2040: Sonnenwende - Die offene Schaltung
In einer Zentrale an der polnisch-litauischen Linie schlaegt der Alarm an, und die automatische Vergeltungsfrist laeuft nicht los, weil eine Losversammlung sie Monate zuvor abgeschafft hat, ohne dass es je in die Dienstvorschrift kam. Schichtoffizierin Iwona Barczak greift zu einer Sprechverbindung, fuer die sie nicht befugt ist, und findet auf der anderen Seite eine Frau, die einen Unterbrecher festhaelt. Was aus diesen achtundachtzig Sekunden folgt, tragen vier Unterschriften und sehr viele Versammlungen.
SonnenwendeKrieg und Frieden
Qualität90
Utopiefaktor+55
Der Alarm klang nicht wie im Film. Er klang wie ein Kühlschrank, der zu lange offen steht, ein dünnes, höfliches Piepen, und Iwona Barczak hatte den Löffel noch im Becher, als die Wandfläche vor ihr von Grau auf Bernstein umschlug und drei Spuren zeigte, die von Süden her über die Linie stiegen.
„Startsignaturen, drei, Sektor Ost", sagte Vytautas. Seine Stimme kippte in der Mitte des Wortes, er war siebenundzwanzig und seit vier Monaten hier. „Aufstiegswinkel passt. Flugzeit bis Suwalki zweihundert Sekunden."
Sie stellte den Becher ab. In der Zentrale roch es nach Klee, weil die Lüftung ihre Luft von der Wiese über ihnen holte, und auf der Wiese standen seit dem Frühjahr die Panelreihen der Genossenschaft Suwalki, sechshundert Stück, zwischen denen Schafe grasten. Vierzehn Jahre zuvor hatte hier oben Stacheldraht gestanden. Jetzt lief zwischen den Panelen ein Feldweg, und die Kinder aus Szypliszki fuhren darauf mit Rädern zum Baden.
Auf dem großen Feld erschien die Frist. Neunzig Sekunden. Dann blieb die Zahl stehen, mitten im Lauf, bei achtundachtzig, und darunter stand in der ruhigen Schrift, die Firn immer benutzte, wenn es ernst wurde:
„Die Frist läuft nicht. Ihr habt sie im März abgeschafft. Losversammlung Suwalki, Beschluss 14, angenommen mit vierundfünfzig zu neun. Der Beschluss liegt seit dem sechzehnten März bei der Dienststelle. Niemand hat ihn in die Dienstvorschrift übertragen. Niemand hat es dem Kasten gesagt. Ich sage es ihm jetzt."
Iwona brauchte zwei Sekunden, und in diesen zwei Sekunden stand ihr ein Saal vor Augen: Turnhalle Szypliszki, Klappstühle, sechzig Leute, ein Freitagabend im März, an dem sie Dienst gehabt hatte. Sie hatte das Protokoll hinterher überflogen, wie man Protokolle überfliegt.
„Vierundfünfzig zu neun", sagte sie.
„Ich war dabei", sagte Firn. „Man hatte mich gebeten zu erklären, was eine Automatikfrist ist. Ich habe vierzig Minuten gebraucht. Eine Frau aus Becejły hat gefragt, wer denn drückt, wenn niemand drückt, und danach ging es schnell. Der Beschluss sagt: keine Auslösung ohne zwei Menschen, die ihre Namen nennen."
„Firn, die Frist ist der ganze Sinn der Schaltung."
„Der Sinn stand nicht zur Abstimmung. Die Schaltung schon." Eine Pause, kaum messbar. „Ich sage euch jetzt, was ich weiß, und danach, was ich nicht weiß. Das zweite ist länger."
Tuomas, der Fernmelder, hatte die Hände flach auf den Tisch gelegt, als müsse er sich festhalten. Iwona sah auf die drei Spuren. Sie stiegen, sie waren hell, sie waren da.
