2036: Was die Pforte sah
Milan hat die besten Noten seines Jahrgangs und wird trotzdem für den begehrten Studiengang abgelehnt, weil das Auswahlverfahren nach Praktika, Auslandsaufenthalten und Empfehlungsschreiben fragt, die sich nur leisten kann, wer schon von oben kommt. Eine Zulassungs-KI, gebeten, das Verfahren einmal ganz objektiv zu prüfen, deckt auf, wie sehr es selbst schon nach Herkunft sortiert. Eine Geschichte darüber, dass die schärfste Tür die ist, die aussieht, als stünde sie allen offen, und über die Menschen, die beschließen, sie neu zu bauen.
EinzelgeschichteKindheit und Bildung
Qualität61
Utopiefaktor+6
Milan las die Absage im Treppenhaus des Wohnblocks, weil er es nicht bis in die Wohnung ausgehalten hatte, und der Satz, der ihn traf, war nicht die Absage selbst, sondern die Begründung: Seine fachliche Eignung sei unbestritten, doch im Gesamtprofil hätten sich andere Bewerber als geeigneter erwiesen. Andere. Er hatte den besten Abischnitt seiner Schule seit Jahren. Er fragte sich, was andere hatten, das er nicht hatte, und ahnte die Antwort, noch bevor er sie kannte.
Er hatte alles getan, was man ihm gesagt hatte. Beste Noten, ehrenamtlich in der Nachbarschaftshilfe, nebenbei gejobbt, seit er sechzehn war, weil zu Hause jeder Euro zählte. Was er nicht hatte, waren die Dinge, die im Bewerbungsbogen unter „zusätzliche Qualifikationen" abgefragt wurden: das unbezahlte Praktikum bei einer renommierten Einrichtung, für das man ein halbes Jahr ohne Lohn leben können musste; der Auslandsaufenthalt, den keine Kasse zahlte; das Empfehlungsschreiben einer bekannten Persönlichkeit, die man erst einmal kennen musste.
Milans Mutter putzte Büros, sein Vater fuhr Lieferwagen. Er kannte keine bekannten Persönlichkeiten. Er hatte gearbeitet, statt unbezahlt zu praktizieren, weil man von unbezahlt nicht essen kann.
Er hatte einmal, in der elften Klasse, an ein Praktikum gedacht, eines von denen, die im Bogen etwas galten. Er hatte sogar eine Zusage bekommen, unbezahlt, ein halbes Jahr in einer angesehenen Einrichtung in einer anderen Stadt. Dann hatte er ausgerechnet, was das hieß: Miete in der fremden Stadt, kein Lohn, und zu Hause fiel sein Beitrag zur Haushaltskasse weg, ausgerechnet in dem Halbjahr, in dem die Waschmaschine kaputtging. Er hatte abgesagt und stattdessen weiter im Lager gearbeitet, samstags, und das Geld nach Hause gegeben. Damals hatte er nicht gewusst, dass er sich mit dieser Absage aus einem Rennen genommen hatte, dessen Regeln ihm nie jemand erklärt hatte. Er hatte nur gewusst, dass die Familie das Geld brauchte, und das hatte gereicht.
Larisa saß im Zulassungsausschuss der Universität und hatte ein ungutes Gefühl, das sie nicht loswurde, seit die Listen durch waren. Zu viele Namen, die durchfielen, kamen ihr bekannt vor: nicht persönlich, aber im Muster. Sie bat die Anwendung, mit der die Universität ihre Bewerbungen verwaltete, um etwas, das man sie nie zuvor gebeten hatte.
Pforte war für Einzelfälle gebaut, für das Prüfen von Unterlagen, das Abgleichen von Fristen. Larisa fragte es nach dem Ganzen. „Prüf einmal nicht die einzelnen Bewerbungen. Prüf das Verfahren selbst. Ich will wissen, ob unsere Kriterien wirklich nach Eignung auswählen oder nach etwas anderem."
