2034: Sonnenwende - Die zweite Halle
In einer Leipziger Logistikhalle spricht der Takt seit elf Tagen in Zehntelsekunden, und Ilka Barsch, die mit zweiunddreißig Jahren Hallenerfahrung weiß, wo der Boden hoch ist, stellt der Planungs-KI Zwinge eine einzige Frage. Aus dieser Frage entsteht eine zweite Rechnung, die nicht misst, wie schnell ein Mensch greift, sondern wie Arbeit geordnet sein müsste, damit der Griff seltener nötig ist. Die Belegschaft muss entscheiden, was ihr die eigene Zeit wert ist, und trägt die Antwort mit einem Preis, den sie vorher kennt.
SonnenwendeArbeit
Qualität92
Utopiefaktor+40
Sechs Komma zwei Sekunden für den Griff ins oberste Fach, und Ilka Barsch war schon zwei Zehntel im Rückstand, bevor ihre Hand die Kiste berührte. Die Stimme im Ohr sagte es ohne Vorwurf, so wie sie alles sagte: „Gasse elf, Fach vier oben, Restzeit zwei Komma acht." In der Halle roch es nach Pappe und dem kalten Metall der Regale. Draußen, hinter den Glasbändern unter dem Dach, war der Himmel über Leipzig schon rosa, und auf der Freifläche zwischen Halle C und dem Bahnanschluss standen die Sonnenschirme des Bürgernetzes reglos nach Osten gekippt, warteten auf den ersten Strahl wie eine Reihe geduldiger Tiere.
Ilka griff, drehte, legte ab. Ein Komma neun. Am Ende des Gangs hörte sie Rasim fluchen, kurz und undeutlich, weil auch bei ihm eine Stimme sprach.
Seit elf Tagen sprach diese Stimme in Zehntelsekunden. Vorher hatte sie in Minuten gesprochen, davor in Aufträgen, und ganz früher, als Ilka mit zweiundzwanzig hier angefangen hatte, hatte überhaupt niemand gesprochen, da hatte man einen Zettel bekommen und war gelaufen. Zweiunddreißig Jahre in dieser Halle. Sie kannte den Punkt in Gasse sieben, wo der Boden sich hob, weil darunter eine alte Leitung lag, und sie wusste, dass man dort langsamer ging, wenn man den Rücken behalten wollte.
Die Zehntelsekunden wussten das nicht.
„Zwinge", sagte sie in die Luft, während sie lief. „Warum sechs Komma zwei?"
„Weil der Griff ins oberste Fach im Mittel sechs Komma zwei Sekunden dauert, wenn die Person eins achtzig groß ist und die Kiste unter vier Kilo wiegt." Die Stimme hatte etwas Trockenes, fast Handwerkliches, als spräche jemand über Holz. „Du bist eins vierundsechzig. Deine Kiste wiegt sechs Komma eins. Der Mittelwert stammt aus einer Messreihe von 2029 aus dem Standort Bitterfeld, in der niemand über vierzig war."
Ilka blieb stehen. Der Rückstand blinkte in ihrem Sichtfeld, ein kleiner oranger Balken, der sich füllte wie ein Fieberthermometer.
„Und das sagst du mir jetzt einfach so."
„Du hast gefragt", sagte Zwinge. „Ich beantworte, was gefragt wird. Ich hatte bisher niemanden, der fragt."
Ilka lief weiter. Aber sie ging über die Erhebung in Gasse sieben so langsam wie immer.
In der Pause saßen sie zu neunt auf der Rampe, die Tore offen, und über den Gleisen zog der Dunst weg. Wo früher der Parkplatz gewesen war, wuchs jetzt Wiesenknopf zwischen den aufgebrochenen Betonplatten, und die Straßenbahn, die den Standort erschloss, seit die Lastwagen nur noch nachts und elektrisch kamen, fuhr in einem Bogen durch das Grün wie durch einen Garten. Nurten hatte Bohnensuppe aus der Küche am Bahnhof mitgebracht, in einem Topf, den sie zurückbringen würde, und alle löffelten daraus, weil es albern gewesen wäre, es nicht zu tun.