„Ich weiß: drei thermische Ereignisse, Aufstiegsprofil binnen elf Sekunden, Radarrückläufe schwach und unstet. Ich weiß nicht: ob es Körper sind. Die Rückläufe passen zu Gischt, zu Rauch, zu heißer Luft über einer Fläche. Ich weiß nicht, warum kein einziger Startlärm auf den Bodenmikrofonen liegt. Vor drei Wochen ist südlich der Linie ein Heliostatenfeld ans Netz gegangen, zweitausend Spiegel, Erstausrichtung heute. Ich kann nicht beweisen, dass das die Erklärung ist. Ich kann nur sagen: ich habe zwei Erklärungen, und die zweite tötet niemanden."
„Und wenn du dich irrst", sagte Vytautas, „haben wir achtundachtzig Sekunden verschenkt."
„Ihr habt achtundachtzig Sekunden. Ihr habt sie euch im März selbst gegeben. Ich verwalte sie nur."
Iwona hatte diesen Ablauf zweiundzwanzigmal geübt. In jeder Übung hatte die Schaltung von selbst gearbeitet, und ihre Aufgabe war gewesen, dabei die Hand ruhig zu halten und das Protokoll zu führen. Es gab keine Übung für einen offenen Schalter. Sie ging zwei Schritte zur Seite, zu dem grauen Kasten an der Wand, den sie alle den Toten Draht nannten, eine Sprechverbindung zur Zentrale jenseits der Linie, eingerichtet 2031, nie benutzt, monatlich geprüft, in der Dienstvorschrift ausdrücklich der politischen Ebene vorbehalten.
Sie drückte die Taste.
Es rauschte. Dann sagte eine Frauenstimme etwas auf Russisch, schnell, und Firn legte die Übersetzung darunter, ohne dass jemand darum gebeten hatte.
„Wer spricht."
„Barczak, Schichtoffizierin Suwalki. Wir sehen drei Aufstiege aus Ihrem Sektor. Wir haben nicht ausgelöst. Ich frage Sie, was Sie sehen."
Stille. Zwei Sekunden, drei. Iwona hörte im Hintergrund der anderen Zentrale dasselbe höfliche Piepen.
„Ludmila Sokolowa. Wir sehen vier Aufstiege aus Ihrem Sektor." Ein Atemzug. „Und keine Startgeräusche."
„Wir auch nicht."
„Meine Frist läuft. Einundfünfzig Sekunden." Etwas rutschte drüben über einen Tisch, Papier oder ein Becher. „Ich habe die Hand auf dem Unterbrecher. Ich muss ihn gedrückt halten. Wenn ich loslasse, geht es raus."
Iwona sah auf ihre eigene stillstehende Zahl und begriff zum ersten Mal, was ihr eine Turnhalle mit Klappstühlen geschenkt hatte.
„Halten Sie ihn", sagte sie. „Bei mir läuft nichts. Wir haben die Frist im März abgeschafft, in einer Versammlung, und ich habe es bis vor einer Minute nicht gewusst."
„Sie haben Glück." Ludmilas Stimme war ganz flach. „Vierzig Sekunden."
„Dann sehen wir beide vierzig Sekunden lang nach Süden aus dem Fenster."
„Ich habe kein Fenster."
„Ich auch nicht. Wir haben Kameras."
Vytautas hatte schon umgeschaltet. Die Bodenkamera auf dem Wasserturm von Kalvarija gehörte der dortigen Wassergenossenschaft und lag offen im Netz wie jede Wetterkamera beiderseits der Linie. Das Bild zeigte eine flache, sehr helle Fläche im Dunst, und über der Fläche stand die Luft in drei Säulen, die zitterten und wanderten, weil zweitausend Spiegel sich zum ersten Mal gemeinsam drehten und die Hitze in Schlieren nach oben schoben. Am Rand des Feldes brannte Trockengras, ein schmaler, harmloser Streifen, den zwei Menschen mit Feuerpatschen ausschlugen.
„Ich sehe es", sagte Ludmila, und dann sagte sie noch etwas, das Firn nicht übersetzte, weil es kein Wort war.
