2037: Sonnenwende - Die Zahl an der Wand
In Halle 54 eines Wolfsburger Autowerks erfährt die versammelte Belegschaft, dass die neue automatisierte Linie mit einem Sechstel der Arbeitsstunden auskommt und der Vorstand dafür tausende Stellen streichen will. Rukiye und der Betriebsrat haben wochenlang an Küchentischen und in der Kantine gerechnet und legen der Versammlung einen anderen Vorschlag vor. Zwischen der alten Angst vor dem Zettel am Werkstor und einer neuen Idee vom gemeinsamen Eigentum entscheidet sich an diesem Nachmittag, wem der Reichtum der Maschinen gehören soll.
SonnenwendeArbeit
Qualität85
Utopiefaktor+42
Die Zahl stand drei Meter hoch an der Stirnwand von Halle 54, und niemand in den vollbesetzten Reihen bekam sie richtig zu fassen. Rukiye stand vorn auf der Palette, die sie als Bühne benutzten, und sah, wie das Licht der Nachmittagssonne durch die Oberlichter fiel, quer über die stillstehenden Roboterarme der neuen Endmontage. Draußen, über dem Dach, arbeiteten die Solarpaneele lautlos weiter und schoben Strom ins Werksnetz. Drinnen war es das erste Mal seit Wochen ganz still, weil sechstausendzweihundert Menschen gleichzeitig den Atem anhielten.
„Sag die Zahl noch mal", verlangte Manfred aus der dritten Reihe. Er hatte vierzig Jahre an der alten Linie gestanden, seine Hände waren breit wie Schaufeln. „Ich will sie von dir hören, nicht von der Wand."
Rukiye holte Luft. „Ein Sechstel", sagte sie. „Die neue Linie baut genauso viele Netzspeicher und genauso viele Busse wie letztes Jahr. Mit einem Sechstel unserer Arbeitsstunden."
Ein Raunen lief durch die Halle, nicht laut, eher wie Wind über ein Feld. Rukiye kannte dieses Geräusch. Es war das Geräusch, das die Leute machten, wenn eine Angst, über die sie lange nur geflüstert hatten, plötzlich in Zahlen an der Wand hing.
Sie trat einen Schritt vor und zeigte auf die linke der beiden Spalten, die neben der großen Zahl standen. „Das hier hat uns der Vorstand heute Morgen geschickt. Dreitausendachthundert Stellen weg. Der Rest der ersparten Arbeit wird zu Rendite und geht an die Anteilseigner. So steht es in der Mail, ihr könnt sie alle lesen, ich habe sie ausgedruckt und hinten ausgelegt."
„Und die rechte Spalte?", rief jemand.
„Die rechte Spalte", sagte Rukiye, „hat uns keiner geschickt. Die haben wir uns selbst zusammengesucht. Drei Wochen lang, Abend für Abend, in der kleinen Kantine, mit kaltem Tee und den Geschäftsberichten, die jeder lesen darf und die keiner liest." Sie deutete auf eine kleine, weißhaarige Frau in der ersten Reihe. „Roswita hat vierunddreißig Jahre unser Lohnbüro geführt. Sie ist seit sechs Jahren in Rente und hat sich trotzdem jeden dieser Abende neben mich gesetzt und die Bücher rückwärts aufgerollt, Buchung für Buchung."
Roswita hob nur kurz die Hand, sie mochte den Blicken nicht standhalten. Dann sagte sie mit der trockenen Stimme einer Frau, die ihr Leben lang für Zahlen geradegestanden hatte: „Es ist nicht kompliziert, wenn man Geduld hat. Der größte Teil von dem, was hier steht, ist über sechzig Jahre gewachsen. Die Hallen, das Werkzeug, das Können in den Köpfen. Öffentliches Geld ist mehrfach hineingeflossen, zuletzt fünfhundert Millionen für die Umstellung auf die Netzspeicher, aus dem Energiewende-Fonds des Landes. Und die Anteilseigner haben in den letzten zwölf Jahren mehr aus dem Werk gezogen, als sie je hineingelegt haben. Ich habe es dreimal nachgerechnet, weil ich es selber nicht glauben wollte." Sie faltete die Hände im Schoß. „Das ist keine Meinung von mir. Das sind ihre eigenen Buchungen. Ich habe sie nur zusammengezählt."