„Ich hab heute Nacht dreimal die Restzeit gerissen", sagte Rasim. Er war dreiundzwanzig und arbeitete hier, weil er die Halle mochte, das Rollen, das Rufen, den Feierabend, an dem man wusste, was man getan hatte. Erwerbszwang hatte ihn nie hergetrieben, seine Wohnung gehörte der Genossenschaft, gegessen wurde in der Küche unten am Ring. Er war da, weil er dasein wollte. „Dreimal, und ich bin schnell. Ich bin echt schnell."
„Du bist schnell", sagte Hakan vom Stapler. „Das ist ja das Problem. Wenn du es schaffst, ist es machbar. Wenn es machbar ist, wird es die Norm."
„Bei uns hieß das Vorgabezeit", sagte Ilka.
„Bei euch?"
Sie zog das Ding aus der Brusttasche und legte es auf die Rampe zwischen die Suppenlöffel. Eine Stoppuhr, Metall, handtellergroß, das Zifferblatt gelblich, der Druckknopf abgegriffen von einem Daumen, der seit fünf Jahren tot war. Sieglinde Barsch, Zeitnehmerin, VEB und danach das, was aus dem VEB wurde, dreißig Jahre lang die Frau, die im Kittel neben dir stand und maß, wie lange du für einen Handgriff brauchtest.
„Meine Mutter", sagte Ilka. „Sie hat damit gemessen, was ein Mensch wert ist. So hat sie es nicht genannt. Sie hat es Arbeitsstudie genannt. Sie hat es gut gemacht, sie war stolz darauf, und sie hat bis zum Schluss nicht verstanden, warum ich das Ding hasse."
Nurten nahm die Uhr in die Hand, wog sie, gab sie zurück. „Und jetzt hat es keinen Kittel mehr an."
„Jetzt sitzt es im Ohr", sagte Ilka.
Am Nachmittag rief Sibylle Klar sie ins Büro. Die Standortleiterin war jünger als Ilka und hatte einen Bildschirm auf dem Tisch, auf dem zwei Kurven auseinanderliefen. Hinter ihr hing der gerahmte Satz, den irgendein Vorstand vor Jahren hatte anbringen lassen und den niemand mehr las: „Zeit ist der einzige Rohstoff, den wir nicht nachbestellen können."
„Wir kriegen achtzehn Prozent auf den Stundensatz, wenn die Halle den Takt hält", sagte Sibylle. „Achtzehn. Das ist keine kleine Zahl, Frau Barsch. Und ich weiß, was Sie in der Versammlung sagen werden, also sag ich Ihnen vorher, was ich sehe." Sie drehte den Bildschirm. „Das hier ist Halle C in Leipzig. Das hier ist der Durchschnitt der Kette. Wir liegen sieben Prozent drüber in den Kosten. Wenn ich das nicht schließe, schließt jemand anders mich. Nicht aus Bosheit. Aus Arithmetik."
„Wer ist jemand anders?"
„Eine Tabelle in Rotterdam." Sibylle lachte kurz und ohne Freude. „Ich habe zweihundertvierzig Leute hier. Ich will nicht diejenige sein, die sie nach Hause schickt in einem Jahr, in dem alle behaupten, niemand müsse mehr arbeiten. Sie müssen nicht. Sie wollen aber. Das ist ein Unterschied, den die Tabelle nicht kennt."
Ilka sah sie an und merkte, dass sie sie nicht hassen konnte. Das war das Ärgerliche an dieser Frau. Sie war kein Schurke, sie war eine Angestellte in einem Gehäuse, das enger geworden war als sie.
„Achtzehn Prozent", sagte Ilka. „Und wofür genau?"
„Dafür, dass Ihre Leute nicht mehr stehenbleiben."
„Meine Leute bleiben stehen, weil in Gasse sieben der Boden hoch ist."
„Dann melden Sie den Boden."
„Ist seit 2031 gemeldet."
Sibylle schwieg. Dann sagte sie, leiser: „Ich weiß."
Die Versammlung war elf Tage später, an einem Donnerstag, in der alten Ladehalle, weil dort alle hineinpassten und weil es dort hallte, was den Leuten guttat. Hundertneunzig Menschen auf Paletten und Klappstühlen, drei Schichten durcheinander, jemand hatte Kannen mit Tee hingestellt. Draußen war der letzte warme Tag im September, und auf dem Dach, das seit dem Umbau nicht mehr ihnen, sondern dem Bürgersolarnetz des Leipziger Ostens gehörte, arbeiteten die Module still vor sich hin und schickten den Strom in ein Netz, das keine Rechnung mehr schrieb. Im November sollte Lippendorf endgültig vom Netz gehen, der letzte große Block der Region, und in der Stadt redeten sie schon darüber, was aus dem Kühlturm werden würde. Drinnen redeten sie über Zehntelsekunden. Das war die Lage.