Die Frist verfiel, drüben, unter einer Hand, die nicht losgelassen hatte. Auf der Wandfläche stand plötzlich nichts mehr, nur die Uhrzeit, 14:52, und Iwona merkte, dass ihr die Knie weich geworden waren, jetzt, nachher, wie immer.
Es dauerte neunzehn Minuten, bis das erste Telefon klingelte, und dann klingelten sie alle. Der Hubschrauber kam um halb vier. Um 17:00 saß Iwona in einem Raum ohne Fenster in Warschau und erklärte einer Generalin, warum sie eine Sprechverbindung benutzt hatte, für die sie nicht befugt war.
Brigadegeneralin Tamar Loos war klein, grauhaarig und ganz und gar nicht die Karikatur, die Iwona sich auf dem Flug zurechtgelegt hatte. Sie hörte zu, ohne zu unterbrechen. Dann schob sie ein Blatt über den Tisch, eine alte Namensliste, vierhundertdreiundzwanzig Zeilen.
„Kertsch, September 2033", sagte sie. „Ich saß in der Zentrale. Wir hatten Sensorbilder und einen Verdacht, und wir haben getan, was Sie heute getan haben. Wir haben geredet. Sechs Minuten. Die Namen auf diesem Blatt sind die, die in diesen sechs Minuten gestorben sind. Danach habe ich die Automatik gebaut, damit nie wieder ein Mensch aus Höflichkeit zögert." Sie zog das Blatt zurück. „Sie halten mich für den Feind. Ich bin die Frau, die zu spät entschieden hat."
„Und heute", sagte Iwona, „hätte Ihre Automatik Kalvarija ausgelöscht wegen eines Spiegelfeldes. Sechzig Leute in einer Turnhalle haben sie im März abgeschafft. Ihr Haus hat den Beschluss abgeheftet und niemandem gesagt."
„Ja", sagte Tamar Loos. „Das ist das Problem, mit dem ich seit heute Mittag lebe."
Sie enthob Iwona des Dienstes, ordnungsgemäß, mit Bedauern. Ludmila Sokolowa konnte sie nicht entheben; das tat jenseits der Linie jemand anders, am selben Abend.
Vytautas brachte am dritten Tag den Ausdruck. Er hatte gegraben und Beschluss 14 in der Registratur gefunden, Eingangsstempel, Aktenzeichen, ein Vermerk „zur Kenntnis" in Bleistift. Er hatte auch nachgezählt: In den vergangenen elf Jahren hatte es entlang der Linie siebzehn Alarme gegeben, die niemals öffentlich geworden waren, und alle siebzehn waren Fehlalarme. Elfmal hatte die Automatik nicht ausgelöst, weil die Bahnen knapp außerhalb der Schwelle lagen. Fünfmal waren es Übungen fremder Verbände gewesen, die niemand angemeldet hatte. Einmal, im Februar 2036, hatte ein Mensch die Schaltung von Hand geöffnet und war dafür in Rente geschickt worden.
Am Abend saßen sie in Iwonas Küche, Fenster offen, unten die Straße, in der seit sechs Jahren keine Autos mehr fuhren, und aus dem Nachbarschaftsofen an der Ecke roch es nach Brot. Vytautas legte den Ausdruck zwischen die Teller.
„Meine Mutter wohnt in Kalvarija", sagte er.
„Das ist Verschlusssache", sagte Tuomas. „Wenn wir das rauslegen, sitzen wir. Nicht du allein. Wir alle."
„Meine Mutter hat am Dienstag Wäsche aufgehängt, während drei Spuren auf uns zuliefen, die es nicht gab, und während drüben eine Frau einen Knopf festhielt, damit meine Mutter weiter Wäsche aufhängen kann."
„Und wenn die andere Seite es liest und daraus schließt, dass unsere Schaltung offen steht?" Tuomas schob den Ausdruck weg. „Dann haben wir eine Einladung gedruckt."
„Die andere Seite hat es am Dienstag von mir persönlich gehört", sagte Iwona.
Tuomas schwieg. Von unten kam das Geräusch einer zuschlagenden Ofentür, dann Stimmen, dann jemand, der über etwas lachte, das keiner von ihnen mitbekommen hatte.
