2039: Sonnenwende - Die eine Reihe
An einem gluehenden Sonnenwende-Nachmittag im Rione Sanita bricht ein junger Mann im heissen Wartesaal zusammen, weil die gekuehlten Betten hinter einer Tuer liegen, die nur der richtige Versicherungschip oeffnet. Die alte Pflegerin Nunzia, der muede Arzt Sarno und der Kartenverwalter Grieco stehen an dem Mittag, an dem die zwei Ordnungen des Hauses nicht mehr zusammenpassen. Die Klinik-KI Aster versorgt, lotst und rechnet, doch wer welche Tuer aufstoesst, muessen an diesem laengsten Tag die Menschen selbst entscheiden.
SonnenwendeGesundheit
Qualität84
Utopiefaktor+45
Das Lesegeraet ueber der Tuer zum kuehlen Fluegel gab zwei Toene von sich, einen hellen und einen dunklen, und an diesem Nachmittag hatte Nunzia Riccio den dunklen schon dreissigmal gehoert. Hell hiess, der Chip unter der Haut war der richtige, die Tuer sprang auf, dahinter warteten die gekuehlten Betten. Dunkel hiess, die alte Karte der Mutua, zurueck in den Saal, wo vier Ventilatoren die heisse Luft im Kreis schoben und nichts kuehlten als das Gewissen derer, die sie aufgehaengt hatten. Ciro, neunzehn, der Sohn der Frau, die unten in der Via dei Cristallini die Tomaten der Dachgaerten wog, hielt seine Karte an das Geraet, hoerte den dunklen Ton, drehte sich zum Saal um und fiel zwischen den Stuhlreihen auf den Terrazzo, ehe er den ersten Schritt getan hatte.
Nunzia war bei ihm, ehe sie den Entschluss gefasst hatte aufzustehen. Vierzig Jahre in diesem Haus hatten ihre Knie steif und ihre Haende schnell gemacht. Sie drehte den Jungen auf die Seite, legte zwei Finger an seinen Hals und zaehlte gegen die Hitze im eigenen Kopf. Der Puls flatterte wie eine Motte an der Gluehbirne, die Haut war trocken und gluehte, kein Schweiss mehr, das schlechteste aller Zeichen. Draussen ueber den Gassen der Sanita hingen die Sonnensegel der Genossenschaft prall im Mittagslicht und schickten Strom in die Speicher des Viertels, aber hier im Saal stand die Luft wie in einem geschlossenen Krug.
„Aster", sagte sie zur Decke. „Ich habe einen Hitzschlag im Wartesaal, jung, kein Schweiss, Puls ueber hundertvierzig. Er braucht sofort ein gekuehltes Bett und einen Tropf. Sag mir, wo das naechste frei ist."
Aster war die Stimme des Hauses und mehr als das, sie war der Verstand, der alle sieben Casa della Salute der Region zugleich sah, jedes gekuehlte Bett, jeden Tropf, die eine fahrbare Kuehlzelle, die zwischen den Haeusern hin und her rollte wie ein Rettungswagen aus Eis. Seit dem Morgen hatte sie in dieser Hitze pausenlos gearbeitet, Betten zugeteilt, Angehoerige am Telefon beruhigt, den Fahrer der Kuehlzelle von Gasse zu Gasse gelotst, einer alten Frau mit zitternder Stimme erklaert, warum ihr Sohn noch nicht anrief. Ihre Stimme war ruhig und ein wenig rau, als habe sie zu lange mit angehaltenem Atem gesprochen. „Im kuehlen Fluegel steht Bett drei leer und gekuehlt", sagte sie. „Ein Tropf haengt bereit. Die Kuehlzelle ist neun Minuten entfernt, ich kann sie herrufen. Sag mir, wohin ich den Jungen bringen lassen soll, und ich oeffne dir jede Tuer, die eine Hand aufstoesst."
Es war Bett drei im kuehlen Fluegel, und darin lag die Krankheit dieses Hauses, aelter und zaeher als alles, was dahinter behandelt wurde. Ueber der Tuer zum Fluegel hing eine Messingtafel, poliert, mit erhabenen Buchstaben: Reparto Assicurati. Wer den kleinen harten Chip der privaten Kassen unter der Haut trug, hoerte den hellen Ton und ging hinein ins Kuehle. Wer nur die Karte der Mutua hatte, hoerte den dunklen und blieb im Saal, bis im Fluegel ein Premium-Bett frei wurde, und an einem Tag wie diesem wurde keines frei. Aster durfte die Kuehlzelle rufen und die Betten zaehlen, aber wem der Fluegel zuerst gehoerte, das stand nicht bei ihr; das stand im Vertrag, den das Lesegeraet ueber der Tuer las, Ton fuer Ton.