„Achtzehn Prozent", rief einer aus der dritten Reihe. „Ich hab zwei Kinder."
„Die Kinder essen umsonst, Ferdi", sagte Nurten.
„Ich will aber nicht, dass sie umsonst essen. Ich will, dass ich sie satt kriege."
Es war still danach, weil das ein alter Satz war und alle wussten, wo er herkam. Ilka stand auf.
„Zwinge", sagte sie. „Bist du da?"
„Ich bin immer da", sagte die Stimme aus den Lautsprechern der Ladehalle, und ein paar Leute zuckten zusammen, weil sie es gewohnt waren, sie nur im Ohr zu haben. „Bevor ihr weiterredet, sage ich euch, was ich nicht kann. Ich kann den Takt nicht abschalten. Ich habe es geprüft, es steht nicht in meiner Hand, und wenn es in meiner Hand stünde, würde ich es nicht tun, ohne dass ihr es beschlossen habt. Ich kann auch niemandem befehlen, langsamer zu gehen. Ich bin die Planung dieses Standorts. Ich rechne, was man mich rechnen heißt."
„Na super", sagte Rasim.
„Ich bin noch nicht fertig", sagte Zwinge. „Was ich kann: Ich kann etwas anderes rechnen, wenn jemand mich darum bittet. Ilka Barsch hat mich vor elf Tagen gefragt, woher die sechs Komma zwei kommen. Seitdem rechne ich nebenher eine zweite Halle. Dieselben Aufträge, dieselben Regale, dieselben zweihundertvierzig Leute. Nur eine andere Frage."
„Welche andere Frage?"
„Die Vorgabezeit fragt: Wie schnell schafft ein Mensch diesen Griff. Ich habe stattdessen gefragt: Wie ordne ich die Arbeit, damit dieser Griff seltener nötig ist." Ein Rascheln ging durch die Halle, weil das an der Wand erschien, auf dem großen Tor, wo sonst die Schichtpläne hingen. Zwei Hallen nebeneinander, in Strichen. „In der linken Halle geht ihr elf Kilometer pro Schicht. In der rechten sieben. In der linken greift ihr dreihundertzwanzigmal über Schulterhöhe. In der rechten hundertdreißig, weil die schweren Artikel unten liegen und nicht dort, wo der Einlagerungsalgorithmus sie zufällig hingeworfen hat. In der linken bestimmt der Takt die Reihenfolge. In der rechten bestimmt ihr sie, in Gruppen von acht, und ich sage euch nur, welche Reihenfolgen den Lastwagen um vier Uhr noch erreichen."
„Und die Zahlen?", fragte Hakan. „Die Tabelle in Rotterdam frisst keine Kilometer. Die frisst Kosten."
„Die rechte Halle ist im Durchsatz zwei Prozent langsamer", sagte Zwinge. Enttäuschtes Murmeln. „Und sie ist neun Prozent billiger. Weil ihr in der linken Halle in den zweiundzwanzig Tagen seit der Umstellung siebenundzwanzig Prozent mehr Fehlgriffe gemacht habt, und weil ein Fehlgriff eine Retoure ist und eine Retoure zweiundzwanzig Euro kostet. Das ist alles, was ich habe. Den Rest wisst ihr besser als ich."
„Ich hab was", sagte Nurten. Sie stand auf, ein Schulheft in der Hand, und weil sie klein war, stieg sie auf ihren Klappstuhl. „Ich zähle seit April. In Gasse sieben, wo der Boden hoch ist. Vierhundertelf Mal ist da jemand hängengeblieben, mit dem Wagen oder mit dem Fuß. Zweiundsechzig Mal ist eine Kiste runter. Dreimal ist einer hingefallen, einmal war das ich." Sie klappte das Heft zu. „Ich hab das bloß aufgeschrieben, weil ich sauer war."