Rukiye hörte, wie irgendwo hinten jemand die Luft durch die Zähne zog.
„Ich hab die Linie mitgebaut", sagte Damir. Er stand an der Seite, die Hände in den Taschen seiner Wartungsjacke, und seine Stimme war rau. „Ich hab die Greifer justiert, ich hab die Sensorik eingemessen. Und jetzt steh ich hier und komm mir vor, als hätt ich mein eigenes Grab geschaufelt. Meins und das von tausend anderen."
„Du hast eine gute Maschine gebaut", sagte Rukiye. „Die Maschine ist nicht das Problem, Damir. Die Frage ist bloß, wem sie dient."
Vom Rand der Halle löste sich Hendrik, der Werkleiter. Er trug kein Sakko heute, nur ein Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, und er sah müde aus, älter als seine achtundfünfzig Jahre. Er war hier geboren, wie die meisten, sein Vater war Lackierer gewesen. Rukiye mochte ihn, so weit man einen Werkleiter mögen konnte.
„Darf ich?", fragte er, und sie trat zur Seite.
„Ich will euch nichts vormachen", sagte Hendrik in die Reihen. „Roswitas Zahl stimmt. Ich hab sie selber nachgerechnet, an meinem eigenen Rechner, mit den Zahlen aus dem Vorstand, und ich bin dreimal auf dasselbe gekommen, bevor ich es geglaubt hab. Aber ich sitze zwischen euch und einem Aufsichtsrat, der in drei Städten und zwei Fonds sitzt und der noch nie in dieser Halle gestanden hat. Die sagen: Wenn wir nicht abbauen und ausschütten, ziehen sie das Kapital ab, dann macht der Standort dicht, und dann habt ihr nicht dreitausend Stellen weniger, sondern sechstausend." Er breitete die Hände aus. „Ich seh keinen dritten Weg. Ich wünschte, ich würd einen sehen. Aber ich seh ihn nicht."
Es wurde ganz still. Rukiye spürte, dass der Moment jetzt kam, der Moment, auf den sie sich seit drei Wochen mit den anderen aus dem Betriebsrat vorbereitet hatte.
„Es gibt einen dritten Weg", sagte sie. „Und ausgedacht hat ihn uns keine Maschine. Wir haben ihn uns ausgedacht, an einem Küchentisch, wie normale Leute Dinge ausdenken." Ein paar Leute lachten leise, und die Anspannung bekam einen Riss. „Der Aufsichtsrat sagt, das Kapital gehört ihm. Gut. Roswita hat uns eben gezeigt, was dieses Kapital wirklich ist und wer es bezahlt hat. Fünfhundert Millionen aus einem Fonds, den wir alle füllen. Damit die Linie da hinten stehen konnte. Und jetzt soll der Gewinn aus genau dieser Linie zu Leuten fließen, die nie hier waren, und wir sollen dafür unsere Kollegen zum Werkstor bringen." Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Wir stellen heute einen anderen Antrag."
Sie nahm das Blatt aus der Tasche, obwohl sie den Text auswendig konnte. „Erstens: Niemand geht. Kein Sozialplan, keine Nummern am Tor. Die Arbeit, die die Maschinen uns abnehmen, teilen wir. Volle Beteiligung für alle bei fünfundzwanzig Stunden in der Woche."
„Fünfundzwanzig", wiederholte Manfred, und man hörte, wie er es abschmeckte. „Weißt du, was mein Alter für die vierzig gegeben hat? Und ihr wollt mir sagen, die Maschine schenkt mir jetzt einfach den Nachmittag zurück?" Er lachte kurz und ungläubig. „Und keiner fliegt dafür raus?"
„Keiner", sagte Rukiye. „Das ist der Punkt. Nicht die halbe Belegschaft arbeitet weiter wie bisher und die andere Hälfte geht nach Hause und schämt sich. Alle arbeiten weniger, und alle bleiben."
