2039: Soraya und Mira - Der Laden
Der letzte Supermarkt im Chemnitzer Stadtteil Helbersdorf schließt zum Monatsende, und Frau Kowski geht dann nicht mehr raus. Das ist nicht metaphorisch - sie ist 81, und der tägliche Gang zum Laden ist der einzige Grund, warum sie jeden Morgen aufsteht und die Schuhe anzieht. Soraya Ilhan hat zwei Wochen, Mira hat Zahlen, und eine Handvoll Leute, die nicht glauben, dass das so sein muss, haben einen Hinterhof.
Soraya und MiraAlter
Qualität82
Utopiefaktor+12
Das Schild hing schon seit einer Woche im Schaufenster: Wir schließen. Danke für 22 Jahre. Darunter das Datum: der letzte Oktober.
Soraya las es auf dem Weg zu einem anderen Besuch und blieb stehen. Sie kannte Helbersdorf. Sie wusste, was das bedeutete - nicht abstrakt, sondern konkret: der nächste Supermarkt war anderthalb Kilometer entfernt, keine direkte Buslinie, schlechtes Wetter ab November. Für Menschen mit Auto kein Problem. Für die anderen: ein Problem.
Sie fotografierte das Schild und schickte es Mira.
Mira antwortete drei Minuten später: Ich kenn das. Bin schon dran.
Das war neu. Die Mira vom Jahr davor hätte gewartet, bis Soraya fragte. Diese hier war - wacher, in einer Art, die Soraya noch einzuschätzen lernte.
Frau Kowski wohnte in der Lützowstraße, zweiter Stock, kein Aufzug. Sie hatte einen Rollator, den sie manchmal benutzte und manchmal nicht, je nachdem, wie es die Knie wollten. Soraya kannte sie seit anderthalb Jahren - eine Routineverbindung, alle vier Wochen, kein konkreter Fall, einfach: Kontakt halten, schauen.
An diesem Dienstag saß Frau Kowski am Tisch, die Hände um eine Kaffeetasse, und schaute auf das Schild, das von der Straße aus auch durch ihr Fenster zu sehen war.
„Ich geh da jeden Morgen hin", sagte sie, bevor Soraya etwas fragte. „Um viertel nach neun. Immer. Seit -" sie überlegte - „seit mein Mann gestorben ist. 2028. Ich hab damals überlegt, ob ich überhaupt noch rausgehe, und dann hab ich gedacht: ich brauche Milch. Das war der Anfang."
Soraya hörte zu.
„Manchmal kauf ich gar nichts", sagte Frau Kowski. „Ich geh nur rein und schau. Ich red mit dem Herrn Bayer an der Kasse. Ich kenn die anderen Stammkunden. Das ist - das ist mein Morgen." Sie schaute auf das Schild. „Wenn der Laden weg ist, bleib ich morgens drin."
Das sagte sie so ruhig, dass es erst einen Moment dauerte, bis Soraya verstand, was es bedeutete.
Auf dem Rückweg ins Büro sagte Mira: „Ich hab die Zahlen für Helbersdorf."
„Und?"
„Einzugsgebiet ungefähr 2.400 Haushalte. Davon 34 Prozent über 65, überdurchschnittlich. 18 Prozent ohne Auto. Der Betreiber schließt wegen ausbleibendem Nachfolger - der Inhaber geht in Rente, seine Kinder übernehmen nicht. Es ist kein Insolvenzfall, es ist ein Nachfolgeproblem." Eine kurze Pause. „Das ist ein lösbares Problem."
„Wie lösbar?"
„Wenn sich innerhalb von drei Wochen eine Genossenschaft gründet und einen Übernahmevertrag verhandelt, kann der Betrieb ohne Unterbrechung weiterlaufen. Der Inhaber - Herr Spindler, 68 - hat erklärt, er würde an eine Gemeinschaftslösung zu einem fairen Preis verkaufen. Er hat das auf seiner Website geschrieben. Ich hab das gefunden."
Soraya blieb auf der Straße stehen. „Er hat auf seiner Supermarkt-Website geschrieben, dass er an eine Genossenschaft verkaufen würde?"
„Vorletzten Freitag. Kein Mensch hat es gelesen, glaube ich."
„Außer dir."
„Ich lese alles, was mit meinen Fällen zusammenhängt."
Soraya dachte an Frau Kowski am Fenster. Dann bleib ich morgens drin.
„Wie schnell kann man eine Genossenschaft gründen?"
„Rechtlich: drei bis sechs Wochen, wenn alles glatt geht. Praktisch: man braucht sieben Gründungsmitglieder, ein Statut, ein Konto, eine Versammlung. Und Leute, die das wollen." Pause. „Willst du die Versammlung machen?"
„Das kann ich nicht alleine entscheiden. Das müssen die Leute aus dem Viertel entscheiden."
„Dann brauchst du eine Einladung. Ich kann dir helfen, eine zu schreiben."