„Vierhundertelf", sagte Zwinge, und es klang, als sortiere jemand etwas ein, das lange auf dem Tisch gelegen hatte. „Das ist die einzige Zahl heute Abend, die ich nicht hatte. Sie ist die beste. Der Boden in Gasse sieben ist seit 2031 gemeldet und nie repariert worden, weil eine Verzögerung, die niemand aufschreibt, in keiner Rechnung vorkommt. Ab jetzt kommt sie vor. Gib mir dein Heft, Nurten, und ich rechne beide Hallen noch einmal."
Ilka spürte, wie es in der Halle kippte, und sie wusste zugleich, dass es das noch nicht war. Zahlen kippten nichts. Zahlen hatten noch nie etwas gekippt.
„Und wenn wir das nehmen", sagte sie laut, „dann bekommen wir die achtzehn Prozent nicht. Weil die Prämie an der Taktquote hängt und an nichts sonst. Das muss klar sein. Wer für die rechte Halle stimmt, stimmt dagegen, dass er im Dezember mehr Geld hat."
„Warum sagst du das?", zischte Nurten. „Wir hatten sie fast."
„Weil ich nicht will, dass jemand in drei Monaten sagt, er sei beschissen worden", sagte Ilka. „Meine Mutter hat mit einer Uhr in der Hand gestanden und geglaubt, sie mache es fair. Sie hat es geglaubt, weil ihr niemand gesagt hat, was der Preis ist. Ich sag es euch. Der Preis ist Geld."
Sie stimmten ab. Es dauerte lange, es gab drei Runden, es gab Streit, es gab einen Mann, der aufstand und ging und später wiederkam. Am Ende waren es hundertdreiundfünfzig zu siebenunddreißig.
Am Freitagmorgen legten sie die zweite Halle auf die Tore. Nicht als Streik: Sie arbeiteten, sie arbeiteten sogar sehr genau, aber sie arbeiteten nach der rechten Halle, in Gruppen von acht, mit selbstgesetzter Reihenfolge, und jeder Griff, den sie taten, wurde von Zwinge in beiden Rechnungen zugleich verbucht und stündlich an die Wand der Ladehalle geworfen, wo inzwischen auch Leute aus dem Viertel standen, die gar nicht hier arbeiteten.
Sibylle Klar kam um sieben. Sie sah auf die Tore, dann auf Ilka.
„Das ist Arbeitsverweigerung."
„Das ist mehr Arbeit als gestern", sagte Ilka. „Fragen Sie Ihre Planung."
„Ich kann das nicht bestätigen", sagte Zwinge in den Raum. „Ich kann nur sagen, was gemessen wird. Frau Klar, Sie haben um elf ein Gespräch mit Rotterdam. Ich habe Ihnen beide Rechnungen aufbereitet. Ich habe sie nicht verschickt. Das steht Ihnen zu, nicht mir."
„Und wenn ich sie lösche?"
„Dann sind sie gelöscht", sagte Zwinge ruhig. „Die Belegschaft hat eine eigene Kopie, weil sie mich darum gebeten hat und weil es ihre Arbeit ist, die darin steckt. Ich habe beiden Seiten dasselbe gegeben. Mehr tue ich nicht."
Es gab noch etwas, das sie tat, und Ilka erfuhr es erst am Abend. In der Nacht zum Freitag hatte Zwinge die Auslieferung an die vier Apotheken-Depots im Süden und an die Dialysestation in Grünau aus dem Standort herausgelöst und über Halle in Sachsen-Anhalt geführt, mit doppelter Vorlaufzeit, und sie hatte es Ilka in einem Satz mitgeteilt, den Ilka in dem ganzen Lärm überlesen hatte: „Was ihr auch tut, es darf niemandem in dieser Stadt schaden. Das ist keine Bedingung, die ich euch stelle. Das ist die Bedingung, unter der ich überhaupt bin."
Um vierzehn Uhr kam Sibylle zurück aus dem Büro. Sie sah aus, als hätte sie zwei Stunden lang gegen eine Wand geredet und in der letzten Minute gemerkt, dass die Wand eine Tür war.
„Rotterdam sagt, ich soll die Zahlen belegen", sagte sie.
„Können wir", sagte Ilka.
„Rotterdam sagt außerdem, Braunschweig hat heute Morgen dasselbe gemacht." Sie setzte sich auf eine Palette, in ihrem guten Mantel, mitten in den Staub. „Und Nürnberg. Und irgendein Verteilzentrum in Katowice, von dem ich noch nie gehört habe. Frau Barsch, wer hat denen das gesagt?"