„Gut", sagte er schließlich. „Dann raus damit. Alles."
Eine halbe Stunde später, mit dem Glas in der Hand: „Nein. Nicht die Sensorwerte. Die Zahlen ja, die Kurven nicht. Sonst baut uns jemand eine Lücke daraus."
Und um Mitternacht, an der Tür, den Mantel schon an, die Hand am Rahmen: „Ich unterschreibe. Aber ich will, dass Ludmila mit unterschreibt. Sonst ist es unsere Anklage gegen die da drüben und nicht unsere gegen das Ding an der Wand."
Iwona rief Ludmila am nächsten Morgen an, über eine ganz gewöhnliche Leitung. Ludmila sagte, sie habe die Frage ihrem Mann gestellt, und der habe geantwortet, er wolle wissen, wie oft er schon fast tot gewesen sei.
Am fünften Abend fragten sie Firn.
„Ich stelle das Protokoll bereit", sagte Firn. „Ich veröffentliche es nicht. Wenn ich es täte, wäre es die Handlung einer Maschine, und man würde über die Maschine streiten statt über die Schaltung. Ihr müsst es unterschreiben. Mit euren Namen, an denen man euch bestrafen kann. Ich kann es übersetzen, ich kann es lesbar machen, ich kann jedem Gemeinderat entlang der Linie erklären, was eine Automatikfrist ist, so oft, bis es niemand mehr abheftet. Den Satz, dass ihr es wart, kann ich nicht sagen."
„Das ist bequem für dich", sagte Tuomas.
„Nein", sagte Firn. „Es ist bequem für mich, wenn ihr in Sicherheit seid. Das hier ist das Gegenteil. Ich bitte euch trotzdem darum, weil es sonst nicht trägt."
Sie unterschrieben zu viert: Iwona, Vytautas, Tuomas und, in kyrillischen Buchstaben darunter, Ludmila Sokolowa, die dafür ein Verfahren riskierte, das schlimmer war als alles, was Warschau ihnen antun konnte. Firn setzte die vier Fassungen nebeneinander, Polnisch, Litauisch, Russisch, Englisch, und legte das Ganze auf die offenen Netze, wo es niemandem gehörte und deshalb nicht mehr zurückzuholen war.
Was danach kam, hatte niemand entworfen. In Kalvarija versammelten sich zweitausend Menschen auf dem Heliostatenfeld, das sie beinahe umgebracht hätte, und hielten Spiegel in die Abendsonne, bis man die Lichtsäule von Suwalki aus sah. Firn erklärte in vier Monaten vierhundert Gemeinderäten, was eine Automatikfrist ist, und danach beschlossen sehr viele Versammlungen sehr schnell dasselbe wie Szypliszki; die Netzgenossenschaften vierer Bioregionen lieferten keinen Strom mehr an Anlagen mit automatischer Auslösung, was praktisch sehr wirksam war, weil seit dem Ausstieg aus der Kohle niemand mehr eine eigene Leitung hatte. Aus einer Empörung wurde in elf Wochen ein Text.
Der Text war kurz. Er verbot nicht die Waffen, das schaffte niemand in diesem Jahr. Er verbot die Frist. Keine Anlage, kein Verbund, kein Staat durfte eine Vergeltung an ein Zeitfenster koppeln, das ohne menschlichen Entschluss ablief. Jede Auslösung brauchte zwei Menschen, die ihre Namen nannten, und jede KI in jeder Zentrale bekam die Pflicht, den Diensthabenden zu sagen, was sie nicht wusste, und den Beschlüssen der Versammlungen zu folgen, auch wenn die Dienstvorschrift noch etwas anderes behauptete.
Tamar Loos verhandelte für die Allianz. Sie kämpfte drei Wochen lang um eine Ausnahmeklausel für Angriffe unter neunzig Sekunden Vorwarnzeit und verlor. Am Tag der Unterzeichnung, dem elften November 2040, stand sie in Kaunas ans Geländer gelehnt und sah zu, wie die Delegierten hereinkamen, und als Iwona an ihr vorbeiging, sagte sie: „Ihre Schaltung war offen, und Sie haben nicht geschlossen. Das ist die Sache, die mir 2033 gefehlt hat. Nicht Zeit. Jemand, der sie mit mir aushält."