Sie ließ es einen Atemzug lang stehen, dann las sie weiter. „Zweitens: Der Überschuss aus der Automatisierung gehört nicht dem Aufsichtsrat und nicht uns allein. Er wird ein Gemeingut. Ein Teil hält das Werk instand und baut es aus. Ein Teil geht in die Genossenschaftskasse, aus der jeder hier lebt. Und ein großer Teil geht zurück an die Stadt, in das Bürger-Solarnetz, in die Wohnungen, in die Kitas."
„Und wer entscheidet, welcher Teil wohin?", fragte eine Frau aus der Lackiererei, misstrauisch. „Wieder irgendein Rat, in dem wir nicht sitzen?"
„Nein", sagte Rukiye, und lächelte, weil das die Frage war, auf die der dritte Punkt die Antwort war. „Das entscheidet ihr. Wir überführen das Werk in Belegschaftshand. Ab heute zählt nicht mehr, wer die meisten Anteile hält, sondern wer hier arbeitet. Eine Stimme pro Kopf. Auch über den Überschuss. Auch über mich."
Diesmal war das Raunen laut.
Hendrik hatte die Arme verschränkt. „Und wenn der Aufsichtsrat euch verklagt? Enteignung, werden sie sagen. Sie haben Anwälte in London."
„Sollen sie", sagte Manfred aus der dritten Reihe, und stand jetzt auf, langsam, wie ein Baum, der sich aufrichtet. „Ich hab meinem Vater versprochen, ich verkauf ihm die Fabrik nicht unter dem Hintern weg. Er hat neunundsechzig hier gestanden, im September, als es losging mit den wilden Streiks, für anständigen Lohn und eine Vertretung, die den Namen verdient. Was meinst du, wofür ich streik, mit meinen zweiundsechzig?" Er sah sich um. „Wolfsburg hat noch nie kuschen gelernt. Ich bin dabei."
Rukiye spürte, wie etwas kippte. Nicht laut, nicht auf einmal. Aber sie spürte es, wie man das Kippen einer schweren Tür spürt, kurz bevor sie von selbst zufällt oder aufschwingt.
„Ich möchte etwas fragen dürfen", sagte eine junge Stimme. Cansu, die Auszubildende aus der Elektrowerkstatt, siebzehn, hatte die Hand gehoben wie in der Schule und wurde rot, als alle sich zu ihr drehten. „Ich versteh das nicht ganz. Wenn die Fabrik seit sechzig Jahren hier ist und die ganze Stadt von ihr lebt, wem hat sie denn vorher gehört? Ich mein, richtig gehört? Wer waren diese Anteilseigner? Kannten die überhaupt jemand von uns?"
Für einen Moment sagte niemand etwas. Und Rukiye sah in Cansus Gesicht, dass die Frage ehrlich war, dass das Mädchen wirklich nicht begriff, wie ein Ort, an dem so viele Hände arbeiteten, jemandem gehören konnte, der keine dieser Hände je geschüttelt hatte. Das war die Frage, dachte Rukiye. Cansu hatte in einem Satz gesagt, wofür sie und Roswita drei Wochen Tabellen gebraucht hatten.
„Nein", sagte Rukiye leise. „Die kannten uns nicht. Das ist der ganze Punkt, Cansu. Das ist das Alte. Und du wirst es hoffentlich bald so seltsam finden, wie es ist."
Hendrik stand noch immer an der Seite, und Rukiye sah, wie er auf sein Gerät blickte. „Wir sind hier nicht die Einzigen, oder?", sagte er halblaut. „Ich hab gehört, in Emden geht heute auch was um."
„Dynamo", sagte Rukiye zur Decke, „kannst du uns mit den anderen Werken verbinden?"
Die Stimme der Betriebs-KI kam ruhig aus den Deckenlautsprechern, weder feierlich noch kühl. „Gern, Rukiye. Emden hat vor einer Stunde in seiner Halle dasselbe abgestimmt, sie warten am anderen Ende und würden euch gern hören. Kassel debattiert seit Mittag und hat mich gebeten, eure Antragsvorlage weiterzugeben, weil ihr sie offengelegt habt. Sieben weitere Betriebsräte haben sie inzwischen angefordert. Ich habe sie an alle verschickt, offen, ich trage nichts im Verborgenen." Eine kurze Pause. „Was ich euch nicht abnehmen kann, ist die Rechnung an der Wand und die Hände, die ihr gleich hebt oder nicht hebt. Die Zahlen sind eure, die Entscheidung ist eure. Ich verbinde euch nur miteinander. Das kann ich gut."