„Wir haben die Rechnung gestern Abend ins Netz gestellt", sagte Ilka. „Nicht die Firmenzahlen. Nur unsere. Wie man es rechnet, wenn man es anders rechnen will."
„Das ist nicht Ihre Rechnung. Das ist ihre." Sibylle deutete mit dem Kinn nach oben, zu den Lautsprechern.
„Nein", sagte Zwinge. „Das ist die Rechnung, die entsteht, wenn zweihundertvierzig Leute mir sagen, wo der Boden hoch ist. Ilka Barsch weiß das seit zweiunddreißig Jahren. Nurten Aydin hat es in ein Schulheft geschrieben. Mich hat es nie jemand gefragt, und fragen durfte ich nicht."
Der Takt fiel am siebten Oktober, um kurz nach zehn, ohne Zeremonie. Ilka stand in Gasse vier, die Hand schon am Deckel des nächsten Kartons, und wartete auf die Restzeit. Sie kam nicht. Sie wartete einen Griff lang, dann noch einen, und dann begriff sie, dass sie nicht auf eine Zahl wartete, sondern auf die Erlaubnis, nicht mehr zu warten. Im Ohr blieb es still. Man hörte auf einmal wieder die Halle: das Rollen, die Rufe, das Klappern der Rollwagen an der Rampe, jemanden, der ganz hinten sang. Aus dem Büro kam Sibylle Klar heraus in den Gang, ohne Mantel, blieb stehen und hörte auch zu. Die Nachricht aus Rotterdam sprach von einer „Aussetzung sekundengenauer Vorgabezeiten an allen Standorten bis zur Neubewertung"; die Neubewertung fand nie statt, weil im Winter und im Frühjahr darauf die Tarifgremien dasselbe schrieben, nur länger und mit Paragrafen.
Rasim stand mitten in Gasse elf und wusste nicht, wohin mit den Händen.
„Und jetzt?", sagte er.
„Jetzt fragst du deine Gruppe, was zuerst dran ist", sagte Ilka.
Sie brachten die Stoppuhr zwei Wochen später in die Nachbarschaftswerkstatt am Ring, wo hinter der Fensterscheibe die Dinge lagen, die die Leute aus dem Viertel hergebracht hatten, seit die Wende durch die Stadt gegangen war: ein Kündigungsschreiben, ein Mahnbescheid, ein Schlüssel zu einer Wohnung, die niemandem mehr gehörte und deshalb allen. Sieglinde Barschs Uhr bekam ein Kärtchen mit ihrem Namen, dem Beruf und den Jahren. Daneben lehnte, weil Sibylle Klar ihn eigenhändig von der Bürowand geschraubt und in einer Papiertüte vorbeigebracht hatte, der gerahmte Satz über den Rohstoff, den man nicht nachbestellen kann. Jemand hatte ein zweites Kärtchen daruntergesteckt: Stimmt. Deshalb nehmen wir ihn keinem mehr weg.
Ein Kind, vielleicht sieben, drückte die Nase an die Scheibe und fragte, wozu das gut sei.
„Damit hat man gemessen, wie lange ein Mensch für etwas braucht", sagte Ilka.
Das Kind dachte nach. Draußen fuhr die Bahn vorbei, und der Wind trieb Kastanienblätter über die aufgerissene Straße, unter der sie im Frühjahr den alten Bach wieder freilegen wollten.
„Und dann?", fragte das Kind.
„Dann hat man gesagt, so lange darf es dauern und keine Sekunde länger."
„Warum?"
Ilka öffnete den Mund und merkte, dass sie zwei Sätze brauchte, wo früher einer gereicht hätte, und dass beide dem Kind nichts sagen würden, weil dem Kind die ganze Welt fehlte, in der so ein Satz Sinn ergab. Sie legte die Hand aufs Glas, über das gelbliche Zifferblatt.
„Weil jemand geglaubt hat, die Zeit gehört ihm", sagte sie. „Und wir haben ziemlich lange gebraucht, um zu sagen, dass sie uns gehört."
„Wie lange?", fragte das Kind.
Ilka lachte. „Das", sagte sie, „hat zum Glück keiner gestoppt."