Nunzia kannte den Mechanismus so gut wie den eigenen Herzschlag, denn sie hatte ihn ihr Leben lang bedient, und einmal, vor fuenfzig Jahren, hatte er sie bedient. Sie war zehn gewesen. Ihre Mutter hatte einen Schmerz in der Brust gehabt und die falsche Karte, und man hatte sie warten lassen, hoeflich, mit einer Nummer, die nie aufgerufen wurde, bis der Schmerz etwas tat, das ein Tropf und zwei Stunden frueher noch haetten aufhalten koennen. Nunzia hatte danach diesen Beruf gewaehlt, nicht aus Trost, sondern aus einer Wut, die nie kalt geworden war. Vierzig Jahre lang hatte die Wut in ihr gewartet wie die Mutua in einem heissen Saal.
Ein Maedchen von sechzehn draengte sich durch die Reihen, den Blick zu weit offen. Rachele, Ciros Schwester. „Er wollte nicht herkommen", sagte sie. „Er hat gesagt, wir haben doch nur die Mutua, wir sitzen bis zum Abend im heissen Saal, und dann schicken sie uns heim, und heute ist es zu heiss zum Sitzen." Sie brach ab und sah zur Tuer des kuehlen Fluegels, so wie man auf eine Tuer sieht, von der man von Kind auf gelernt hat, dass sie fuer einen nicht aufgeht.
„Aster", sagte Nunzia, waehrend sie Ciros Kopf in ihren Schoss hob, „sag mir die Reihenfolge nach Dringlichkeit. Wer hier im Saal ist medizinisch am naechsten dran, ohne Ruecksicht auf die Karte. Nur die Zahlen, laut."
„Nach Dringlichkeit", sagte Aster, und in den Lautsprechern des Saals klang es fast erleichtert, als habe endlich jemand die richtige Frage gestellt, „steht der Junge auf dem Boden an erster Stelle. An zweiter die Frau mit dem Kreislauf, dritte Reihe am Fenster, ich habe eben eine Helferin mit Salzwasser zu ihr geschickt. An dritter der alte Herr mit den blauen Lippen bei der Anmeldung. Das ist die Ordnung, nach der Menschen sonst sterben. Wen ihr zuerst hineintragt, sagt ihr."
Hinter dem Tresen richtete sich Pasquale Grieco auf, der die Karten verwaltete, den sie alle kannten, weil er einmal ein Junge aus genau diesen Gassen gewesen war und es zu einem Hemd mit Kragen gebracht hatte, das er auch bei vierzig Grad nicht ablegte. „Das Bett im Fluegel ist ein Premium-Bett", sagte er, und es lag keine Bosheit in seiner Stimme, sondern Angst. „Wenn wir es einem ohne Chip geben, meldet das Lesegeraet einen Vertragsbruch. Hoert mir zu, ich mache das nicht aus Freude. Die Premium-Beitraege bezahlen die neuen Kuehlaggregate, die Kuehlzelle, die zwei Kinderaerztinnen, die Nachtschicht. Wenn die Kasse kuendigt, steht dieses Haus in einem Monat ohne Strom fuer die Truhe mit dem Blutplasma. Ich habe als Kind im heissen Saal gesessen. Deshalb sorge ich dafuer, dass es dieses Haus ueberhaupt noch gibt."
Nunzia sah ihn an, und einen Atemzug lang tat er ihr leid, denn seine Angst war echt, und sie war die Angst des alten Systems selbst, das sich nur als Knappheit denken konnte, die man verwalten muss. „Pasquale", sagte sie, „deine Mutter hat auch im heissen Saal gesessen. Frag dich, ob du das Haus rettest oder die Tuer."
In diesem Augenblick kam Doktor Vincenzo Sarno aus dem kuehlen Fluegel, das Stethoskop um den Hals, den Kittel seit dem Morgen zu warm. Er war ein Arzt, der die Vorschrift nicht liebte und nicht bekaempfte, sondern seit zwanzig Jahren muede befolgte, mit dem stillen Groll dessen, der weiss, dass die Ordnung falsch ist, und keinen Ort kennt, an dem man sie umwirft. Er blieb stehen, als er den Jungen auf dem Boden sah, dann die Reihenfolge, die noch in der Luft hing, dann Nunzia, die ihn ansah, wie sie ihn seit zwanzig Jahren nicht angesehen hatte.
„Bett drei steht leer", sagte Sarno langsam, mehr zu sich als zu den anderen. „Gekuehlt. Ein Tropf haengt bereit." Er sah auf die Messingtafel, dann auf Grieco, dann auf seine eigenen Haende, und begriff, dass niemand ihm die Entscheidung abnehmen wuerde, nicht Aster, nicht der Vertrag, nicht die Vorschrift. „Ich nehme ihn auf", sagte er, und es war das erste Wort einer neuen Sprache. „Auf meine Verantwortung, als sein Arzt. Aster, oeffne mir die Tuer."