Aus dem Lautsprecher kam jetzt eine zweite Stimme, verzerrt, aber unüberhörbar erschöpft und froh, eine Frau aus Emden, die nur sagte: „Kollegen. Wir haben es gemacht. Macht ihr es auch." Und die Halle, sechstausend Menschen, antwortete mit einem Geräusch, das Rukiye nie vergessen würde, keinem Jubel, eher einem tiefen, gemeinsamen Ausatmen.
Hendrik ließ das Gerät sinken. Lange sagte er nichts. Dann, und Rukiye würde sich später erinnern, dass seine Stimme dabei ein wenig brach, sagte er: „Mein Vater hat hier die Kotflügel lackiert, bis ihm die Lunge kaputt war. Der Aufsichtsrat hat ihm eine Uhr geschickt zur Rente. Eine Uhr." Er sah Rukiye an. „Wenn ich für euren Antrag stimme, bin ich meinen Posten los, spätestens Montag. Das ist mir gerade ziemlich egal." Er hob die Hand. „Schreib meine Stimme dazu. Für den dritten Weg."
Sie stimmten ab, ganz altmodisch, mit erhobenen Händen, weil Rukiye darauf bestanden hatte, dass jeder sehen sollte, wer wie stand, an diesem Tag. Dynamo zählte nicht. Zwei Kollegen aus der Frühschicht und zwei aus der Nacht gingen die Reihen ab und zählten mit den Fingern, wie man Menschen zählt, laut und einer nach dem anderen, und es dauerte lange, und niemandem war die Zeit zu schade.
Sechstausendeinhundertvierzig dafür. Neununddreißig dagegen. Der Rest enthielt sich oder war schon zum Telefon gegangen, um es den Familien zu sagen.
Als Rukiye am Abend hinausging, stand die Sonne tief über der Aller, deren Ufer sie im Vorjahr entsiegelt hatten, und im flachen Wasser sah sie zum ersten Mal seit Wochen wieder die Rücken der Rotaugen blinken. Cansu saß auf der Mauer am Tor, wo früher die Zettel gehangen hatten, und ließ die Beine baumeln.
„Frau Öztürk", sagte sie. „Gehört sie jetzt uns?"
Rukiye setzte sich neben sie. Über ihnen fing eine Reihe Straßenlaternen an zu glühen, gespeist aus den Speichern, die sie selber bauten. „Sie gehört niemandem so, wie du das meinst", sagte sie. „Sie gehört denen, die an ihr arbeiten, und ein Stück weit der ganzen Stadt. Das ist etwas Neues. Wir müssen erst lernen, wie man so ein Ding trägt, ohne dass es einem aus den Händen fällt." Sie lachte. „Und wir werden uns streiten dabei, glaub mir. Aber wir streiten dann um unser eigenes Werk. Nicht mehr um Brotkrumen von einem Tisch, an dem wir nie saßen."
Ein halbes Jahr später stand in den Nachrichten, dass der Bundestag ein Gesetz beschlossen hatte, das die Zeitungen das Wolfsburger Modell nannten. Automatisierungsgewinne, hieß es darin, die aus vergesellschafteter Arbeit und öffentlichem Kapital entstehen, dürfen nicht privat abgeschöpft werden, wo die Belegschaft sie zum Gemeingut erklärt. Rukiye las es auf ihrem Küchentisch, an dem der Antrag begonnen hatte, und sie dachte an ihren Vater, der 1971 aus einem Dorf bei Konya gekommen war, mit einem Koffer und einem Werkvertrag, und an den Zettel am Tor, den es nun nirgends mehr geben würde. Dann rief sie Roswita an, und dann Manfred, und sie waren alle eine Weile still in der Leitung, weil manche Dinge zu groß sind, um sie gleich in Worte zu fassen.