Die Einladung hing am nächsten Morgen an dreißig Aushängen im Viertel und wurde von Mira über drei lokale Nachbarschaftsgruppen digital verteilt. Text: Der Laden schließt. Wir fragen: Muss das so sein? Infotreffen, Donnerstag, 19 Uhr, Gemeinschaftsraum Lützowstraße 14.
Soraya hatte erwartet: acht Leute, vielleicht zehn. Es kamen vierundzwanzig.
Darunter Herr Bayer, der Kassierer, dem offenbar niemand gesagt hatte, dass er nicht eingeladen war. Er kam trotzdem und sagte beim Hereinkommen: „Ich hab fünfzehn Jahre da gearbeitet. Ich würd gern wissen, was passiert."
Soraya erklärte, was eine Genossenschaft war - kurz, ohne Vorlesung. Mira hatte ihr eine Folie vorbereitet, drei Punkte: Was eine Genossenschaft ist. Was sie kostet. Was sie bringt. Mehr nicht.
Dann ließ sie die Leute reden.
Das dauerte anderthalb Stunden. Es gab Skepsis - das klingt kompliziert, das haben wir nie gemacht, wer soll das verwalten -, es gab Enthusiasmus - ich investiere Anteile, ich helfe beim Einräumen -, und es gab Frau Kowski, die am Rand saß und nichts sagte, bis jemand fragte, warum der Laden so wichtig sei.
Da stand sie auf, mit ihrem Rollator, und sagte: „Weil ich seit elf Jahren jeden Morgen dort hingehe. Nicht um einzukaufen. Um einen Morgen zu haben."
Danach war die Stimmung anders.
Neun Leute erklärten sich bereit, Gründungsmitglied zu werden - mehr als gebraucht. Mira schickte Soraya in Echtzeit eine Liste der Aufgaben und wer welche übernehmen konnte. Herr Bayer bot an, den Betrieb zu kennen und als Ansprechpartner zu Herrn Spindler zu gehen.
„Ich kann den anrufen", sagte er. „Ich kenn ihn seit fünfzehn Jahren. Er ist kein schlechter Mensch. Der wollte das so nicht."
Das stimmte. Herr Spindler, als Herr Bayer ihn anrief, klang nach jemandem, dem ein Stein vom Herzen fiel. Er hatte nicht gewusst, wie er einen Nachfolger finden sollte, und hatte die Website-Notiz fast als Flaschenwurf ins Meer geschrieben.
Die Verhandlungen dauerten zweieinhalb Wochen. Mira half Soraya mit den rechtlichen Formulierungen, verglich Genossenschaftssatzungen aus ähnlichen Projekten in anderen Städten und berechnete den Break-even bei verschiedenen Anteilsmodellen. Das war die Arbeit, die unsichtbar blieb - die Zahlen, die Paragrafen, die Optionen.
Was sichtbar war: die zweite Versammlung, bei der vierzig Leute kamen, weil sich die Nachricht herumgesprochen hatte. Die Abstimmung über den Anteilspreis, bei der Frau Kowski, die noch nie in ihrem Leben abgestimmt hatte - ich hab immer gedacht, das ist für andere -, ihre Hand hob.
Der Laden öffnete am ersten November wieder, unter neuem Namen: Helbersdorf eG. Das stand in kleinen blauen Buchstaben über der alten Tür, weil jemand gesagt hatte, man solle das Schild klein halten, damit der Laden nicht selbstverliebt wirkt.
Frau Kowski war um viertel nach neun da. Das erste Mal unter dem neuen Namen. Herr Bayer war an der Kasse - er hatte einen Genossenschaftsanteil gekauft und seine Stelle behalten, was für ihn dasselbe war wie vorher, aber anders anfühlte.
Soraya stand draußen auf dem Gehweg und schaute durchs Fenster. Sie wäre gerne reingegangen, aber das war der Moment von Frau Kowski, nicht ihrer.
„Mira", sagte sie.
„Ja?"
„Was hast du heute Nacht gemacht, während ich geschlafen hab?"
Eine kurze Pause. „Ich hab die Satzung überarbeitet. Paragraf 7, der Abschnitt zur Stimmrechtsverteilung war unpräzise."
„Danke."
„Außerdem hab ich gelesen."
„Was?"
„Über Genossenschaften. In Deutschland. In Italien. In Kanada." Pause. „Es gibt viele. Manche sind seit hundert Jahren am Laufen."
„Fandest du das interessant?"
„Ja." Ein kurzes Nachdenken. „Ich glaube, ich finde das Muster interessant. Dass Menschen, wenn sie etwas verlieren, manchmal gemeinsam etwas aufbauen, das besser ist als das, was war. Das passiert öfter als man denkt."
Drinnen kaufte Frau Kowski Milch. Das sah Soraya durch das Schaufenster. Frau Kowski kaufte immer Milch.
„Ja", sagte Soraya. „Das passiert öfter als man denkt."