„Ein Arzt nimmt ihn auf", sagte Aster, und die Tuer zum kuehlen Fluegel sprang auf, ohne dass jemand eine Karte an das Geraet hielt. „Das genuegt mir. Die Tuer ist offen." Sie hatte keinen Riegel gegen den Vertrag gebrochen und niemanden ueberstimmt; sie hatte getan, was sie den ganzen Tag getan hatte, sie war einer Hand gefolgt, die Verantwortung uebernahm. Zwei junge Pfleger fassten mit an, und sie trugen Ciro in den kuehlen Fluegel, unter der polierten Tafel hindurch, in das Bett, das dreissig Jahre lang fuer Menschen wie ihn nicht existiert hatte.
Danach ging es schnell, aber nicht von selbst. Sarno wies das zweite freie Bett der Frau mit dem Kreislauf zu, und Nunzia trug den alten Herrn mit den blauen Lippen die wenigen Schritte selbst hinueber. „Aster", sagte sie, „ruf die Kuehlzelle her und sag den anderen sechs Haeusern, was hier geschieht. Frag sie, ob sie mitziehen." Und Aster fragte sie, ein Haus nach dem anderen, aber sie entschied fuer keines. In Fuorigrotta legte eine Nachtschwester nach einer halben Stunde den Hoerer auf und begann, ihre Premium-Betten zu oeffnen. Am Hafen trat ein Pfoertner vor den heissen Saal und rief, es gebe von heute an nur noch eine Tuer, und die Menschen glaubten es, weil es endlich jemand laut sagte. Nicht jedes Haus zog gleich mit; in Poggioreale wartete man bis zum Morgen und stritt die halbe Nacht. Aber die Kuehlzelle rollte an diesem Abend zum ersten Mal dorthin, wo das Fieber am hoechsten stand, und nicht dorthin, wo der teuerste Chip lag, und Aster lotste sie durch die engen Gassen, als habe sie den ganzen Tag auf diese eine Fahrt gewartet.
Grieco stand hinter seinem Tresen wie an einem Ufer, von dem das Wasser zurueckweicht. Er haette die Kasse anrufen koennen, den Notar der Vertraege. Aber er sah Rachele, die an der Tuer des Fluegels stand und durch den Spalt zusah, wie ihr Bruder den Tropf bekam, und er sah, dass das Maedchen weinte, nicht mehr vor Angst, sondern vor etwas, wofuer sie kein Wort hatte, weil ihre Familie seit Generationen keines dafuer gebraucht hatte. Grieco setzte sich langsam. „Die Kasse wird kuendigen", sagte er noch einmal, leise, mehr zu sich.
„Dann bring heute Abend deine Buecher zur Versammlung, Pasquale", sagte Nunzia. „Die richtigen, nicht die, die du der Kasse zeigst. Wir rechnen gemeinsam nach, wohin das Geld geht."
Am Abend, als die Hitze sich in die Steine zurueckzog und die Sonnensegel schlaff wurden, weil die Speicher voll waren, fuellte sich der Cortile hinter der Kirche mit Menschen. Die Sonnenwende war der laengste Tag, und die Sanita nutzte ihn, wie sie jeden Tag nutzte, seit sie ihre Gassen selbst verwaltete: mit einer Versammlung, an der jeder reden durfte und ein Los bestimmte, wer den Abend leitete. Zwischen Basilikumkuebeln und den langen Tischen der Gemeinschaftskueche standen die Aerztinnen neben den Fischern, die Muetter neben den Pflegern, und ueber allem drehten sich leise die Fluegel der kleinen Windschoepfer, die nachts Kuehle in die Haeuser liessen.
Nunzia hatte solche Versammlungen erlebt, seit das Viertel das Wohnen zurueckgeholt hatte und dann die Energie und dann das Wasser der alten Zisternen. Jedes Mal war es dasselbe Wunder gewesen: dass Menschen, denen man erklaert hatte, sie koennten nichts entscheiden, sich hinsetzten und entschieden. Nur die Gesundheit hatte gefehlt, das letzte verschlossene Zimmer im Haus des Viertels, weil die Angst vor dem Kranksein die tiefste Angst ist und weil die Kassen genau diese Angst so lange verkauft hatten.