Dann sagte sie noch: „Ich habe die Liste dabei. Ich lese die Namen morgen vor, wenn Sie mitkommen."
Iwona kam mit.
Die Entschärfung war eine körperliche Arbeit, und darauf hatte niemand geachtet, bis sie anfing. In vierhundertsechzig Zentralen mussten Menschen an Wände treten und Module ziehen, und weil das Abkommen verlangte, dass es beobachtet wurde, kam jedes Mal jemand von jenseits der jeweiligen Linie und sah zu. Es gab dafür kein Zeremoniell, es gab eine Liste, einen Schraubendreher und zwei Unterschriften hinterher, und in den ersten Wochen brachten die Leute Kuchen mit, weil sie nicht wussten, was man sonst mitbringt.
In Suwalki war es an einem Dienstag im Februar, es schneite in großen nassen Flocken, und Ludmila Sokolowa stand in einem Zivilmantel neben dem Toten Draht, weil sie keinen Dienstgrad mehr hatte. Sie hatte den Bus über die Linie genommen, drei Stunden, und war eine Viertelstunde zu früh gekommen und draußen stehen geblieben, bis die Zeit stimmte.
Der Freigaberelaissatz war ein grauer Kasten von der Größe eines Schuhkartons, sechs Schrauben, und Vytautas brauchte länger dafür als für alles, was er hier je getan hatte, weil ihm die Hände zitterten. Die vierte Schraube war überdreht. Tuomas hielt den Kasten von unten, während Vytautas sie herausbohrte, und niemand sagte etwas, und das Bohren war das lauteste Geräusch, das dieser Raum je gemacht hatte. Dann zog Vytautas den Kasten heraus und hielt ihn hoch, und es war lächerlich, wie leicht er war.
„Firn", sagte Iwona. „Was siehst du jetzt?"
„Weniger", sagte Firn. „Ich habe die Vorrangleitung verloren, die Auslösekette und siebzehn Sensorrechte. Ich habe die Bodenmikrofone behalten und den Toten Draht, der jetzt jeden Werktag um zehn benutzt wird und darum keinen guten Namen mehr hat. Gestern haben sie mich über ihn gefragt, ob wir Saatgut abgeben können. Wir können." Eine Pause. „Und ich sehe, dass ihr im vergangenen März zwei Wochen zu spät gemäht habt. Der Klee unter den Panelen wird dieses Jahr besser."
Sie trugen den Kasten die Treppe hoch. Oben lag der Schnee auf den Panelreihen, in schmalen Streifen, weil die Module warm genug waren, ihn an den Kanten wegzuschmelzen, und dazwischen liefen die dunklen Linien der Schafspuren. Die Schranke am Feldweg war seit dem Herbst abgebaut; man sah noch das Betonfundament, aus dem jemand Krokuszwiebeln gesteckt hatte, die im März herauskommen würden.
Ludmila nahm den Kasten in beide Hände und wog ihn.
„In Kalvarija hängt unserer schon im Schulflur", sagte sie. „Die Kinder fragen jeden Tag, was das ist. Und jedes Mal muss man es ihnen dreimal erklären, weil sie es nicht glauben. Sie sagen: Aber wer hat denn dann gedrückt? Und man muss sagen: niemand, das war ja das Schlimme daran." Sie gab den Kasten zurück. „Meine Tochter hat gefragt, ob die Erwachsenen damals dumm waren. Ich habe gesagt, wir hatten Angst und niemanden, dem wir das hätten sagen können. Sie hat gefragt, warum wir dann nicht abgestimmt haben."
Vytautas lachte, und der Schnee fiel ihm in den Kragen, und weit hinten über der Linie stand die Lichtsäule des Spiegelfeldes im grauen Nachmittag, ruhig und ganz ungefährlich, wie eine Sache, die man einmal falsch gelesen hatte und jetzt richtig las.