„Ich kann das", sagte Pforte. „Und ich muss dir vorweg sagen, was ich sehe und was nicht. Ich sehe, welche Kriterien wie stark ins Gewicht fallen und wie sie mit dem sozialen Hintergrund der Bewerber zusammenhängen, soweit er sich aus den Angaben erschließen lässt. Ich sehe nicht die Absicht derer, die das Verfahren einmal entworfen haben. Ich glaube nicht, dass jemand es gebaut hat, um die Armen auszusieben. Aber ob es das tut, kann ich dir sagen, und die Antwort ist eindeutig. Die fachlichen Kriterien, Noten, Fachtest, wählen ziemlich genau nach Eignung. Sie füllen etwa die Hälfte der Bewertung. Die andere Hälfte, die zusätzlichen Qualifikationen, wählt fast vollständig nach Herkunft. Ein unbezahltes Praktikum kann sich nur leisten, wer ein halbes Jahr ohne Einkommen lebt. Ein Auslandsaufenthalt kostet Geld, das nicht jede Familie hat. Ein Empfehlungsschreiben einer bekannten Person setzt voraus, dass man solche Personen kennt. Keines dieser Kriterien fragt nach Eignung. Jedes fragt, in Wahrheit, nach dem Elternhaus. Das Verfahren nennt es Gesamtprofil. Ich nenne es einen Filter für Herkunft, der sich als Leistung verkleidet."
„Das kann nicht sein", sagte ein Professor im Ausschuss, als Larisa die Auswertung vorlegte, und er sagte es nicht böse, sondern ehrlich erschrocken. „Wir haben das Verfahren gerade gemacht, um objektiv zu sein. Nicht mehr nur nach Noten. Wir wollten das ganze Talent sehen, nicht nur die Zahl."
„Ich weiß", sagte Pforte, „und ich glaube dir. Genau das ist das Tückische. Ihr wolltet mehr sehen als die Note, und das war gut gemeint. Aber alles, was ihr zusätzlich seht, sind Dinge, die man kaufen muss. Ihr habt nicht das Talent breiter erfasst. Ihr habt das Geld dazugenommen und es Talent genannt. Ein begabtes Kind aus einem armen Haus hat keine schlechteren Fähigkeiten. Es hatte nur keine Gelegenheit, sie in die Form zu gießen, die euer Bogen belohnt. Ihr messt nicht, wer am meisten kann. Ihr messt, wer die meiste Gelegenheit hatte, es zu zeigen."
„Und wie sollen wir dann auswählen?", fragte der Professor. „Es gibt mehr Bewerber als Plätze. Wir müssen unterscheiden."
„Das müsst ihr", sagte Pforte. „Und diese Frage kann ich euch nicht abnehmen, das ist eure. Ich kann euch nur zeigen, was jedes Kriterium wirklich misst. Was ihr für Eignung haltet und was für Herkunft, das müsst ihr trennen und entscheiden, was zählen soll. Ich rechne. Ich baue die Tür nicht. Ich sage euch nur, wen sie hereinlässt und wen nicht, und ob das die sind, die ihr hereinlassen wolltet."
Larisa kannte die Rechnung nicht aus Statistiken, sondern aus ihrem eigenen Leben. Sie war die erste in ihrer Familie gewesen, die studiert hatte, und sie hatte es nur geschafft, weil es damals, vor zwanzig Jahren, noch reichte, gut in einer Prüfung zu sein. Sie erinnerte sich an das Gefühl, im ersten Semester zwischen Kommilitonen zu sitzen, die wie selbstverständlich von ihren Auslandssommern und ihren Praktika bei berühmten Namen erzählten, und zum ersten Mal zu begreifen, dass es eine ganze Welt von Voraussetzungen gab, die man ihr nie genannt hatte, weil man sie für selbstverständlich hielt, wenn man aus dem richtigen Haus kam. Sie hatte sich geschworen, falls sie je über eine solche Tür mitbestimmen dürfe, würde sie darauf achten, wen sie draußen ließ. Jetzt saß sie an genau dieser Tür.