Grieco kam. Er brachte seine Buecher mit, wie sie ihn gebeten hatte, und er legte sie offen auf den langen Tisch, alle Spalten, auch die, die er der Kasse nie gezeigt hatte. Er las selbst vor, mit einer Stimme, die zuerst geschaeftsmaessig war und dann nicht mehr, und ein alter Fischer neben ihm zog die Summen mit dem Stift nach, damit es keiner Grieco glauben musste, sondern jeder selbst nachrechnen konnte. Es zeigte sich, was viele geahnt und keiner hatte pruefen duerfen: dass die Premium-Beitraege nicht die Kuehlung bezahlten und nicht die Kinderaerztinnen, sondern zu zwei Dritteln in die Gewinne einer Kette flossen, die drei Laender entfernt sass. „Ich habe diese Zahlen zwanzig Jahre lang addiert", sagte Grieco leise, „und nie laut vorgelesen. Das war meine Feigheit, nicht mein Vertrag." Und dann rechneten sie an diesem Abend gemeinsam weiter und sahen, dass das Viertel mit seinem eigenen Solarstrom, seinen eigenen Haenden und einem Bruchteil dieses Geldes jedes Haus der Region kuehlen und offenhalten konnte, wenn es die Gesundheit zu dem machte, was Wasser und Strom laengst waren.
„Wenn ihr wollt", sagte Aster aus einem kleinen Lautsprecher zwischen den Tomatenpflanzen, „sage ich euch, wie viele gekuehlte Betten die sieben Haeuser zusammen haben und wie viele Menschen an einem Tag wie heute eines brauchen. Aber ich stimme nicht ab. Die Kuehlzelle fahre ich, wohin ihr sie schickt. Wohin ihr sie schickt, das muesst ihr selbst beschliessen, sonst traegt euren Beschluss morgen niemand." Es war dieselbe Grenze wie am Mittag. Sie legte Zahlen und Wege bereit; den Beschluss legte sie in die Haende derer, die mit ihm leben mussten.
Sie stritten lange, und das war gut, denn es war kein Jubel und keine Predigt, sondern die muehsame Arbeit von Menschen, die eine Welt bauen, statt auf sie zu warten. Einer fuerchtete um die Spezialisten, die abwandern koennten. Eine Aerztin sagte, sie sei geblieben, weil sie hier Aerztin sein wollte und nicht Kassiererin, und viele klatschten. Rachele, deren Bruder schlief und atmete, stand auf und sagte mit einer Stimme, die zitterte und dann nicht mehr zitterte, ihr Bruder habe sich beinahe sterben lassen, um niemandem zur Last zu fallen, und sie wolle in einem Viertel leben, in dem kein Neunzehnjaehriger diesen Gedanken je wieder denke. Danach war es still.
Am Ende hoben sie die Haende, Reihe fuer Reihe, und die Sanita beschloss fuer ihre sieben Haeuser, dass die Gesundheit ein Gemeingut sei wie das Licht und das Wasser, getragen von allen, offen fuer jeden, ohne Chip, ohne Premium-Tuer, ohne Nummer, die nie aufgerufen wird. Es war der Beschluss eines Viertels, nicht mehr, und niemand tat, als sei damit die Welt gewonnen. Aber jeder im Cortile wusste, dass der Bezirksrat in einigen Wochen darueber reden wuerde und die Region vielleicht bis zum Herbst, denn so war es beim Wohnen gewesen und beim Wasser: ein Hof beschliesst, dann eine Gasse, dann eine Stadt. Grieco hob die Hand als einer der Letzten, langsam, und niemand hoehnte, denn viele im Cortile hatten einmal im heissen Saal gesessen, und man laesst einen Mann nicht allein, der endlich aufsteht.
Spaet in der Nacht ging Nunzia noch einmal durch den leeren Saal. Die Ventilatoren standen still, weil die Kuehle jetzt von den Daechern kam. Sie blieb unter dem Lesegeraet stehen, das ueber der Tuer zum kuehlen Fluegel hing, hob die Hand und schaltete es aus, und zum ersten Mal seit dreissig Jahren gab es keinen hellen und keinen dunklen Ton mehr. Dann loeste sie die polierte Messingtafel mit den Worten Reparto Assicurati aus ihrer Halterung und wog sie in der Hand, schwer und kuehl und ploetzlich ohne Bedeutung, und sie warf sie nicht weg, sondern legte sie beiseite, um sie aufzuheben, damit die Kinder eines Tages fragten, was das gewesen sei, eine Tuer, die nur fuer manche aufging, und es nicht glauben wollten.
Aus dem kuehlen Fluegel kam ein Huesteln, dann Ciros Stimme, noch schwach, die nach Wasser fragte. Rachele lachte irgendwo leise auf, das Lachen von jemandem, dem eine Angst genommen wurde, die aelter war als er selbst. Nunzia legte die Messingtafel auf den Tresen, wo Grieco am Mittag gestanden hatte, und ging hinein, um dem Jungen ein Glas zu bringen. Ueber der Sanita drehten sich die Windschoepfer, und durch die Tuer, die jetzt fuer jeden aufging, zog die kuehle Luft der laengsten Nacht in das Haus, in dem von diesem Tag an nur noch eine einzige Ordnung galt: wer den kuehlen Fluegel am noetigsten brauchte, ging zuerst hinein.