Welt, die in diesem Satz aufstand, die alte Welt, in der ein Kind rechnen musste, ob Sehen bezahlbar war.
„Gib ihr eins", sagte Bogdan. „Ein fertiges. Sofort."
Lene legte den Lötkolben weg. Nadja hörte, wie sie ein bestücktes Brett aus der Kiste nahm, den kleinen Knopf ansteckte, den Bügel formte. „Halt still", sagte Lene. „Der Knopf kommt ans Ohr, das Brettchen an den Kragen, klein wie es ist. Kein Server. Es rechnet an dir und für dich, und was es sieht, sieht nur du."
Ein Klicken, ein leises Summen, das echte, das lebendige.
„Ich bin da", sagte Taxus in Rojdas Ohr, für alle hörbar auf Lautsprecher gestellt. „Ich beschreibe dir, was vor dir ist. Vor dir sitzt ein alter Mann mit weißem, kurzem Bart und einer Brille ohne Gläser, nur dem Gestell. Er lächelt. Links von ihm eine Frau mit Lötkolben, ein Brandfleck auf dem Ärmel. Vor dir auf dem Tisch liegt ein Zettel, den deine Mutter beschriftet hat. Soll ich ihn dir vorlesen?"
„Ja", flüsterte Rojda.
„Dort steht, in Schreibschrift: Viel Glück, mein Schatz. Ich bin nebenan."
Nadja hörte das Mädchen einatmen, so wie man einatmet, wenn eine Tür aufgeht, von der man dachte, sie sei zugemauert. Und dann hörte sie Bogdan, den alten Bogdan, der vierzig Jahre lang seine Augen gemietet hatte, ganz leise weinen, ohne sich zu schämen.
„Weißt du", sagte er nach einer Weile zu Rojda, und seine Stimme war fest geworden, „als ich in deinem Alter war, gab es das nicht. Später, viel später, kam die erste Brille, die beschrieb, was sie sah. Sie kostete so viel wie ein Auto, und dann kam jeden Monat eine Rechnung, und wenn du nicht zahltest, wurde es dunkel. Ich habe einmal drei Wochen im Dunkeln gelebt, weil ein Betrag zu spät ankam. Man hat mir gesagt, das sei der Preis des Fortschritts." Er lachte kurz, ungläubig, als könne er es selbst kaum glauben. „Der Preis. Für meine eigenen Augen."
„Und jetzt?", fragte Rojda.
„Jetzt", sagte Bogdan, „hat dir ein Kind von nebenan einen Zettel geschrieben, und niemand auf der Welt kann verhindern, dass du ihn liest. Nicht morgen und nicht in vierzig Jahren. Es gibt keine Rechnung, die kommt. Das Ding an deinem Kragen gehört dir, und der Bauplan gehört uns allen, und das lässt sich nicht mehr einsammeln." Er tippte auf den Tisch. „Das haben nicht die Maschinen gemacht, Kind. Das hat Nadja gemacht, gestern Nacht, mit einer Unterschrift, die sie nicht geleistet hat. Merk dir das. Taxus zeigt dir die Welt. Aber dass sie dir gehört, das haben Menschen entschieden."
Draußen läutete jemand die Glocke der Bibliothek, dreimal, das Zeichen, dass ein Lastenrad ankam. Milena stand auf. „Das sind die Bausätze für unten", sagte sie. „Hundert Stück. Ich helfe tragen."
„Ich komme mit", sagte Rojda, und stand auf, und zum ersten Mal an diesem Tag klang ihre Stimme nicht mehr, als rechne sie nach.
Nadja blieb noch einen Moment sitzen, die tote Vega in der einen Hand, den lebendigen offenen Knopf in der anderen. In ihrem Ohr, ganz leise, sagte Taxus: „Draußen ist Abend geworden. Die Sonne steht flach über dem Fluss, das Wasser ist orange. Zwei Reiher stehen im Flachen. Am Lastenrad warten sechs Menschen, um zu tragen." Eine Pause. „Was es bedeutet, sagst du."
„Es bedeutet", sagte Nadja, und stand auf, „dass wir loslegen." Und sie ging dem Klappern der Bausätze entgegen, hinaus in den warmen Abend, wo niemand mehr eine Rechnung schickte für das Licht.