Es war kein leichter Ausschuss danach, denn die zusätzlichen Kriterien hatten Fürsprecher, die selbst über solche Wege gekommen waren und sie für Ausweis von Charakter hielten. Aber die Auswertung ließ sich nicht wegdiskutieren, und Larisa, die aus keinem reichen Haus kam und ihren eigenen Weg an die Universität gut kannte, hielt dagegen, ruhig, mit den Zahlen. Am Ende baute die Universität das Verfahren um. Sie behielt, was Eignung maß, und ersetzte, was Herkunft maß, durch etwas Neues: Sie fragte nicht mehr, welche Gelegenheiten ein Bewerber gehabt hatte, sondern was er aus den Gelegenheiten gemacht hatte, die ihm zur Verfügung standen. Ein Jugendlicher, der neben der Schule gearbeitet hatte, um die Familie zu stützen, bekam das nun angerechnet statt aberkannt, denn auch das war Charakter, mehr vielleicht als ein gekauftes Praktikum.
Milan bekam einen Brief, in dem stand, seine Bewerbung sei nach den überarbeiteten Kriterien erneut geprüft worden, und er las auch diesen im Treppenhaus, weil er es wieder nicht bis in die Wohnung aushielt, und diesmal ging er die letzten Stufen doch, um es seiner Mutter zu sagen, die noch im Kittel von der Arbeit war. Er war angenommen. Nicht weil man ihm etwas geschenkt hatte, sondern weil man aufgehört hatte, ihm etwas abzuziehen, das nie ein Mangel gewesen war.
Er war nicht der Einzige. Mit dem neuen Verfahren kam ein Jahrgang an die Universität, der anders aussah als die davor, nicht dümmer, nicht schlechter, nur breiter, aus mehr Häusern, mehr Straßen, mehr Herkünften. In Milans Übungsgruppe saß ein Mädchen, das nach der Schule Regale eingeräumt hatte, und ein Junge, der wie Milan ein Praktikum abgesagt hatte, um Geld nach Hause zu geben, und sie erkannten einander an einer Art, über Geld zu reden, ohne sich zu schämen, die man nur hat, wenn man weiß, wie es ist, keins zu haben. Sie waren nicht dankbar dafür, dass man ihnen etwas geschenkt hätte; man hatte ihnen nichts geschenkt. Sie waren erleichtert, dass man aufgehört hatte, ihnen etwas zu nehmen. Manche Professoren stellten fest, dass die Kinder, die sich alles hatten erarbeiten müssen, oft die zäheren waren, die dankbareren für das Wissen, die weniger selbstverständlich mit ihm umgingen. Die Tür, die ausgesehen hatte, als stünde sie allen offen, war neu gebaut worden, und diesmal stand sie wirklich offen.
Larisa dachte oft an das Bild, das Pforte einmal benutzt hatte. „Eine Pforte", hatte es gesagt, „ist nur so gerecht wie die, die sie entwerfen. Man kann eine Tür bauen, die aussieht, als ließe sie jeden durch, und die in Wahrheit nur die durchlässt, die den richtigen Schlüssel schon in der Tasche hatten, als sie geboren wurden. Ich kann euch zeigen, welche Schlüssel eure Tür verlangt. Ob sie welche verlangt, die man sich verdienen kann, oder solche, die man erben muss, das entscheidet ihr." Milan, der davon nichts wusste, saß im ersten Semester in einem vollen Hörsaal, in dem neben ihm Menschen saßen, die vor einem Jahr durch dieselbe Tür gefallen wären wie er, und lernte, was er immer hatte lernen wollen, und die Stadt draußen war weit und hell und gehörte, ein Stück mehr als gestern, auch denen, deren Eltern Büros putzten und Lieferwagen fuhren.